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RUBENS 110

1. November 2006

Der Nok-Reiter

Serie Situation Kunst


Im vergangenen September wurde das Erweiterungsgebäude von Situation Kunst (Teil der Kunstsammlungen der Ruhr-Universität) eröffnet. Neben bedeutenden Werken der Gegenwartskunst, unter anderem von Gianni Colombo, Dan Flavin, Ad Reinhardt, Robert Ryman, Richard Serra oder Lee Ufan, umfasst der neue Sammlungskomplex auch Werke alter asiatischer und afrikanischer Kunst, die in je einem eigenen Raum präsentiert werden. Punktuell sollen so kulturelle und epochale Lücken der Sammlung der Ruhr-Uni geschlossen werden. In einer Serie wird RUBENS einzelne Exponate des Erweiterungsgebäudes vorstellen.


Die Sammlung afrikanischer Kunst beschränkt sich bewusst auf Exponate aus den verschiedenen Kulturen des heutigen Nigeria, der „Wiege der afrikanischen Kunst“, und steht unter der Schirmherrschaft des nigerianischen Botschafters Prof. Tunde Adeniran. Die frühesten Werke der Sammlung stammen aus der Nok-Kultur und sind rund 2000 Jahre alt. Sie gehören somit zu den ältesten erhaltenen Skulpturen des subsaharischen Afrika.
Aufgrund seiner Vollständigkeit eine große Rarität ist der so genannte Nok-Reiter, dessen Alter (entstanden ca. 400 v. bis 200 n. Chr.) durch eine Thermoluminiszenz-Datierung und verschiedene Expertisen bestätigt wurde. In seiner stilisierten Darstellung von Mensch und Tier ist die Reiterfigur charakteristisch für die zentralafrikanischen Nok-Terrakotten. Kennzeichnend für diese in einer Aufbautechnik gefertigten Tonarbeiten sind die markanten elliptischen bis dreieckigen Augen, deren Pupille durch eine Vertiefung angedeutet ist.

Palastkunst oder Kultobjekte

Die Bezeichnung Nok geht auf den ersten Fund um 1928 beim Zinnabbau in der Nähe der gleichnamigen Ortschaft zurück, seitdem wird zunehmend auch von einer „Nok-Kultur“ gesprochen. Dem britischen Archäologen Bernard Fagg sind die ersten archäologischen Untersuchungen zu verdanken, die im Zusammenhang mit Nok stattfanden. Dennoch ist die Nok-Kultur bislang wenig erforscht. Daher muss offen bleiben, ob es sich bei den Nok-Figuren um eine Palastkunst oder Objekte des Kultes handelte. Zweifelsohne jedoch sind sie Produkt und Zeugnis einer frühen afrikanischen Hochkultur.
Ist die Altersbestimmung von Ton-Werken durch das Thermoluminiszenz-Verfahren (s. Kasten) recht präzise, so ist die Alters- und Authentizitätsbestimmung beispielsweise von Metallplastiken bis heute problematisch. Zu diesem Thema organisiert die Stiftung Situation Kunst zusammen mit der Ruhr-Uni und in enger Kooperation mit dem wissenschaftlichen Beirat Afrika unter Leitung von Prof. Ernst Pernicka (Universität Tübingen und Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie) im Veranstaltungszentrum der Ruhr-Uni am 17. und 18. Februar ein internationales und interdisziplinäres Symposium mit Vorträgen renommierter internationaler Fachreferenten aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen, wie der Ethnologie, Kunstgeschichte, Archäometrie, Physik oder Chemie, um so einen lange überfälligen Dialog zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern, Museumsfachleuten und Materialforschern anzustoßen. Nähere Informationen unter www.situation-kunst.de.

Info: Situation Kunst (Schlosspark Weitmar), Nevelstraße 29c, 44795 Bochum, Tel. 0234-2988901, Öffnungszeiten. Mi+Fr 14-18, Sa+So 12-18 h. Der Eintritt ist frei.

Info-Kasten: Thermoluminszenz-Verfahren
Das Thermoluminszenz-Verfahren (TL) ergänzt die Radiokarbonmethode (C14) und ist ein kompliziertes Messverfahren zur Altersbestimmung von gebrannten Artefakten. Sie nutzt das Phänomen, dass geringe Mengen radioaktiver Substanzen in der Keramik beim Zerfall Energie freisetzen. Beim Brennen der Keramik wird die TL-Uhr auf Null gestellt, danach setzt eine erneute radioaktive Aufladung ein. Je älter eine gebrannte Tonarbeit, desto höher ist der TL-Effekt. Die Genauigkeit der Methode liegt bei ungefähr plus/minus zehn Prozent des geschätzten Alters der Probe und hat eine Reichweite von mindestens bis zu 50.000 Jahre.



Hilke Wagner
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Letzte Änderung: 31.10.2006| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik