Kartell
der Diplom-Hexen
Bochumer
Religionswissenschaftler erforschen die Esoterik-Szene
in NRW
Feng Shui, Bachblüten, Rebirthing und
andere esoterische Praktiken haben längst ihren
obskuren Charakter verloren. Sie werden allein in NRW
jährlich von 150.000 Menschen nachgefragt. Es gibt
Zentren, Institute, Messen und Bücher, für
die sich vor allem Frauen interessieren. Das ergab eine
aktuelle Studie im Rahmen des Projekts „Religiöse
Vielfalt in NRW“ am Lehrstuhl für Religionswissenschaft.
Sie ist zugleich die erste wissenschaftliche Untersuchung
der Esoterik-Szene in NRW.
Aus allen Ecken dringt Musik, die Klangliege mit Didgeridoo-Begleitung
lädt zum Träumen ein, Räucherkerzen verbreiten
aromatische Düfte – dabei lauern überall
Prophezeiungen, Astrologen deuten schicksalhafte Begebenheiten
und gegen „tatsächliche“ Gefahren wie
Elektrosmog und Erdstrahlung werden Strahlungspyramiden
oder Amulette angeboten. „Ganzheitlich denkende
Menschen“ vom Aurafotografen über den Schamanen
bis hin zur Wahrsagerin informieren den Besucher der
„ESO D’ AIX“ in Aachen – einer
jährlich stattfindenden Esoterikmesse – über
Engelkontakte, die Heilwirkung von Edelsteinen und andere
magische Dinge.
Daneben gibt es eine Fülle von kostenlosen Vorträgen
aus den Grenzbereichen von Therapie, Religion und Wissenschaft:
Ob Reinkarnation, die „politische Dimension von
Wasser“, Schamanismus oder pendelgestützte
Lebensberatung, all dies soll dem Kunden Lebenshilfe,
Persönlichkeitsentwicklung und Sinnfindung in Aussicht
stellen. Auch dem wissenschaftlichen Beobachter wird
hier Einblick gewährt in ein neu entstandenes transzendentales
Gewerbe, in dessen Mittelpunkt Heil, Heilung sowie die
Einweihung in heilsrelevantes Wissen und magische Kräfte
stehen.
Uralte Weisheiten
Durch ihren Rekurs auf übersinnliche Instanzen
zu Fragen von Lebenssinn und Lebensführung leisten
auch diese Heilsdienstleistungen einen wesentlichen
Beitrag zur multireligiösen Kultur unserer Zeit.
Vor allem unter dem Etikett „Esoterik“ firmierende
Angebote erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Im eigentlichen
Wortsinn verweist der Begriff „Esoterik“
auf Weltanschauungen, die nur einem Kreis von Eingeweihten
und Erleuchteten zugänglich sind.
Doch die gegenwärtige Esoterik tritt höchst
exoterisch auf. Der „Psychoboom“ mit seinen
verschiedenen religiös beladenen Therapieformen
und Selbsterfahrungstechniken hat dazu beigetragen,
ehemals exotisches Wissen über magische und religiöse
Praktiken im Alltagsbewusstsein vieler Menschen zu verankern:
„Feng Shui“, „Tarot“, „Bachblüten“,
„Rebirthing“, „Aurareinigung“,
„Astrologie“, „Geoästhesie“,
„Meditation“ und „Hypnose“ sind
keine elitären, obskuren Praktiken mehr, sondern
werden als „uralte Weisheiten“ zunehmend
Teil der Freizeitgestaltung breiter gesellschaftlicher
Schichten.
Auch in Nordrhein-Westfalen hat eine Vielzahl von spirituellen
Lehrinstituten, Verlagen, Therapiezentren, Buchläden
und Esoterik-Geschäften in den letzten Jahren ihre
Arbeit aufgenommen. Wie das Projekt „Religiöse
Vielfalt in NRW“ am Lehrstuhl für Religionswissenschaft
(s. Info) zeigt, sind neue Religionen und Esoterik-Anbieter
vor allem in städtischen Gebieten entlang der Rheinschiene
und im Ruhrgebiet zu finden (s. Grafik). Sie widmen
sich der „Entwicklung des Bewusstseins“,
der „Persönlichkeit“, der Erlangung
„spiritueller Erfahrungen“ oder der „Wiederherstellung
des Einklangs mit den natürlichen Kräften
der Schöpfung“.
Mittlerweile bieten über 2.500 Zentren, Institute
und Heilpraxen in NRW esoterische Dienste an. Zu über
90 Prozent von Frauen geführt und zu mehr als der
Hälfte auch von Frauen nachgefragt genügen
diese Einrichtungen und Angebote vor allem dem Emanzipationsanspruch
höherer Bildungsschichten. Frauen finden in dieser
– im Gegensatz zu anderen Religionen – nicht
von Männern dominierten Welt einen Ausgleich zum
„Alltagstrott“.
Immer neue Moden von Heilsdienstleistungen erweitern
kundengerecht aufbereitet meist als bunte Mixtur aus
„religiösen“, „spirituellen“,
„ganzheitlichen“ oder „okkultistischen“
Therapien das Angebot. Einfach und schnell handhabbare
Heilsgüter sind für viele Menschen zu einem
wichtigen Bezugspunkt der Lebensführung geworden:
„Ein Edelstein gibt neue Kräfte“, „Bachblüten
heilen Leib und Seele“, „Ist dieser Mann
der Richtige für meine Tochter? Die Astrologie
hält die Antwort parat“. Die neuen Sinnstiftungsofferten
werden in NRW jährlich von rund 150.000 Menschen
nachgefragt – das ergab ebenfalls die Bochumer
Studie.
