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RUBENS 107

1. Juni 2006



Große Brüder und Schwestern


Von Studenten gegründeter Verein hilft Kindern mit Migrationshintergrund



Wenn Murat Vural von „den Kindern“ erzählt, dann mit viel Herzblut. Dabei handelt es sich gar nicht um seine Kinder, sondern um 130 türkischstämmigen Schülerinnen und Schüler in Bochum und Castrop-Rauxel, die das wachsende Angebot des Vereins IBFS e.V. (Interkultureller Bildungs- und Förderverein für Schüler und Studenten) nutzen. Murat Vural, der als Doktorand am Lehrstuhl für Theoretische Elektrotechnik arbeitet, ist Vorsitzender des Vereins.

Angefangen von der Hausaufgabenhilfe für die Klassen 3 bis 13 über Deutsch- und Englischkurse, Mathe-Crash-Kurse, Freizeitgestaltung bis hin zur praktischen Lebenshilfe reicht die Palette dessen, was die 70 aktiven Mitglieder (zu 80 Prozent Studierende) in drei Schulen auf die Beine stellen. Die Kinder kommen gern, „weil sie bei uns Anerkennung bekommen und genau so sein dürfen, wie sie eben sind“, sagt Murat Vural. Das klingt einfach, ist es aber im deutschen Alltag nicht. „Kinder mit Migrationshintergrund haben keine Perspektive, sie haben Sprachprobleme, keinen Erfolg in der Schule, sagen sich, ich krieg sowieso keine Lehrstelle“, erklärt er aus eigener Erfahrung. Sie fassen kein Vertrauen in die Gesellschaft und ihre eigenen Chancen, es fehlt die Motivation, so schließt sich der Kreis.
Über die Gründe für diese Situation lässt sich viel debattieren, es hilft aber nichts, fand Murat Vural vor zwei Jahren, man müsse da aktiv werden, wo man eben eingreifen kann: bei den Kindern. Die Idee war da, Hilfswillige fanden sich schnell – Interesse allerdings erstmal nicht. „Die Schulen wollten uns nicht“, erzählt Vural, „sie waren skeptisch und glaubten nicht, dass wir ohne religiösen oder parteipolitischen Hintergrund einfach helfen wollten.“ Die Vereinsgründer wandten sich an eine Moschee in Castrop-Rauxel, zu der sie persönliche Kontakte hatten, und boten dort ihre erste Hausaufgabenbetreuung an. Am Anfang kamen drei Kinder. Etwas frustrierend sei das schon gewesen, erzählt Vural, doch allmählich wuchs der Kreis, bis der Verein vier Monate später mit der Liste der inzwischen 30 Kinder zu deren Gesamtschule ging – und Gehör fand: Nach fünf dürfen sie die dortigen Unterrichtsräume nutzen, sie stünden sonst sowieso nachmittags leer. Per Mundpropaganda wurden immer mehr Kinder angezogen. Bald wurde die Hausaufgabenbetreuung um weitere Kursangebote ergänzt und man wurde an einer Bochumer Schule aktiv, weitere Schulen in Gelsenkirchen und Schwerte werden demnächst mit einbezogen. Inzwischen hat Vural zahlreiche Kontakte zur Verwaltung, mit Schulämtern und Lehrern, dadurch wird alles einfacher. Viel Anerkennung und Popularität gab es im April, als der IBFS e.V. Bundessieger im Wettbewerb „Startsocial“ wurde.

Erfolgsgeheimnis

Der Verein boomt also – im Gegensatz zu kommerzieller Hausaufgabenhilfe, Förderunterricht der Schulen und anderen gut gemeinten Angeboten. Was ist das Geheimnis? Die Angebote sind kostengünstig: Die Eltern zahlen für ein Kind im Monat zehn Euro für die Mitgliedschaft im Verein – bei zwölf Stunden Hausaufgabenbetreuung sind das weniger als 85 Cent in der Stunde, rechnet Vural vor. Die einzigen, die Geld bekommen für ihre Arbeit, sind die Honorarkräfte, die z.B. Sprachunterricht anbieten, alle anderen arbeiten ehrenamtlich. „Das Leuchten in den Augen der Kinder, wenn sie Erfolg haben und sich über Anerkennung freuen, ist der größte Lohn“, sagt Vural. Viele Honorarkräfte arbeiteten letztlich über ihre bezahlten Stunden hinaus weiter im Verein.
Aber das allein kann es nicht sein – schließlich müssen nicht nur die Eltern, sondern vor allem die Kinder überzeugt sein. „Wir spielen nicht Ersatzlehrer“, erklärt Murat Vural. „Wir sind wie Brüder oder Freunde, kennen die Situation der Kinder, weil wir sie selbst erlebt haben, wir haben Verständnis und akzeptieren die Kinder so wie sie sind.“ Wenn ein Vereinsmitglied einem Schüler sagt: „Dein Lehrer hat Dir nicht die fünf in Mathe gegeben, weil Du Ausländer bist. Dein Kumpel hat schließlich eine zwei bekommen, also streng Dich an und Du kannst was schaffen“ hat das eine ganz andere Glaubwürdigkeit, als wenn es der Lehrer selber sagt. Die „großen Brüder und Schwestern“ sind Vorbilder, sie haben es geschafft, sind Studenten und Doktoranden. Das erzeugt Zuversicht, dass es Chancen gibt, fördert die Motivation zu lernen.
Als neues Projekt startete der Verein kürzlich „Schüler helfen Schülern“: Ältere helfen bei der Hausaufgabenbetreuung für Jüngere mit, geben das Gelernte weiter. „Sie sind stolz, dass sie mit uns zusammenarbeiten können“, sagt Vural, „und als Nebeneffekt haben sie keine Zeit mehr, auf der Straße herumzuhängen und auf dumme Ideen zu kommen.“
In diesem Nachwuchs-Modell sieht er auch die Zukunft des Vereins. Denn die jetzigen aktiven Mitglieder werden irgendwann mit dem Studium fertig sein, vielleicht den Wohnort wechseln, keine Zeit mehr haben. Dann müssen Jüngere ran. „Man sollte mit solcher Arbeit nicht schnelle Erfolge erwarten“, ist der 30-jährige überzeugt. „Wir haben zwar Zeugnisse verglichen, die individuelle Erfolge deutlich erkennen lassen, aber ein gesamt-gesellschaftlicher Erfolg wird erst in zehn Jahren sichtbar werden.“
Wo Murat Vural dann sein wird, weiß er noch nicht: Wenn Ende dieses Jahres seine Promotion abgeschlossen sein wird, wird er Arbeit suchen, und wenn er sie in Süddeutschland findet, wird er auch dorthin gehen. Die Idee wird er aber mit Sicherheit mitnehmen. md

Info: Jeder kann mitmachen, Infos bei Murat Vural, -26337, Internet: http://www.ibfs-ev.de

md
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Letzte Änderung: 31.5.2006| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik