Vom
Atom bis zum Tumor
Prof. Klaus Gerwert zur Rolle der Proteine und zu den
Zielen des Exzellenz-Clusters
Neben der Bewerbung als „Elite-Universität“
ist der Antrag des Exzellenz-Clusters „Protein-Netzwerke“
im Rennen der Exzellenz-Initiative. Sein Erfolg ist
Voraussetzung für die Bewilligung des Elite-Universitäts-Antrags.
Über diese Konstellation und die Ziele des Clusters
sprach Rubens mit dem Koordinator des Clusters, Prof.
Klaus Gerwert (Lehrstuhl für Biophysik).
RUBENS: Herr Prof. Gerwert, Sie sind am 13. April
persönlich nach Bonn zur DFG gefahren und haben
den Antrag dort abgegeben – wie muss man sich
das vorstellen? Ist Ihnen danach eine Last von den Schultern
gefallen?
Prof. Gerwert: Ich bin auch nach Bonn gefahren, um das
Gefühl zu haben, den Antrag jetzt abgegeben, also
losgelassen zu haben. Er hat mich gedanklich schon sehr
stark beschäftigt. Auf der anderen Seite war es
mir aber auch wichtig, einmal mit den Referenten persönlich
zu sprechen, die das Verfahren koordinieren, um jetzt
die mündliche Begutachtung im Juni optimal vorbereiten
zu können.
RUBENS: Als Sie danach nach Hause kamen, was haben Sie
da gemacht?
Prof. Gerwert: Dann habe ich erstmal Sport gemacht,
um abzuschalten. Richtig feiern kann man erst, wenn
wir tatsächlich erfolgreich sind, hoffentlich im
Oktober. Wenn die mündliche Begutachtung am 21.
Juni in Bonn sehr gut läuft, werden wir sicher
ein wenig feiern.
Prototyp für Research Departments
RUBENS: Kommen die Gutachter nicht zu Ihnen nach
Bochum?
Prof. Gerwert: Ich nehme an, dass die Gutachter für
die andere Förderlinie, „Elite-Universität“,
bei ihrem Besuch der Ruhr-Universität auch zu unserem
Lehrstuhl kommen werden, weil der Cluster prototypisch
für die Antragstellung als Elite-Uni ist. Die anderen
Research Departments sind am Protein-Netzwerk-Clusters
ausgerichtet.
RUBENS: Wenn der Cluster-Antrag nun nicht bewilligt
werden sollte, ist der Elite-Antrag der Gesamt-Universität
ja auch aus dem Rennen. Das heißt, alles lastet
auf Ihren Schultern. Wie fühlen Sie sich damit?
Prof. Gerwert: Mir wäre lieber gewesen, wenn noch
ein oder zwei andere Cluster aus Bochum auch durchgekommen
wären, so dass sich der Druck auf mehr Schultern
verteilt hätte. Aber das Ergebnis zeigt, dass es
ein sehr kompetetiver Wettbewerb ist. Man kann davon
ausgehen, dass alle 40 Excellenzcluster-Anträge,
die jetzt in der Endrunde noch dabei sind, ganz ausgezeichnet
sind. Ich kenne zwei, drei Koordinatoren von Mitbewerbern
persönlich, und ich weiß, dass sie genauso
hart wie ich in den letzten Wochen an den Anträgen
gearbeitet haben. Es wird sicherlich ein sehr enges
Rennen im Oktober werden. Wir haben von unserer Seite
den Antrag optimal bearbeitet, alle Kollegen haben fantastisch
mitgearbeitet, wir haben ein sehr gutes Team, und konzentrieren
uns jetzt auf die mündliche Begutachtung. Es ist
ein Wettbewerb, in dem es Gewinner und Verlierer geben
wird. Wir haben und werden unser Bestes geben, den Rest
muss man sportlich sehen.
Keimzelle des Excellenzclusters
RUBENS: Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?
Prof. Gerwert: Ich glaube, entscheidend war, dass ich
mich nicht nur auf Bochum konzentriert habe, sondern
gefragt habe: Wer sind die Besten auf dem beantragten
Gebiet in der Region? Am Anfang wurde es nicht nur positiv
gesehen, dass ich auch außerhalb Bochums geschaut
habe. Hier ist mittlerweile eine deutliche Trendwende
eingetreten. Ich denke, es war ein entscheidender Schritt
nicht im Wettbewerb, sondern in Kooperation mit den
Nachbarn anzutreten. Wir haben schon eine langjährige
Zusammenarbeit mit den Dortmundern in einem gemeinsamen
Sonderforschungsbereich. Das wurde dann auch von den
Gutachtern explizit honoriert.
