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RUBENS 112

4. Januar 2007

Zeichnen im Raum


Serie Situation Kunst



Im September 2006 wurde das Erweiterungsgebäude von Situation Kunst (ein Teil der Kunstsammlungen der RUB) eröffnet. Neben bedeutenden Werken der Gegenwartskunst, u. a. von Richard Serra oder Lee Ufan, umfasst der neue Sammlungskomplex auch Werke alter asiatischer und afrikanischer Kunst, die in je einem eigenen Raum präsentiert werden. Punktuell sollen so kulturelle und epochale Lücken der Sammlung geschlossen werden. RUBENS stellt einzelne Exponate des Erweiterungsgebäudes vor, diesmal die 16 Kreisbögen von François Morellet.

Die Arbeiten des 1926 geborenen französischen Künstlers François Morellet wurden der Minimal Art, der Op Art, der Konkreten Kunst, der Lichtkunst und der kinetischen Kunst zugeordnet. Um seinem umfassenden Oeuvre gerecht zu werden, scheint es jedoch lohnender, sich den Werken über den verbindenden Grundgedanken zu nähern, als sich an der zum Teil verwirrenden Vielzahl der künstlerischen Strömungen abzuarbeiten. Morellet selbst nennt als die drei Elemente, die seine Kunst insgesamt charakterisieren den Zufall, die Beteiligung der Betrachter/innen und die Interferenz einfacher Rhythmen.

Komplizierte Berechnungen

Immer beschäftigt sich Morellet mit den Prinzipien System und Zufall und erforscht ihre gegenseitige Bedingtheit. Dieses Problem findet Ausdruck in ganz unterschiedlichen künstlerischen Formen. Die Kunstsammlung der RUB verfügt über mehrere Arbeiten in verschiedenen Medien und gibt so einen aussagekräftigen Einblick in sein Gesamtwerk.
In den auf dem Campus gezeigten Arbeiten überwiegt zunächst die kühle, nahezu mathematische Konstruktionsleistung Morellets. Es handelt sich um Rasterüberlagerungen, die in der Betrachtung erst als chaotisch wahrgenommen werden. Bald aber beginnen wir, das zum Teil einfache Aufbauprinzip zu suchen; es setzt eine unwillkürliche Sehleistung ein, die strukturierend wirkt. Damit sind das Zusammenspiel und die Wechselwirkungen von retinaler (rein sinnlicher) Wahrnehmung und geistiger Erkenntnis thematisiert.
Jedem Werk liegen im Vorfeld festgelegte Prinzipien und Systeme zugrunde, über die die Werktitel teilweise Aufschluss geben. Die Licht-Raum-Installation aus dem Jahre 2003 im Erweiterungsbau der Situation Kunst trägt den Titel „16 Kreisbögen“. Zu sehen sind 16 leicht gekrümmte, rote Leuchtstoffröhren, die an allen vier Wänden des Raumes sowie auf dem Boden verteilt sind und sich dabei teilweise überlagern und manchmal durch den Raum Verbindungen zwischen den Flächen schaffen.
Morellet ging von der regelmäßigen Struktur eines Kreises aus, die er in 16 gleichmäßige Segmente zerlegte. Auch die Positionierung im Raum folgt komplizierten mathematischen Berechnungen. Diese berechnend-konstruktive Vorgehensweise soll den künstlerischen Prozess möglichst neutral machen und den Topos des genialisch aus sich selbst schöpfenden Künstlers unterlaufen. Dieses Programm entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn Morellet Kunstwerke zu „Picknickplätzen“ erklärt, an denen der Betrachter sich mit dem be- und vergnügen muss, was er selbst mitgebracht hat.

Suche nach Unendlichkeit

So setzt auch diese Arbeit den oben beschriebenen Prozess in Gang. Automatisch suchen wir wiederkehrende Muster, doch sobald ein Ordnungsprinzip gefunden scheint, sticht immer mindestens ein Element aus der Struktur heraus und widersetzt sich der Integration in ein regelgeleitetes Schema. Der Prozess findet keinen Abschluss und gleicht damit der zugrunde liegenden Kreisform, die kein Ende und keine Anfang kennt und durch die unendliche Kreiszahl pi berechnet wird.
Die transzendentale Suche nach der Unendlichkeit wird von Morellet allerdings nicht im Sinne einer pythagoreischen Verehrung der Geometrie betrieben, sondern wird immer ironisch gebrochen. Es handelt sich um ein „frivoles Abenteuer“ (so die Worte des Künstlers), das durchaus Elemente eines postmodernen Spiels mit Identitäten als Masken beinhaltet. Nichtsdestotrotz ist Morellet aber klar in einer Tradition der klassischen Moderne zu verorten, bei der vor allem Piet Mondrian zu nennen ist. Seine feine Ironie und sein Humor weisen aber auch durchaus dadaistische Züge auf.
Das Bestreben des Künstlers, die bildnerischen Ausdrucksmittel zu erneuern, führt seit den frühen Sechzigern zum Einsatz von elektrischem Licht in seinen Kunstwerken. Die neuen Materialien sollen neue Erfahrungen in der visuellen Kunst ermöglichen. Dabei interessieren den Künstler die spezifischen Materialeigenschaften der Leuchtstoffröhren: Die Leuchtkraft, die automatische Schaltung und die maschinelle Herstellung. Die Wahl des Mediums ist aber nie Selbstzweck, sondern – im engeren Wortsinne – Mittel in einem künstlerischen Formfindungsprozess.
Die „16 Kreisbögen“ werden in einer Tageslichtsituation gezeigt, weil François Morellet die Arbeit als eine zeichnerische verstanden wissen möchte, bei der die Leuchtstoffröhren ermöglichen, was mit dem Bleistift unmöglich bleibt: Das Zeichnen im Raum.

 




 


Annika Wienert
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Letzte Änderung: 4.1.2007| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik