Gefährliche
Risse
Das Studienbüro sieht sich mit einem veränderten
Beratungsbedarf konfrontiert
In einem Monat stehen bei Nina* wichtige Prüfungen
an. Aber sie kann sich einfach nicht aufs Lernen konzentrieren.
Stress mit ihrem Freund und die Sorge, ob das Geld für
diesen Monat reicht, lenken sie ab. Zweifel, ob das Studium
wirklich die richtige Wahl für sie ist, plagen sie
schon das ganze Semester. Aber einfach so aufgeben will
Nina nicht: Sie wendet sich an die Psychologische Beratung
des Studienbüros.
Hier kennt man Fälle wie den von Nina gut. „Früher
kamen die Studenten größtenteils mit konstruktiven
Identitätsfragen“, erinnert sich Diplom-Psychologe
Michael Egeri, Mitarbeiter des Beratungsteams. „Sie
wollten herausfinden, wo ihre Stärken liegen und
welche Wege ihnen im Leben offen stehen.“ Heute
dagegen kommen nicht nur wesentlich mehr Studierende zur
psychologische Beratung, sie kommen vor allem mit Sorgen
und Selbstzweifeln. Viele schaffen es nicht mehr, den
Anforderungen eines straffen Stundenplans in den gestuften
Studiengängen gerecht zu werden. Das Tempo ist für
sie zu hoch – vor allem, wenn sie sich ihren Lebensunterhalt
durch einen Nebenjob finanzieren müssen.
Kleinere Nöte, wie sie wohl jeder von Zeit zu Zeit
kennt, verschärfen sich dann schnell, wenn die Betroffenen
keine Auszeit nehmen können. Stattdessen müssen
sie weiter nach außen hin funktionieren. Daraus
können sich Depressionen und Angsterkrankungen entwickeln,
die seit einigen Jahren in der Beratungsstelle die häufigsten
- der jährlich bis zu 500 - Fälle darstellen.
Ursachen finden
Im ersten Beratungsgespräch kann Nina über
ihre Sorgen sprechen. „Dass einfach jemand da
ist, der zuhört, tut den meisten Studenten in dieser
Situation bereits sehr gut“, berichtet Michael
Egeri aus langjähriger Erfahrung. In weiteren Sitzungen
wird geklärt, in welchem Bereich die Ursache der
Probleme liegt, denn oft sind die augenscheinlichen
Sorgen nur Symptome.
Warum es wichtig ist, bei jedem Ratsuchenden ganz konkret
und persönlich die Ursachen seiner Sorgen zu suchen,
erklärt Egeri so: „Unser seelisches Wohlbefinden
ruht auf den fünf Säulen Familie/Freunde,
Arbeit, Wohnung, Gesundheit und Werten. Gibt es in einer
dieser Säulen Risse, können die übrigen
Säulen ihre Stützfunktion mit übernehmen.“
Aber in je mehr Säulen sich Schwächen zeigen,
desto labiler wird das seelische Gleichgewicht. Deshalb
reicht es nicht, die Symptome zu kurieren, vielmehr
muss das gesamte Fundament wieder tragfähig gemacht
werden.
Bei Nina überschneiden sich mehrere Sorgen. Zum
einen die Angst vor der wichtigen Prüfung, zum
anderen private Sorgen. Sobald diese Kernprobleme identifiziert
worden sind, sucht der Berater nach Lösungsmöglichkeiten.
Bei realistischen Ängsten, etwa der Furcht vor
einer Prüfung bei einem besonders strengen Professor,
können Bewältigungsstrategien hinterfragt
und neu entwickelt werden. Auch die Simulation der gefürchteten
Situation kann viel helfen: Je öfter man sich dieser
Situation aussetzt, desto routinierter kann man damit
umgehen. Wichtig ist auch, die eigenen Ängste zu
akzeptieren, denn nur dann können sie auch geändert
werden.
Nina will es noch einmal versuchen mit dem Studium.
Sie wird einen Kurs über Lernstrategien besuchen,
die Probleme mit ihrem Freund angehen und sich langfristig
nach einem anderen Nebenjob umsehen. „Viele Studenten
können wir vor einem Studienabbruch bewahren“,
sagt Michal Egeri. Aber auch denen, die ihr Studium
nicht mehr weiterführen wollen, kann die Beratungsstelle
helfen. Sie arbeitet u. a. eng mit dem Arbeitsamt und
dem Career Service der Uni zusammen.
Die Psychologische Beratung des Studienbüros wird
auch von Studierenden aus Dortmund und Essen in Anspruch
genommen. Dort gibt es nur eine Studienberatung ohne
psychologische Betreuung. Vor diesem Hintergrund spricht
Michael Egeri der Uni-Leitung ein Lob dafür aus,
dass sie sich „ einen fürsorglichen Blick
auf ihre Studenten“ leistet.
* Name von der Redaktion geändert
INFO: Das Studienbüro hat seine
Räume im Studierendenhaus (2. Etage). Eine offene
Sprechstunde als erste Anlaufstelle findet Mo-Do jeweils
vormittags (10-12 h, außer dienstags) und nachmittags
(14-16) in Raum 206
Gestiegener Bedarf
Die Beobachtungen des Studienbüros decken sich
mit denen des Deutschen Studentenwerkes (DSW), das ebenfalls
Psychologische Beratungsstellen betreibt. 2005 fanden
dort bundesweit 130.000 soziale und psychologische Beratungsgespräche
statt – über 20.000 mehr als 2004. „Dieser
Anstieg zeigt, dass Studenten in Deutschland angesichts
der Vielzahl von Hochschulreformen unter Druck stehen“,
erklärte DSW-Geschäftsführer Achim Meyer
auf der Heide.
Mareike
Begemann
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