Entscheidend war weiterhin, dass wir jahrelang Aufbauarbeit
geleistet haben. Wir haben 2002 das Proteincenter gegründet
und aus dem Proteincenter haben wir 2006 den SFB 642
gegründet. Von diesem SFB bin ich Sprecher und
er ist die Keimzelle des Excellenzcluster-Antrages.
Thematisch hinzugekommen im Excellenzcluster ist der
SFB 480, den Prof. Elmar Weiler gegründet hat und
dessen Sprecher jetzt Prof. Ulrich Kück ist. Auch
ich bin Mitglied im SFB 480 und war von Anfang mit dabei.
Letztendlich wird in dem Verfahren honoriert, was in
der Vergangenheit bereits geleistet wurde. Natürlich
muss man zusätzlich auch Visionen entwickeln, aber
im Wesentlichen muss man zeigen, dass man bereits exzellente
Forschung geleistet hat. Internationale Gutachter schauen
danach, in welchen internationalen Zeitschriften mit
welchem so genannten Impact-Factor man publiziert. Und
da haben wir nur Kollegen einbezogen, die auf unserem
Gebiet in absoluten Top-Journalen regelmäßig
publizieren. Weiterhin mussten die Kolleginnen und Kollegen
sehr exakt in das beantragte Forschungsgebiet passen
und genau dort etabliert sein. Außerdem musste
man auflisten, wie viele Drittmittel man bereits einwirbt.
Auch dort sind wir sehr gut aufgestellt. Das sind die
wesentlichen, objektivierbaren Kriterien, nach denen
die Gutachter vorgehen werden.
Wir haben aber auch Kollegen einbezogen, die als participating
scientist teilnehmen. Dies sind etablierte, hervorragende
Wissenschaftler, die nicht exakt zum Thema passen oder
noch nicht so stark etablierte Nachwuchswissenschaftler.
Insgesamt sind bereits 53 participating scientists und
16 Principal investigators mit 174 Mitarbeitern beteiligt.
RUBENS: Das hört sich so an, als würden Sie
konsequent fortsetzen, was Sie schon immer gemacht haben.
Worin liegt denn der Unterschied, wenn es am Ende ja
oder nein heißt?
Prof. Gerwert: Wir werden unseren Weg auch bei einem
Nein genauso weiter fortsetzen, nur mit weniger Mitteln.
Wir haben das Proteincenter, den SFB 642 und 480. Der
Cluster wird uns helfen, unsere Forschung noch gezielter
durchzuführen, er wird uns zusätzliche Professoren
bringen, und insbesondere viel mehr Post-Docs und eine
deutlich bessere Ausstattung mit Geräten. Natürlich
könnten wir die Geräte auch über Drittmittel
beschaffen, aber mit dem Cluster werden wir sie sehr
viel schneller bekommen. Da können wir Geräte,
die wir sonst vielleicht in einem Zeitraum von fünf
Jahren anschaffen, schon in einem Jahr bekommen. Es
werden mehrere Post-Docs auf einem Themengebiet arbeiten,
so wie es in den USA an den Top Instituten Alltag ist,
und nicht nur ein einzelner Doktorand. Damit werden
wir natürlich viel wettbewerbsfähiger im internationalen
Vergleich. Das ist genau das Ziel des Programms und
dringend nötig für die Universitäten.
Endlich haben die Universitäten auch die Chance,
fast ähnlich gute Arbeitsbedingungen wie Max Planck
Institute zu bekommen.
40 Post-Doc-Stellen
RUBENS: Was ist die ungefähre monetäre
Größenordnung des Clusters?
Prof. Gerwert: Wir bekommen ungefähr 40 Millionen
Euro für den Cluster, ca. acht Millionen davon
sind so genannter overhead. Pro Jahr haben wir ca. sieben
Millionen Euro zur Verfügung. Wir werden damit
z. B. über 40 Post-Doc-Stellen für Nachwuchswissenschaftler,
also volle Wissenschaftlerstellen, schaffen.
RUBENS: Was sind in groben Zügen die mittel- und
langfristigen Ziele Ihres Clusters?
