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RUBENS 111

1. Dezember 2006

Klettemaxe


Elf Studierende und drei Dozenten touren durch die Lechtaler Alpen

Wenn 14 Studierende und Dozenten acht Tage lang durch die Hochalpen wanderen und klettern, gibt es hinterher eine Menge zu erzählen. Das erledigt Nina Reichwein, die live dabei war.

„Liebe Wanderfreunde, liebe Sportstudenten! Ich freue mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid, um teilzunehmen an einer für euch hoffentlich als unvergesslich in Erinnerung bleibenden Exkursion.“ So oder ähnlich hätte die Ansprache unserer Dozenten lauten können, um die erwartungsvoll vor ihnen stehende, mit den Hufen scharrende Truppe von elf Sportstudierenden noch einmal auf das bevorstehende Ereignis einzustimmen. Geplant (und umgesetzt) war eine achttägige Kletter- und Bergwandertour durch den Teil der Nördlichen Kalkalpen, der uns in Erzählungen als einer der urtümlichsten beschrieben wurde: die Lechtaler Alpen. Und wir waren vorbereitet.
In Bochum und Umgebung hatten wir die Corny-Vorräte sämtlicher Supermarktketten geplündert und dabei mehr auf den Kohlehydrat-Anteil pro 100 Gramm geachtet als auf die Geschmacksrichtung. Außerdem hatten wir uns einen beschaulichen Vorrat an Blasenschutzmitteln, Mullbinden, Stützverbänden, Bandagen, Wundsalben, Klebepflastern und Jodampullen angelegt. Dank modernster Stirnlampen wären sogar nächtliche Notoperationen mit dem Schweizer Taschenmesser möglich gewesen. Es gab nichts, wogegen wir nicht gewappnet gewesen wären.
Nachdem alles optimal verstaut und die Siebenmeilenstiefel geschnürt waren, konnte es endlich losgehen. Vorher schnell ein Corny. Noch schmeckte es. Kaum waren wir hinter der ersten Wegbiegung verschwunden, tauchten wir ein in eine Welt fern ab von Autos, Lärm und Hektik. Wir ließen uns mit jedem Schritt, den wir auf farngesäumten, nach frischer Erde duftenden Waldpfaden nach oben stapften, von absoluter Ruhe umschließen. Nachdem uns die urwaldgleiche Grünzone noch die üppige Pflanzenpracht zu Füßen gelegt hatte, wurden wir urplötzlich in eine karge, nur von kleinwüchsigen Nadelbäumen und hartem Gras besiedelte Felsgegend ausgespuckt.

Das Blöken der Bergschafe

Ein Corny gab uns die nötige Kraft, um in Rekordtempo zum ersten Etappenziel zu sprinten. Dass es eine Selbstversorgerhütte war, war uns bewusst. Doch dass wir, bevor wir uns eine lebensrettende Mahlzeit kochen konnten, erst einmal Feuer machen und mit Hilfe von Kanistern Wasser aus einer Quelle herbeischleppen mussten, haben wir über das knapp sechs Stunden andauernde Naturschauspiel um uns herum wohl ganz vergessen. Sonst wären wir wahrscheinlich einen großen Schritt langsamer gegangen.
An diesem Abend genügten uns ein Riesenpott Spaghetti und etliche Kannen Tee, das beruhigende Blöken der Bergschafe und ein knisternder Ofen, um uns kurz nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Matratzenlager in den Schlaf sinken zu lassen – begleitet vom monotonen Schnarchen der Kommilitonen. Richtig heimelig, so dicht und warm nebeneinander zu liegen.
Nach einem üppigen Frühstück und drei präventiven Cornies ging es zur zweiten Hütte. Ansonsten waren die nächsten Tage geprägt von intensivem Kartenstudium, dem Verarzten von offenen Blasen, dem Bestaunen von Flora und Fauna, dem allabendlichem Kalorien-Wettessen, dem Fachsimpeln über Wetter, Himmelsrichtungen und Gesteinsauffaltungen. Wir durchwanderten Täler, in denen Kühe friedlich an Bergbächen grasten, erklommen Pässe und schließlich ein Gipfelkreuz, wo uns der Wind um die Ohren pfiff, bevor wir den roten Markierungen durch riesige Geröllfelder wieder flotten Schrittes talwärts folgten. Wir gingen durch Regen und frisch gefallenen Schnee (im August!), wir marschierten im T-Shirt und kurzen Hosen, aber auch in Winterjacke; einmal mussten wir sogar unsere Handschuhe aus dem hinterletzten Rucksackfach herauszaubern. Aber wir hatten ja mit allem gerechnet.
Schließlich waren wir derart abgehärtet, dass wir beim Anblick eines kleinen Bergsees kurzerhand hineinsprangen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Hoffnung auf warme Duschen in den Hütten längst begraben. Ansporn für die Mädels mag auch gewesen sein, dass man bei einem Bad in elf Grad kaltem Wasser 400 Kalorien (vier Cornies) verbrennt.

Kletterübungen im Dachgebälk

Nach vier Tagen erreichten wir die Hütte, die unser Ausgangspunkt für die richtigen Klettertouren sein sollte. Bevor es aber in den Fels ging, war erst einmal Knotenkunde und Sicherung des Kletterpartners angesagt. Wir kraxelten einen ganzen Vormittag lang in voller Montur im Gebälk unseres Schlafwohnraumes umher und seilten uns wie die Spinnen gegenseitig von der Decke ab.
Am Nachmittag ging es endlich los. Nach den notwendigen Sicherungsübungen am Boden wurden wir zu zweit in den Fels gelassen. Unsere Dozenten fürchteten mehr um unsere Gesundheit als wir, nicht die kleinste Kleinigkeit entging ihnen. Sie gaben uns Selbstvertrauen, förderten zugleich unseren Respekt vor dem Felsen, sodass wir mehr als einmal über uns selbst hinauswuchsen. Selten zuvor hatten wir die Natur und die Weite der Berge so intensiv erlebt wie hier. Oft vergaßen wir die Zeit, sodass zwei von uns vorpreschen und für die, die noch im Fels hingen, das Abendessen bestellen mussten, bevor die Küche zumachte.
Am letzten Abend wurde ordentlich gefeiert. Elf Studierende und drei Dozenten stimmten nach einem üppigen Abendessen und ein paar Gläsern Bier in den Gesang des Hüttenwirtes ein. Am nächsten Tag verließen wir das Felsmassiv. So ging eine der wahrscheinlich letzten Exkursionen des Kurses „Klettern und Bergwandern“ zu Ende. Ich kann nur sagen, dass diese Tour eine der wertvollsten Erfahrungen gewesen sein dürfte, die man als Sportstudent machen kann. Mit Hans Voigt, Kristian Roszkopf und Katja Vetter hatten wir ein eingespieltes Lehrteam mit einer solchen Erfahrung zur Seite stehen, wie es besser nicht hätte sein können. Wäre unser Corny-Vorrat nicht am letzten Tag in eine Felsspalte gefallen, wir hätten ihn euch geschenkt.

 


Aktuelle Zusatzinfo: Ungewisse Zukunft
Die Zukunft der Sportart Klettern/Bergwandern ist ungewiss. Zurzeit wird sie nur alle zwei Jahre angeboten. Zudem ist das Angebot eng mit Dr. Hans Friedrich Voigt (Akademischer Rat im Arbeitsbereich Sportarten) verknüpft, der demnächst aus Altersgründen ausscheidet. Nach den augenblicklichen Planungen der Sportfakultät soll eine vergleichbare Mittelbaustelle nicht wieder besetzt werden. Vom vorhandenen Personal besitzt niemand die entsprechenden Qualifikationen, Exkursionen wie die in die Lechtaler Alpen zu leiten.


Nina Reichwein
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Letzte Änderung: 30.11.2006| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik