Lebhafte
Tandems
Innovativer
Kultur- und Sprachaustausch am Romanischen Seminar
Fremde Sprachen und Kulturen können deutsche
Studierende nicht nur im Ausland erlernen. Mit ein wenig
Phantasie können beispielsweise Spanien und Lateinamerika
auch in den Bochumer Seminarraum geholt werden. Wenn
dann noch Muttersprachler von dort dazukommen, die Deutsch
lernen möchten, ist es nahezu perfekt – zu
beobachten ist das in den Tandemkursen am Romanischen
Seminar.
Donnerstagnachmittag an der Ruhr-Uni. Im GB haben sich
einige Lernwillige versammelt, um im sog. Tandemkurs
der Romanistik einen offenen Kultur- und Sprachaustausch
zu betreiben. Studierende sitzen in Zweier- und Dreiergruppen
zusammen und sprechen wild durcheinander: deutsch und
spanisch. Die Lautstärke ist beachtlich. Die Gespräche
laufen kreuz und quer durch den Raum und wieder zurück.
Doch der erste Eindruck täuscht. Was sich hier
versammelt hat, sind zum größten Teil Deutsche.
Nur ein paar der Spanisch sprechenden Teilnehmer (Gaststudierende,
die für ein halbes bzw. ein ganzes Jahr in Bochum
sind) sind bisher anwesend. Woran das liegt? Nun, der
Kurs beginnt um exakt 16 Uhr. „Aber das nehmen
die Spanier nicht so genau.“, sagen die Deutschen.
„Es ist ja erst viertel nach.“ Aus der anderen
Ecke schallt es: „Wenn ich in meinem Auslandssemester
wäre, würde ich auch zu keinem Kurs pünktlich
erscheinen.“
Verdammte Pünktlichkeit
Doch dann kommen sie. Die Tür öffnet sich,
herein spazieren Spanier, Argentinier, Chilenen, Mexikaner
und Venezuelaner. Wegen ihrer Unpünktlichkeit sind
sie sich keiner Schuld bewusst. Schlimmer noch, sie
können sich den Anflug eines Grinsens nicht verkneifen.
Diese verdammte deutsche Pünktlichkeit. Aber auch
sie gehört zum kulturellen Austausch.
Ins Leben gerufen wurde das Projekt von Jürgen
Niemeyer (Romanistik). In diesem Wintersemester war
es zunächst als Ersatz für einen einsemestrigen
Auslandsaufenthalt gedacht, der für den Abschluss
eines Romanistik-Studiums verbindlich ist. Das betrifft
allerdings nur wenige Teilnehmer, denn angerechnet wird
der Kurs nur in begründeten Ausnahmefällen.
Die meisten machen den Kurs freiwillig und ohne Aussicht
auf Kreditpunkte. Dass das Konzept dennoch aufgeht,
zeigt sich an der großen Nachfrage. Über
200 Anmeldungen wurden abgegeben – eine Zahl,
die bei nur 60 Spanisch-Muttersprachlern nicht jedem
die Chance zur Teilnahme gab.
Für die, bei denen es geklappt hat, beginnt nun
der Kurs. Frontalunterricht findet nicht statt. Stattdessen
verteilen die studentischen Mentoren Hanna Krebs und
Frank Chuchrak Zettel. Sie sollen Anregungen zu Gesprächsthemen
liefern: Es geht um Vorurteile zwischen den Kulturen,
um Geschichte oder um Geographie. Beim gemeinsamen Lernen
wäscht eine Hand die andere. Die Sprachen wechseln
sich ab: Bei manchen nach Minuten, bei anderen nach
Gefühl.
Freies Lernen
„Niemand wird hier zum Lernen gezwungen“,
sagen die Kursleiter. „Das Prinzip heißt
freies Lernen. Die Studenten sind für ihren Lernerfolg
selbst verantwortlich. Wer kein Interesse hat, wird
sich auch nicht jeden Donnerstag aufraffen, hier zu
erscheinen.“ Doch dieses Interesse ist da: „Es
ist eine der besten und interessantesten Erfahrungen,
die wir bis jetzt in unserem Studium gemacht haben“,
schwärmt das Tandem Johanna Groß-Thebing
und Jesus Aray Fuentes. Sabrina Tschiche und Araceli
Santana Santana erklären die Vorzüge des Kurses
sogar zweisprachig: „Aqui en el curso de tandém
lernen wir nicht nur die spanische und deutsche Sprache
sino tambíen sobre diferentas marcas de cervezas
und über die spanisch-lateinamerikanische Herzlichkeit.“
Um die Gruppe noch weiter aneinander zu binden, organisieren
die Verantwortlichen gemeinsame Events. Den Anfang machte
ein Salsa-Abend im November, zuletzt ging es im Januar
zur Brauereibesichtigung nach Krombach, denn, und da
sind sich alle Teilnehmer einig, die Cerveza gehört
untrennbar zur deutschen Kultur.
Das Prinzip funktioniert bestens. Es geht sogar noch
einen Schritt weiter, denn schnell haben sich Freundschaften
gebildet, die über die zwei Stunden Kurs pro Woche
hinausgehen. Man verabredet sich zu Videoabenden, geht
zusammen ins Kino oder besucht die Spiele des VfL. Bei
manchen Tandem-„Pärchen“ ist schon
jetzt abzusehen, wie schwer die Trennung im Februar
oder im Juli ausfallen wird.
Ein Wunsch der Gaststudierenden blieb allerdings unerhört:
ihren Familien beim Heimatbesuch über Weihnachten
vom Schnee in Deutschland zu berichten. Der Dezember
war einfach zu warm. Vielleicht haben die Studenten
im nächsten Wintersemester mehr Glück, denn
eines steht jetzt schon fest: Das Projekt läuft
weiter.
Andreas
Jägers
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