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RUBENS 116

1. Juni 2007





Kein Kavaliersdelikt




Wer eine schriftliche Arbeit aus dem WWW kopiert, muss mit empfindlichen Strafen rechnen




Beim Plagiat erwischt: Eine Studentin der RUB hat ihre komplette Bachelorarbeit aus dem Internet herunter geladen und wurde dabei ertappt. Für sie ist das Studium nun beendet, natürlich ohne Abschluss. Einer anderen Studentin wurde wegen eines Plagiats nachträglich das Diplom aberkannt. Zusätzlich gab es eine empfindliche Geldbuße. Schließlich handelt es sich beim Plagiat keineswegs um ein Kavaliersdelikt, sondern um Betrug. Über Plagiate an der Ruhr-Universität und mögliche Gegenmaßnahmen sprach Arne Dessaul mit Prof. Dr. Joachim Wiemeyer. Der Katholische Theologe ist Vorsitzender des Gemeinsamen Prüfungsausschusses für 2-Fach-B.A./M.A.-Studiengänge und für den Studiengang Master of Education.


RUBENS: Herr Prof. Wiemeyer, wann hatten Sie zuletzt mit einem Plagiat zu tun?
Prof. Wiemeyer: Wir hatten im letzten Wintersemester einen schwerwiegenden Fall an der Fakultät für Geschichtswissenschaft: Eine Studentin hat ihre Bachelorarbeit komplett aus dem Internet heruntergeladen. Der Gemeinsame Prüfungsausschuss hat sie daraufhin von allen weiteren Prüfungsversuchen ausgeschlossen. Unser Votum war einstimmig, auch die Studierenden stimmten zu. Für diese Studentin ist das Studium damit endgültig beendet. Sie kann auch an keiner anderen deutschen Hochschule Geschichte studieren.

RUBENS: Wie kamen Sie der Studentin auf die Schliche?
Prof. Wiemeyer: Sie hatte vorab ihrem Prüfer bereits einen sehr klaren Themenvorschlag unterbreitet. Wie sich später herausstellte, hatte sie schon zu diesem Zeitpunkt die passende Arbeit im Internet gefunden. Als ihr Prüfer schließlich das Thema etwas veränderte, suchte sie im Internet nach einer zusätzlichen Quelle. Ihre Bachelorarbeit war dann eine Kombination aus zwei heruntergeladenen Arbeiten. Aber der Prüfer war bereits misstrauisch geworden und konnte der Betrug mittels Internetrecherche aufdecken.

Eindeutiger Vorsatz

RUBENS: Wie hat diese Studentin reagiert?
Prof. Wiemeyer: Sie hat sich entschuldigt und gesagt, dass sie das zum ersten Mal gemacht hat. Sie hat anschließend offenbar das Urteil akzeptiert, die Widerspruchsfrist jedenfalls ist abgelaufen. Uns ist die Entscheidung auch nicht leicht gefallen. Andererseits lag eindeutig ein Vorsatz vor, weil die Studentin praktisch mit der bereits heruntergeladen Arbeit in die Sprechstunde des Professors ging, um dort das Thema durchzudrücken.

RUBENS: Handelt es sich aus Ihrer Sicht um einen Einzelfall an der Ruhr-Uni?
Prof. Wiemeyer: Genaue Zahlen haben wir zwar nicht, aber in beinahe allen Fakultäten gibt es Verdachtsfälle, wobei diese Art des Betrugs insgesamt eher in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu finden ist. Ich selber hatte es bei zwei Hausarbeiten, kürzlich wurde auch bei den Wirtschaftswissenschaftlern ein Plagiat aufgedeckt. Noch schwerwiegender war ein Fall in der Sozialwissenschaft. Dort wurde einer Studentin wegen eines Plagiats nachträglich das Diplom aberkannt.

