Vom
Opfer zum Trainer
Absolvent der Ruhr-Uni möchte Kinder für den
Alltag stark machen
Als Schüler am Selmer Gymnasium war Björn
Germek noch selbst das Opfer. Auch das Studium an der
Ruhr-Uni war nicht immer leicht. Aus dem Mobbing und den
Hänseleien, denen er als Stotterer ausgesetzt war,
zog er als Erwachsener eine Konsequenz: Kinder wehrhaft
machen, auf ganz neue Weise.
Kids Defense heißt das Angebot, mit dem Björn
Germek Kindern beibringen möchte, wie sie sich gegen
Mobbing, Ausgrenzung und Angriffe wehren können.
Dabei geht es weniger um klassischen Kampfsport, den der
Trainer auf Ausbilder-Level beherrscht, sondern vor allem
um Wahrnehmung. „Viele Kids merken nicht einmal,
wenn sie beleidigt und ausgegrenzt werden“, weiß
er. „Oder sehen den Angriff als irgendwie berechtigt
an.“ Wie Landvermesser K. aus Franz Kafkas „Schloss“,
der zwar selbst aggressiv agiert, am Ende aber alles mit
sich machen lässt und Chancen zur Befreiung gezielt
verpasst. Diese Psychologie des Scheiterns hat Germek
in seiner Magisterarbeit untersucht, als Germanist, der
die Theorie-Symbiose aus Transaktionsanalyse, Systemtheorie
und Wing Tsun wagte. Anwendungsorientierung einmal anders
gedacht.
Wenn Björn Germek die Kinder in den Seminaren fragt,
wie es ihnen heute geht, erhält er manchmal ein „Warum
fragst du?“ als Gegenfrage. „Weil das entscheidend
ist“, sagt er dann. Im Stress zwischen Schulnoten,
Sportverein, Gitarrenunterricht und dem Mitmachen aller
Trends vergessen die Kinder das Wichtigste: das Gefühl
für den eigenen Körper und die Verfassung von
sich selbst und anderen. Was passiert hier gerade? Wie
fühle ich mich dabei? Wie fühlt der andere sich?
Magische Wirkung
Bei Kids Defense sollen die Kinder lernen, sich selbst
und die Situation zu erfühlen, eigene Bedürfnisse
zu formulieren und potenziellen Angriffen ein klares
inneres „Nein!“ entgegenzusetzen. Eine neue
Erfahrung, die schnell zu einer selbstsicheren Haltung
führen kann. Probleme in der Schule sind danach
häufig wie weggeblasen. „Sie sind keine Opfer
mehr“, erklärt Germek und das bemerken die
anderen.
Björn Germek konnte dieses Phänomen an der
eigenen Entwicklung ablesen. Über Jahre betreuten
seine Eltern ihn als Stotterer in unzähligen Sprachtrainings
– unwissend, dass dies nur seine Rolle als „Behinderter“
festschreiben würde. Bis Germek eines Tages durch
innovative Methoden wie Atemtherapie, Bioenergetik und
die psychologische Schule der Transaktionsanalyse verstand:
Ich bin kein Stotterer, ich muss nicht betreut werden.
Studiert hat Björn Germek an der Ruhr-Uni; Kids
Defense ist zurzeit in Köln stationiert. Doch das
Unternehmen expandiert, da sein Training „magische
Wirkung“ zeigt (wie manche Eltern erstaunt feststellen)
und da die Kinder ihm schnell vertrauen. „Durch
meine eigene Biografie spüren sie, dass ich weiß,
wovon ich rede“, sagt er.
Oliver
Uschmann
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