Kaum
bemerkt
Nach sieben Monaten kennen nur wenige Studierende die
Freie Universität Bochum
Viele erinnern sich noch an die Tumulte in der
öffentlichen Senatssitzung im Audimax. Am 22. Mai
2006 hatten dort die Senatoren den Weg für die
Einführung von Studiengebühren an der Ruhr-Uni
geebnet. Als direkte Konsequenz riefen einige Studenten
die sog. Freie Universität Bochum (FUB) aus und
besetzten das leer stehende Querforum West. In den letzten
sieben Monaten erprobten sie dort eine alternative Universität:
mit Seminaren, Workshops und Kultur. Bislang allerdings
blieb die "Freie Universität" vielen
Studierenden auf dem Campus unbekannt.
Die "Freie Uni" hat ihre Wurzeln großteils
in der Protestbewegung gegen Studiengebühren und
versteht sich als „Protestprojekt gegen gebührenfinanzierte
Bildung“. Aber auch das im Herbst 2006 vom NRW-Landtag
verabschiedete so genannte Hochschulfinanzierungsgesetz
ist den Machern der "FUB" ein Dorn im Auge.
Sie kritisieren beispielsweise den „Rückzug
des Landes aus der finanziellen Verantwortung für
Bildungsangebot, Forschung und Lehre.“ Zudem sehen
die Gründer die "UB" als Plattform für
Studierende und für Mitglieder aus anderen Teilen
der Gesellschaft, um gemeinsam an neuen Ideen und Utopien
zu arbeiten. Bereits unmittelbar nach der Gründung
füllten die Verantwortlichen ihr Konzept mit Inhalten.
Noch im Sommersemester 06 wurden Seminare veranstaltet,
Filme gezeigte und traten Musikgruppen in der ehemaligen
Ersatzmensa auf. Im August lud die "FUB" zu
einem Sommercamp ein und für das Wintersemester
06/07 wurde ein komplettes alternatives Vorlesungsverzeichnis
erstellt: mit Vorträgen, Seminaren, mit der Ringvorlesung
„Ware Bildung“ und der Filmreihe „Venezuela
bolivarisch.“
Keine Erfolgsaussichten
Trotz ihres breiten Angebots und ihrer medialen Präsenz
ist die "Freie Uni" vielen Studierenden unbekannt
geblieben. Das gilt selbst für die Studierenden
in der G-Reihe, die als direkte Nachbarn täglich
am Querforum West vorbei gehen. So hat Sofia, die im
ersten Semester Kunstgeschichte studiert, noch nie etwas
von der "Freien Uni" gehört. Der Name
ist Simon (Pädagogik und Linguistik) zwar ein Begriff
und er hatte auch schon mal einen Flyer der "FUB"
in der Hand, aber über den Grund ihrer Entstehung
weiß er nichts. Diejenigen Studierenden, die die
"Freie Uni" kennen, begrüßen vor
allem das Engagement gegen Studiengebühren. Zu
ihnen gehört Laura, die Germanistik und Pädagogik
studiert. Sie war sogar schon einmal spontan im Querforum
West. An diesem Tag fand dort allerdings kein Programm
statt. „Meiner Meinung nach macht die "Freie
Uni" zu wenig Werbung und so kriegt man von den
Veranstaltungen gar nichts mit“, meint sie. Ähnlich
wie Laura begrüßt auch Juliane, dass sich
Leute gegen Studiengebühren engagieren. Was den
Erfolg der Protestbewegung anbelangt, ist sie jedoch
skeptisch: „Ich glaube nicht, dass das im Endeffekt
was bringen wird“, sagt die Studentin (Medienwissenschaft
und Anglistik).
Ein anderes Kapitel ist die illegale Besetzung des Querforums
West, für die einzelne Mitglieder der "FUB"
verantwortlich sind. Im Mai stand das Gebäude zwar
leer, denn als Ersatzmensa hatte es – mit Wiedereröffnung
der Mensa – ausgedient. Doch das Querforum ist
kein geschlossenes Gebäude. An der Rückwand
gibt es Aussparungen im Mauerwerk, hier waren mobile
Küchen und Sanitäranlagen angedockt. Das bedeutet:
Wenn das Gebäude winterfest gemacht wird, muss
das Wasser abgestellt werden, und dann kann das Gebäude
nicht mehr beheizt und bei Kälte nicht mehr benutzt
werden. Weitere Probleme kamen hinzu: Bei nächtlichen
(falschen) Feueralarmen Mitte Dezember stellte die Feuerwehr
fest, dass jeweils bis zu 20 Personen im Querforum auf
Matratzen schliefen. Der Einsatzleiter beurteilte diese
Situation als „nicht zu vertretende Brandlast“.
Aus Sorge und Verantwortung um die Studierenden, aber
auch, weil der Kanzler im Schadensfall strafrechtlich
haftet, hatten Rektor und Kanzler die Besetzer am 15.
Dezember aufgefordert, das Querforum zu räumen.
Matratzenlager
Bereits zuvor hatte Kanzler Gerhard Möller der
"Freien Uni" mehrfach angeboten, sich als
studentische Initiative eintragen zu lassen. Von Anfang
an hatte das Rektorat zwischen den legitimen und unterstützenswerten
Anliegen der "Freien Uni" und der illegalen
Hausbesetzung differenziert.
Den Antrag stellte die "FUB" am 18. Dezember.
Im Gegenzug bot Rektor Prof. Elmar Weiler der Initiative
einen 73 Quadratmeter großen Raum in GA an. Weitere
Räume für Veranstaltungen könnten die
Mitglieder der "Freien Uni" beantragen.
Vorab müssten die Besetzer jedoch das Querforum
West räumen. Bis zum Redaktionsschluss (21.12.06)
war das – trotz eines Ultimatums des Rektors –
nicht geschehen. Zuletzt hatte Prof. Weiler Strafantrag
gegen die Hausbesetzer gestellt und damit die Angelegenheit
der Polizei übertragen.
Verena
Grimm/ad
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