Zeichnen
im Raum
Serie Situation Kunst
Im September 2006 wurde das Erweiterungsgebäude
von Situation Kunst (ein Teil der Kunstsammlungen der
RUB) eröffnet. Neben bedeutenden Werken der Gegenwartskunst,
u. a. von Richard Serra oder Lee Ufan, umfasst der neue
Sammlungskomplex auch Werke alter asiatischer und afrikanischer
Kunst, die in je einem eigenen Raum präsentiert werden.
Punktuell sollen so kulturelle und epochale Lücken
der Sammlung geschlossen werden. RUBENS stellt einzelne
Exponate des Erweiterungsgebäudes vor, diesmal die
16 Kreisbögen von François Morellet.
Die Arbeiten des 1926 geborenen französischen Künstlers
François Morellet wurden der Minimal Art, der Op
Art, der Konkreten Kunst, der Lichtkunst und der kinetischen
Kunst zugeordnet. Um seinem umfassenden Oeuvre gerecht
zu werden, scheint es jedoch lohnender, sich den Werken
über den verbindenden Grundgedanken zu nähern,
als sich an der zum Teil verwirrenden Vielzahl der künstlerischen
Strömungen abzuarbeiten. Morellet selbst nennt als
die drei Elemente, die seine Kunst insgesamt charakterisieren
den Zufall, die Beteiligung der Betrachter/innen und die
Interferenz einfacher Rhythmen.
Komplizierte Berechnungen
Immer beschäftigt sich Morellet mit den Prinzipien
System und Zufall und erforscht ihre gegenseitige Bedingtheit.
Dieses Problem findet Ausdruck in ganz unterschiedlichen
künstlerischen Formen. Die Kunstsammlung der RUB
verfügt über mehrere Arbeiten in verschiedenen
Medien und gibt so einen aussagekräftigen Einblick
in sein Gesamtwerk.
In den auf dem Campus gezeigten Arbeiten überwiegt
zunächst die kühle, nahezu mathematische Konstruktionsleistung
Morellets. Es handelt sich um Rasterüberlagerungen,
die in der Betrachtung erst als chaotisch wahrgenommen
werden. Bald aber beginnen wir, das zum Teil einfache
Aufbauprinzip zu suchen; es setzt eine unwillkürliche
Sehleistung ein, die strukturierend wirkt. Damit sind
das Zusammenspiel und die Wechselwirkungen von retinaler
(rein sinnlicher) Wahrnehmung und geistiger Erkenntnis
thematisiert.
Jedem Werk liegen im Vorfeld festgelegte Prinzipien
und Systeme zugrunde, über die die Werktitel teilweise
Aufschluss geben. Die Licht-Raum-Installation aus dem
Jahre 2003 im Erweiterungsbau der Situation Kunst trägt
den Titel „16 Kreisbögen“. Zu sehen
sind 16 leicht gekrümmte, rote Leuchtstoffröhren,
die an allen vier Wänden des Raumes sowie auf dem
Boden verteilt sind und sich dabei teilweise überlagern
und manchmal durch den Raum Verbindungen zwischen den
Flächen schaffen.
Morellet ging von der regelmäßigen Struktur
eines Kreises aus, die er in 16 gleichmäßige
Segmente zerlegte. Auch die Positionierung im Raum folgt
komplizierten mathematischen Berechnungen. Diese berechnend-konstruktive
Vorgehensweise soll den künstlerischen Prozess
möglichst neutral machen und den Topos des genialisch
aus sich selbst schöpfenden Künstlers unterlaufen.
Dieses Programm entbehrt nicht einer gewissen Ironie,
wenn Morellet Kunstwerke zu „Picknickplätzen“
erklärt, an denen der Betrachter sich mit dem be-
und vergnügen muss, was er selbst mitgebracht hat.
Suche nach Unendlichkeit
So setzt auch diese Arbeit den oben beschriebenen Prozess
in Gang. Automatisch suchen wir wiederkehrende Muster,
doch sobald ein Ordnungsprinzip gefunden scheint, sticht
immer mindestens ein Element aus der Struktur heraus
und widersetzt sich der Integration in ein regelgeleitetes
Schema. Der Prozess findet keinen Abschluss und gleicht
damit der zugrunde liegenden Kreisform, die kein Ende
und keine Anfang kennt und durch die unendliche Kreiszahl
pi berechnet wird.
Die transzendentale Suche nach der Unendlichkeit wird
von Morellet allerdings nicht im Sinne einer pythagoreischen
Verehrung der Geometrie betrieben, sondern wird immer
ironisch gebrochen. Es handelt sich um ein „frivoles
Abenteuer“ (so die Worte des Künstlers),
das durchaus Elemente eines postmodernen Spiels mit
Identitäten als Masken beinhaltet. Nichtsdestotrotz
ist Morellet aber klar in einer Tradition der klassischen
Moderne zu verorten, bei der vor allem Piet Mondrian
zu nennen ist. Seine feine Ironie und sein Humor weisen
aber auch durchaus dadaistische Züge auf.
Das Bestreben des Künstlers, die bildnerischen
Ausdrucksmittel zu erneuern, führt seit den frühen
Sechzigern zum Einsatz von elektrischem Licht in seinen
Kunstwerken. Die neuen Materialien sollen neue Erfahrungen
in der visuellen Kunst ermöglichen. Dabei interessieren
den Künstler die spezifischen Materialeigenschaften
der Leuchtstoffröhren: Die Leuchtkraft, die automatische
Schaltung und die maschinelle Herstellung. Die Wahl
des Mediums ist aber nie Selbstzweck, sondern –
im engeren Wortsinne – Mittel in einem künstlerischen
Formfindungsprozess.
Die „16 Kreisbögen“ werden in einer
Tageslichtsituation gezeigt, weil François Morellet
die Arbeit als eine zeichnerische verstanden wissen
möchte, bei der die Leuchtstoffröhren ermöglichen,
was mit dem Bleistift unmöglich bleibt: Das Zeichnen
im Raum.
Annika
Wienert
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