Zu Gast
bei den Jungen
Nach 37 Berufsjahren geht es zurück in den Hörsaal
Der Quantitätenkollaps hat mir es angetan
– ein Phänomen, das während der Entstehung
der romanischen Sprachen eine wichtige Rolle spielte.
Und genau darüber und das politisch-kulturelle
Umfeld, in dem diese Sprachen sich bis heute entwickelt
haben, wollte ich mehr erfahren – als Gasthörer
an der Ruhr-Universität Bochum.
Es hat mich also gepackt: Nach 37 Jahren sitze
ich wieder in einem Hörsaal. Die Themen sind mir
vertraut, denn Sprache war das gesamte Berufsleben hindurch
mein Handwerkszeug – allerdings „nur“
in ihrer praktischen Anwendung. Und das kam so: Nach
dem Studium des Französischen und Spanischen im
Fachbereich Angewandte Sprachwissenschaft der Universität
Mainz in Germersheim war ich Konferenzdolmetscher, Leiter
eines Sprachendienstes, Pressesprecher bei Mannesmann
und dann Leiter der internen Kommunikation bei Siemens.
Erste Lernerfolge
Ein bescheidener Lernerfolg hat sich nach einem Semester
schon eingestellt: Ich weiß, warum sich das Französische
vom Lateinischen viel weiter entfernt hat als das Italienische.
Ich kenne die Hintergründe des heftigen Widerstreites
zwischen der profanen und der religiösen Literatur
im spanischen Goldenen Zeitalter. Und ich weiß,
dass der Quantitätenkollaps das Vokalsystem des
klassischen Lateinischen im Vulgärlatein radikal
reduziert hat.
Mein Da capo als Student begann Ende Oktober 2006. Ich
näherte mich meiner ersten Vorlesung im HGB 10
mit gemischten Gefühlen und mit einer stilechten,
aber nicht zu trendigen Umhängetasche. Wie ist
es, wenn ein „Älterer“ die Arena betritt?
Werden die Studierenden mich auffällig mustern,
sich viel sagende Blicke zuwerfen oder mich gar länger
beobachten? Nichts von alledem. Die demonstrative Selbstverständlichkeit,
mit der man meine Anwesenheit registrierte, war beruhigend.
Allerdings: Ein bisschen mehr hätten sie schon
schauen können …
Zur Routine im studentischen Alltag scheinen Gasthörer
jedenfalls nicht zu gehören, denn in keiner meiner
Vorlesungen habe ich einen „von meiner Sorte“
gesichtet. Wie viele sind es überhaupt in Bochum?
Welche Vorlesungen besuchen sie? Soll man sich mal treffen?
Meinem Ego tat es gut, dass sich nach einer Weile vor
allem in den überschaubar frequentierten Vorlesungen
Gespräche ergaben. Eines davon hat sich sogar bis
zu einem Kaffee in das Edward’s verlagert. Klar
bleibt es nicht aus, dass ich ein wenig beneidet werde:
Schließlich könne ich alles relaxed und stressfrei
angehen, mich treibe kein Lernen für die Klausuren
oder die Jagd nach Credit Points, sagte man mir. Stimmt!
Aber trotzdem – oder gerade deswegen? –
würde ich gern noch viel mehr erfahren, warum der
eine oder die andere Romanistik studiert und welche
Vorstellungen sie von „später“ haben.
Aber das ist wahrscheinlich schon zu privat.
Unruhe im Hörsaal
Den Vergleichen zu früher kann ich mich natürlich
nicht entziehen – die Studierenden von heute werden
dies in 30 oder 40 Jahren bestimmt auch nicht können.
Was ist also anders? Was hat sich nicht geändert?
Eines ist gleich geblieben: Die Klapptische knallen
und knarren so laut wie einst und sind ebenso mehr oder
minder kreativ verziert wie „zu meiner Zeit“.
In Bochum geht es nur internationaler zu: Einritzungen
in Griechisch und Arabisch.
Auch das lockere Verhältnis zwischen Studierenden
und Professoren zum Beispiel beim Gespräch nach
den Vorlesungen fällt auf. Es hat aber auch eine
Kehrseite: die Unruhe. Besonders während der vollen
Vorlesungen. Das Erscheinen des Professors und seine
Vorbereitungen werden durchaus wahrgenommen, mindern
jedoch nicht den Geräuschpegel. Irgendwie kehrt
nach ein paar Sätzen mühsam eine relative
Ruhe ein. Ein (etwa mit List?) eingestreuter Zaubersatz
wie „Vielleicht an dieser Stelle eine Bemerkung
zur Klausur“ schafft hingegen sofortige Beruhigung.
Eine Mit-Studentin eröffnete mir am Semesterende:
„Die Profs behandeln die Studierenden so, als
ob sie schon erwachsen wären. Wenn sie aber einmal
richtig losdonnern würden, wäre das Thema
Unruhe für das ganze Semester erledigt!“
Hört, hört. Vielleicht hat das nette Zweitsemester
ja recht...
Bewegende Worte
Gasthörer, sei nicht so streng! Also: Ich bewundere
die Studierenden, wenn sie erstaunlich cool die langen
Aufenthalte vor und in den Aufzügen mit Geduld
ertragen oder bei der Reader-Ausgabe nach der Vorlesung
der Versuchung des Körpereinsatzes widerstehen.
Das hat absolute Vorbildfunktion für viele Menschen
da draußen, zum Beispiel beim Bäcker oder
am Flughafenschalter.
Und Studierende können Sympathie und Hochachtung
zeigen. So gesehen Anfang Februar bei der Abschiedsveranstaltung
für Prof. Manfred Tietz. Für den scheidenden
Hispanisten gab es von den Laudatoren viel Humoriges,
bewegende Worte und hohe Anerkennung. Und von den Studierenden
eine mit viel – ja, man darf es so nennen –
Liebe vorbereitete Theaterszene in Spanisch, einen gelungenen
Telefon-Sketch und ein Album mit persönlichen Abschiedsworten
samt Foto. Sehr nett gemacht!
Man hat es (hoffentlich) schon gemerkt: Ich fühle
mich an der Ruhr-Universität wohl, lerne eine Menge
dazu und bleibe vielleicht dabei geistig fit. So bin
ich auch in diesem Semester wieder dabei: Romanistik,
na klar – mit kurzen Ausflügen in die deutsche
Klassik.
Gasthörer an der RUB
Im Wintersemester 2006/07 waren an der Ruhr-Uni 268
Gasthörer/innen eingeschrieben, die meisten davon
in der Fakultät für Geschichtswissenschaft
(102), gefolgt von der Fakultät für Philologie
(64). Romanistik bzw. Romanische Philologie belegten
neben dem Autoren Lothar Schwengler elf weitere Gasthörer/innen.
Die große Mehrzahl (166) der Gäste im letzten
Semester war über 60 Jahre alt, zwei von ihnen
waren sogar jenseits der 80. Insgesamt sind mehr Männer
(163) als Frauen (105) als Gast eingeschrieben (Quelle:
Gasthörer-Statistik der RUB – nach Alter,
Geschlecht und 1. Studienfach, Stand Dezember 2006).
Lothar
Schwengler/ad
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