Besuch bei Lech Wasa
20 Bochumer Studierende reisten nach Thorn, Marienburg
und Danzig
Ende März fuhr eine 20-köpfige Gruppe
Bochumer Studierender in den Norden Polens und besuchte
die Städte Thorn, Marienburg und Danzig. Organisiert
wurde die Tour von Slawistik-Studierenden, die etwas frischen
Wind ins Studium bringen wollten. Sie gaben der Fahrt
das Motto „Sternstunden der (nord-)polnischen Kultur“.
Es wurde eine Kultur- und Erlebnisreise, interaktiv und
interdisziplinär. Wir entdeckten das Studentenflair
in Toru (dt. Thorn) mit seinem regen Nachtleben. Wir schauten
uns das gewaltige Schlachtfeld von Grunwald und den „größten
Backsteinhaufen Europas“ in Malbork (Marienburg)
an, ein Schloss deutscher Ordensritter. Wir bewunderten
die wieder aufgebauten Patrizierhäuser der Altstadt
von Gdask (Danzig), die Werft als Geburtstätte der
Solidarno-Bewegung und die unglaublich bunte und vielfältige
Kulturszene.
Dass wir dann tatsächlich mit Augenzeugen der polnischen
Streiks von 1980 – Jerzy Borowczak, Lech Wasa und
Anna Walentynowicz – sprechen durften, hätten
wir zuvor nicht gedacht. Doch die Idee einer studentischen
Projektgruppe, die sich für Polen und die Hintergründe
der gut ein Vierteljahrhundert zurückliegenden Ereignisse
interessiert, stieß bei unseren Anfragen in Polen
auf reges Interesse.
Gerade wir als die neue Generation, die die Zukunft Europas
in den Händen halte, sollte doch ohne Vorurteile
und unbelastet ein tolerantes Miteinander zwischen Polen
und Deutschen gestalten, sagte uns Lech Wasa. Mit ihm
und seinem ehemaligen Weggefährten Jerzy Borowczak,
der das Museum „Wege zur Freiheit“ leitet,
sprachen wir über Volker Schlöndorffs Film,
der zur Zeit der Arbeiterstreiks der Danziger Werft spielt.
Der Film ist in Polen sehr kontrovers diskutiert worden.
Er verzerre die Realität und verbreite Unwahrheiten,
sagte uns auch Anna Walentynowicz bei einem Treffen in
ihrer Wohnung. Auf sie bezieht sich Schlöndorffs
„Strajk – Die Heldin von Danzig“.
Im Literaturcafé
Polen einmal anders kennen zu lernen bedeutete für
uns aber auch, mit polnischen Kulturschaffenden zu sprechen:
Der jüdische Schriftsteller Mieczysaw Abramowicz
führte uns an die Orte des ehemaligen jüdisch-deutschen
Lebens im Zentrum Danzigs und berichtete uns über
die Situation der Juden in Danzig und Polen vor, während
und nach dem 2. Weltkrieg. Er brachte uns auch ins Restaurant
„Turbot“ in den Kellergewölben des
Roten Rathhauses. Hier trifft sich die literarische
Szene Danzigs. Auch Günter Grass speist hier hin
und wieder, wenn er in Danzig ist.
Wir trafen auch den erfolgreichen polnischen Schriftsteller
Stefan Chwin, der als Professor an der Danziger Universität
Poetik lehrt. Er erzählte uns auf eine ganz unkonventionelle
Weise von seiner persönlichen Geschichte: Seine
Eltern sind nach Ende des 2. Weltkrieges aus den ehemaligen
ostpolnischen Gebieten (heute Litauen) nach Danzig vertrieben
worden. Danzig, aus der zeitgleich die deutsche Bevölkerung
vertriebenen worden ist, ist Schauplatz seiner vielen
Romane, die ihm den Ruf eines „Danzig-Chronisten“
einbrachten.
Sämtliche Gespräche und Interviews werden
wir in Kürze – übersetzt – als
Broschüre zum Projekt veröffentlichen. Essays,
die von den persönlichen Eindrücken der Teilnehmer
handeln, sollen die Darstellung abrunden. Für den
22. Juni ist eine Multimedia-Präsentation des Projekts
mit anschließendem Umtrunk geplant. Interessenten
sind willkommen.
Infos: http://www.rub.de/slavbo
Katharina
Mol & Magdalena Korda
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