Prof. Gerwert: Die Ziele sind die gleichen mit und ohne
Cluster: Wir wollen letztendlich verstehen, wie Proteine
in der lebenden Zelle funktionieren. Die Frage ist:
Wie interagieren die Proteine miteinander, so dass es
zu einer bestimmten biologischen Funktion kommt? Wir
wollen das sehr detailliert verstehen, bis hin zur atomaren
Ebene. Damit kann man dann gezielt in die biologischen
Prozesse eingreifen. Wenn es zu Fehlfunktionen dieser
Proteine in der Zelle kommt, kann das ernsthafte Erkrankungen
nach sich ziehen, zum Beispiel Krebs. Ein Protein, mit
dem viele Gruppen in diesem Cluster arbeiten, ist das
so genannte Ras-Protein. Es kann das Zellwachstum kontrolliert
an- und abschalten. Wenn dieser Schalter defekt ist,
kommt es zu unkontrolliertem Zellwachstum, und schließlich
trägt es mit anderen Faktoren zur Krebsentstehung
bei. An Ras arbeiten wir mit Prof. Roger Goody und Prof.
Alfred Wittinghofer auf biophysikalischer Ebene zusammen,
um den Reaktionsmechanismus auf atomarer Ebene aufzuklären,
Prof. Herbert Waldmann versucht im Cluster mit chemisch-biologischen
Methoden kleine Moleküle zu entwickeln, mit denen
man gezielt den defekten Schalter wieder aktivieren
kann. Prof. Wolff Schmiegel an der medizinischen Universitätsklinik
schaut sich die onkogen mutierten Ras-Proteine in Magen-Darm-Karzinomen
an: Ein Traum für uns alle in dem Konsortium ist,
kleine Moleküle zu entwickeln, mit denen man den
Krebs gezielt angreifen kann, mit einer so genannten
molekularen Therapie, wie es im Fall von Glevec amerikanischen
Kollegen für CML, eine Leukämie, gelungen
ist.
Zusätzlich zu den Forschern mit ihrer breit gefächerten
Expertise, die fokussiert an dem Thema arbeiten, haben
wir auch eine ganze Reihe von Firmen involviert, die
an den Ergebnissen unserer Arbeit interessiert sind.
Zum einen, um neue Messverfahren und neue Apparaturen
zu entwickeln, zum anderen um vielversprechende Moleküle
mit dem Know how der Firmen zu Medikamenten weiterzuentwickeln.
Die Therapie ist ein potenzielles Ziel des Clusters;
ein volkswirtschaftlich noch wichtigeres Ziel ist es,
zur Prävention beizutragen. Deswegen ist das Berufsgenossenschaftliche
Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin von Prof.
Thomas Brüning beteiligt. Wir wollen Biomarker
identifizieren, anhand derer man schon sehr früh
erkennen kann, ob die Gefahr einer ernsthaften Erkrankung
vorliegt, insbesondere bei Arbeitern, die gefährlichen
Substanzen ausgesetzt sind. Über Herrn Brüning
haben wir Zugang zu solchen Kollektiven, deren Blut
und Urin wir auf potenzielle Biomarker mit unseren Methoden
untersuchen wollen, z. B mit dem Proteomansatz von Prof.
Helmut Meyer.
Es wird also für die Bioindustrie sehr interessant
sein, sich um den Cluster zu gruppieren. Wenn der Cluster
kommt, wird er sicherlich ein Magnet sein, der beim
Strukturwandel im Ruhrgebiet helfen kann.
Weltweit führend
RUBENS: Wenn der Cluster kommt, was ändert
sich dann durch die Koordinationsaufgabe an Ihrer Arbeit?
Prof. Gerwert: Der Cluster hat meine Arbeit derzeit
dramatisch verändert, weil ich mich seit Januar
nur noch auf den Antrag fokussiert habe. Ich denke,
es ist eine historische Chance für unsere Universität.
Der Erfolg des Elite-Antrags der RUB hängt davon
ab, deswegen habe ich sehr intensiv daran gearbeitet,
auch an den Wochenenden, um ein optimales Produkt abzuliefern.
Die Arbeit am Lehrstuhl habe ich hintenan gestellt.
Da bin ich dankbar, dass ich Mitarbeiter habe, auf die
ich mich zu 100 Prozent verlassen kann. Die Mitarbeiter
haben mir Arbeit am Lehrstuhl in beispielhafter Weise
abgenommen.
