Große Brüder und Schwestern
Von Studenten gegründeter Verein hilft Kindern
mit Migrationshintergrund
Wenn Murat Vural von „den Kindern“ erzählt,
dann mit viel Herzblut. Dabei handelt es sich gar nicht
um seine Kinder, sondern um 130 türkischstämmigen
Schülerinnen und Schüler in Bochum und Castrop-Rauxel,
die das wachsende Angebot des Vereins IBFS e.V. (Interkultureller
Bildungs- und Förderverein für Schüler
und Studenten) nutzen. Murat Vural, der als Doktorand
am Lehrstuhl für Theoretische Elektrotechnik arbeitet,
ist Vorsitzender des Vereins.
Angefangen von der Hausaufgabenhilfe für die
Klassen 3 bis 13 über Deutsch- und Englischkurse,
Mathe-Crash-Kurse, Freizeitgestaltung bis hin zur praktischen
Lebenshilfe reicht die Palette dessen, was die 70 aktiven
Mitglieder (zu 80 Prozent Studierende) in drei Schulen
auf die Beine stellen. Die Kinder kommen gern, „weil
sie bei uns Anerkennung bekommen und genau so sein dürfen,
wie sie eben sind“, sagt Murat Vural. Das klingt
einfach, ist es aber im deutschen Alltag nicht. „Kinder
mit Migrationshintergrund haben keine Perspektive, sie
haben Sprachprobleme, keinen Erfolg in der Schule, sagen
sich, ich krieg sowieso keine Lehrstelle“, erklärt
er aus eigener Erfahrung. Sie fassen kein Vertrauen
in die Gesellschaft und ihre eigenen Chancen, es fehlt
die Motivation, so schließt sich der Kreis.
Über die Gründe für diese Situation lässt
sich viel debattieren, es hilft aber nichts, fand Murat
Vural vor zwei Jahren, man müsse da aktiv werden,
wo man eben eingreifen kann: bei den Kindern. Die Idee
war da, Hilfswillige fanden sich schnell – Interesse
allerdings erstmal nicht. „Die Schulen wollten
uns nicht“, erzählt Vural, „sie waren
skeptisch und glaubten nicht, dass wir ohne religiösen
oder parteipolitischen Hintergrund einfach helfen wollten.“
Die Vereinsgründer wandten sich an eine Moschee
in Castrop-Rauxel, zu der sie persönliche Kontakte
hatten, und boten dort ihre erste Hausaufgabenbetreuung
an. Am Anfang kamen drei Kinder. Etwas frustrierend
sei das schon gewesen, erzählt Vural, doch allmählich
wuchs der Kreis, bis der Verein vier Monate später
mit der Liste der inzwischen 30 Kinder zu deren Gesamtschule
ging – und Gehör fand: Nach fünf dürfen
sie die dortigen Unterrichtsräume nutzen, sie stünden
sonst sowieso nachmittags leer. Per Mundpropaganda wurden
immer mehr Kinder angezogen. Bald wurde die Hausaufgabenbetreuung
um weitere Kursangebote ergänzt und man wurde an
einer Bochumer Schule aktiv, weitere Schulen in Gelsenkirchen
und Schwerte werden demnächst mit einbezogen. Inzwischen
hat Vural zahlreiche Kontakte zur Verwaltung, mit Schulämtern
und Lehrern, dadurch wird alles einfacher. Viel Anerkennung
und Popularität gab es im April, als der IBFS e.V.
Bundessieger im Wettbewerb „Startsocial“
wurde.
Erfolgsgeheimnis
Der Verein boomt also – im Gegensatz zu kommerzieller
Hausaufgabenhilfe, Förderunterricht der Schulen
und anderen gut gemeinten Angeboten. Was ist das Geheimnis?
Die Angebote sind kostengünstig: Die Eltern zahlen
für ein Kind im Monat zehn Euro für die Mitgliedschaft
im Verein – bei zwölf Stunden Hausaufgabenbetreuung
sind das weniger als 85 Cent in der Stunde, rechnet
Vural vor. Die einzigen, die Geld bekommen für
ihre Arbeit, sind die Honorarkräfte, die z.B. Sprachunterricht
anbieten, alle anderen arbeiten ehrenamtlich. „Das
Leuchten in den Augen der Kinder, wenn sie Erfolg haben
und sich über Anerkennung freuen, ist der größte
Lohn“, sagt Vural. Viele Honorarkräfte arbeiteten
letztlich über ihre bezahlten Stunden hinaus weiter
im Verein.
Aber das allein kann es nicht sein – schließlich
müssen nicht nur die Eltern, sondern vor allem
die Kinder überzeugt sein. „Wir spielen nicht
Ersatzlehrer“, erklärt Murat Vural. „Wir
sind wie Brüder oder Freunde, kennen die Situation
der Kinder, weil wir sie selbst erlebt haben, wir haben
Verständnis und akzeptieren die Kinder so wie sie
sind.“ Wenn ein Vereinsmitglied einem Schüler
sagt: „Dein Lehrer hat Dir nicht die fünf
in Mathe gegeben, weil Du Ausländer bist. Dein
Kumpel hat schließlich eine zwei bekommen, also
streng Dich an und Du kannst was schaffen“ hat
das eine ganz andere Glaubwürdigkeit, als wenn
es der Lehrer selber sagt. Die „großen Brüder
und Schwestern“ sind Vorbilder, sie haben es geschafft,
sind Studenten und Doktoranden. Das erzeugt Zuversicht,
dass es Chancen gibt, fördert die Motivation zu
lernen.
Als neues Projekt startete der Verein kürzlich
„Schüler helfen Schülern“: Ältere
helfen bei der Hausaufgabenbetreuung für Jüngere
mit, geben das Gelernte weiter. „Sie sind stolz,
dass sie mit uns zusammenarbeiten können“,
sagt Vural, „und als Nebeneffekt haben sie keine
Zeit mehr, auf der Straße herumzuhängen und
auf dumme Ideen zu kommen.“
In diesem Nachwuchs-Modell sieht er auch die Zukunft
des Vereins. Denn die jetzigen aktiven Mitglieder werden
irgendwann mit dem Studium fertig sein, vielleicht den
Wohnort wechseln, keine Zeit mehr haben. Dann müssen
Jüngere ran. „Man sollte mit solcher Arbeit
nicht schnelle Erfolge erwarten“, ist der 30-jährige
überzeugt. „Wir haben zwar Zeugnisse verglichen,
die individuelle Erfolge deutlich erkennen lassen, aber
ein gesamt-gesellschaftlicher Erfolg wird erst in zehn
Jahren sichtbar werden.“
Wo Murat Vural dann sein wird, weiß er noch nicht:
Wenn Ende dieses Jahres seine Promotion abgeschlossen
sein wird, wird er Arbeit suchen, und wenn er sie in
Süddeutschland findet, wird er auch dorthin gehen.
Die Idee wird er aber mit Sicherheit mitnehmen. md
Info: Jeder kann mitmachen, Infos bei
Murat Vural, -26337, Internet: http://www.ibfs-ev.de
md
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