Wie
geschmiert
Dekan Prof.
Viktor Scherer zur erfolgreichen Strategie der Fakultät
für Maschinenbau
Ein jährliches Exportvolumen von 90 Mrd. Euro macht
den deutschen Maschinenbau zum Weltmarktführer. Er
ist außerdem ein zuverlässiger Motor der deutschen
Wirtschaft – und benötigt stetig gut ausgebildeten
Nachwuchs. Für ihn sorgt auch die Fakultät für
Maschinenbau der Ruhr-Uni. Nachdem es in den Neunziger
Jahren kontinuierlich bergab gegangen war, werden Studienplätze
in Bochum nun wieder stark nachgefragt, die Auslastungsquote
stieg auf über 100 Prozent. Fürs Wintersemester
2006/07 haben sich rund 600 Studierende für die Studiengänge
der Fakultät eingeschrieben. Mehr Neuimmatrikulierte
gab es nur an der Fakultät für Philologie. Es
läuft also wie geschmiert. Über die Hintergründe
der Erfolge in Lehre und Forschung sprach Arne Dessaul
mit Dekan Prof. Dr.-Ing. Viktor Scherer.
RUBENS: Herr Prof. Scherer, können Sie sich noch
an die schlechteren Tage Ihrer Fakultät erinnern?
Prof. Scherer: Ja, als ich im März 2000 nach Bochum
kam, lag die Auslastungsquote bei etwa 40 Prozent. Bei
so einer großen Fakultät konnte das natürlich
nicht so bleiben, das musste dringend geändert werden.
Krisensicher aufgestellt
RUBENS: Wie hat die Fakultät den Negativtrend
gestoppt?
Prof. Scherer: Mit drei Maßnahmen. Zum einen wurde
die Attraktivität des Maschinenbaustudiums mit
drei neuen Vertiefungsrichtungen erhöht: Ingenieur-Informatik,
Kraftfahrzeug-Antriebstechnik und Micro-Engineering.
Außerdem haben wir zwei neue Studiengänge
sehr erfolgreich eingeführt: Umwelttechnik &
Ressourcenmanagement und Sales Engineering & Product
Management, mit je 150 Studierenden. Damit haben wir
zugleich neue Klientelen gefunden: Frauen, die in den
neuen Studiengängen zu 40 bzw. 30 Prozent vertreten
sind, sowie Studierende weit außerhalb des für
die Ruhr-Universität üblichen Umkreises von
etwa 50 Kilometern. Damit sind wir wesentlich breiter
und sehr krisensicher aufgestellt. Drittens hat die
Fakultät eine PR-Kommission eingerichtet, die gezielt
Aktionen durchgeführt hat, um Schüler anzusprechen.
Wir haben Assistenten und Hilfskräfte in Schulen
geschickt, wir haben einen Konstruktionswettbewerb für
Schüler ausgeschrieben, Werbespots in Kinos gezeigt
und Sponsoren gefunden, die in einem Semester den Sozialbeitrag
für alle Maschinenbaustudierenden übernommen
haben. Man darf aber auch nicht vergessen, dass uns
momentan die Wirtschaftskonjunktur hilft.
RUBENS: Apropos Konjunktur: Trauen Sie dem Maschinenbau
zu, auch in fünf, sechs Jahren so stark zu sein
wie heute? Dann werden viele der jetzigen Erstsemester
auf den Arbeitsmarkt strömen.
Prof. Scherer: Ich bin da sehr zuversichtlich. Der Maschinenbau
ist einer der größten deutschen Arbeitgeber.
Hinzukommen Automobilindustrie, Verfahrenstechnik und
Energiewirtschaft, für die wir ebenfalls Ingenieure
ausbilden. Darüber hinaus haben viele Unternehmen
einen Nachholbedarf bei Einstellungen, vielerorts steht
auch ein Generationenwechsel an.
RUBENS: Zurück zu den Verbesserungsmaßnahmen:
Nun gilt es, das Erreichte zu sichern und auszubauen.
Wissen Sie schon, wie?