RUBENS: Würde das bei Erfolg des Clusters so bleiben?
Wären Sie derjenige, der administrativ die Fäden
zieht, oder hätten Sie wieder mehr Zeit für
die Forschung?
Prof. Gerwert: Mein Ziel ist, mich stärker auf
die Forschung zu konzentrieren. Der Cluster wird die
Rahmenbedingungen für die Forschung deutlich verbessern.
Wir wollen unsere Technik, mit der wir die Dynamik der
Proteine mit atomarer Genauigkeit bestimmen können
vom isolierten Protein auf die lebende Zelle übertragen
Mit dieser Technik sind wir weltweit führend, ein
wichtiges Alleinstellungsmerkmal für den Antrag.
Diese Übertragung auf lebende Zellen ist eine große
Herausforderung. Dazu benötigen wir diese besondere
Förderung durch den Cluster. Daneben wird die Koordination
des Clusters auch eine sehr wichtige und anspruchsvolle
Aufgabe sein.
RUBENS: Würden Sie die Nominierung für den
Cluster zu den größten Erfolgen Ihrer bisherigen
Karriere zählen?
Prof. Gerwert: Sicher ist das auch für mich ein
schöner Erfolg. Der Wettbewerb hat für alle
Universitäten einen unglaublich hohen Stellenwert.
Das merkt man jetzt auch auf Tagungen, darauf sprechen
einen alle Kollegen an. Auch innerhalb der Universität
hat man großen Zuspruch bekommen.
Der Innovationspreis, den ich im letzten Jahr bekommen
habe, war auch ein sehr großer Erfolg, auch nicht
unwichtig für die Uni, aber eher eine persönliche
Sache. Ein Erfolg im jetzigen Wettbewerb ist für
die Universität und für mich sehr viel wichtiger.
Wenn der Cluster und die Elite-Universität durchkommen,
werden alle etwas davon haben. Für die Außenwahrnehmung
ist es bereits jetzt ein sehr großer Erfolg für
die RUB.
Proteinnetzwerke im Verbund
Die genetische Information steuert zwar das Geschehen
in der Zelle, aber was bei den Lebensvorgängen
tatsächlich passiert, kann man dem Gen-Code nicht
entnehmen. Dazu muss man verstehen, wie Tausende von
Proteinen (Eiweißen) in der Zelle miteinander
in Beziehung treten, sich gegenseitig beeinflussen und
ihrerseits von anderen Molekülen und Signalen aus
der Umgebung beeinflusst werden. Geht dabei etwas schief,
können Krankheiten, zum Beispiel Krebs, entstehen.
Auf Proteinnetzwerken beruhen praktisch alle Lebensprozesse.
Um sie zu untersuchen, wollen Biochemiker, Biologen,
Biophysiker, Mediziner und Informatiker ihre besten
Ideen und modernsten Methoden bündeln, in einem
Verbund, an dem neben der Ruhr-Universität und
der Universität Dortmund das Max-Planck-Institut
für Molekulare Physiologie beteiligt ist. Unter
der Federführung des Bochumer Biophysikers Prof.
Klaus Gerwert hat sich die Gruppe in der Vorrunde des
Exzellenzwettbewerbs durchgesetzt und war am 12. Januar
von der DFG zur Einreichung eines voll ausgearbeiteten
Antrags zum Forschungscluster „Proteinnetzwerke“
aufgefordert worden, am 13. April legte sie den Vollantrag
vor.
Im Erfolgsfall würde an den beiden Mitgliedshochschulen
der Universitätsallianz Metropole Ruhr eine der
größten Proteinforschungseinrichtungen Europas
entstehen, die von der Grundlagenforschung bis zur medizinischen
und biotechnologischen Anwendung reicht.
Beteiligte Professoren der Ruhr-Universität
Bochum als Principal Investigators:
Prof. Klaus Gerwert, Prof. Ralf Erdmann, Prof. Roger
Goody, Prof. Hanns Hatt, Prof. Ulrich Kück, Prof.
Helmut E. Meyer, Prof. Matthias Rögner, Prof. Wolff
Schmiegel, Prof. Christian Herrmann, Prof. Alfred Wittinghofer.
Weitere 32 Professoren und Wissenschaftler der RUB sind
als participating scientist beteiligt.
In Kooperation mit der Universität Dortmund und
dem Max Planck-Institut für molekulare Physiologie
Dortmund.
md
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