Ganz oder gar
nicht
Prof. Elmar W. Weiler zu seinem Verständnis des
Rektoramtes
„Bislang war die Forschung mein eigentliches
Hobby. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Amt des
Rektors nun diese Position einnehmen wird.“ Mit
Leib und Seele stürzt sich Prof. Elmar W. Weiler
auf seine neuen Aufgaben. Am 1. Dezember 2006 beginnt
seine Amtszeit. Kurz vorher sprach Arne Dessaul mit
dem Bochumer Pflanzenphysiologen, der bis zur geplanten
Wahl der neuen Prorektoren (14. Dezember) weiterhin
auch für Planung, Struktur und Finanzen zuständig
ist.
RUBENS: Herr Professor Weiler, Sie kennen die Ruhr-Uni
als Student, als Professor, als Dekan, als Senator und
als Prorektor. Jetzt werden Sie ihr Rektor. Wie fühlen
Sie sich wenige Tage vor Beginn Ihrer Amtszeit?
Prof. Weiler: Das ist schon ein ganz besonderes Gefühl,
die Uni, die man einst als Student betreten hat, zu
leiten. Ich freue mich darauf. Wir haben sehr bewegte
Zeiten, das Hochschulwesen in Deutschland befindet sich
im Umbruch. Aber gerade das ist für mich eine sehr
attraktive Herausforderung: die Ruhr-Uni in dieser Zeit
ein Stück weit zu begleiten und Verantwortung zu
übernehmen.
Motive
RUBENS: War das Ihre Motivation, Rektor zu werden?
Prof. Weiler: Ja, auch. Es gibt ein noch persönlicheres
Motiv: Diese Uni hat mir sehr viel gegeben. Jetzt kann
ich ihr einiges davon zurückgeben. Trotzdem habe
ich lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt kandidieren
soll. Immerhin muss ich die Wissenschaft für eine
geraume Zeit an den Nagel hängen. Dabei ist das
meine eigentliche Passion.
RUBENS: Noch steht nicht fest, wie lange Ihre Amtszeit
dauern wird.
Prof. Weiler: Das ist jetzt ein Übergangsrektorat.
Eine der Hauptaufgaben dieses Rektorates wird es sein,
zusammen mit dem Senat und der Universitätsöffentlichkeit
eine neue Verfassung für die Ruhr-Uni auszuarbeiten.
Je schneller das gelingt, desto eher endet meine Amtszeit
und es kann ein neuer Rektor gewählt werden …
RUBENS: … der wieder Sie sein könnten?
Prof. Weiler: Darüber nachzudenken ist völlig
verfrüht. Dass da alle Optionen denkbar sind, das
sehen Sie allein daran, dass an meinem Institut die
Türen für meine Rückkehr ziemlich weit
offen gehalten werden.
RUBENS: Steht schon fest, welches Ihre erste Amtshandlung
als Rektor sein wird?
Prof. Weiler: Nein, der Terminkalender ist in einer
sehr dramatischen Bewegung. Ich schätze, das wird
sich erst sehr kurzfristig entscheiden.
Ziele und Prioritäten
RUBENS: Schon einige Wochen vor Ihrem Amtsantritt
sorgte ein Artikel in der WAZ für Aufsehen. Dort
wurde Ihnen in den Mund gelegt, Sie würden gerne
die drei Ruhrgebietsuniversitäten fusionieren...
Prof. Weiler: Was ich natürlich nicht gesagt habe.
Ums Fusionieren geht es sowieso nicht. Was wir brauchen,
sind starke Kooperationen bis hin zu einer Allianz,
um die Leistungsfähigkeit der Universitäten
im Ruhrgebiet zu erhöhen und weithin sichtbar zu
machen. Die Kollegen in Duisburg-Essen und Dortmund
sind sicherlich der gleichen Meinung. Darüber hinaus
habe ich außerordentlich viele positive Rückmeldungen
aus Politik und Wirtschaft sowie von Kollegen bekommen.
