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RUBENS 113

1. Februar 2007

„Neue Witze, bitte!“

Nach drei Extrajahren geht Prof. Karl-Richard Bausch Ende Februar (fast) in Pension




„Ich wollte meinen Traumberuf möglichst lange ausüben“, sagt Karl-Richard Bausch. Er ist der erste Professor der Ruhr-Uni, der erst mit 68 (statt mit 65) in den Ruhestand geht. Dreimal verlängerte der Sprachlehrforscher seine Dienstzeit um jeweils ein Jahr und schöpfte so die maximale Verweildauer im öffentlichen Dienst restlos aus. Warum er dies tat und warum er seinen Studierenden zusätzlich noch ein paar Vorlesungen schenkt, darüber sprach Prof. Bausch mit Arne Dessaul.

RUBENS: Herr Prof. Bausch, Sie hätten sich vor drei Jahren zur Ruhe setzen können. Warum taten Sie das nicht?
Prof. Bausch: Ich wollte meinen Traumberuf des Hochschullehrers möglichst lange ausüben. Damit meine ich zwar auch die Tätigkeit im Bereich der Forschung, in erster Linie jedoch das Unterrichten und den direkten Kontakt zu jungen Menschen. Außerdem war ich an drei Projekten beteiligt, die von meinen eigentlichen fakultätsinternen Verpflichtungen losgelöst waren und die ich unbedingt im Einvernehmen mit dem Rektorat noch weiter voranbringen wollte: das Zentrum für Lehrerbildung, das Zentrum für Fremdsprachenausbildung und insbesondere den Test 'Deutsch als Fremdsprache (TestDaF).’
Bei all dem kam mir glücklicherweise der Zufall zu Hilfe. Etwa vier Wochen vor meinem Ausscheiden im Februar 2004 wurde in NRW ein Gesetz beschlossen, das Hochschullehrern die Möglichkeit gibt, ihre Dienstzeit um maximal drei Jahre zu verlängern. Davon habe ich liebend gerne Gebrauch gemacht. Ich hätte es allerdings nicht getan, wenn es in der Sprachlehrforschung ausreichend wissenschaftlichen Nachwuchs gegeben hätte und entsprechend viele Bewerber für meine Nachfolge. Dann hätte ich nicht im Weg stehen wollen. Genauso sehen das übrigens auch andere Kollegen hier an der Uni, die mit dem Gedanken spielen oder spielten, ihre Dienstzeit zu verlängern.

Alte Rechnungen

RUBENS: Sie waren der erste, der diese neue Möglichkeit nutzte – funktionierte das problemlos?
Prof. Bausch: Sagen wir mal vorsichtig: Nicht so ganz! Die Philologie-Fakultät als erste Entscheidungsinstanz tat sich unerwartet schwer. Offenbar gab es einige jüngere Kollegen - so vermute ich -, die bei dieser Gelegenheit alte Rechnungen begleichen und die Verlängerung verhindern wollten. Das hat mich schon gewaltig überrascht und persönlich sehr getroffen, auch dass weder der Dekan noch ein anderer Funktionsträger der Fakultät sozusagen kraft Amtes - wenn ich das richtig mitbekommen habe - energisch genug eingegriffen haben. Ich habe mich nachweislich immer sehr engagiert, weit über meine eigentlichen Aufgaben als Hochschullehrer einer Fakultät hinaus. Vielleicht gefiel das einigen nicht - und dass ich unter Umständen für bestimmte Kollegen nicht immer bequem genug gewesen bin …

RUBENS: Ihr Fakultätskollege Prof. Manfred Tietz hatte ähnliche Probleme, so weit man hört?
Prof. Bausch: Ja, das habe ich ebenfalls vernommen, auch ihm wurden wohl viele Knüppel zwischen die Beine geworfen, zwei Jahre nach mir. Auch er ist eben jemand, der weit über sein Institut hinaus gewirkt hat. Da gibt es meines Erachtens leider einige höchst unerfreuliche Parallelen zwischen seinem Fall und dem meinigen.

