Wie werden wir
wohnen?
Bochumer Soziologen suchen innovative Wohnformen für
ältere Menschen
Alt, alleine, ins Heim abgeschoben, Hauptsache satt
und sauber – so sieht die düstere Vision
vom Alter aus. Keiner will so leben – aber was
sind die Alternativen, wenn es zu Hause nicht mehr geht?
Diese Frage beschäftigte Annette Franke und David
Wilde, als sie ihre Diplomarbeit in Sozialwissenschaften
schrieben. Ihre Arbeit wurde mit einem der Preise an
Studierende ausgezeichnet und ist inzwischen als Buch
erschienen.
„Wir dachten eigentlich, das Thema demografischer
Wandel ist so in aller Munde, dass es längst viele
Konzepte zum Wohnen im Alter geben würde“,
erzählt David Wilde. Aber weit gefehlt: Die Wirtschaft
wacht gerade erst auf und erkennt Ältere als attraktive
und immer größere Kundengruppe. Wilde und
Franke fingen also ganz vorne an und näherten sich
ihrer „Zielgruppe“ mit ausführlichen
Recherchen: Wann ist man eigentlich alt? Keine einfache
Frage. Wissenschaftliche Konzepte unterscheiden inzwischen
zum Beispiel junge Alte bis 75, alte Alte bis 90, Hochbetagte
zwischen 80 und 100 und Langlebige, die noch älter
werden.
Es folgten weitere Fragen: Wie leben ältere Menschen,
wie viel Geld steht ihnen zur Verfügung, was wünschen
sie sich für ihr Leben? Ergebnis: So wenig Geld,
wie man gemeinhin annimmt, haben ältere Leute nicht.
„Sie stehen oft besser da als junge Familien“,
so Annette Franke. Noch ein Grund, warum sie für
Wirtschaftsunternehmen attraktive Kunden sind. Auf der
Wunschliste ganz oben steht für viele ein selbstbestimmtes,
eigenständiges Leben, am liebsten in den eigenen
vier Wänden.
Smartes Heim
Was aber, wenn die Hüfte es nicht mehr erlaubt,
die Treppen zu steigen? Wenn man vergesslich wird oder
Angst haben muss, nicht mehr alleine hochzukommen nach
einem Sturz? Die Forscher gingen auf die Suche nach
Alternativen zwischen allein zu Hause und Pflegeheim
und wurden fündig. „Es stellte sich heraus,
dass sich das Ruhrgebiet als Modellregion für unsere
Untersuchung prima eignet“, sagt Annette Franke,
die genau wie David Wilde aus Herne stammt. Der demografische
Wandel vollzieht sich hier besonders schnell, weil viele
junge Menschen aus den Kernstädten wegziehen. Dementsprechend
gibt es dort viele alte Leute und viel Leerstand, der
Handlungsbedarf für die Wohnungsgesellschaften
bedeutet, aber auch Möglichkeiten für innovative
Unternehmer eröffnet.
„Die Wohnungswirtschaft“, stellt David Wilde,
der inzwischen in einem großen Wohnungsunternehmen
arbeitet, fest, „hat lange die Augen verschlossen
vor den Auswirkungen der Bevölkerungsveränderung.“
Die Zeiten der Wohnungsnot, in denen man Mieter nicht
als Kunden, sondern als „Bewerber“ titulierte,
hatten den Wirtschaftszweig im Ruhrgebiet sehr verwöhnt.
Das Bewusstsein, dass gerade ältere Menschen eine
wichtige Kundengruppe sind, die umworben werden will,
entwickelt sich erst allmählich.
Erste Ansätze der Wohnungsunternehmen gibt es aber,
dazu zählt „Smart Homes“. Die moderne
Wohnung denkt mit und nimmt dem Bewohner so einiges
ab. Nicht nur, dass es selbstverständlich Aufzüge
gibt, es gibt auch eine Zentralverriegelung, die beim
Abschließen von außen automatisch alle Lichter
löscht, den Herd und das Bügeleisen ausschaltet.
Bewegungsmelder schalten beim Betreten eines Zimmers
automatisch das Licht an und beim Verlassen wieder aus.
Rührt sich der Bewohner verdächtig lange nicht,
wird die Verwandtschaft oder ein Notruf alarmiert.
„Es ist verwunderlich, dass solche technischen
Entwicklungen jetzt erst Einzug in den Alltag halten“,
so David Wilde. „In den letzten 40 Jahren hat
sich beim Wohnen eigentlich nichts getan. Seltsam, wenn
man sich so ansieht, was in dieser Zeit zum Beispiel
die Autoindustrie alles erneuert hat.“ Wilde ist
überzeugt, dass es schon bald selbstverständlich
sein wird, sich zu Hause das Leben von der Technik leichter
machen zu lassen.
Über die technischen Hilfen hinaus bieten Wohnungsunternehmen
vermehrt Dienstleistungen wie etwa Einkaufshilfen an,
um älteren Menschen das Wohnen zu Hause zu ermöglichen.
„Natürlich ist das für die Mieter alles
freiwillig“, erklärt Wilde. Ganz wichtig
sei es, soziale Kontakte nicht durch die Technik oder
die Dienstleister zu ersetzen, sondern im Gegenteil
zu unterstützen.
Demenz-WG
Soziale Kontakte sind auch das A und O bei der Wohnform,
die Annette Franke untersucht hat: Sie hat sich auf
Menschen konzentriert, die an Demenz erkrankt sind und
deswegen nicht allein leben können. An einem Castrop-Rauxeler
Unternehmensbeispiel hat sie sich mit dem Konzept der
Demenz-WG befasst. „Es zeigt sich, dass Patienten,
die in der WG leben, im Allgemeinen vitaler und seelisch
ausgeglichener sind als solche, die in Heimen untergebracht
sind“, erzählt sie. Aggressives Verhalten,
soziale Apathie und Depressionen etwa kommen in der
WG seltener vor, wahrscheinlich weil besser auf die
individuellen Bedürfnisse des Einzelnen eingegangen
wird.
Anders als im Heim können die Bewohner ihre Möbel
aus der bisherigen Wohnung mitnehmen, dürfen ihre
Haustiere behalten, zum Geburtstag auch mal eine Kerze
anzünden und damit in einer vertrauten Umgebung
wohnen, so normal wie möglich. So bleibt mehr vom
„alten Leben“ erhalten, ein Gefühl
der Sicherheit.
Wichtig ist auch die Berücksichtigung der individuellen
Lebensgeschichte. „Einer Frau, die als Sekretärin
gearbeitet hatte, hat man zum Beispiel eine Schreibmaschine
gegeben, so dass sie ihrer gewohnten Tätigkeit
nachgehen konnte, wenn sie wollte“, erzählt
Annette Franke. „Eine andere, die sich bei Gewitter
immer unters Bett verkrochen hat, hat man gelassen und
ihr Verhalten mit traumatischen Erlebnissen aus dem
Krieg erklärt. Nach einiger Zeit hat sie sich freiwillig
wieder ins Bett gelegt. Das wäre im Heim nicht
möglich, da würde ihr Fixierung drohen.“
Mitarbeiter in Heimen sind an die Heimverordnung gebunden,
die den Umgang mit den Bewohnern streng regelt. „Diese
Verordnung hat ihre Berechtigung, verhindert aber auch
einiges“, hat Annette Franke herausgefunden. Unternehmer,
die Demenz-WGs anbieten wollen, befürchten häufig,
mit der Verordnung in Konflikt zu geraten und sehen
von den Projekten ab.
Ebenfalls problematisch ist die Zusammenarbeit verschiedener
Akteure. Häufig sehen sich Pflegedienste etwa mit
Loyalitätskonflikten konfrontiert, wenn sie in
Wohnprojekten tätig werden sollen, weil ihr jeweiliger
Träger, oft große Wohlfahrtsverbände,
selbst Heime betreibt. Hinzu kommt, dass die ambulante
Versorgung von alten Menschen unterfinanziert ist, das
Personal unterbezahlt, die Pflege minutiös geplant,
die psychosoziale Betreuung wird von der Pflegeversicherung
nicht berücksichtigt. „Eine Pflegekraft hat
zum Beispiel für die Haarpflege und das Kämmen
exakt zwei Minuten Zeit – da bleibt die soziale
Komponente zwangsweise auf der Strecke“, so Annette
Franke. „Da muss und wird sich in Zukunft viel
tun“, schätzt sie. Wohnungsgesellschaften,
Wirtschaftsförderung, Pflegeverbände, Politik
und Wissenschaft müssen sich an einen Tisch setzen.
Und es müsse Geld in den Bereich fließen.
Die Wirtschaft schätzt auch sie als treibende Kraft
in diesem Prozess ein, zum einen weil die Kundengruppe
wächst, zum anderen, weil Wirtschaftsunternehmen
es empfindlich zu spüren bekommen werden, wenn
Mitarbeiter wegen der Pflegebedürftigkeit von Verwandten
den Beruf aufgeben müssen. Außerdem birgt
die Sparte ein großes Arbeitsmarktpotenzial –
Grund genug auch für die Politik, sich von der
jetzigen Einstellung, Altenpflege sei Privatsache, zu
verabschieden.
Alles in allem ziehen beide Autoren eine positive Bilanz:
„Mit der richtigen Wohnmöglichkeit verliert
das Alter seinen Schrecken“, fasst David Wilde
zusammen. Ebenso wie er ist Annette Franke dem Thema
treu geblieben: Neben ihrer Dissertation zum Thema Selbstständigkeit
im Alter untersucht sie Gemeinschaftswohnprojekte in
Bremen.
Info: Wilde, David und Franke, Annette:
„Die ‚silberne’ Zukunft gestalten“,
Driesen Verlag, Taunusstein 2007, 318 Seiten, 37 Euro.
md
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