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RUBENS 115

2. Mai 2007

Wie werden wir wohnen?


Bochumer Soziologen suchen innovative Wohnformen für ältere Menschen



Alt, alleine, ins Heim abgeschoben, Hauptsache satt und sauber – so sieht die düstere Vision vom Alter aus. Keiner will so leben – aber was sind die Alternativen, wenn es zu Hause nicht mehr geht? Diese Frage beschäftigte Annette Franke und David Wilde, als sie ihre Diplomarbeit in Sozialwissenschaften schrieben. Ihre Arbeit wurde mit einem der Preise an Studierende ausgezeichnet und ist inzwischen als Buch erschienen.


„Wir dachten eigentlich, das Thema demografischer Wandel ist so in aller Munde, dass es längst viele Konzepte zum Wohnen im Alter geben würde“, erzählt David Wilde. Aber weit gefehlt: Die Wirtschaft wacht gerade erst auf und erkennt Ältere als attraktive und immer größere Kundengruppe. Wilde und Franke fingen also ganz vorne an und näherten sich ihrer „Zielgruppe“ mit ausführlichen Recherchen: Wann ist man eigentlich alt? Keine einfache Frage. Wissenschaftliche Konzepte unterscheiden inzwischen zum Beispiel junge Alte bis 75, alte Alte bis 90, Hochbetagte zwischen 80 und 100 und Langlebige, die noch älter werden.
Es folgten weitere Fragen: Wie leben ältere Menschen, wie viel Geld steht ihnen zur Verfügung, was wünschen sie sich für ihr Leben? Ergebnis: So wenig Geld, wie man gemeinhin annimmt, haben ältere Leute nicht. „Sie stehen oft besser da als junge Familien“, so Annette Franke. Noch ein Grund, warum sie für Wirtschaftsunternehmen attraktive Kunden sind. Auf der Wunschliste ganz oben steht für viele ein selbstbestimmtes, eigenständiges Leben, am liebsten in den eigenen vier Wänden.

Smartes Heim

Was aber, wenn die Hüfte es nicht mehr erlaubt, die Treppen zu steigen? Wenn man vergesslich wird oder Angst haben muss, nicht mehr alleine hochzukommen nach einem Sturz? Die Forscher gingen auf die Suche nach Alternativen zwischen allein zu Hause und Pflegeheim und wurden fündig. „Es stellte sich heraus, dass sich das Ruhrgebiet als Modellregion für unsere Untersuchung prima eignet“, sagt Annette Franke, die genau wie David Wilde aus Herne stammt. Der demografische Wandel vollzieht sich hier besonders schnell, weil viele junge Menschen aus den Kernstädten wegziehen. Dementsprechend gibt es dort viele alte Leute und viel Leerstand, der Handlungsbedarf für die Wohnungsgesellschaften bedeutet, aber auch Möglichkeiten für innovative Unternehmer eröffnet.
„Die Wohnungswirtschaft“, stellt David Wilde, der inzwischen in einem großen Wohnungsunternehmen arbeitet, fest, „hat lange die Augen verschlossen vor den Auswirkungen der Bevölkerungsveränderung.“ Die Zeiten der Wohnungsnot, in denen man Mieter nicht als Kunden, sondern als „Bewerber“ titulierte, hatten den Wirtschaftszweig im Ruhrgebiet sehr verwöhnt. Das Bewusstsein, dass gerade ältere Menschen eine wichtige Kundengruppe sind, die umworben werden will, entwickelt sich erst allmählich.
Erste Ansätze der Wohnungsunternehmen gibt es aber, dazu zählt „Smart Homes“. Die moderne Wohnung denkt mit und nimmt dem Bewohner so einiges ab. Nicht nur, dass es selbstverständlich Aufzüge gibt, es gibt auch eine Zentralverriegelung, die beim Abschließen von außen automatisch alle Lichter löscht, den Herd und das Bügeleisen ausschaltet. Bewegungsmelder schalten beim Betreten eines Zimmers automatisch das Licht an und beim Verlassen wieder aus. Rührt sich der Bewohner verdächtig lange nicht, wird die Verwandtschaft oder ein Notruf alarmiert.
„Es ist verwunderlich, dass solche technischen Entwicklungen jetzt erst Einzug in den Alltag halten“, so David Wilde. „In den letzten 40 Jahren hat sich beim Wohnen eigentlich nichts getan. Seltsam, wenn man sich so ansieht, was in dieser Zeit zum Beispiel die Autoindustrie alles erneuert hat.“ Wilde ist überzeugt, dass es schon bald selbstverständlich sein wird, sich zu Hause das Leben von der Technik leichter machen zu lassen.
Über die technischen Hilfen hinaus bieten Wohnungsunternehmen vermehrt Dienstleistungen wie etwa Einkaufshilfen an, um älteren Menschen das Wohnen zu Hause zu ermöglichen. „Natürlich ist das für die Mieter alles freiwillig“, erklärt Wilde. Ganz wichtig sei es, soziale Kontakte nicht durch die Technik oder die Dienstleister zu ersetzen, sondern im Gegenteil zu unterstützen.

