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RUBENS 113

1. Februar 2007

Lebhafte Tandems

Innovativer Kultur- und Sprachaustausch am Romanischen Seminar






Fremde Sprachen und Kulturen können deutsche Studierende nicht nur im Ausland erlernen. Mit ein wenig Phantasie können beispielsweise Spanien und Lateinamerika auch in den Bochumer Seminarraum geholt werden. Wenn dann noch Muttersprachler von dort dazukommen, die Deutsch lernen möchten, ist es nahezu perfekt – zu beobachten ist das in den Tandemkursen am Romanischen Seminar.

Donnerstagnachmittag an der Ruhr-Uni. Im GB haben sich einige Lernwillige versammelt, um im sog. Tandemkurs der Romanistik einen offenen Kultur- und Sprachaustausch zu betreiben. Studierende sitzen in Zweier- und Dreiergruppen zusammen und sprechen wild durcheinander: deutsch und spanisch. Die Lautstärke ist beachtlich. Die Gespräche laufen kreuz und quer durch den Raum und wieder zurück.
Doch der erste Eindruck täuscht. Was sich hier versammelt hat, sind zum größten Teil Deutsche. Nur ein paar der Spanisch sprechenden Teilnehmer (Gaststudierende, die für ein halbes bzw. ein ganzes Jahr in Bochum sind) sind bisher anwesend. Woran das liegt? Nun, der Kurs beginnt um exakt 16 Uhr. „Aber das nehmen die Spanier nicht so genau.“, sagen die Deutschen. „Es ist ja erst viertel nach.“ Aus der anderen Ecke schallt es: „Wenn ich in meinem Auslandssemester wäre, würde ich auch zu keinem Kurs pünktlich erscheinen.“

Verdammte Pünktlichkeit

Doch dann kommen sie. Die Tür öffnet sich, herein spazieren Spanier, Argentinier, Chilenen, Mexikaner und Venezuelaner. Wegen ihrer Unpünktlichkeit sind sie sich keiner Schuld bewusst. Schlimmer noch, sie können sich den Anflug eines Grinsens nicht verkneifen. Diese verdammte deutsche Pünktlichkeit. Aber auch sie gehört zum kulturellen Austausch.
Ins Leben gerufen wurde das Projekt von Jürgen Niemeyer (Romanistik). In diesem Wintersemester war es zunächst als Ersatz für einen einsemestrigen Auslandsaufenthalt gedacht, der für den Abschluss eines Romanistik-Studiums verbindlich ist. Das betrifft allerdings nur wenige Teilnehmer, denn angerechnet wird der Kurs nur in begründeten Ausnahmefällen. Die meisten machen den Kurs freiwillig und ohne Aussicht auf Kreditpunkte. Dass das Konzept dennoch aufgeht, zeigt sich an der großen Nachfrage. Über 200 Anmeldungen wurden abgegeben – eine Zahl, die bei nur 60 Spanisch-Muttersprachlern nicht jedem die Chance zur Teilnahme gab.
Für die, bei denen es geklappt hat, beginnt nun der Kurs. Frontalunterricht findet nicht statt. Stattdessen verteilen die studentischen Mentoren Hanna Krebs und Frank Chuchrak Zettel. Sie sollen Anregungen zu Gesprächsthemen liefern: Es geht um Vorurteile zwischen den Kulturen, um Geschichte oder um Geographie. Beim gemeinsamen Lernen wäscht eine Hand die andere. Die Sprachen wechseln sich ab: Bei manchen nach Minuten, bei anderen nach Gefühl.

Freies Lernen

„Niemand wird hier zum Lernen gezwungen“, sagen die Kursleiter. „Das Prinzip heißt freies Lernen. Die Studenten sind für ihren Lernerfolg selbst verantwortlich. Wer kein Interesse hat, wird sich auch nicht jeden Donnerstag aufraffen, hier zu erscheinen.“ Doch dieses Interesse ist da: „Es ist eine der besten und interessantesten Erfahrungen, die wir bis jetzt in unserem Studium gemacht haben“, schwärmt das Tandem Johanna Groß-Thebing und Jesus Aray Fuentes. Sabrina Tschiche und Araceli Santana Santana erklären die Vorzüge des Kurses sogar zweisprachig: „Aqui en el curso de tandém lernen wir nicht nur die spanische und deutsche Sprache sino tambíen sobre diferentas marcas de cervezas und über die spanisch-lateinamerikanische Herzlichkeit.“
Um die Gruppe noch weiter aneinander zu binden, organisieren die Verantwortlichen gemeinsame Events. Den Anfang machte ein Salsa-Abend im November, zuletzt ging es im Januar zur Brauereibesichtigung nach Krombach, denn, und da sind sich alle Teilnehmer einig, die Cerveza gehört untrennbar zur deutschen Kultur.
Das Prinzip funktioniert bestens. Es geht sogar noch einen Schritt weiter, denn schnell haben sich Freundschaften gebildet, die über die zwei Stunden Kurs pro Woche hinausgehen. Man verabredet sich zu Videoabenden, geht zusammen ins Kino oder besucht die Spiele des VfL. Bei manchen Tandem-„Pärchen“ ist schon jetzt abzusehen, wie schwer die Trennung im Februar oder im Juli ausfallen wird.
Ein Wunsch der Gaststudierenden blieb allerdings unerhört: ihren Familien beim Heimatbesuch über Weihnachten vom Schnee in Deutschland zu berichten. Der Dezember war einfach zu warm. Vielleicht haben die Studenten im nächsten Wintersemester mehr Glück, denn eines steht jetzt schon fest: Das Projekt läuft weiter.



 


Andreas Jägers
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