Der Nok-Reiter
Serie Situation
Kunst
Im vergangenen September wurde das Erweiterungsgebäude
von Situation Kunst (Teil der Kunstsammlungen der Ruhr-Universität)
eröffnet. Neben bedeutenden Werken der Gegenwartskunst,
unter anderem von Gianni Colombo, Dan Flavin, Ad Reinhardt,
Robert Ryman, Richard Serra oder Lee Ufan, umfasst der
neue Sammlungskomplex auch Werke alter asiatischer und
afrikanischer Kunst, die in je einem eigenen Raum präsentiert
werden. Punktuell sollen so kulturelle und epochale
Lücken der Sammlung der Ruhr-Uni geschlossen werden.
In einer Serie wird RUBENS einzelne Exponate des Erweiterungsgebäudes
vorstellen.
Die Sammlung afrikanischer Kunst beschränkt sich
bewusst auf Exponate aus den verschiedenen Kulturen
des heutigen Nigeria, der „Wiege der afrikanischen
Kunst“, und steht unter der Schirmherrschaft des
nigerianischen Botschafters Prof. Tunde Adeniran. Die
frühesten Werke der Sammlung stammen aus der Nok-Kultur
und sind rund 2000 Jahre alt. Sie gehören somit
zu den ältesten erhaltenen Skulpturen des subsaharischen
Afrika.
Aufgrund seiner Vollständigkeit eine große
Rarität ist der so genannte Nok-Reiter, dessen
Alter (entstanden ca. 400 v. bis 200 n. Chr.) durch
eine Thermoluminiszenz-Datierung und verschiedene Expertisen
bestätigt wurde. In seiner stilisierten Darstellung
von Mensch und Tier ist die Reiterfigur charakteristisch
für die zentralafrikanischen Nok-Terrakotten. Kennzeichnend
für diese in einer Aufbautechnik gefertigten Tonarbeiten
sind die markanten elliptischen bis dreieckigen Augen,
deren Pupille durch eine Vertiefung angedeutet ist.
Palastkunst oder Kultobjekte
Die Bezeichnung Nok geht auf den ersten Fund um 1928
beim Zinnabbau in der Nähe der gleichnamigen Ortschaft
zurück, seitdem wird zunehmend auch von einer „Nok-Kultur“
gesprochen. Dem britischen Archäologen Bernard
Fagg sind die ersten archäologischen Untersuchungen
zu verdanken, die im Zusammenhang mit Nok stattfanden.
Dennoch ist die Nok-Kultur bislang wenig erforscht.
Daher muss offen bleiben, ob es sich bei den Nok-Figuren
um eine Palastkunst oder Objekte des Kultes handelte.
Zweifelsohne jedoch sind sie Produkt und Zeugnis einer
frühen afrikanischen Hochkultur.
Ist die Altersbestimmung von Ton-Werken durch das Thermoluminiszenz-Verfahren
(s. Kasten) recht präzise, so ist die Alters- und
Authentizitätsbestimmung beispielsweise von Metallplastiken
bis heute problematisch. Zu diesem Thema organisiert
die Stiftung Situation Kunst zusammen mit der Ruhr-Uni
und in enger Kooperation mit dem wissenschaftlichen
Beirat Afrika unter Leitung von Prof. Ernst Pernicka
(Universität Tübingen und Curt-Engelhorn-Zentrum
für Archäometrie) im Veranstaltungszentrum
der Ruhr-Uni am 17. und 18. Februar ein internationales
und interdisziplinäres Symposium mit Vorträgen
renommierter internationaler Fachreferenten aus unterschiedlichen
Arbeitsbereichen, wie der Ethnologie, Kunstgeschichte,
Archäometrie, Physik oder Chemie, um so einen lange
überfälligen Dialog zwischen Geistes- und
Naturwissenschaftlern, Museumsfachleuten und Materialforschern
anzustoßen. Nähere Informationen unter www.situation-kunst.de.
Info: Situation Kunst (Schlosspark Weitmar), Nevelstraße
29c, 44795 Bochum, Tel. 0234-2988901, Öffnungszeiten.
Mi+Fr 14-18, Sa+So 12-18 h. Der Eintritt ist frei.
Info-Kasten: Thermoluminszenz-Verfahren
Das Thermoluminszenz-Verfahren (TL) ergänzt die
Radiokarbonmethode (C14) und ist ein kompliziertes Messverfahren
zur Altersbestimmung von gebrannten Artefakten. Sie
nutzt das Phänomen, dass geringe Mengen radioaktiver
Substanzen in der Keramik beim Zerfall Energie freisetzen.
Beim Brennen der Keramik wird die TL-Uhr auf Null gestellt,
danach setzt eine erneute radioaktive Aufladung ein.
Je älter eine gebrannte Tonarbeit, desto höher
ist der TL-Effekt. Die Genauigkeit der Methode liegt
bei ungefähr plus/minus zehn Prozent des geschätzten
Alters der Probe und hat eine Reichweite von mindestens
bis zu 50.000 Jahre.
Hilke Wagner
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