„Neue
Witze, bitte!“
Nach drei
Extrajahren geht Prof. Karl-Richard Bausch Ende Februar
(fast) in Pension
„Ich wollte meinen Traumberuf möglichst
lange ausüben“, sagt Karl-Richard Bausch.
Er ist der erste Professor der Ruhr-Uni, der erst mit
68 (statt mit 65) in den Ruhestand geht. Dreimal verlängerte
der Sprachlehrforscher seine Dienstzeit um jeweils ein
Jahr und schöpfte so die maximale Verweildauer
im öffentlichen Dienst restlos aus. Warum er dies
tat und warum er seinen Studierenden zusätzlich
noch ein paar Vorlesungen schenkt, darüber sprach
Prof. Bausch mit Arne Dessaul.
RUBENS: Herr Prof. Bausch, Sie hätten sich
vor drei Jahren zur Ruhe setzen können. Warum taten
Sie das nicht?
Prof. Bausch: Ich wollte meinen Traumberuf des Hochschullehrers
möglichst lange ausüben. Damit meine ich zwar
auch die Tätigkeit im Bereich der Forschung, in
erster Linie jedoch das Unterrichten und den direkten
Kontakt zu jungen Menschen. Außerdem war ich an
drei Projekten beteiligt, die von meinen eigentlichen
fakultätsinternen Verpflichtungen losgelöst
waren und die ich unbedingt im Einvernehmen mit dem
Rektorat noch weiter voranbringen wollte: das Zentrum
für Lehrerbildung, das Zentrum für Fremdsprachenausbildung
und insbesondere den Test 'Deutsch als Fremdsprache
(TestDaF).’
Bei all dem kam mir glücklicherweise der Zufall
zu Hilfe. Etwa vier Wochen vor meinem Ausscheiden im
Februar 2004 wurde in NRW ein Gesetz beschlossen, das
Hochschullehrern die Möglichkeit gibt, ihre Dienstzeit
um maximal drei Jahre zu verlängern. Davon habe
ich liebend gerne Gebrauch gemacht. Ich hätte es
allerdings nicht getan, wenn es in der Sprachlehrforschung
ausreichend wissenschaftlichen Nachwuchs gegeben hätte
und entsprechend viele Bewerber für meine Nachfolge.
Dann hätte ich nicht im Weg stehen wollen. Genauso
sehen das übrigens auch andere Kollegen hier an
der Uni, die mit dem Gedanken spielen oder spielten,
ihre Dienstzeit zu verlängern.
Alte Rechnungen
RUBENS: Sie waren der erste, der diese neue Möglichkeit
nutzte – funktionierte das problemlos?
Prof. Bausch: Sagen wir mal vorsichtig: Nicht so ganz!
Die Philologie-Fakultät als erste Entscheidungsinstanz
tat sich unerwartet schwer. Offenbar gab es einige jüngere
Kollegen - so vermute ich -, die bei dieser Gelegenheit
alte Rechnungen begleichen und die Verlängerung
verhindern wollten. Das hat mich schon gewaltig überrascht
und persönlich sehr getroffen, auch dass weder
der Dekan noch ein anderer Funktionsträger der
Fakultät sozusagen kraft Amtes - wenn ich das richtig
mitbekommen habe - energisch genug eingegriffen haben.
Ich habe mich nachweislich immer sehr engagiert, weit
über meine eigentlichen Aufgaben als Hochschullehrer
einer Fakultät hinaus. Vielleicht gefiel das einigen
nicht - und dass ich unter Umständen für bestimmte
Kollegen nicht immer bequem genug gewesen bin …
RUBENS: Ihr Fakultätskollege Prof. Manfred Tietz
hatte ähnliche Probleme, so weit man hört?
Prof. Bausch: Ja, das habe ich ebenfalls vernommen,
auch ihm wurden wohl viele Knüppel zwischen die
Beine geworfen, zwei Jahre nach mir. Auch er ist eben
jemand, der weit über sein Institut hinaus gewirkt
hat. Da gibt es meines Erachtens leider einige höchst
unerfreuliche Parallelen zwischen seinem Fall und dem
meinigen.
RUBENS: Sie haben immer jeweils um ein Jahr verlängert.
Daraus könnte man schließen, dass Sie die
Verlängerungen niemals bereut haben.
Prof. Bausch: Das habe ich weiß Gott wirklich
nie bereut. Man konnte laut Gesetz ohnehin nur Jahr
für Jahr verlängern. Zum Glück waren
allerdings bei allen drei Verlängerungen als letztendliche
Entscheidungsinstanzen ausschließlich das Rektorat
bzw. das NRW-Wissenschaftsministerium zuständig
und hier klappte alles erfreulich reibungslos, wofür
ich unglaublich dankbar bin.
5 parallele Ordnungen
RUBENS: Hatten Sie in den drei verlängerten
Jahren die gleichen Rechte und Pflichten wie zuvor?
Prof. Bausch: Ja, das ist so vom Gesetzgeber förmlich
vorgegeben, obwohl auch dieses Faktum so mancher Kollege
komischerweise nicht wahr haben wollte.
RUBENS: Ganz fiktiv gefragt: Wenn es möglich wäre,
würden Sie dann noch das eine oder andere Jahr
dran hängen?
Prof. Bausch (lacht): An sich schon, warum denn eigentlich
nicht? Schauen Sie doch mal in andere Länder. In
die USA oder nach Kanada zum Beispiel, dort können
Hochschullehrer ganz selbstverständlich sogar bis
zum Lebensende im Dienst bleiben, alles Andere wäre
politisch nicht korrekt. Auch deutsche Kollegen werden
ja nach ihrer Pensionierung sehr gezielt von Universitäten
in Nordamerika abgeworben und hängen noch ein paar
Jahre dran, weil man dort auf ihr Expertenwissen einfach
nicht verzichten will. Aber vielleicht ändert sich
die Situation auch zunehmend bei uns. Ministerin Schavan
jedenfalls hat erst kürzlich öffentlich in
Frage gestellt, dass Hochschullehrer und auch andere
Experten automatisch mit 65 aufhören müssen.
Um jedoch Querelen der oben angesprochenen Art zu vermeiden
- so Schavan - sollte von Fall zu Fall die Entscheidung
an Gutachten von auswärtigen Fachvertretern gebunden
werden, was ich außerordentlich begrüßen
würde. Im Übrigen fühle ich mich persönlich
noch ausgesprochen fit. Die Bestätigung hierfür
finde ich in den regelmäßigen Evaluierungen
durch die Studierenden, bei denen ich nach wie vor im
„öbersten“ Bereich liege, wie man im
Schwäbischen sagt - auch wenn neulich mal jemand
an den Rand des Evaluationsbogens geschrieben hat: „Herr
Bausch, bitte endlich mal wieder neue Witze!“
RUBENS: Lassen Sie uns noch über die Ruhr-Uni sprechen.
Sie sind seit 35 Jahren hier. Da dürfte sich einiges
gewandelt haben. Welches sind die aus Ihrer Sicht wesentlichen
Veränderungen?
Prof. Bausch: Ich nenne da mal einige Stichworte: Zurückgehen
der Ressourcen, zunehmende Bürokratisierung, permanente
Veränderungen in der Lehrerausbildung. Zeitweise
existierten da parallel fünf verschiedene Ordnungen!
Auf der anderen Seite habe ich mich an der Ruhr-Uni
immer sehr wohl gefühlt, ich habe das Interdisziplinäre
und die Funktionalität sehr geschätzt, da
war und ist die Ruhr-Uni anderen Universitäten
weit überlegen. Nicht umsonst habe ich Rufe nach
Hamburg, Frankfurt und Klagenfurt abgelehnt, obwohl
dies allesamt sehr reizvolle Städte mit hohem Freizeitwert
sind!
Noch ein Geschenk
RUBENS: In 32 Jahren haben sich bestimmt allerhand
prägnante Ereignisse angesammelt. Würden Sie
lieber über Ihr schönstes oder über Ihr
schlimmstes Erlebnis an der Ruhr-Uni sprechen?
