Pikatchu bleibt ein Rätsel
Die Biopsychologin Ruth Adam untersucht die Intelligenz
von Tauben
Lange Zeit galten Tauben als eindeutig dumme Tiere, weil
bei ihnen nur schwache Verbindungen zwischen den beiden
Gehirnhälften bestehen. Doch anhand jüngerer
Forschungen muss dieses Urteil zum Teil revidiert werden.
In der Abteilung für Biopsychologie möchten
es Wissenschaftler/innen wie Ruth Adam noch genauer in
Erfahrung bringen und konfrontieren Tauben mit komplexen
künstlichen Konzepten wie Comicfiguren.
Aus dem Glaskasten dringt ein schwacher Lichtschein in
die Dunkelheit. Die Taube hinter der zerkratzten Scheibe
hackt auf den kleinen Computer-Bildschirm an ihrer Seite
ein. Sie pickt mit ihrem Schnabel auf Pikatchu, immer
wieder. Ein letztes Mal leuchtet das Bild der gelben Comicfigur
auf – dann fallen kleine Körner in die Futterbox,
und das Experiment ist beendet.
Ruth Adam öffnet die Gittertür des Versuchskastens
und umfasst den zitternden Vogel mit beiden Händen.
Vorsichtig entfernt die 25-Jährige die kleine blaue
Kappe, die mit einem Klettverschluss am rechten Auge der
Taube befestigt ist. „Nur mit dieser Kappe können
wir eine der Gehirnhälften blockieren“, sagt
sie und blickt noch einmal auf Pikatchu. Das gelbe Fantasie-Wesen
aus dem Videospiel Pokémon ist Teil eines ungewöhnlichen
Forschungsprojekts in der Abteilung für Biopsychologie.
Gemeinsam mit Prof. Dr. Onur Güntürkün
und Dr. Martina Manns erforscht Ruth Adam die Denkfähigkeit
und Intelligenz von Tauben. „Als Mensch hat man
Gefühle und eine Persönlichkeit“, sagt
sie. „Deshalb wollen wir wissen, wie es mit Tieren
steht.“
Schnell war klar, dass sich gerade Tauben für das
Projekt eignen. Schon in den 60er-Jahren bescheinigten
erste Studien den Tieren nur schwache Verbindungen zwischen
den beiden Gehirnhälften und damit eine geringe Intelligenz.
„Inzwischen gibt es weitere Forschungen, die davon
ausgehen, dass Tauben schlauer sind als ursprünglich
angenommen“, sagt Adam. Deshalb wollen die Bochumer
Forscher herausfinden, ob die Tiere auch komplexe Konzepte
und Kategorien erfassen und verstehen können.
40 Minuten täglich
Ruth Adam arbeitet seit eineinhalb Jahren mit zehn
Tieren. Einmal pro Tag trägt die Doktorandin jede
Taube in die kleine Versuchskabine, bringt sie aus ihrem
Käfig über den Flur ins Labor und wieder zurück.
Die gebürtige Israelin hat sich nach ihrem Master-Abschluss
an der Universität Jerusalem bewusst für das
Bochumer Projekt entschieden. „Ich wollte gern
mit Prof. Güntürkün zusammenarbeiten,
und ich mag die Arbeit mit den Tauben“, sagt sie.
Die Liebe zu den Tieren ist ihr anzumerken.
Ruth Adam kennt jede Taube, und sie schreibt ihnen Charaktereigenschaften
zu. Zielsicher bewegt sie sich zwischen den Käfigen
im Laborraum hin und her, spricht hier und da leise,
beruhigende Worte. „Sie sind schön, die Tauben“,
schwärmt Adam, „und jede von ihnen kennt
mich.“ Sie betrachtet ein Vogel-Weibchen im Käfig.
„Diese hier ist ein wenig schüchtern“,
erklärt sie lächelnd, „aber sie kennt
das Leben nicht anders.“
Das Experiment führt die Tauben durch einen Lernprozess
– Tag für Tag, immer für 40 Minuten.
In drei Versuchs-Durchgängen sind sie darauf trainiert
worden, auf bestimmte Reize zu reagieren – zunächst
auf Bilder von Menschen, dann auf Pikatchu und schließlich
auf Figuren aus der Comic-Serie Family Guy. „Wir
möchten herausfinden, ob die Tiere auch abstrakte
und neue Konzepte hinter den Bildern begreifen können
oder ob sie nur auf den Menschen reagieren“, erläutert
die junge Forscherin. Dafür werden natürliche,
bereits bekannte Kategorien in Bildern künstlichen
Konzepten gegenübergestellt, die den Tauben in
ihrer Umwelt noch nie begegnet sind – der Mensch
tritt gegen Pikatchu an.
In jedem Experiment werden die Tiere zur Wiedererkennung
einer Figur trainiert. Erkennen sie das geforderte Merkmal
auf dem Foto, müssen sie auf den kleinen Bildschirm
im Versuchskasten einhacken. Die Belohnung folgt prompt
– der Computer versorgt die Tiere automatisch
mit Futter und konfrontiert sie mit dem nächsten
Foto. Reagieren die Tiere auf einen falschen Reiz, bleibt
das Foto auf dem Bildschirm unverändert –
so lange, bis die Tauben still halten und das Bild mit
dem Schnabel nicht mehr berühren. „Sie sind
dann schnell von der Situation genervt – das ist
ihre Strafe“, sagt Ruth Adam. Nach und nach sollen
die Tiere auf diesem Weg lernen, verschiedene Bilder
derselben Figur einer Kategorie zuzuordnen.
Erste Antworten
Diese Arbeit braucht viel Zeit. Zehn bis zwölf
Stunden verbringt Ruth Adam jeden Tag am Schreibtisch
in ihrem Büro. Ihr Blick auf den Computer-Bildschirm
ist konzentriert, hier kennt sie jeden Handgriff, jedes
Detail. Per Mausklick verfolgt sie die Reaktionen der
Tauben in den Versuchsboxen. Sobald das Experiment beendet
ist, werden die Ergebnisse aus den Labors direkt auf
den Bildschirm übertragen. Innerhalb weniger Sekunden
erfasst die Psychologin die Reaktionen jeder Taube in
einer Tabelle – ein Geduldsspiel mit komplizierter
Statistik. Viele Grafiken hat Ruth Adam mit ihren Kollegen
erstellt und ausgewertet, bis sie eine Antwort auf ihre
Forschungsfrage fand. Jetzt stehen die ersten Ergebnisse
der Studie fest, die ab Ende Mai in einer Publikation
nachzulesen sind.
„Tauben können nicht jede neue und komplexe
Kategorie erfassen“, fasst Ruth Adam zusammen.
Schließlich, so die Beobachtung der Forscher,
konnten die Tiere das Konzept des Menschen schon nach
kurzer Zeit erfassen, während ihnen die neue, künstliche
Kategorie Pikatchus auch nach vielen Experimenten verborgen
blieb. „Vermutlich spielt das Vorwissen aus ihrer
Umwelt eine große Rolle“, sagt die Wissenschaftlerin.
Offensichtlich seien künstliche und neue Kategorien,
zu denen auch Pikatchu zählt, zu komplex für
die Denkfähigkeit der Tiere. Und dennoch: „Tauben
sind nicht dumm – zumindest nicht bei Dingen,
die sie zum Überleben in der Welt brauchen.“
Anne
Petersohn
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