RUBENS: Sie haben immer jeweils um ein Jahr verlängert. Daraus könnte man schließen, dass Sie die Verlängerungen niemals bereut haben.
Prof. Bausch: Das habe ich weiß Gott wirklich nie bereut. Man konnte laut Gesetz ohnehin nur Jahr für Jahr verlängern. Zum Glück waren allerdings bei allen drei Verlängerungen als letztendliche Entscheidungsinstanzen ausschließlich das Rektorat bzw. das NRW-Wissenschaftsministerium zuständig und hier klappte alles erfreulich reibungslos, wofür ich unglaublich dankbar bin.

5 parallele Ordnungen

RUBENS: Hatten Sie in den drei verlängerten Jahren die gleichen Rechte und Pflichten wie zuvor?
Prof. Bausch: Ja, das ist so vom Gesetzgeber förmlich vorgegeben, obwohl auch dieses Faktum so mancher Kollege komischerweise nicht wahr haben wollte.

RUBENS: Ganz fiktiv gefragt: Wenn es möglich wäre, würden Sie dann noch das eine oder andere Jahr dran hängen?
Prof. Bausch (lacht): An sich schon, warum denn eigentlich nicht? Schauen Sie doch mal in andere Länder. In die USA oder nach Kanada zum Beispiel, dort können Hochschullehrer ganz selbstverständlich sogar bis zum Lebensende im Dienst bleiben, alles Andere wäre politisch nicht korrekt. Auch deutsche Kollegen werden ja nach ihrer Pensionierung sehr gezielt von Universitäten in Nordamerika abgeworben und hängen noch ein paar Jahre dran, weil man dort auf ihr Expertenwissen einfach nicht verzichten will. Aber vielleicht ändert sich die Situation auch zunehmend bei uns. Ministerin Schavan jedenfalls hat erst kürzlich öffentlich in Frage gestellt, dass Hochschullehrer und auch andere Experten automatisch mit 65 aufhören müssen. Um jedoch Querelen der oben angesprochenen Art zu vermeiden - so Schavan - sollte von Fall zu Fall die Entscheidung an Gutachten von auswärtigen Fachvertretern gebunden werden, was ich außerordentlich begrüßen würde. Im Übrigen fühle ich mich persönlich noch ausgesprochen fit. Die Bestätigung hierfür finde ich in den regelmäßigen Evaluierungen durch die Studierenden, bei denen ich nach wie vor im „öbersten“ Bereich liege, wie man im Schwäbischen sagt - auch wenn neulich mal jemand an den Rand des Evaluationsbogens geschrieben hat: „Herr Bausch, bitte endlich mal wieder neue Witze!“

RUBENS: Lassen Sie uns noch über die Ruhr-Uni sprechen. Sie sind seit 35 Jahren hier. Da dürfte sich einiges gewandelt haben. Welches sind die aus Ihrer Sicht wesentlichen Veränderungen?
Prof. Bausch: Ich nenne da mal einige Stichworte: Zurückgehen der Ressourcen, zunehmende Bürokratisierung, permanente Veränderungen in der Lehrerausbildung. Zeitweise existierten da parallel fünf verschiedene Ordnungen! Auf der anderen Seite habe ich mich an der Ruhr-Uni immer sehr wohl gefühlt, ich habe das Interdisziplinäre und die Funktionalität sehr geschätzt, da war und ist die Ruhr-Uni anderen Universitäten weit überlegen. Nicht umsonst habe ich Rufe nach Hamburg, Frankfurt und Klagenfurt abgelehnt, obwohl dies allesamt sehr reizvolle Städte mit hohem Freizeitwert sind!