Prof. Bausch: Zum Glück gab es zahllose schöne
und erfolgreiche Erlebnisse. Das Schlimmste war wirklich
ausgerechnet gegen Ende meiner beruflichen Laufbahn
die Infamien um das erste Verlängerungsjahr, das
hat mich - offen gesagt - ob Sie es glauben oder nicht:
rundum zutiefst verletzt!
RUBENS: Noch ein Blick nach vorn. Wie füllen Sie
künftig Ihre Zeit aus?
Prof. Bausch: Zunächst werde ich noch ein Semester
lang meinen wirklichen Traumberuf ausüben, ich
werde im Sommer erneut volle Pulle lehren, natürlich
und gerade als Schwabe unentgeltlich, das bin ich meinen
Studierenden, so meine ich, schlicht schuldig. Übrigens:
Es könnte ja sein, dass mir dann vielleicht auch
noch einmal ein paar neue Witze einfallen! Danach werde
ich - so Gott will! - Privatier. Ende 2007, spätestens
Anfang 2008 geht meine Frau, die im Diplomatischen Dienst
arbeitet, auf einen Botschafterposten, wahrscheinlich
nach Lateinamerika. Ich werde mitgehen, das ist klar
wie das Amen in der Kirch’, und dann werde ich
in der dortigen Botschaft meinen zweiten Traumjob (lacht)
des Chefs der Botschaftskantine übernehmen –
was denn sonst?!
Lebenslauf
Karl-Richard Bausch wurde 1939 in Ravensburg geboren.
Er studierte von 1958 bis 1963 romanische und englische
Philologie, allgemeine Sprachwissenschaft und Philosophie
in Tübingen, Nancy, London, Santander, Straßburg
und Florenz. 1963 wurde er mit 24 Jahren als damals
jüngster Doktorand in Tübingen promoviert.
Auf zahlreiche wissenschaftliche Stationen folgte im
Mai 1972, noch während seines laufenden Habilitationsverfahrens,
der Ruf auf den Lehrstuhl für Sprachlehrforschung
an der Ruhr-Uni und 1991 die Ernennung zum „Ständigen
Gastprofessor“ an der Université de Montréal.
Besonders verdient gemacht hat sich Prof. Bausch um
den Auf- und Ausbau des TestDaF-Instituts an der Ruhr-Uni
und der FernUniversität in Hagen: Der Test ‚Deutsch
als Fremdsprache (TestDaF)’ist das Pendant zum
TOEFL (Test of English as a Foreign Language) und inzwischen
weltweit etabliert und anerkannt. Außerdem hat
Prof. Bausch sich auf zahlreichen Gebieten der Sprachlehr-
und -lernforschung engagiert. Er war darüber hinaus
für die Ruhr-Uni über zwei Jahrzehnte hinweg
Vertrauensdozent der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG); zudem initiierte er den Aufbau des Zentrums für
Lehrerbildung (und ist bis Ende Februar noch dessen
Geschäftsführender Leiter), ebenso das neue
Zentrum für Fremdsprachenausbildung. Für sein
wissenschaftliches und sprachenpolitisches Engagement
erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen,
u. a. den italienischen Ritterorden und den Orden „palmes
académiques“ im Rang eines Offiziers der
französischen Republik.
Zum Ende seiner Dienstzeit in diesem Semester schenkt
Prof. Bausch der RUB eine Seminarreihe mit namhaften
externen Experten. Unter der Frage, wie das Lehren und
Lernen von (Fremd-)Sprachen weitergeht, stehen Visionen
für die Zukunft im Mittelpunkt. Die öffentliche
Reihe läuft – mit großem Zuspruch –
seit dem 9. Januar dienstags ab 16.15 h in GB 5/160
(Fakultätssitzungssaal). Beim letzten Termin am
6. Februar ist Prof. Hans-Jürgen Krumm (Uni Wien)
zu Gast.
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