Silbernes
Semester
Margrit Lüdtke-Jansing (73) hat über das Sozialengagement
von Frauen promoviert
Trendsetter, eine Revolte der „Alten“ oder
der „Frauen mit ideellem generativem Verhalten“
oder gar ein Zeichen der Zeit? Was steckt hinter dieser
Affinität zur Wissenschaft? Eine Frau, 73, mit
abgeschlossener, bewegter beruflicher Laufbahn, promoviert
im Jahre 2007 an der Ruhr-Universität. Das passt
so gar nicht in die Normen unserer juvenilen Gesellschaft.
Was will Dr. Margrit Lüdtke-Jansing uns damit sagen?
Nach ihrem Studium an der Ruhr-Universität (Sozialwissenschaften
und Jura) riss der Schuldienst an einer Fachschule für
Sozial- und Heilpädagogik sie 1976 förmlich
aus dem Studentenleben heraus; an eine Promotion war
vorerst nicht zu denken. Margrit Lüdtke-Jansing
konzentrierte sich nach einer schnellen Beförderung
auf ihre Tätigkeit als Studiendirektorin und ließ
ihre Fähigkeiten neben dem Beruf in ehrenamtliche
Aufgaben des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF)
einfließen, u. a. als juristischer Beirat. Hier
besetzte sie zuletzt einen Vorstandsposten, der mit
der Leitung 120 hauptberuflicher Fachkräfte verbunden
war. Durch diese rasante Entwicklung blieb lange Jahre
keine Zeit für die Wissenschaft: „Mein Vorhaben
wurde einfach auf Eis gelegt“, erinnert sie sich.
Später, nach ihrer Freistellung vom Dienst, keimte
der latente Wunsch wieder auf. „Ich bin Steinbock
und muss alles, was ich anfange, mit einer Portion Ehrgeiz
auch zu Ende bringen. Ich wollte mir auch selber auferlegen,
einen ganz runden Abschluss zu machen.“ Margrit
Lüdtke-Jansing versuchte bei dieser Gelegenheit,
das Frauenthema „aus der Marginalität zu
holen“. Sie wollte das angesammelte Material,
ihre Kompetenzen und Erfahrungen gebündelt in eine
wissenschaftliche Arbeit einfließen lassen, die
auch deutlich macht, dass das Ehrenamt eine Quelle der
persönlichen Entwicklung sein kann. Sie hebt in
diesem Zusammenhang das Sozialengagement von Frauen
hervor, das von Selbstlosigkeit und dem katholischen
Frauenideal der Mütterlichkeit durch die patriarchale
Kultur geprägt war. Sie betont jedoch: „Mündige
Katholikinnen haben in der Kirche durchaus ihre Stimme.
Sie gehen ganz still durch die Institutionen und nehmen
allmählich Positionen ein. Das ist zum Teil schwindelerregend.
Mittlerweile sitzen Frauen in den Bistümern an
den Schaltstellen.“
Rückkehr
2003 schaut sich Margrit Lüdtke-Jansing, eigentlich
in einer dörflichen Gemeinschaft im Kreis Paderborn
beheimatet, zaghaft auf dem Bochumer Campus um und studiert
das Vorlesungsverzeichnis. Mit Erstaunen stellt sie
fest, dass die Assistenten ihrer damaligen Studienzeit
inzwischen „zu Ruhm und Ehren“ gekommen
sind. Ihre Doktormutter findet sie schnell in Prof.
Dr. Ilse Lenz, die an der Fakultät für Sozialwissenschaften
schwerpunktmäßig Frauen- und Sozialstrukturforschung
betreibt und als Organisationssoziologin prädestiniert
zu sein scheint für das Thema ihrer Dissertation.
Dort beleuchtet Lüdtke-Jansing – nun wissenschaftlich
formuliert – die Professionalisierung und das
Sozialengagement katholischer Leiterinnen von Sozialdiensten
an den Schnittstellen von Ehrenamt, Wohlfahrtsstaat,
sozialer Bewegungs- und Frauenforschung.
Nach kurzer Kontaktaufnahme gehört Margrit Lüdtke-Jansing
schnell zum Kreis eines Doktoranden-Kolloquiums, wo
sie mit „einer beispiellosen Selbstverständlichkeit“
aufgenommen und integriert wurde. Nie hört sie
Aussagen wie: „Mein Gott, was will die denn hier,
die ist doch über siebzig.“ Rasch ist man
per „Du“. Auffallend sind die Unterschiede
zwischen 1976 und heute. Heute trifft sie, ganz entgegen
ihren Erwartungen normale Studentinnen, wohingegen sich
früher zum Teil „schicke Bienen“ auf
dem Campus bewegten, nicht nur auf der Suche nach der
reinen Wissenschaft. Sie macht die Erfahrung, dass Frauen
heute an der Uni ernst genommen werden und dass der
Kontakt zum Lehrkörper durch ein persönliches
Verhältnis geprägt ist. Dies kannte sie aus
ihrer Studienzeit gar nicht. „Es ging damals doch
recht anonym zu“, erinnert sie sich. Der Co-Betreuer
ihrer Dissertation kommentierte einmal ihr längeres
Fernbleiben: „Da freue ich mich aber, dass Sie
sich melden. Ich habe schon Sorge gehabt, Sie wären
der Wissenschaft verloren gegangen.“
Frau Doktor?
Auch das private Umfeld von Margrit Lüdtke-Jansing
reagierte durchweg positiv, bestaunte und bewunderte
ihren unkonventionellen Weg, sich nach der Pensionierung
erneut der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu
stellen. Ihre Haushaltshilfe berichtet von Unsicherheiten,
die hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht wurden: „Müssen
wir jetzt Frau Doktor sagen, oder wie sollen wir uns
verhalten?“
Bilanzierend blickt das „Silberne Semester“
auf durchweg positive Begegnungen im Zuge ihrer Promotion
zurück und strahlt die Gewissheit aus, mit ihrer
wissenschaftlichen Arbeit den Zirkel ihrer Aufgaben
harmonisch abgerundet zu haben. Das sieht auch Prof.
Ilse Lenz so. Sie kommentiert die umfassende Dokumentation
von Frauenengagement als „eine grundlegende Arbeit
und essenzielle Weiterführung der Frauen-Forschung
über das religiöse Ehrenamt im gesellschaftlichen
Wandel und von besonderer Relevanz angesichts gegenwärtiger
Globalisierung und Modernisierung, die von einer Renaissance
religiöser Werte und Bezugspunkte begleitet wird.“
Renee
Hull
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