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RUBENS 108

1. Juli 2006

Motor der Medikalisierung


Serie Medizinhistorische Sammlung


Die Geburtszange galt lange als Symbol der gelehrten, wissenschaftlichen und erfolgreichen Geburtshilfe, als Instrument, das auch in schwierigen Situationen die Rettung von Mutter und Kind ermöglicht. In der historischen Forschung avanciert sie dagegen zu einem Marker des Zugriffs der Männer auf das Geburtsgeschehen und damit auf die schwangere Frau. Man interpretierte sie als „Waffe" der Geburtshelfer gegen weibliche Hebammen und „Motor" einer immer weiter gehenden Medikalisierung der Geburt.
Das Instrument, das Franz Carl Naegele (1778-1851) um 1820 konstruiert hatte, entwickelte sich zum Standardmodell der Geburtshelfer im deutschsprachigen Raum. Seine Geburtszange war den räumlichen Gegebenheiten, wie dem kindlichen Kopf und der Anatomie des weiblichen Beckens, gut angepasst, das Zangenschloss fixierte die zwei Branchen sicher und der Griff bot sicheren Halt auch bei größerer Kraftentfaltung. Naegele, Professor der Geburtshilfe in Heidelberg, hatte in seiner Zange verschiedene ältere Modellen weiterentwickelt.
Die Form des Griffes orientierte sich an Anfertigungen von Johann David Busch (1755-1833) und William Smellie (1697-1763), das Schloss an einer Konstruktion von Hermann Joseph Brünninghausen (1761-1834) und die Krümmung der Zangenbranchen an Modellen von André Levret (1703-1780). Zunächst wurde die Geburtszange nach Naegele mit Holzgriffen produziert, später ganz aus Metall. Das abgebildete, verchromte Modell aus dem Bestand der Medizinhistorischen Sammlung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gefertigt. Es ist ca. 39 cm lang.

Legenden und Mythen

Die Entdeckungsgeschichte der Geburtszange ist mit zahlreichen Legenden und Mythen verwoben, die sich um die Geburtshelferdynastie Chamberlen ranken. Die „Urzange», wahrscheinlich von Peter Chamberlen I. (gest. 1631) um 1600 entwickelt, soll zunächst nur unter strenger Wahrung des Familiengeheimnisses angewendet worden sein: Wie Taschenspieler hätten die Chamberlens nur eine Zangenbranche gezeigt, zusammengesetzt wurde das Instrument erst unter den Röcken der Gebärenden.
Endgültig gelüftet wurde das Geheimnis erst im 18. Jahrhundert, als andere, wie Jean Palfyn (1650-1730), ähnliche Instrumente entwickelt hatten. Die „Erfolgsgeschichte» der Geburtszange hatte aber auch schnell ihre Kritiker. So entspann sich ein heftiger Streit zwischen dem Göttinger Geburtshelfer Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822), einem entschiedenen Befürworter der Geburtszange, und dem Wiener Geburtshelfer Lukas Johann Boër (1751-1835). Boër warf Osiander vor, die Geburtszange viel zu häufig einzusetzen und damit Mutter und Kind unnötig Gefahren auszusetzen. Gleichzeitig werde die instrumentenlose Betreuung der Geburt und die Zusammenarbeit mit den Hebammen vernachlässigt; mit der Folge, dass viele Geburtshelfer der Schule Osiander nicht über die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten verfügten, um in geeigneten Situationen alternative Interventionsmöglichkeiten zu erkennen und zu nutzen – zum Nachteil von Mutter und Kind.

 




Stefan Schulz
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