Klettemaxe
Elf Studierende und drei Dozenten touren durch die Lechtaler
Alpen
Wenn 14 Studierende und Dozenten acht Tage
lang durch die Hochalpen wanderen und klettern, gibt
es hinterher eine Menge zu erzählen. Das erledigt
Nina Reichwein, die live dabei war.
„Liebe Wanderfreunde, liebe Sportstudenten! Ich
freue mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid, um
teilzunehmen an einer für euch hoffentlich als
unvergesslich in Erinnerung bleibenden Exkursion.“
So oder ähnlich hätte die Ansprache unserer
Dozenten lauten können, um die erwartungsvoll vor
ihnen stehende, mit den Hufen scharrende Truppe von
elf Sportstudierenden noch einmal auf das bevorstehende
Ereignis einzustimmen. Geplant (und umgesetzt) war eine
achttägige Kletter- und Bergwandertour durch den
Teil der Nördlichen Kalkalpen, der uns in Erzählungen
als einer der urtümlichsten beschrieben wurde:
die Lechtaler Alpen. Und wir waren vorbereitet.
In Bochum und Umgebung hatten wir die Corny-Vorräte
sämtlicher Supermarktketten geplündert und
dabei mehr auf den Kohlehydrat-Anteil pro 100 Gramm
geachtet als auf die Geschmacksrichtung. Außerdem
hatten wir uns einen beschaulichen Vorrat an Blasenschutzmitteln,
Mullbinden, Stützverbänden, Bandagen, Wundsalben,
Klebepflastern und Jodampullen angelegt. Dank modernster
Stirnlampen wären sogar nächtliche Notoperationen
mit dem Schweizer Taschenmesser möglich gewesen.
Es gab nichts, wogegen wir nicht gewappnet gewesen wären.
Nachdem alles optimal verstaut und die Siebenmeilenstiefel
geschnürt waren, konnte es endlich losgehen. Vorher
schnell ein Corny. Noch schmeckte es. Kaum waren wir
hinter der ersten Wegbiegung verschwunden, tauchten
wir ein in eine Welt fern ab von Autos, Lärm und
Hektik. Wir ließen uns mit jedem Schritt, den
wir auf farngesäumten, nach frischer Erde duftenden
Waldpfaden nach oben stapften, von absoluter Ruhe umschließen.
Nachdem uns die urwaldgleiche Grünzone noch die
üppige Pflanzenpracht zu Füßen gelegt
hatte, wurden wir urplötzlich in eine karge, nur
von kleinwüchsigen Nadelbäumen und hartem
Gras besiedelte Felsgegend ausgespuckt.
Das Blöken der Bergschafe
Ein Corny gab uns die nötige Kraft, um in Rekordtempo
zum ersten Etappenziel zu sprinten. Dass es eine Selbstversorgerhütte
war, war uns bewusst. Doch dass wir, bevor wir uns eine
lebensrettende Mahlzeit kochen konnten, erst einmal
Feuer machen und mit Hilfe von Kanistern Wasser aus
einer Quelle herbeischleppen mussten, haben wir über
das knapp sechs Stunden andauernde Naturschauspiel um
uns herum wohl ganz vergessen. Sonst wären wir
wahrscheinlich einen großen Schritt langsamer
gegangen.
An diesem Abend genügten uns ein Riesenpott Spaghetti
und etliche Kannen Tee, das beruhigende Blöken
der Bergschafe und ein knisternder Ofen, um uns kurz
nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Matratzenlager
in den Schlaf sinken zu lassen – begleitet vom
monotonen Schnarchen der Kommilitonen. Richtig heimelig,
so dicht und warm nebeneinander zu liegen.
Nach einem üppigen Frühstück und drei
präventiven Cornies ging es zur zweiten Hütte.
