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RUBENS 114

1. April 2007

Zu Gast bei den Jungen


Nach 37 Berufsjahren geht es zurück in den Hörsaal


Der Quantitätenkollaps hat mir es angetan – ein Phänomen, das während der Entstehung der romanischen Sprachen eine wichtige Rolle spielte. Und genau darüber und das politisch-kulturelle Umfeld, in dem diese Sprachen sich bis heute entwickelt haben, wollte ich mehr erfahren – als Gasthörer an der Ruhr-Universität Bochum.

Es hat mich also gepackt: Nach 37 Jahren sitze ich wieder in einem Hörsaal. Die Themen sind mir vertraut, denn Sprache war das gesamte Berufsleben hindurch mein Handwerkszeug – allerdings „nur“ in ihrer praktischen Anwendung. Und das kam so: Nach dem Studium des Französischen und Spanischen im Fachbereich Angewandte Sprachwissenschaft der Universität Mainz in Germersheim war ich Konferenzdolmetscher, Leiter eines Sprachendienstes, Pressesprecher bei Mannesmann und dann Leiter der internen Kommunikation bei Siemens.

Erste Lernerfolge

Ein bescheidener Lernerfolg hat sich nach einem Semester schon eingestellt: Ich weiß, warum sich das Französische vom Lateinischen viel weiter entfernt hat als das Italienische. Ich kenne die Hintergründe des heftigen Widerstreites zwischen der profanen und der religiösen Literatur im spanischen Goldenen Zeitalter. Und ich weiß, dass der Quantitätenkollaps das Vokalsystem des klassischen Lateinischen im Vulgärlatein radikal reduziert hat.
Mein Da capo als Student begann Ende Oktober 2006. Ich näherte mich meiner ersten Vorlesung im HGB 10 mit gemischten Gefühlen und mit einer stilechten, aber nicht zu trendigen Umhängetasche. Wie ist es, wenn ein „Älterer“ die Arena betritt? Werden die Studierenden mich auffällig mustern, sich viel sagende Blicke zuwerfen oder mich gar länger beobachten? Nichts von alledem. Die demonstrative Selbstverständlichkeit, mit der man meine Anwesenheit registrierte, war beruhigend. Allerdings: Ein bisschen mehr hätten sie schon schauen können …
Zur Routine im studentischen Alltag scheinen Gasthörer jedenfalls nicht zu gehören, denn in keiner meiner Vorlesungen habe ich einen „von meiner Sorte“ gesichtet. Wie viele sind es überhaupt in Bochum? Welche Vorlesungen besuchen sie? Soll man sich mal treffen?
Meinem Ego tat es gut, dass sich nach einer Weile vor allem in den überschaubar frequentierten Vorlesungen Gespräche ergaben. Eines davon hat sich sogar bis zu einem Kaffee in das Edward’s verlagert. Klar bleibt es nicht aus, dass ich ein wenig beneidet werde: Schließlich könne ich alles relaxed und stressfrei angehen, mich treibe kein Lernen für die Klausuren oder die Jagd nach Credit Points, sagte man mir. Stimmt! Aber trotzdem – oder gerade deswegen? – würde ich gern noch viel mehr erfahren, warum der eine oder die andere Romanistik studiert und welche Vorstellungen sie von „später“ haben. Aber das ist wahrscheinlich schon zu privat.

Unruhe im Hörsaal

Den Vergleichen zu früher kann ich mich natürlich nicht entziehen – die Studierenden von heute werden dies in 30 oder 40 Jahren bestimmt auch nicht können. Was ist also anders? Was hat sich nicht geändert? Eines ist gleich geblieben: Die Klapptische knallen und knarren so laut wie einst und sind ebenso mehr oder minder kreativ verziert wie „zu meiner Zeit“. In Bochum geht es nur internationaler zu: Einritzungen in Griechisch und Arabisch.
Auch das lockere Verhältnis zwischen Studierenden und Professoren zum Beispiel beim Gespräch nach den Vorlesungen fällt auf. Es hat aber auch eine Kehrseite: die Unruhe. Besonders während der vollen Vorlesungen. Das Erscheinen des Professors und seine Vorbereitungen werden durchaus wahrgenommen, mindern jedoch nicht den Geräuschpegel. Irgendwie kehrt nach ein paar Sätzen mühsam eine relative Ruhe ein. Ein (etwa mit List?) eingestreuter Zaubersatz wie „Vielleicht an dieser Stelle eine Bemerkung zur Klausur“ schafft hingegen sofortige Beruhigung.
Eine Mit-Studentin eröffnete mir am Semesterende: „Die Profs behandeln die Studierenden so, als ob sie schon erwachsen wären. Wenn sie aber einmal richtig losdonnern würden, wäre das Thema Unruhe für das ganze Semester erledigt!“ Hört, hört. Vielleicht hat das nette Zweitsemester ja recht...

Bewegende Worte

Gasthörer, sei nicht so streng! Also: Ich bewundere die Studierenden, wenn sie erstaunlich cool die langen Aufenthalte vor und in den Aufzügen mit Geduld ertragen oder bei der Reader-Ausgabe nach der Vorlesung der Versuchung des Körpereinsatzes widerstehen. Das hat absolute Vorbildfunktion für viele Menschen da draußen, zum Beispiel beim Bäcker oder am Flughafenschalter.
Und Studierende können Sympathie und Hochachtung zeigen. So gesehen Anfang Februar bei der Abschiedsveranstaltung für Prof. Manfred Tietz. Für den scheidenden Hispanisten gab es von den Laudatoren viel Humoriges, bewegende Worte und hohe Anerkennung. Und von den Studierenden eine mit viel – ja, man darf es so nennen – Liebe vorbereitete Theaterszene in Spanisch, einen gelungenen Telefon-Sketch und ein Album mit persönlichen Abschiedsworten samt Foto. Sehr nett gemacht!
Man hat es (hoffentlich) schon gemerkt: Ich fühle mich an der Ruhr-Universität wohl, lerne eine Menge dazu und bleibe vielleicht dabei geistig fit. So bin ich auch in diesem Semester wieder dabei: Romanistik, na klar – mit kurzen Ausflügen in die deutsche Klassik.

Gasthörer an der RUB
Im Wintersemester 2006/07 waren an der Ruhr-Uni 268 Gasthörer/innen eingeschrieben, die meisten davon in der Fakultät für Geschichtswissenschaft (102), gefolgt von der Fakultät für Philologie (64). Romanistik bzw. Romanische Philologie belegten neben dem Autoren Lothar Schwengler elf weitere Gasthörer/innen. Die große Mehrzahl (166) der Gäste im letzten Semester war über 60 Jahre alt, zwei von ihnen waren sogar jenseits der 80. Insgesamt sind mehr Männer (163) als Frauen (105) als Gast eingeschrieben (Quelle: Gasthörer-Statistik der RUB – nach Alter, Geschlecht und 1. Studienfach, Stand Dezember 2006).



 

 

Lothar Schwengler/ad
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Letzte Änderung: 30.3.2007| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik