Zügiges Essen im Übergangsforum
Archivsplitter: Die allererste Mensa der Ruhr-Universität
Durchsaniert und in neuem Glanz präsentiert
sich derzeit die Mensa nach zweieinhalbjähriger
Bauzeit. Ziemlich genau 32 Jahre hatte sie bis dahin
ihre Funktion erfüllt. Das Gebäude –
seinerzeit als „Mensa II“ bezeichnet –
war im Oktober 1971 fertig gestellt worden, zu einer
Zeit also, als die 13 Institutsgebäude lange hochgezogen
waren und der Lehrbetrieb seit sechs Jahren lief.
Diese auf den ersten Blick verwundernde Tatsache entsprach
völlig dem Zeitplan des Baustabes, demzufolge die
Gebäude auf der Mittelachse des Campus als letzte
errichtet werden sollten. Um die hungrigen Münder
stopfen zu können, musste also eine Übergangslösung
geschaffen werden, ohne dass dafür ein provisorisches
Ausweichen auf andere, leer stehende Gebäude, wie
es für andere Bereiche durchaus praktiziert wurde,
möglich gewesen wäre.
Ein Blick auf Orientierungspläne der Jahre 1965ff.
zeigt, dass man gleich zu Baubeginn der Universität
abseits des engeren Campus, in östlicher Verlängerung
des „ingenieurwissenschaftlichen Quartiers“,
das so genannte Übergangsforum eingerichtet hatte.
Hier befand sich eine ganze Reihe mehr oder minder behelfsmäßiger
Bauten sowohl für die Ingenieurteams der Baubüros
als auch für Studentenschaft, evangelische und
katholische Kirchengemeinde und eben eine Mensa: das
Gebäude, das heute vis-à-vis der Fachhochschule
liegt (die „Blue Box“) und vom dortigen
Fachbereich Architektur belegt wird. Zusätzlich
wurde 1967 noch ein Gebäude zur kommerziellen Nutzung
(Buchhandel, „Konsum“) erbaut.
Bahnsteigsystem
Die Vorgabe, die der Sonderbaustab für den Bau
der Mensa I gestellt hatte, war ehrgeizig: Sie sollte
zum einen „in kürzester Frist“ errichtet
werden und zum anderen sollte es möglich sein,
sie später „ohne größeren Aufwand
einem anderen Zweck zuzuführen“. Dabei dachte
man an Kurzzeitsport oder Elektrotechnik und entschied
sich schließlich sogar für eine Konstruktion,
die es gestattete, „das gesamte Bauwerk als Halle
an anderer Stelle wieder aufzubauen.“ Entsprechend
war die Bauweise: Das Erdgeschoss wurde aus in der Feldfabrik
hergestellten Stahlbetonteilen gefertigt, das Obergeschoss
in Stahlkonstruktion ausgeführt. Auch die zeitliche
Vorgabe wurde erfüllt. Nach drei Monaten war der
Rohbau erstellt (November 1964), und im Mai 1965, gut
einen Monat vor der Eröffnung der Uni, war die
Mensa bezugsfertig.
Die zweigeschossige Bauweise war in den Augen der Architekten
die Gewähr für einen reibungslosen Ablauf
des Mensabetriebs: Das so genannte Bahnsteigsystem –
getrennte Aufgänge für die zwei Wahlessen
wie auch für die „à-la-carte-Räume“
und separate Abgangstreppen – sollte einen kreuzungsfreien
Besucherstrom gewährleisten, wobei „die Eingangshalle
… den Stauraum [bildete].“ Ausgelegt war
die Mensa anfangs für die Ausgabe von täglich
4.000 Essen. Mit fortschreitendem Universitätsausbau
musste jedoch mit mehr Studierenden gerechnet werden.
Ein einfacher planerischer Trick ermöglichte es,
die Versorgung einer größeren Anzahl von
Personen sicherzustellen, ohne baulich etwas ändern
zu müssen: „Durch Verringerung der Essenszeiten
auf 20 Minuten und Verlängerung der Ausgabezeit
kann die Kapazität jederzeit auf die im Höchstfall
erforderliche Ausgabe von 6.500 Portionen gesteigert
werden.“
Als Mensa diente das Gebäude bis zum Herbst 1971.
Seine weitere Nutzung wich aber von den ursprünglichen
Vorstellungen ab. Die Universitätsbibliothek, übergangsweise
im Gebäude IB untergebracht, bezog hier für
gut zwei Jahre Quartier; ihr eigentliches Gebäude
am Hauptforum wurde erst 1974 fertig gestellt. Danach
stand das Gebäude ein knappes Jahrzehnt leer –
offiziell, denn, wie Zeitzeugen zu berichten wissen,
haben sich zwischenzeitlich die „Blue White Punks“
aus Bochum sowie eine „autonome“ Kfz-Werkstatt
hier niedergelassen. Auch um diesen Zustand zu beenden,
forcierte man eine erneute Nutzung zu Bibliothekszwecken.
Ab 1985 zog hier das Hochschulbibliothekszentrum Köln
mit seinem Speichermagazin ein, bevor es 2003 an den
Fachbereich Architektur der FH ging.
http://www.rub.de/archiv
Jörg Lorenz
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