Noch ein Geschenk

RUBENS: In 32 Jahren haben sich bestimmt allerhand prägnante Ereignisse angesammelt. Würden Sie lieber über Ihr schönstes oder über Ihr schlimmstes Erlebnis an der Ruhr-Uni sprechen?
Prof. Bausch: Zum Glück gab es zahllose schöne und erfolgreiche Erlebnisse. Das Schlimmste war wirklich ausgerechnet gegen Ende meiner beruflichen Laufbahn die Infamien um das erste Verlängerungsjahr, das hat mich - offen gesagt - ob Sie es glauben oder nicht: rundum zutiefst verletzt!

RUBENS: Noch ein Blick nach vorn. Wie füllen Sie künftig Ihre Zeit aus?
Prof. Bausch: Zunächst werde ich noch ein Semester lang meinen wirklichen Traumberuf ausüben, ich werde im Sommer erneut volle Pulle lehren, natürlich und gerade als Schwabe unentgeltlich, das bin ich meinen Studierenden, so meine ich, schlicht schuldig. Übrigens: Es könnte ja sein, dass mir dann vielleicht auch noch einmal ein paar neue Witze einfallen! Danach werde ich - so Gott will! - Privatier. Ende 2007, spätestens Anfang 2008 geht meine Frau, die im Diplomatischen Dienst arbeitet, auf einen Botschafterposten, wahrscheinlich nach Lateinamerika. Ich werde mitgehen, das ist klar wie das Amen in der Kirch’, und dann werde ich in der dortigen Botschaft meinen zweiten Traumjob (lacht) des Chefs der Botschaftskantine übernehmen – was denn sonst?!


Lebenslauf

Karl-Richard Bausch wurde 1939 in Ravensburg geboren. Er studierte von 1958 bis 1963 romanische und englische Philologie, allgemeine Sprachwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Nancy, London, Santander, Straßburg und Florenz. 1963 wurde er mit 24 Jahren als damals jüngster Doktorand in Tübingen promoviert. Auf zahlreiche wissenschaftliche Stationen folgte im Mai 1972, noch während seines laufenden Habilitationsverfahrens, der Ruf auf den Lehrstuhl für Sprachlehrforschung an der Ruhr-Uni und 1991 die Ernennung zum „Ständigen Gastprofessor“ an der Université de Montréal.
Besonders verdient gemacht hat sich Prof. Bausch um den Auf- und Ausbau des TestDaF-Instituts an der Ruhr-Uni und der FernUniversität in Hagen: Der Test ‚Deutsch als Fremdsprache (TestDaF)’ist das Pendant zum TOEFL (Test of English as a Foreign Language) und inzwischen weltweit etabliert und anerkannt. Außerdem hat Prof. Bausch sich auf zahlreichen Gebieten der Sprachlehr- und -lernforschung engagiert. Er war darüber hinaus für die Ruhr-Uni über zwei Jahrzehnte hinweg Vertrauensdozent der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG); zudem initiierte er den Aufbau des Zentrums für Lehrerbildung (und ist bis Ende Februar noch dessen Geschäftsführender Leiter), ebenso das neue Zentrum für Fremdsprachenausbildung. Für sein wissenschaftliches und sprachenpolitisches Engagement erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen, u. a. den italienischen Ritterorden und den Orden „palmes académiques“ im Rang eines Offiziers der französischen Republik.
Zum Ende seiner Dienstzeit in diesem Semester schenkt Prof. Bausch der RUB eine Seminarreihe mit namhaften externen Experten. Unter der Frage, wie das Lehren und Lernen von (Fremd-)Sprachen weitergeht, stehen Visionen für die Zukunft im Mittelpunkt. Die öffentliche Reihe läuft – mit großem Zuspruch – seit dem 9. Januar dienstags ab 16.15 h in GB 5/160 (Fakultätssitzungssaal). Beim letzten Termin am 6. Februar ist Prof. Hans-Jürgen Krumm (Uni Wien) zu Gast.



 


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