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RUBENS 116

1. Juni 2007

Pikatchu bleibt ein Rätsel



Die Biopsychologin Ruth Adam untersucht die Intelligenz von Tauben



Lange Zeit galten Tauben als eindeutig dumme Tiere, weil bei ihnen nur schwache Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften bestehen. Doch anhand jüngerer Forschungen muss dieses Urteil zum Teil revidiert werden. In der Abteilung für Biopsychologie möchten es Wissenschaftler/innen wie Ruth Adam noch genauer in Erfahrung bringen und konfrontieren Tauben mit komplexen künstlichen Konzepten wie Comicfiguren.


Aus dem Glaskasten dringt ein schwacher Lichtschein in die Dunkelheit. Die Taube hinter der zerkratzten Scheibe hackt auf den kleinen Computer-Bildschirm an ihrer Seite ein. Sie pickt mit ihrem Schnabel auf Pikatchu, immer wieder. Ein letztes Mal leuchtet das Bild der gelben Comicfigur auf – dann fallen kleine Körner in die Futterbox, und das Experiment ist beendet.
Ruth Adam öffnet die Gittertür des Versuchskastens und umfasst den zitternden Vogel mit beiden Händen. Vorsichtig entfernt die 25-Jährige die kleine blaue Kappe, die mit einem Klettverschluss am rechten Auge der Taube befestigt ist. „Nur mit dieser Kappe können wir eine der Gehirnhälften blockieren“, sagt sie und blickt noch einmal auf Pikatchu. Das gelbe Fantasie-Wesen aus dem Videospiel Pokémon ist Teil eines ungewöhnlichen Forschungsprojekts in der Abteilung für Biopsychologie. Gemeinsam mit Prof. Dr. Onur Güntürkün und Dr. Martina Manns erforscht Ruth Adam die Denkfähigkeit und Intelligenz von Tauben. „Als Mensch hat man Gefühle und eine Persönlichkeit“, sagt sie. „Deshalb wollen wir wissen, wie es mit Tieren steht.“
Schnell war klar, dass sich gerade Tauben für das Projekt eignen. Schon in den 60er-Jahren bescheinigten erste Studien den Tieren nur schwache Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften und damit eine geringe Intelligenz. „Inzwischen gibt es weitere Forschungen, die davon ausgehen, dass Tauben schlauer sind als ursprünglich angenommen“, sagt Adam. Deshalb wollen die Bochumer Forscher herausfinden, ob die Tiere auch komplexe Konzepte und Kategorien erfassen und verstehen können.

40 Minuten täglich

Ruth Adam arbeitet seit eineinhalb Jahren mit zehn Tieren. Einmal pro Tag trägt die Doktorandin jede Taube in die kleine Versuchskabine, bringt sie aus ihrem Käfig über den Flur ins Labor und wieder zurück. Die gebürtige Israelin hat sich nach ihrem Master-Abschluss an der Universität Jerusalem bewusst für das Bochumer Projekt entschieden. „Ich wollte gern mit Prof. Güntürkün zusammenarbeiten, und ich mag die Arbeit mit den Tauben“, sagt sie. Die Liebe zu den Tieren ist ihr anzumerken.
Ruth Adam kennt jede Taube, und sie schreibt ihnen Charaktereigenschaften zu. Zielsicher bewegt sie sich zwischen den Käfigen im Laborraum hin und her, spricht hier und da leise, beruhigende Worte. „Sie sind schön, die Tauben“, schwärmt Adam, „und jede von ihnen kennt mich.“ Sie betrachtet ein Vogel-Weibchen im Käfig. „Diese hier ist ein wenig schüchtern“, erklärt sie lächelnd, „aber sie kennt das Leben nicht anders.“
Das Experiment führt die Tauben durch einen Lernprozess – Tag für Tag, immer für 40 Minuten. In drei Versuchs-Durchgängen sind sie darauf trainiert worden, auf bestimmte Reize zu reagieren – zunächst auf Bilder von Menschen, dann auf Pikatchu und schließlich auf Figuren aus der Comic-Serie Family Guy. „Wir möchten herausfinden, ob die Tiere auch abstrakte und neue Konzepte hinter den Bildern begreifen können oder ob sie nur auf den Menschen reagieren“, erläutert die junge Forscherin. Dafür werden natürliche, bereits bekannte Kategorien in Bildern künstlichen Konzepten gegenübergestellt, die den Tauben in ihrer Umwelt noch nie begegnet sind – der Mensch tritt gegen Pikatchu an.
In jedem Experiment werden die Tiere zur Wiedererkennung einer Figur trainiert. Erkennen sie das geforderte Merkmal auf dem Foto, müssen sie auf den kleinen Bildschirm im Versuchskasten einhacken. Die Belohnung folgt prompt – der Computer versorgt die Tiere automatisch mit Futter und konfrontiert sie mit dem nächsten Foto. Reagieren die Tiere auf einen falschen Reiz, bleibt das Foto auf dem Bildschirm unverändert – so lange, bis die Tauben still halten und das Bild mit dem Schnabel nicht mehr berühren. „Sie sind dann schnell von der Situation genervt – das ist ihre Strafe“, sagt Ruth Adam. Nach und nach sollen die Tiere auf diesem Weg lernen, verschiedene Bilder derselben Figur einer Kategorie zuzuordnen.

Erste Antworten

Diese Arbeit braucht viel Zeit. Zehn bis zwölf Stunden verbringt Ruth Adam jeden Tag am Schreibtisch in ihrem Büro. Ihr Blick auf den Computer-Bildschirm ist konzentriert, hier kennt sie jeden Handgriff, jedes Detail. Per Mausklick verfolgt sie die Reaktionen der Tauben in den Versuchsboxen. Sobald das Experiment beendet ist, werden die Ergebnisse aus den Labors direkt auf den Bildschirm übertragen. Innerhalb weniger Sekunden erfasst die Psychologin die Reaktionen jeder Taube in einer Tabelle – ein Geduldsspiel mit komplizierter Statistik. Viele Grafiken hat Ruth Adam mit ihren Kollegen erstellt und ausgewertet, bis sie eine Antwort auf ihre Forschungsfrage fand. Jetzt stehen die ersten Ergebnisse der Studie fest, die ab Ende Mai in einer Publikation nachzulesen sind.
„Tauben können nicht jede neue und komplexe Kategorie erfassen“, fasst Ruth Adam zusammen. Schließlich, so die Beobachtung der Forscher, konnten die Tiere das Konzept des Menschen schon nach kurzer Zeit erfassen, während ihnen die neue, künstliche Kategorie Pikatchus auch nach vielen Experimenten verborgen blieb. „Vermutlich spielt das Vorwissen aus ihrer Umwelt eine große Rolle“, sagt die Wissenschaftlerin. Offensichtlich seien künstliche und neue Kategorien, zu denen auch Pikatchu zählt, zu komplex für die Denkfähigkeit der Tiere. Und dennoch: „Tauben sind nicht dumm – zumindest nicht bei Dingen, die sie zum Überleben in der Welt brauchen.“



Anne Petersohn
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