Vier Pi-Scheiben
Serie Situation Kunst
Der zweite Raum des Erweiterungsgebäudes
der Situation Kunst (Teil der Kunstsammlungen der Ruhr-Universität
in Bochum-Weitmar) präsentiert, neben bedeutenden
Positionen zeitgenössischer Kunst, auch Exponate
aus unterschiedlichen Regionen und Epochen Asiens. Zusätzlich
zu großformatigen, zum Teil bis zu 800 Jahre alten
Buddha- und Bodishatva-Darstellungen, finden sich in
den Vitrinen mehrere Jadestücke, die teilweise
aus dem Neolithikum (Jungsteinzeit) stammen. Die ungewöhnlichen
Formen und Stilisierungen der Ornamente machen sie zu
den vermutlich rätselhaftesten Exponaten der Dauerausstellung.
Dies gilt besonders für vier runde Jadeplatten,
genannt „Pi-Scheiben“, die in unterschiedlichen
Größen und Farben (schwarzgrau oder graugrün)
ausgestellt sind. Dabei verfügen die beiden größeren
über einen Durchmesser von 25 cm und stammen aus
der Zhou-Dynastie (1100 bis 221 v. Chr.) bzw. der „Zeit
der Streitenden Reiche“ (475 bis 221 v. Chr.).
Die anderen beiden Platten wurden während der der
Han-Dynastie (206 v. bis 220 n. Chr.) hergestellt. Eine
der Scheiben zeigt ein Kornmusterfeld sowie stilisierte
Phönixe und Drachen im Dreipass. Die Oberfläche
einer anderen ist mit einem Hakenwolkenrelief verziert.
Jede Scheibe weist in ihrem Zentrum eine runde Öffnung
auf, deren Größe den Namen der Scheibe bestimmt.
Hiernach unterscheidet man genau genommen drei unterschiedliche
Arten von Jadescheiben: Die mit den kleinsten Löchern
bezeichnet man als „Pi-“, die mit den größten
als „Yüan-“ und die mit den mittelgroßen
Öffnungen als „Huan-Scheiben.“ Da „Pi-Scheiben“
bei weitem am häufigsten vorkommen, spricht man
in der Forschung allgemein von „Pi-Scheiben“.
Wahrscheinlich wurden sie zuerst als Hals- und Armschmuck
verwendet, hielten in der Shang- und Zhou-Periode jedoch
auch Einzug in kultische Zeremonien. Ihre Funktion in
diesen Kulten ist rätselhaft und lässt sich
zum Teil durch ihre Position in Gräbern hochrangiger
Verstorbener, in denen sie gefunden wurden, und anhand
von chinesischen Überlieferungen vermuten.
Wertvoll wie Gold
Jade war in China so wertvoll wie in der westlichen
Kultur Gold. Zudem sagte man Jade übernatürliche
Fähigkeiten nach, wie jene, die Seele eines Verstorbenen
vor dem Erlöschen zu bewahren, indem sie den Körper
vor der Verwesung schützt. Diese Interpretation
wird durch die Motive der Oberflächen gestützt,
die zum Teil Drachen darstellen. Drachen galten u. a.
als fantastische Himmelswesen, die die Seele des Verstorbenen
auf ihrer Wanderung ins Jenseits begleiten und schützen
sollten.
Während „Pi-Scheiben“ im Neolithikum
noch im Zentrum des Körpers der Toten platziert
wurden, findet man sie später auch in anderen Positionen.
Mit ihren runden Formen symbolisierten sie in der asiatischen
Kultur den Himmel, verbanden den Körper des Toten
also mit dem Jenseits. Einige Überlieferungen berichten
auch von der Verwendung der Scheiben in Notzeiten, wie
in Dürreperioden. Die Menschen veranstalteten in
ihrer Sorge kultische Zeremonien, in denen den Scheiben
die Macht nachgesagt wurde, die Kraft guter Geister
oder eines verstorbenen Königs beschwören
zu können.
Somit spielten die „Pi-Scheiben“ zwar zunächst
als Schmuck durchaus eine traditionelle Rolle in der
diesseitigen Welt, darüber hinaus erfüllten
sie nach chinesischer Überzeugung jedoch auch eine
wichtige Funktion im Jenseits und konnten sogar eine
Mittlerrolle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits
einnehmen. Ihre Besonderheit und einstige kultische
Bedeutung ist bei längerer Betrachtung der verschlungenen
Elemente in der Ausstellung auch heute noch gegenwärtig.
Anne
Hemkendreis
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