Ansonsten waren die nächsten Tage geprägt
von intensivem Kartenstudium, dem Verarzten von offenen
Blasen, dem Bestaunen von Flora und Fauna, dem allabendlichem
Kalorien-Wettessen, dem Fachsimpeln über Wetter,
Himmelsrichtungen und Gesteinsauffaltungen. Wir durchwanderten
Täler, in denen Kühe friedlich an Bergbächen
grasten, erklommen Pässe und schließlich
ein Gipfelkreuz, wo uns der Wind um die Ohren pfiff,
bevor wir den roten Markierungen durch riesige Geröllfelder
wieder flotten Schrittes talwärts folgten. Wir
gingen durch Regen und frisch gefallenen Schnee (im
August!), wir marschierten im T-Shirt und kurzen Hosen,
aber auch in Winterjacke; einmal mussten wir sogar unsere
Handschuhe aus dem hinterletzten Rucksackfach herauszaubern.
Aber wir hatten ja mit allem gerechnet.
Schließlich waren wir derart abgehärtet,
dass wir beim Anblick eines kleinen Bergsees kurzerhand
hineinsprangen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Hoffnung
auf warme Duschen in den Hütten längst begraben.
Ansporn für die Mädels mag auch gewesen sein,
dass man bei einem Bad in elf Grad kaltem Wasser 400
Kalorien (vier Cornies) verbrennt.
Kletterübungen im Dachgebälk
Nach vier Tagen erreichten wir die Hütte, die
unser Ausgangspunkt für die richtigen Klettertouren
sein sollte. Bevor es aber in den Fels ging, war erst
einmal Knotenkunde und Sicherung des Kletterpartners
angesagt. Wir kraxelten einen ganzen Vormittag lang
in voller Montur im Gebälk unseres Schlafwohnraumes
umher und seilten uns wie die Spinnen gegenseitig von
der Decke ab.
Am Nachmittag ging es endlich los. Nach den notwendigen
Sicherungsübungen am Boden wurden wir zu zweit
in den Fels gelassen. Unsere Dozenten fürchteten
mehr um unsere Gesundheit als wir, nicht die kleinste
Kleinigkeit entging ihnen. Sie gaben uns Selbstvertrauen,
förderten zugleich unseren Respekt vor dem Felsen,
sodass wir mehr als einmal über uns selbst hinauswuchsen.
Selten zuvor hatten wir die Natur und die Weite der
Berge so intensiv erlebt wie hier. Oft vergaßen
wir die Zeit, sodass zwei von uns vorpreschen und für
die, die noch im Fels hingen, das Abendessen bestellen
mussten, bevor die Küche zumachte.
Am letzten Abend wurde ordentlich gefeiert. Elf Studierende
und drei Dozenten stimmten nach einem üppigen Abendessen
und ein paar Gläsern Bier in den Gesang des Hüttenwirtes
ein. Am nächsten Tag verließen wir das Felsmassiv.
So ging eine der wahrscheinlich letzten Exkursionen
des Kurses „Klettern und Bergwandern“ zu
Ende. Ich kann nur sagen, dass diese Tour eine der wertvollsten
Erfahrungen gewesen sein dürfte, die man als Sportstudent
machen kann. Mit Hans Voigt, Kristian Roszkopf und Katja
Vetter hatten wir ein eingespieltes Lehrteam mit einer
solchen Erfahrung zur Seite stehen, wie es besser nicht
hätte sein können. Wäre unser Corny-Vorrat
nicht am letzten Tag in eine Felsspalte gefallen, wir
hätten ihn euch geschenkt.
Aktuelle Zusatzinfo: Ungewisse Zukunft
Die Zukunft der Sportart Klettern/Bergwandern ist ungewiss.
Zurzeit wird sie nur alle zwei Jahre angeboten. Zudem
ist das Angebot eng mit Dr. Hans Friedrich Voigt (Akademischer
Rat im Arbeitsbereich Sportarten) verknüpft, der
demnächst aus Altersgründen ausscheidet. Nach
den augenblicklichen Planungen der Sportfakultät
soll eine vergleichbare Mittelbaustelle nicht wieder
besetzt werden. Vom vorhandenen Personal besitzt niemand
die entsprechenden Qualifikationen, Exkursionen wie
die in die Lechtaler Alpen zu leiten.
Nina
Reichwein
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