Prof. Scherer: Wir müssen die Qualität des
Studiums weiter verbessern, dabei helfen uns auch die
Einnahmen aus den Studienbeiträgen. Bei der anstehenden
Umwandlung vom Diplom auf Bachelor und Master müssen
wir sehr auf die Studierbarkeit achten und sicherstellen,
dass die Regelstudienzeiten für den Bachelor und
für den Master eingehalten werden können.
Dazu gehört beispielsweise, nach jedem Semester
modulweise zu prüfen und mehrere Prüfungstermine
anzubieten.
Bachelor/Master statt Diplom
RUBENS: Wann wird auf Bachelor und Master umgestellt?
Prof. Scherer: Zum Wintersemester 2007/2008. Das ist
eine Landesvorgabe, ab diesem Semester darf man sich
in ganz NRW nicht mehr für Diplomstudiengänge
einschreiben.
RUBENS: Gerade jetzt, wo das Maschinenbau-Diplom derart
nachgefragt wird. Macht es aus Ihrer Sicht überhaupt
Sinn, es durch Bachelor und Master zu ersetzen?
Prof. Scherer: Diese Diskussion ist längst abgeschlossen.
Einige Kollegen hätten das Diplom gerne behalten.
Jetzt aber geht es darum, aus der neuen Situation das
Optimale herauszuholen. Ich denke auch, dass man mit
einem Master genauso gut ausgebildet ist wie mit einem
Diplom.
RUBENS: Wir sind aber ganz vom Thema abgekommen.
Prof. Scherer: Ja, es gibt noch weitere Ideen, das Studium
zu verbessern. Das eine ist die Internationalisierung.
Wenn man daran denkt, dass die Exportquote des deutschen
Maschinenbaus etwa 90 Prozent beträgt, liegt es
auf der Hand, das Studium internationaler zu machen
und unseren Studierenden Praktika und Studienaufenthalte
im Ausland anzubieten. Zurzeit entsteht ein gemeinsamer
Internetauftritt der drei Ingenieurfakultäten,
wo wir über unsere bestehenden Austauschprogramme
etc. informieren. Ab Frühjahr 2007 wird es zudem
einen Doppelmaster geben, gemeinsam von unserer Fakultät
und dem Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg an der
Tongji Universität Shanghai.
RUBENS: Neben den Erfolgen in der Lehre machen die Bochumer
Maschinenbauer auch in der Forschung von sich reden.
2006 startete zum Beispiel ein neuer Sonderforschungsbereich.
Prof. Scherer: Ja, der Transregio Engineering Hybrider
Leistungsbündel, an dem auch die Wirtschaftswissenschaftler
beteiligt sind. Diese Art von Verbundforschung wird
es auch sein, die die Zukunft der Fakultät maßgeblich
mitprägen wird. In dem SFB geht es übrigens
um dynamische Wechselwirkungen von Sach- und Dienstleistungen
in der Produktion. Deshalb profitiert davon auch der
Studiengang Sales Engineering & Product Management.
Product and Service Engineering ist einer der vier Forschungsschwerpunkte
der Fakultät. Ein anderer ist die Materialwissenschaft,
zu der unser SFB Formgedächtnistechnik gehört.
Der dritte Schwerpunkt ist Energie und Umwelt. Hier
entsteht zurzeit das Kompetenzzentrum Thermodynamik
der Gase, das von E.on Ruhrgas und dem Land NRW mit
zwei Millionen Euro gefördert wird. Dann haben
wir noch den Schwerpunkt Micro-Engineering, ein interdisziplinäres
Thema, das wir nur in Kooperation mit anderen Fakultäten
stemmen können.
Jährliche Klausurtagung
RUBENS: Kooperationen sind bei den Ingenieuren
ja nicht ungewöhnlich.
Prof. Scherer: Genau. Sie sind vielfältig. Für
Ingenieure ist die DFG als Drittmittelgeber zwar wichtig
und wir werden uns diesem Wettbewerb verstärkt
stellen, aber für uns sind Industriekooperationen
ebenso wichtig. 30 Prozent meiner Lehrstuhl-Einnahmen
stammen aus der Wirtschaft. Natürlich profitieren
auch die Studierenden von Industriekontakten: nicht
zuletzt bei Diplom- oder Doktorarbeiten.