RUBENS:
Wie erklären Sie sich diesen Trend? Ist es einfach die Verlockung, die das Internet mit sich bringt, wo ganze Abschlussarbeiten sozusagen mundgerecht auf Copy und Paste warten?
Prof. Wiemeyer: Ich finde es vor allem sehr erstaunlich, dass Studierende Textpassagen oder ganze Arbeiten aus dem Internet herunterladen und gleichzeitig schriftlich versichern, genau dies nicht getan zu haben. Im Internet gibt es zahlreiche Firmen, die Studierenden anbieten, ihre Haus- und Abschlussarbeiten ins Netz zu stellen. Sowohl die Studierenden als auch die Anbieter dieser Seiten behaupten, damit ausschließlich eine Plattform anzubieten und keineswegs dem Betrug Vorschub zu leisten. Aber es wird potenziellen Betrügern dadurch sehr einfach gemacht. Ich denke, dass viele Studierende kein Unrechtsbewusstsein haben. Diese Art des Betrugs beginnt ja schon in der Schule.

Bis zu 50.000 Euro

RUBENS: Welche weiteren Strafen drohen den Betrügern?
Prof. Wiemeyer: Das neue Hochschulgesetz sieht vor, dass der Kanzler einer Hochschule in Fällen von Plagiat – dabei handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit – Geldbußen von bis zu 50.000 Euro verhängen kann. In dem oben geschilderten Fall in der Sozialwissenschaft hat die Ruhr-Uni eine Geldbuße in Höhe von 10.000 Euro verhängt.

RUBENS: Halten Sie das für angemessen?
Prof. Wiemeyer: Das ist ein erheblicher Betrag. Hinzu kommt ja noch die Tatsache, dass da jemand drei, vier Jahre vergeblich studiert hat. Demnächst hätte man dafür zusätzlich noch Studiengebühren bezahlt.

RUBENS: Wie kann sich die Universität gegen Betrugsversuche schützen?
Prof. Wiemeyer: Zu unserer Offensive gegen das Unwesen der Plagiate gehört beispielsweise, dass erste Fakultäten dazu übergehen, neben der schriftlichen Fassung auch die Abgabe der Arbeit in elektronischer Form zu verlangen. Mit Hilfe einer entsprechenden Software ist es möglich, den eingereichten Text mit im Internet eingestellten Texten abgleichen zu lassen und so Betrugsversuche besser zu entdecken. In den USA ist das gängige Praxis: Da wird jede schriftliche Arbeit auch elektronisch eingereicht und zur Überprüfung ins jeweilige Rechenzentrum weitergeben.
Jeder Dozent kann aber auch selbst versuchen, Betrugsversuche aufzudecken, auch ohne dass die Arbeit elektronisch vorliegt. Oft reicht es schon, ein paar einschlägige Begriffe einer schriftlichen Arbeit in eine Suchmaschine einzugeben.

Quellen im Internet
Mit dem Thema Plagiat beschäftigt sich auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Sie lässt einheitliche Richtlinien zu Kontrolle, Sanktionen etc. erarbeiten. Der Deutsche Hochschulverband hielt es bereits 2002 in einer Resolution für „dringend geboten“, dass Universitätsprofessoren sich u. a. mit den möglichen Quellen für Plagiate im Internet vertraut machen, um dem Diebstahl geistigen Eigentums entgegenzuwirken. Ferner sollten sie von Kontrollinstrumenten Gebrauch machen. Dazu zählt u.a. die Software Turnitin. Sie vergleicht Passagen einer Arbeit mit Stellen aus dem Internet. Bei verdächtigen Übereinstimmungen gibt das Programm ein Signal.
Verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Studierende betrügen, gibt es derzeit nicht, hat kürzlich der Focus herausgefunden. Laut Unicum machen es jedoch Internetseiten wie Hausarbeiten.de sehr einfach, „Copy“ und „Paste“ zu benutzen – auch wenn diese Seite eigentlich dazu eingerichtet wurde, damit dort Studierende und Absolventen ihre Arbeiten veröffentlichen können (über 68.000 sind es zurzeit) und der verantwortliche Grin Verlag explizit auf die Strafbarkeit des Plagiats verweist.





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