Ausnahmsweise ohne Uniform
Chinesische Polizistin studiert Kriminologie an der
RUB
Wer Liyuan Fu nicht persönlich kennt, könnte
sich durchaus ein muskulöses Mannweib vorstellen:
Die 33-jährige Chinesin hat sich als Polizistin in
ihrer Heimat und im Auslandseinsatz im Kosovo derart hervorgetan,
dass sie unter 100 Bewerbern eines der nur neun „Bundeskanzler-Stipendien“
ergattert hat, das Chinesen einen Studienaufenthalt in
Deutschland ermöglicht. Seit Februar 2007 absolviert
sie den Masterstudiengang Kriminologie an der RUB. Eine
Frau also, die mit allen Wassern gewaschen ist. Als sie
zierlich und mit mädchenhafter Ponyfrisur in der
Tür ihres Wohnheims am Spechtsweg steht und freundlich
lacht, sieht sie allerdings ganz und gar nicht danach
aus.
Zur Polizei sei sie über einen Umweg gekommen, erklärt
sie in flüssigem Deutsch, das sie erst vor einem
guten halben Jahr zu lernen begonnen hat. Früher,
zur Zeit ihres Schulabgangs („Ich bin ja schon so
alt!“, lacht sie), habe man in China anders als
heute keine Wahl gehabt, was man studieren wolle. Man
wurde einfach zugeteilt, je nachdem welche Berufsgruppen
der Staat gerade brauchte. So studierte sie gezwungenermaßen
Ingenieurwesen, was ihr wenig gefiel.
Nach dem Abschluss hielt sie Ausschau nach einer Chance
zur Umorientierung und fand eine Stellenausschreibung
der Polizei. Kurzerhand bewarb sie sich. „Es gibt
immer sehr viele Bewerber auf Stellen bei der Polizei,
und die Einstellungstests sind schwierig“, erzählt
sie, aber sie schaffte die Prüfung und wurde in den
Polizeidienst aufgenommen. Fortan arbeitete sie dort im
Büro, „nicht auf der Straße im Streifendienst,
aber Uniform musste ich trotzdem jeden Tag tragen.“
Der Beruf war zwar anstrengend, machte ihr aber Spaß.
Schicksalhafte Wendung
Sie war seit über sieben Jahren im Dienst, als
ihr Berufsleben 2006 eine in mehrfacher Hinsicht schicksalhafte
Wendung nahm: Liyuan Fu wurde von der Regierung auf
einen Auslandseinsatz ins Kosovo geschickt, unter Leitung
der UNO. Hier lernte sie nicht nur ihren jetzigen Verlobten
kennen – wie sie Polizist aus China –, sondern
auch eine Menge Deutsche, die ihr Interesse an Deutschland
weckten. „Sie waren so fleißig und erfahren
und nahmen ihre Arbeit sehr ernst. Das hat mir gefallen“,
erinnert sie sich. Sie recherchierte im Internet und
stolperte über die Ausschreibung des „Bundeskanzler-Stipendiums
für künftige Führungskräfte aus
der Volksrepublik China“ der Alexander-von-Humboldt-Stiftung.
Ihre Bewerbung schaffte es in die engere Auswahl, und
zurück in China setzte sie sich in einem Gespräch
unter 20 weiteren geladenen Kandidaten aus insgesamt
100 Bewerbern durch.
Die Tür nach Deutschland stand ihr offen –
unter einer Voraussetzung: Sie musste hier einen Professor
finden, der ihre Pläne unterstützt. Wieder
half eine Recherche im Internet weiter, die sie auf
die Seiten des Lehrstuhls für Kriminologie von
Prof. Dr. Thomas Feltes führte. Der beantwortete
ihre E-Mail noch am selben Tag, sicherte seine Hilfe
zu und erklärte sich bereit, auf die Gebühren
für das Masterstudium zu verzichten, um das Stipendium
zu unterstützen. „Ich bin Herrn Feltes dafür
sehr dankbar“, sagt Liyuan Fu. Im Oktober 2006
packte sie also wieder die Koffer für Europa und
begann ihren Deutschlandaufenthalt mit einem Sprachkurs
in Berlin.
Im Februar 2007 zog sie nach Bochum. Ihr aufgeräumtes
Studentenzimmer im Gästehaus der RUB zeugt von
einem arbeitsamen Alltag. Lehr- und Wörterbücher
stehen ordentlich aufgereiht auf dem Schreibtisch, das
Laptop steht offen parat, nur wenige persönliche
Gegenstände sorgen für ein bisschen Heimatgefühl.
Doch viel Zeit verbringt Liyuan Fu hier ohnehin nicht,
sie hat volles Programm. Im Auslandsamt besucht sie
an drei Tagen in der Woche einen Sprachkurs, in der
Kriminologie studiert sie zurzeit sechs Themenbereiche.
Zwischendurch ist sie durch das Stipendienprogramm viel
unterwegs: Von Deutschland und Umgebung hat sie mehr
gesehen als so mancher Einheimische. Sie ist in Konstanz
gewesen, in Dresden, in Belgien, in Berlin, hat Bundestag
und Bundesrat besucht, den WDR, die Deutsche Welle,
die Postbank. Beeindruckt hat sie besonders der Besuch
eines Bochumer Gefängnisses, den Prof. Feltes arrangiert
hat: „Das Management ist in Deutschland und China
sehr unterschiedlich“, hat sie erfahren. „Besonders
die Psychologie wird in Deutschland wichtiger genommen.
Das ist sehr nützlich.“
Neben den Kenntnissen in Psychologie, die auch Inhalt
des Studiums sind, schätzt sie vor allem die Schlüsselqualifikationen,
die sie erwirbt: Zeit- und Stressmanagement zum Beispiel,
die helfen, den anstrengenden Polizeialltag leichter
zu bewältigen.
Zu Hause schnell heiraten
Wozu genau sie ihre Kenntnisse ab März 2008 einsetzen
wird, wenn das Stipendium beendet ist, hat sie noch
nicht entschieden. „Ich kann mir mit meiner Erfahrung
bestimmt ganz gute Chancen auf eine Beamtenstelle bei
der chinesischen Polizei ausrechnen“, sagt sie
bescheiden, „ich könnte mir aber auch vorstellen,
für die UNO zu arbeiten.“ Auf jeden Fall
will sie in China arbeiten: „Ich liebe es, dort
zu leben!“ sagt sie und erzählt mit leuchtenden
Augen von ihrer Heimatstadt Yantai City in der Provinz
Shandong, die zwischen Peking und Shanghai direkt am
Meer liegt, in der Nähe der Grenzen zu Japan und
Korea.
Trotz ihres vollen Terminkalenders und der Sympathie
für Deutschland – „Die Landschaft ist
schön und die Leute sind alle freundlich zu mir.
In Holland war das anders!“ – hat sie hin
und wieder Heimweh. Vor allem die Familie und ihr zukünftiger
Mann, dessen Foto einen Ehrenplatz im Regal innehat,
fehlen ihr dann. „Im Herbst werde ich zu Besuch
nach China fliegen“, freut sie sich und lacht:
„Vielleicht heirate ich ihn dann noch schnell!“
md
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