Darüber hinaus arbeiten wir intensiv mit benachbarten
Forschungseinrichtungen zusammen, unter anderem mit
dem Max Planck Institut für Eisenforschung in Düsseldorf,
dem Forschungszentrum Jülich und dem Deutschen
Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln. Wichtig
für uns ist auch die Partnerschaft mit dem Oberhausener
Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und
Energietechnik, das seit 2004 von einem meiner Fakultätskollegen
geleitet wird, Prof. Eckhard Weidner.
Nicht zu vergessen ist die enge Kooperation mit den
Maschinenbauern der Uni Dortmund. Hier existiert ein
reger Austausch in Lehre und Forschung, der künftig
strukturiert und konsequent ausgebaut wird.
RUBENS: Insgesamt blickt die Fakultät für
Maschinenbau also in eine rosige Zukunft?
Prof. Scherer: Wir sind auf einem sehr guten Weg. Wir
haben in den letzten fünf Jahren das Studium zukunftssicher
gemacht, jetzt optimieren wir die Forschung. Wir planen
unsere Zukunft sehr viel strategischer als in der Vergangenheit,
so führen wir z.B. seit 2001 jedes Jahr eine zweitägige
Klausurtagung durch, um voraus zu denken, Strategien
in Ruhe abzustimmen. Das ist auch notwendig, denn uns
steht ein Generationenwechsel bevor: Bis 2012 werden
neun unserer 20 Professoren ausscheiden.
Maschinenbau Profile
STUDIUM: An der Fakultät für Maschinenbau
sind im laufenden Semester 2.214 Studierende eingeschrieben:
1.230 im Diplomstudiengang Maschinenbau, 86 im Ergänzungsstudiengang
Maschinenbau, 543 für Umwelttechnik & Ressourcenmanagement
(zählen zur Hälfte zur Fakultät für
Bauingenieurwesen) und 355 für Sales Engineering
& Product Management.
Die Studienschwerpunkte im Diplomstudiengang Maschinenbau
sind: Angewandte Mechanik, Energie- und Verfahrenstechnik,
Ingenieur-Informatik, Konstruktions- und Automatisierungstechnik,
Kraftfahrzeug-Antriebstechnik, Micro-Engineering sowie
Werkstoffe.
Umwelttechnik & Ressourcenmanagement (UTRM) ist
ein interdisziplinärer, international ausgerichteter
Diplomstudiengang der Fakultäten Bauingenieurwesen
und Maschinenbau. Er vermittelt seit 2000 einen Überblick
der Bereiche Umwelttechnik und produktionsintegrierter
Umweltschutz und zeigt praxisnah, wie durch optimales
Management Rohstoffe und Energie gespart werden können.
Im 2004 eingeführten Studiengang Sales Engineering
& Product Management (Bachelor/Master) werden Vertriebsingenieure
ausgebildet. Im Gegensatz zu klassischen Maschinenbauern
stellen sie technische Produkte nicht selbst her, sondern
bringen diese an die Kunden. Vertriebsingenieure überwachen
die Produktentstehung und betreuen den Kunden auch nach
der Lieferung.
FORSCHUNG: Die Fakultät für Maschinenbau
konzentriert sich auf vier strategische Forschungsfelder:
Biomedizinische und Mikro-Ingenieurwissenschaft, Energie
und Umwelt, Materialwissenschaft sowie Produkte und
Dienstleistungen. An der Fakultät sind zwei DFG-Sonderforschungsbereiche
angesiedelt (Formgedächtnistechnik; Engineering
Hybrider Leistungsbündel), außerdem die Max
Planck Research School for Surface and Interface Engineering
in Advanced Materials. Etwa 8,5 Mio. Euro Drittmittel
wirbt die Fakultät jährlich ein. Sie ist auch
am Zentrum für Werkstoffsimulation (ICAMS) beteiligt
(RUBENS
111).
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