Ganzheitliche Wertorientierung
Die Produzenten und Konsumenten des neuen Heilsgeschehens
stammen überwiegend aus einer neuen Mittelschicht
mit ganzheitlicher Wertorientierung. Angehörige
der neuen sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufe
werden zu Pionieren des alternativen religiösen
Lebensstils. Dabei besteht ein enger Zusammenhang von
alternativen Praktiken und solchen, wie sie von Berufsgruppen
im gesundheitlichen, psychosozialen und pädagogischen
Bereich ausgeübt werden. Esoterik-Anbieter nutzen
die neureligiösen magischen Techniken für
ihre berufliche Repräsentationsarbeit und zugleich
zur Stilisierung der eigenen Lebensführung: „In
unserer Praxis und im privaten Leben wird ganzheitlich
gedacht und gearbeitet“.
Unübersehbar entsteht ein neuer Markt der „Esoterik“,
auf dem Waren und Dienstleistungen mit spirituellem
Mehrwert beworben und verkauft werden. Eine Vielzahl
freigewerblicher Ritendesigner relativiert nicht nur
die Geltung etablierter religiöser Heilsversprechen,
die neuen Heilspropheten wetteifern vor allem untereinander
um die Gunst der Klienten. Die verschärfte Konkurrenzsituation
in der neureligiösen Szene führt zu einer
Professionalisierung und Popularisierung des Heilsgeschehens.
Neue Heilsberufe kämpfen um Reputation auf dem
freigewerblichen Heilermarkt, schließen sich zu
Verbänden zusammen, geben sich ethische Richtlinien
oder weisen sich durch Zertifikate aus. Derzeit versuchen
etwa selbsternannte „Diplom-Hexen“, sich
kartellartig zusammenzuschließen und durch ein
Gütesiegel die Absatzchancen ihrer Dienstleistungen
zu sichern.
Heilsanbieter sind auch Unternehmer unter Marktbedingungen
und damit gezwungen, metaphysisch-religiöse Importe
aus aller Welt „marktgerecht“ zu verkaufen
und aktiv auf die institutionellen Rahmenbedingungen
des Geschäfts mit dem Seelenheil einzuwirken. Neun
Milliarden Euro pro Jahr lassen sich Bundesbürger
die Suche nach dem Sinn des Lebens kosten, rechnete
2004 die Dresdner Bank aus. Weitere Indizien für
den transzendenten Aufschwung liefert der Buchmarkt:
Im letzten Jahrzehnt wuchs der Umsatz mit Esoterikbüchern
um das Zweieinhalbfache, die monatliche Auflage hat
die Grenze von 500.000 Exemplaren durchstoßen.
20 Esoterikmessen
Seinen sinnbildlichen Ausdruck findet der neue religiöse
Markt auf Esoterikmessen. Deutschlandweit locken jährlich
über 20 solcher Messen jeweils mehr als 6.000 Besucher
an. Einem orientalischen Basar gleich, kann sich der
Sinnsuchende hier aus vielfältigen Heilsofferten
seine individuelle Religiosität zusammenbasteln.
Für die Esoterik-Anhänger hebt sich die bunte
Vielfalt der Angebote wohltuend ab von einer als starr
und überkommen erlebten kirchlichen Bevormundung.
Hier lässt sich ganz unverbindlich auswählen,
was augenblicklich interessiert. Die verfassungsmäßig
garantierte Glaubensfreiheit scheint sich damit zusehends
auch praktisch zu verwirklichen: Glaubenssysteme, religiöse
Praktiken, Mythen und Bilder sind zu allseitiger, individueller
Nutzung freigegeben.
Info Karte der religiösen Landschaft NRW
Über 9.000 Datensätze liefert die weltweit
erste Studie, die Religionsgemeinschaften (RG) und ihre
Mitglieder flächendeckend erfasst. Auf dieser Basis
entstand eine interaktive Karte der religiösen
Landschaft NRW, die wiederum Ausgangpunkt für weitere
religionswissenschaftliche Fragestellungen ist (religiöse
Diversität, Migration und Integration, Parallelgesellschaften
etc.). Rund 280 religiöse Gemeinschaften und Strömungen,
die landesweit auf etwa 7.000 Gemeinden und Ortsgruppen
verteilt sind, sprechen zunächst für eine
starke Pluralisierung der Gesellschaft. Dennoch ist
NRW mit 42 Prozent Katholiken und 28 Prozent Protestanten
ein überdurchschnittlich katholisch geprägtes
Land. Weiterhin wurden erfasst: Muslime (2,8%), kleinere
christliche RG (1%), Orthodoxe Kirche (0,5%), Jüdische
Gemeinden (0,2%), östliche und neue Religionen
sowie Esoterikszene (1%). 25 Prozent der Bevölkerung
gehören keiner religiösen Gemeinschaft an.
Das Projekt „Religiöse Vielfalt in NRW“
unter Leitung von Prof. Dr. Volkhard Krech (Religionswissenschaft,
Evangelisch-Theologische Fakultät) wird durch das
Land NRW gefördert.
Interaktive Karte und Kurztexte unter: www.religion-plural.org
Markus
Hero, Lehrstuhl für Religionswissenschaft
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