Demenz-WG

Soziale Kontakte sind auch das A und O bei der Wohnform, die Annette Franke untersucht hat: Sie hat sich auf Menschen konzentriert, die an Demenz erkrankt sind und deswegen nicht allein leben können. An einem Castrop-Rauxeler Unternehmensbeispiel hat sie sich mit dem Konzept der Demenz-WG befasst. „Es zeigt sich, dass Patienten, die in der WG leben, im Allgemeinen vitaler und seelisch ausgeglichener sind als solche, die in Heimen untergebracht sind“, erzählt sie. Aggressives Verhalten, soziale Apathie und Depressionen etwa kommen in der WG seltener vor, wahrscheinlich weil besser auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen eingegangen wird.
Anders als im Heim können die Bewohner ihre Möbel aus der bisherigen Wohnung mitnehmen, dürfen ihre Haustiere behalten, zum Geburtstag auch mal eine Kerze anzünden und damit in einer vertrauten Umgebung wohnen, so normal wie möglich. So bleibt mehr vom „alten Leben“ erhalten, ein Gefühl der Sicherheit.
Wichtig ist auch die Berücksichtigung der individuellen Lebensgeschichte. „Einer Frau, die als Sekretärin gearbeitet hatte, hat man zum Beispiel eine Schreibmaschine gegeben, so dass sie ihrer gewohnten Tätigkeit nachgehen konnte, wenn sie wollte“, erzählt Annette Franke. „Eine andere, die sich bei Gewitter immer unters Bett verkrochen hat, hat man gelassen und ihr Verhalten mit traumatischen Erlebnissen aus dem Krieg erklärt. Nach einiger Zeit hat sie sich freiwillig wieder ins Bett gelegt. Das wäre im Heim nicht möglich, da würde ihr Fixierung drohen.“ Mitarbeiter in Heimen sind an die Heimverordnung gebunden, die den Umgang mit den Bewohnern streng regelt. „Diese Verordnung hat ihre Berechtigung, verhindert aber auch einiges“, hat Annette Franke herausgefunden. Unternehmer, die Demenz-WGs anbieten wollen, befürchten häufig, mit der Verordnung in Konflikt zu geraten und sehen von den Projekten ab.
Ebenfalls problematisch ist die Zusammenarbeit verschiedener Akteure. Häufig sehen sich Pflegedienste etwa mit Loyalitätskonflikten konfrontiert, wenn sie in Wohnprojekten tätig werden sollen, weil ihr jeweiliger Träger, oft große Wohlfahrtsverbände, selbst Heime betreibt. Hinzu kommt, dass die ambulante Versorgung von alten Menschen unterfinanziert ist, das Personal unterbezahlt, die Pflege minutiös geplant, die psychosoziale Betreuung wird von der Pflegeversicherung nicht berücksichtigt. „Eine Pflegekraft hat zum Beispiel für die Haarpflege und das Kämmen exakt zwei Minuten Zeit – da bleibt die soziale Komponente zwangsweise auf der Strecke“, so Annette Franke. „Da muss und wird sich in Zukunft viel tun“, schätzt sie. Wohnungsgesellschaften, Wirtschaftsförderung, Pflegeverbände, Politik und Wissenschaft müssen sich an einen Tisch setzen. Und es müsse Geld in den Bereich fließen.
Die Wirtschaft schätzt auch sie als treibende Kraft in diesem Prozess ein, zum einen weil die Kundengruppe wächst, zum anderen, weil Wirtschaftsunternehmen es empfindlich zu spüren bekommen werden, wenn Mitarbeiter wegen der Pflegebedürftigkeit von Verwandten den Beruf aufgeben müssen. Außerdem birgt die Sparte ein großes Arbeitsmarktpotenzial – Grund genug auch für die Politik, sich von der jetzigen Einstellung, Altenpflege sei Privatsache, zu verabschieden.
Alles in allem ziehen beide Autoren eine positive Bilanz: „Mit der richtigen Wohnmöglichkeit verliert das Alter seinen Schrecken“, fasst David Wilde zusammen. Ebenso wie er ist Annette Franke dem Thema treu geblieben: Neben ihrer Dissertation zum Thema Selbstständigkeit im Alter untersucht sie Gemeinschaftswohnprojekte in Bremen.

Info: Wilde, David und Franke, Annette: „Die ‚silberne’ Zukunft gestalten“, Driesen Verlag, Taunusstein 2007, 318 Seiten, 37 Euro.

md
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Letzte Änderung: 2.5.2007| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik