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RUBENS 117

29. Juni 2007

Silbernes Semester


Margrit Lüdtke-Jansing (73) hat über das Sozialengagement von Frauen promoviert



Trendsetter, eine Revolte der „Alten“ oder der „Frauen mit ideellem generativem Verhalten“ oder gar ein Zeichen der Zeit? Was steckt hinter dieser Affinität zur Wissenschaft? Eine Frau, 73, mit abgeschlossener, bewegter beruflicher Laufbahn, promoviert im Jahre 2007 an der Ruhr-Universität. Das passt so gar nicht in die Normen unserer juvenilen Gesellschaft. Was will Dr. Margrit Lüdtke-Jansing uns damit sagen?


Nach ihrem Studium an der Ruhr-Universität (Sozialwissenschaften und Jura) riss der Schuldienst an einer Fachschule für Sozial- und Heilpädagogik sie 1976 förmlich aus dem Studentenleben heraus; an eine Promotion war vorerst nicht zu denken. Margrit Lüdtke-Jansing konzentrierte sich nach einer schnellen Beförderung auf ihre Tätigkeit als Studiendirektorin und ließ ihre Fähigkeiten neben dem Beruf in ehrenamtliche Aufgaben des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF) einfließen, u. a. als juristischer Beirat. Hier besetzte sie zuletzt einen Vorstandsposten, der mit der Leitung 120 hauptberuflicher Fachkräfte verbunden war. Durch diese rasante Entwicklung blieb lange Jahre keine Zeit für die Wissenschaft: „Mein Vorhaben wurde einfach auf Eis gelegt“, erinnert sie sich.
Später, nach ihrer Freistellung vom Dienst, keimte der latente Wunsch wieder auf. „Ich bin Steinbock und muss alles, was ich anfange, mit einer Portion Ehrgeiz auch zu Ende bringen. Ich wollte mir auch selber auferlegen, einen ganz runden Abschluss zu machen.“ Margrit Lüdtke-Jansing versuchte bei dieser Gelegenheit, das Frauenthema „aus der Marginalität zu holen“. Sie wollte das angesammelte Material, ihre Kompetenzen und Erfahrungen gebündelt in eine wissenschaftliche Arbeit einfließen lassen, die auch deutlich macht, dass das Ehrenamt eine Quelle der persönlichen Entwicklung sein kann. Sie hebt in diesem Zusammenhang das Sozialengagement von Frauen hervor, das von Selbstlosigkeit und dem katholischen Frauenideal der Mütterlichkeit durch die patriarchale Kultur geprägt war. Sie betont jedoch: „Mündige Katholikinnen haben in der Kirche durchaus ihre Stimme. Sie gehen ganz still durch die Institutionen und nehmen allmählich Positionen ein. Das ist zum Teil schwindelerregend. Mittlerweile sitzen Frauen in den Bistümern an den Schaltstellen.“

Rückkehr

2003 schaut sich Margrit Lüdtke-Jansing, eigentlich in einer dörflichen Gemeinschaft im Kreis Paderborn beheimatet, zaghaft auf dem Bochumer Campus um und studiert das Vorlesungsverzeichnis. Mit Erstaunen stellt sie fest, dass die Assistenten ihrer damaligen Studienzeit inzwischen „zu Ruhm und Ehren“ gekommen sind. Ihre Doktormutter findet sie schnell in Prof. Dr. Ilse Lenz, die an der Fakultät für Sozialwissenschaften schwerpunktmäßig Frauen- und Sozialstrukturforschung betreibt und als Organisationssoziologin prädestiniert zu sein scheint für das Thema ihrer Dissertation. Dort beleuchtet Lüdtke-Jansing – nun wissenschaftlich formuliert – die Professionalisierung und das Sozialengagement katholischer Leiterinnen von Sozialdiensten an den Schnittstellen von Ehrenamt, Wohlfahrtsstaat, sozialer Bewegungs- und Frauenforschung.
Nach kurzer Kontaktaufnahme gehört Margrit Lüdtke-Jansing schnell zum Kreis eines Doktoranden-Kolloquiums, wo sie mit „einer beispiellosen Selbstverständlichkeit“ aufgenommen und integriert wurde. Nie hört sie Aussagen wie: „Mein Gott, was will die denn hier, die ist doch über siebzig.“ Rasch ist man per „Du“. Auffallend sind die Unterschiede zwischen 1976 und heute. Heute trifft sie, ganz entgegen ihren Erwartungen normale Studentinnen, wohingegen sich früher zum Teil „schicke Bienen“ auf dem Campus bewegten, nicht nur auf der Suche nach der reinen Wissenschaft. Sie macht die Erfahrung, dass Frauen heute an der Uni ernst genommen werden und dass der Kontakt zum Lehrkörper durch ein persönliches Verhältnis geprägt ist. Dies kannte sie aus ihrer Studienzeit gar nicht. „Es ging damals doch recht anonym zu“, erinnert sie sich. Der Co-Betreuer ihrer Dissertation kommentierte einmal ihr längeres Fernbleiben: „Da freue ich mich aber, dass Sie sich melden. Ich habe schon Sorge gehabt, Sie wären der Wissenschaft verloren gegangen.“

Frau Doktor?

Auch das private Umfeld von Margrit Lüdtke-Jansing reagierte durchweg positiv, bestaunte und bewunderte ihren unkonventionellen Weg, sich nach der Pensionierung erneut der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu stellen. Ihre Haushaltshilfe berichtet von Unsicherheiten, die hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht wurden: „Müssen wir jetzt Frau Doktor sagen, oder wie sollen wir uns verhalten?“
Bilanzierend blickt das „Silberne Semester“ auf durchweg positive Begegnungen im Zuge ihrer Promotion zurück und strahlt die Gewissheit aus, mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit den Zirkel ihrer Aufgaben harmonisch abgerundet zu haben. Das sieht auch Prof. Ilse Lenz so. Sie kommentiert die umfassende Dokumentation von Frauenengagement als „eine grundlegende Arbeit und essenzielle Weiterführung der Frauen-Forschung über das religiöse Ehrenamt im gesellschaftlichen Wandel und von besonderer Relevanz angesichts gegenwärtiger Globalisierung und Modernisierung, die von einer Renaissance religiöser Werte und Bezugspunkte begleitet wird.“

Renee Hull
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Letzte Änderung: 29.6.2007| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik