Zukunftsmusik
Germanistiklehrende bieten ihre Vorlesungen als Audiodateien
an
Zwei Veranstaltungen des Fachbereichs Germanistik
zeigen sich sehr innovativ: Sie ermöglichen ihren
Studierenden mit Hilfe des podcast-Systems, die Vorlesungen
als Audiodateien am heimischen PC anzuhören. Wer
möchte, kann die Dateien auch herunterladen und
auf dem iPod abspielen. Verena Grimm sprach mit PD Dr.
Benedikt Jeßing, einem der Lehrenden, die das
System nutzen, über die Idee zum podcasting, die
technische Umsetzung und die Vorteile für die Studierenden.
RUBENS: Herr Dr. Jeßing, was versteht man
unter podcast?
Dr. Jeßing: Mit dem Begriff podcasting ist das
Produzieren und Anbieten von Mediendateien im Internet
gemeint. Hierzu benutzen wir das in einer Diplomarbeit
entwickelte loudblog-System. Podcast funktioniert unabhängig
von anderen e-learning-Angeboten der Ruhr Universität.
Es bezieht sich auf zwei Angebote in der Neueren Deutschen
Literaturwissenschaft (NDL). Zum einen bietet es der
Grundkurs NDL für die Studierenden an, und zum
anderen biete ich in meiner Vorlesung „Weimar
und Jena: Klassizismus um 1800“ die Möglichkeit,
dass die Vorlesungen direkt über das Internet angehört
werden können.
RUBENS: Wie werden die Vorlesungen aufgezeichnet?
Dr. Jeßing: Die Vorlesungen werden mit Hilfe eines
Rechners digital aufgezeichnet und anschließend
leicht bearbeitet, d. h. störende Hintergrundgeräusche
werden herausgefiltert und die Stimme des Dozenten wird
gegebenfalls modelliert. Die so entstandenen mp3-Dateien
können sich die Studierenden dann über einen
link auf der Instituts- bzw. auf meiner homepage anhören.
Es besteht außerdem die Möglichkeit, sich
die Dateien herunterzuladen und die Vorlesung auf dem
iPod anzuhören. In Zukunft sollen Folien, Bilder
oder Tabellen bereitgestellt werden, die beim Abspielen
der Audiodatei an der passenden Stelle erscheinen.
Ergänzung, nicht Ersatz
RUBENS: Wie ist die Idee entstanden, Vorlesungen
als Audiodateien im Internet anzubieten?
Dr. Jeßing: Prof. Nicola Kaminski hatte die Idee
für diesen Service. Er ist vor allem für Studierende
gedacht, die an einer Vorlesung nicht teilnehmen können,
weil sie krank sind oder bei denen – etwa im sehr
eng gestrickten ersten Studiensemester – zwei
Pflichtveranstaltungen parallel stattfinden, so dass
sie eventuell nur an einer Veranstaltung teilnehmen
können. Mit dem Service des podcast bieten wir
diesen Studierenden die Möglichkeit, beide Veranstaltungen
zu hören.
RUBENS: Gab bzw. gibt es technische Probleme?
Dr. Jeßing: Größere technische Schwierigkeiten
gab es nicht. Einmal wurde die Vorlesung von der Software
in 100facher Geschwindigkeit abgespielt. Somit war die
Vorlesung zwar ganz schnell vorbei, allerdings konnte
man nichts verstehen.
RUBENS: Wie ist die Resonanz bei den Studierenden?
Dr. Jeßing: Die Resonanz ist überwältigend.
Das kann man daran sehen, dass auf meine erste Vorlesung
innerhalb von zehn Tagen 576 Mal zugegriffen wurde.
RUBENS: Könnte es nicht sein, dass Sie Ihre Vorlesungen
bald vor leerem Publikum halten, da die Studenten die
Vorlesung lieber zu Hause über das Internet hören?
Dr. Jeßing: Ich sehe podcast weniger als Medium,
das den Besuch einer Vorlesung ersetzt, sondern als
eines, das begleitend genutzt werden sollte. Es bietet
eine gute Möglichkeit zur Nacharbeit. Zusammenhänge,
die sich aus der Mitschrift nicht mehr genau rekonstruieren
lassen, können so wiederhergestellt werden. Natürlich
besteht die Gefahr, dass die Studenten der Vorlesung
fernbleiben. Doch es ist bestimmt relativ öde,
sich eine eineinhalbstündige Vorlesung zu Hause
am PC anzuhören. Ich denke, podcast kann eine Live-Vorlesung
nicht ersetzen.
Verena
Grimm
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