Motor der Medikalisierung
Serie Medizinhistorische Sammlung
Die Geburtszange galt lange als Symbol der gelehrten,
wissenschaftlichen und erfolgreichen Geburtshilfe, als
Instrument, das auch in schwierigen Situationen die
Rettung von Mutter und Kind ermöglicht. In der
historischen Forschung avanciert sie dagegen zu einem
Marker des Zugriffs der Männer auf das Geburtsgeschehen
und damit auf die schwangere Frau. Man interpretierte
sie als „Waffe" der Geburtshelfer gegen weibliche
Hebammen und „Motor" einer immer weiter gehenden
Medikalisierung der Geburt.
Das Instrument, das Franz Carl Naegele (1778-1851) um
1820 konstruiert hatte, entwickelte sich zum Standardmodell
der Geburtshelfer im deutschsprachigen Raum. Seine Geburtszange
war den räumlichen Gegebenheiten, wie dem kindlichen
Kopf und der Anatomie des weiblichen Beckens, gut angepasst,
das Zangenschloss fixierte die zwei Branchen sicher
und der Griff bot sicheren Halt auch bei größerer
Kraftentfaltung. Naegele, Professor der Geburtshilfe
in Heidelberg, hatte in seiner Zange verschiedene ältere
Modellen weiterentwickelt.
Die Form des Griffes orientierte sich an Anfertigungen
von Johann David Busch (1755-1833) und William Smellie
(1697-1763), das Schloss an einer Konstruktion von Hermann
Joseph Brünninghausen (1761-1834) und die Krümmung
der Zangenbranchen an Modellen von André Levret
(1703-1780). Zunächst wurde die Geburtszange nach
Naegele mit Holzgriffen produziert, später ganz
aus Metall. Das abgebildete, verchromte Modell aus dem
Bestand der Medizinhistorischen Sammlung wurde Anfang
des 20. Jahrhunderts gefertigt. Es ist ca. 39 cm lang.
Legenden und Mythen
Die Entdeckungsgeschichte der Geburtszange ist mit
zahlreichen Legenden und Mythen verwoben, die sich um
die Geburtshelferdynastie Chamberlen ranken. Die „Urzange»,
wahrscheinlich von Peter Chamberlen I. (gest. 1631)
um 1600 entwickelt, soll zunächst nur unter strenger
Wahrung des Familiengeheimnisses angewendet worden sein:
Wie Taschenspieler hätten die Chamberlens nur eine
Zangenbranche gezeigt, zusammengesetzt wurde das Instrument
erst unter den Röcken der Gebärenden.
Endgültig gelüftet wurde das Geheimnis erst
im 18. Jahrhundert, als andere, wie Jean Palfyn (1650-1730),
ähnliche Instrumente entwickelt hatten. Die „Erfolgsgeschichte»
der Geburtszange hatte aber auch schnell ihre Kritiker.
So entspann sich ein heftiger Streit zwischen dem Göttinger
Geburtshelfer Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822),
einem entschiedenen Befürworter der Geburtszange,
und dem Wiener Geburtshelfer Lukas Johann Boër
(1751-1835). Boër warf Osiander vor, die Geburtszange
viel zu häufig einzusetzen und damit Mutter und
Kind unnötig Gefahren auszusetzen. Gleichzeitig
werde die instrumentenlose Betreuung der Geburt und
die Zusammenarbeit mit den Hebammen vernachlässigt;
mit der Folge, dass viele Geburtshelfer der Schule Osiander
nicht über die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten
verfügten, um in geeigneten Situationen alternative
Interventionsmöglichkeiten zu erkennen und zu nutzen
– zum Nachteil von Mutter und Kind.
Stefan
Schulz
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