Forschungsstandort
Der scheidende
Rektor Prof. Gerhard Wagner zum neuen Image der Ruhr-Uni
„Auch Minister Pinkwart spricht mittlerweile
respektvoll vom Forschungsstandort Bochum.“ Ganz
ohne Pathos berichtet Prof. Gerhard Wagner von einem
der Erfolge seiner Zeit als Rektor. Zum 30. November
2006 endet seine vierjährige Amtszeit. Im Gespräch
mit Arne Dessaul zieht Prof. Wagner Bilanz. Er spricht
nicht nur über Forschungsschwerpunkte, sondern
auch über Studiengebühren, die Zukunft der
Ruhr-Uni und seine Rückkehr an den Lehrstuhl für
Maschinenelemente und Fördertechnik.
RUBENS: Wenn Sie sich an den 1. Juni zurück
erinnern, den Tag der Rektorwahl im Senat – waren
Sie damals eher traurig, nicht wiedergewählt worden
zu sein, oder verspürten Sie auch Erleichterung?
Prof. Wagner: Traurig bin ich nicht gewesen. Ich hatte
ja ausschließlich aus Verantwortung gegenüber
der Universität ein zweites Mal kandidiert und
um die Kontinuität zu wahren. Ich gehe aber davon
aus, dass es diese Kontinuität auch mit Prof. Weiler
als Rektor geben wird. Erleichterung hat allerdings
meine Frau verspürt, sie hatte vor der Wahl sogar
Herrn Weiler die Daumen gedrückt und am Abend nach
der Wahl hat sie uns eine Flasche Sekt spendiert. Meine
Frau hatte hautnah mitbekommen, wie anstrengend und
aufreibend das Rektoramt ist und war froh, dass es nun
ein Ende hatte.
Gutes Team geblieben
RUBENS: Viele Leute hatten sich gewundert, dass
mit Ihnen und Prorektor Prof. Weiler zwei Mitglieder
des Rektorats gegeneinander kandidierten. Hat sich dadurch
im Verhältnis zu Herrn Weiler etwas geändert?
Immerhin haben Sie anschließend noch sechs Monate
zusammengearbeitet?
Prof. Wagner: Dadurch wurde unsere Arbeit in keiner
Weise beeinträchtigt. Wir waren vorher ein gutes
Team und sind es nach der Wahl geblieben. Herr Weiler
hat mich sogar überredet, auf der nächsten
Akademischen Jahresfeier ein paar Worte zu sprechen.
Die Amtsübergabe wird da längst geschehen
sein, das passiert zum ersten Dezember, während
die Akademische Feier erst im Januar 2007 stattfinden
wird.
RUBENS: Würden Sie die Entscheidung über die
Einführung der Studiengebühren als wichtigste
Episode Ihrer Amtszeit bezeichnen?
Prof. Wagner: Nein, das nicht. Das war sehr unerfreulich,
das auf jeden Fall. Die Begleiterscheinungen sind bekannt.
Die Landesregierung hat den Hochschulen den Schwarzen
Peter zugeschoben, indem diese selbst über die
Einführung der Gebühren entscheiden mussten.
Die äußeren Zwänge ließen uns
dann keine andere Wahl. Ich habe ja stets deutlich gemacht,
dass ich kein Freund von Studiengebühren bin. Deswegen
war es erst recht bedauerlich für mich, in diese
Rolle zu geraten.
Erfolgsgeschichte Juniorprofessuren
RUBENS: Wenn nicht die Gebühren, was würden
Sie stattdessen als wichtigstes Ereignis ansehen?
Prof. Wagner: Es ist schwer, ein einzelnes Ereignis
herauszugreifen. In den letzten vier Jahren sind viele
wichtige Dinge passiert. Spontan fallen mir aber unsere
Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren ein. Die
haben sich alle sehr erfolgreich entwickelt, einige
von ihnen haben inzwischen Rufe an andere Unis angenommen.
Das schreibe ich mir auch selbst mit auf die Fahne.
Ich habe mich schon als Forschungsprorektor für
die Juniorprofessuren stark gemacht.
Ich persönlich sehe es auch als großen Erfolg
an, dass es uns gelungen ist, mit uns auferlegten Zwängen
– wie Globalhaushalt oder Einsparungen –
erfolgreich umzugehen und eine angemessene Kommunikationskultur
innerhalb der Uni zu entwickeln. Das klingt etwas allgemein,
ist mir aber sehr wichtig. Vor allem ist es auf diese
Weise gelungen, die Ruhr-Uni in strukturellen und finanziellen
Aspekten gut aufzustellen. Das gleiche gilt für
die Forschung, das hat sich erst kürzlich beim
Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft gezeigt.
Dort belegen wir bei den Sonderforschungsbereichen bundesweit
einen hervorragenden zweiten Platz.
RUBENS: Apropos Forschung: Unter Ihrer Führung
hat die Ruhr-Universität ihr Image verändert.
Nachdem lange Zeit in der Außendarstellung hauptsächlich
auf die Vorreiterrolle bei der Einführung der gestuften
Studiengänge hingewiesen wurde, rückt nun
der Forschungsstandort Bochum mehr in den Mittelpunkt.
Wie kam es dazu?
Prof. Wagner: Die gestuften Studiengänge hatte
bereits das vorherige Rektorat sehr erfolgreich auf
den Weg gebracht. Dort war schon zu Beginn meiner Amtszeit
der Prozess sehr weit fortgeschritten, jetzt konnte
Frau Ott als Prorektorin für Lehre noch einiges
mehr in trockene Tücher bringen. Und wir sind in
diesem Bereich weiterhin die Nummer eins in Deutschland.
Darauf verweisen wir gerne, das ist ein Teil unseres
guten Rufs.
Andererseits hatte ich mich schon als Prorektor für
Forschung im vorherigen Rektorat sehr intensiv mit der
Forschungslandschaft an der Ruhr-Uni beschäftigt.
Das habe ich als Rektor fortgesetzt. Einerseits ging
es darum, das große Potential in den Geistes-
und Gesellschaftswissenschaften auszuschöpfen.
Andererseits sollten neue Schwerpunkte gesetzt werden.
Ich verzichte jetzt auf eine beispielhafte Aufzählung.
Fest steht, dass wir nun die Früchte unserer Arbeit
ernten, wie das oben genannte Ranking der DFG zeigt.
Auch der NRW-Innovationsminister Andreas Pinkwart spricht
mittlerweile respektvoll vom Forschungsstandort Bochum.
Wir haben also unser Image ganz eindeutig verbessert,
das ist entscheidend. Ich denke, das gilt auch für
die Binnenwirkung. Mit der Neuausrichtung der Akademischen
Jahresfeier und des Sommerfestes haben wir die akademische
Kultur auf dem Campus durchaus verbessert.
Industriekontakte auffrischen
RUBENS: Exzellenzinitiative, Hochschulfreiheitsgesetz,
Campussanierung – das sind nur einige der Punkte,
die sowohl Ihre Amtszeit betreffen als auch die Zukunft
der Ruhr-Uni. Was meinen Sie, wohin der Weg der Ruhr-Uni
führen wird?
Prof. Wagner: Ich bin überzeugt, dass es ein erfolgreicher
Weg sein wird. Zuletzt haben wir derart viele viel versprechende,
engagierte und tatkräftige Professoren berufen,
sie werden die Ruhr-Uni weiter nach vorn bringen. Was
speziell die Campussanierung angeht, so kann ich nur
hoffen, dass sie 2007 wirklich beginnt. Wir haben in
den letzten vier Jahren sehr viel Arbeit in ihre Vorbereitung
investiert, von uns aus hätte es längst losgehen
können. Die Folgen des Hochschulfreiheitsgesetzes
indes sind schwer abzuschätzen, das Gesetz birgt
Chancen und Risiken. Eine Folge ist ja auch, dass die
Amtsperiode des nächsten Rektors vermutlich nur
circa zwei bis zweieinhalb Jahre beträgt. Danach
wird der Hochschulrat eingesetzt. Man muss sehen, wie
es dann weitergeht. Das gilt auch für die Exzellenzinitiative
des Bundes und der Länder. Hier ist alles noch
im Fluss; wir haben aber, wie ich finde, berechtigte
Hoffnung auf Förderung.
RUBENS: Nun zu Ihrer eigenen Zukunft: Was haben Sie
sich für die nächsten Jahre vorgenommen?
Prof. Wagner: Ich freue mich darauf, in mein Forschungsgebiet
und an meinen Lehrstuhl zurückzukehren. Zunächst
habe ich jedoch ein Forschungsfreijahr, da werde ich
meine Industriekontakte auffrischen. Vor meiner Zeit
als Prorektor bzw. Rektor habe ich regelmäßig
gemeinsame Forschungsprojekte mit der Industrie bearbeitet,
dafür war in den letzten sechs Jahren leider keine
Zeit. Das einzige, was ich da machen konnte, das war
meine Vorlesung in Maschinenbau. Aber demnächst
habe ich wieder mehr Zeit für die Lehre. An meiner
Fakultät besteht zurzeit auch großer Bedarf
an Lehrkräften, denn die Zahl der Neueinschreibungen
ist erfreulich groß. Nach Wirtschaftswissenschaft
ist Maschinenbau das Studienfach mit dem größten
Zulauf in diesem Wintersemester.
RUBENS: Als Turniertänzer werden Sie sich gewiss
auch wieder verstärkt Ihrem professionell geführten
Hobby zuwenden?
Prof. Wagner: Das stimmt, das Training mussten meine
Frau und ich zuletzt sehr vernachlässigen. Wir
haben zum Glück trotzdem den Aufstieg in die höchste
Klasse geschafft. Mehr Zeit werde ich Gott sei Dank
auch für meine Enkelkinder haben, wir sind ja im
letzten Jahr Großeltern von Zwillingen geworden.
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