Das bestärkt mich in meinem Vorhaben, die zum Teil
bereits bestehenden Kooperationen und Konzepte mit noch
mehr Leben zu füllen. Wir sollten möglichst
bald handeln.
RUBENS: Überhaupt ist die Ruhr-Uni zuletzt häufig
in den Medien gewesen, meist waren die Meldungen positiv.
Die Liste der jüngsten Erfolge vor allem in der
Forschung ist lang. Welche Erfolge freuen Sie persönlich
am meisten?
Prof. Weiler: Ich habe mich über alle Erfolge gefreut,
nicht nur über die in der Forschung. Ich denke
da an unsere vorbildliche Personalentwicklung, an unsere
ebenso vorbildliche Gleichstellungspolitik – siehe
Familiengerechte Hochschule –, ich denke an unsere
prämierte Vermittlung der Schlüsselqualifikationen
in den gestuften Studiengängen und natürlich
an den Erfolg in der ersten Runde der Exzellenzinitiative
– um nur einige Beispiele zu nennen. Es ist entscheidend,
dass die Gesamtentwicklung der Ruhr-Uni derart positiv
verläuft, dass sie als Ganzes stark ist.
RUBENS: Welche weiteren Erfolge möchten Sie erzielen?
Wo liegen Ihre Prioritäten in den drei Feldern
Studium, Forschung und Planung?
Prof. Weiler: Allgemein geht es darum, Kontinuität
zum vorherigen Rektorat zu wahren. Dort wurden viele
entscheidende Weichen gestellt. Wir werden, um es salopp
zu sagen, am Ball bleiben. Ein wichtiges Thema ist gewiss
die Konsolidierung des Haushalts und dort beispielsweise
die Eindämmung der davongaloppierenden Energiekosten.
In der Lehre sind wir mit den gestuften, modularisierten
Studiengängen weit voraus. Wir sollten aber bei
der Entwicklung neuer, innovativer Masterprogramme eine
deutlichere Brücke zur Forschung schlagen. Und
wir müssen Master- und Doktorantenausbildung stärker
verzahnen und damit einen lückenlosen Anschluss
an die Forschung erreichen. Ein wichtiger Schritt in
diese Richtung ist die in der Exzellenzinitiative siegreiche
Research School, also das Forschungspromotionskolleg.
Wir brauchen außerdem optimale Rahmenbedingungen
für die Forschung in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften.
Eine große Stärke und ein Markenzeichen der
Bochumer Forschung sind ihre kooperativen Strukturen.
Diese Stärke muss erhalten und weiter verbessert
werden. Aktuell geht es natürlich auch um das neue
Materialforschungszentrum, ein international sichtbares
Institut, das wir mit viel Schwung und Liebe aufbauen
möchten.
RUBENS: Dieses Zentrum soll eines Tages – gemeinsam
mit anderen Einrichtungen – ins noch zu errichtende
Gebäude ID ziehen. Gibt es mittlerweile seitens
der Landesregierung ein Signal für den Baubeginn
und damit für die gesamte Campussanierung?
Prof. Weiler: Nein, das nicht. Ich denke aber, dass
der Zuschlag für das Materialforschungszentrum
die Entscheidung forcieren könnte. Wir haben unsere
Planungen längst erfolgreich abgeschlossen und
der gesamte Prozess ist ja unstrittig. Es steht nur
der Startschuss der Landesregierung aus. Ich hoffe,
dass es 2007 losgeht.
Direkte Kommunikation
RUBENS: Für die Masse der Studierenden bleiben
Amt und Person des Rektors in der Regel abstrakt. Wann
und wie werden die Studierenden der Ruhr-Uni Sie erleben?
Prof. Weiler: Eigentlich vertritt der Rektor die Universität
in erster Linie nach außen, ich möchte aber
ebenso stark nach innen wirken. Ich habe fest vor, einige
neue Kommunikationsstrukturen aufzubauen, für direkte
Kommunikation zu Fachschaften und Studierenden zu sorgen.
Das werde ich sehr, sehr ernst nehmen. Es ist eminent
wichtig, dass die Studierenden von der Universität
viel mitbekommen: von den Dingen, die aktuell diskutiert
werden, von Veränderungen, die geplant sind oder
schon stattfinden. Die Studierenden dürfen kein
Informationsdefizit haben. Wir werden geeignete Formen
der Mitteilung entwickeln: sowohl über die modernen
Medien als auch über den persönlichen Kontakt.
Das betrifft selbstverständlich auch die anderen
Gruppen unserer Universität.
RUBENS: Rektor sein bedeutet für einen Experimentalwissenschaftler,
auf die Forschung weitgehend zu verzichten. Bleibt dennoch
noch etwas Zeit für die Lehre und Ihren Lehrstuhl
für Pflanzenphysiologie?
Prof. Weiler: Ja, ich werde weiterhin meine Vorlesung
für Studierende im vierten Semester halten und
mich um die Doktoranden am Lehrstuhl kümmern, die
ihre Arbeiten bei mir angefangen haben. Und einfach
den Kontakt halten, soweit es meine Zeit erlaubt. Ich
kann mir einfach nicht vorstellen, der Wissenschaft
ganz und gar zu entsagen. Das ist eine Horrorvorstellung.
RUBENS: Wie sieht es mit anderen Dingen des Lebens aus?
Hobbys? Da haben wir noch Lesen und Trekking in Erinnerung?
Prof. Weiler: Für Hobbys hatte ich schon als Prorektor
kaum noch Zeit. Ich gehe davon aus, dass das jetzt nicht
anders sein wird.
RUBENS: Noch nicht mal Zeit fürs Lesen?
Prof. Weiler: Doch, Lesen oder Musik hören, das
braucht man als Mensch schon zum Überleben. Das
sind aber keine richtigen Hobbys. Im Grunde genommen
war immer die Forschung mein eigentliches Hobby. Ich
kann mir gut vorstellen, dass das Amt des Rektors nun
diese Position einnehmen wird. Ich finde auch, man sollte
sich in so einem Amt entweder ganz und gar engagieren
oder es sein lassen. Ich glaube, das ist die wichtigste
Leitlinie meines Handelns, dahinter kann alles andere
zurücktreten.
RUBENS: Herr Professor Weiler, vielen Dank für
das Gespräch und alles Gute für Ihre Zeit
als Rektor.
Lebenslauf
Elmar Wilhelm Weiler wurde am 13. Juni 1949 geboren,
ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach dem Abitur
(1968) studierte er bis 1974 Biologie und Chemie an
der Ruhr-Uni; im Februar 1977 wurde er promoviert. 1978/79
hatte er mehrere Forschungsaufenthalte am Biology Department
der University South Florida in Tampa. 1982 habilitierte
sich Weiler in Bochum für Botanik. 1983-85 war
er Privatdozent und Akademischer Rat am Lehrstuhl für
Pflanzenphysiologie. 1984 folgte er einem Ruf auf den
Lehrstuhl für Pflanzenphysiologie der Uni Osnabrück.
1987 lehnte Weiler einen Ruf an die FU Berlin ab. Den
Ruf auf den Lehrstuhl für Pflanzenphysiologie der
RUB zum 1.10.1988 nahm er jedoch an und ist seitdem
Inhaber dieses Lehrstuhls. 1992 wurde er an die TU München
gerufen und lehnte diesen Ruf ebenso ab, wie 1993 den
Ruf als Direktor an das Max-Planck-Institut für
Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam.
Prof. Weiler ist 1983 mit dem Tate and Lyle Award der
Phytochemical Society of Europe, 1995 mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis
der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und 1997
mit der Carus-Medaille der Deutschen Gesellschaft der
Naturforscher Leopoldina ausgezeichnet worden. Von 2000
bis 2006 war er Mitglied im Senat bzw. im Hauptausschuss
der DFG. Zwischen 1993 und 1995 war er Dekan seiner
Fakultät und von 2003 bis 2006 Prorektor für
Planung, Struktur und Finanzen.
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