Doktorarbeit begann per E-Mail
Bochumer Medienwissenschaftler analysiert Journalistenausbildung
in Mosambik
Mosambik ist das fünftärmste Land
der Erde. Die ehemalige portugiesische Kolonie war von
1975 bis zum Fall der Berliner Mauer sozialistisches
DDR-Bruderland und ist seit 1992 eine Demokratie. Aus
einem staatlich gesteuerten Verlautbarungsjournalismus
hat sich eine lebendige Medienlandschaft in einem zunehmend
marktwirtschaftlichen Umfeld entwickelt. Doch über
die Journalisten selbst fehlt bisher jede Untersuchung.
Diese Lücke schließt nun Dr. Christoph Hantel
(Institut für Medienwissenschaft), der drei Jahre
in Mosambik arbeitete. Mit ihm sprach Meike Drießen.
Rubens: Wie muss man sich den Alltag mosambikanischer
Journalisten vorstellen?
Hantel: Sehr unterschiedlich, je nach Medium und Grad
der dort herrschenden Profitorientierung. Kleine Radiosender
im Busch werden oft von einer Person betrieben, die
in der jeweiligen Bantu-Sprache Nachrichten aus der
Zeitung vorliest und Schlager abspielt. Hauptstadtjournalisten
beim Fernsehen oder den wenigen Zeitungen arbeiten stärker
so, wie wir das kennen. Sehr dominant ist das staatsnahe
Radio, das im ganzen Land sendet und in den Provinzen
Redaktionen hat.
Rubens: Wie werden die Journalisten ausgebildet?
Hantel: Es gibt eine Journalistenschule, Angebote von
drei bis vier Universitäten sowie kurzzeitige Programme
von UNESCO und Nichtregierungsorganisationen. Ich habe
die Aus- und Fortbildung von Journalisten typisiert,
mit Analogiebildungen aus dem afrikanischen Tierreich:
Hyäne, Giraffe, Elefant, Springbock und Clownfisch.
Die hässliche Hyäne – die staatsnahe
Ausbildung – ist gerade in einem positiven Umbruchprozess.
Die Giraffen-Ausbildung der UN schert sich wenig um
kleinteilige spezifisch mosambikanische Probleme und
behandelt stattdessen AIDS usw. Der Elefant steht für
die etwas behäbige, aber eben auch langfristig
ansetzende Uni-Ausbildung, Springbock und Clownfisch
sind die anpassungsfähigen Privatuniversitäten
und Nichtregierungsorganisationen. Alle haben Vor- und
Nachteile.
150 Journalisten befragt
Rubens: Für Ihre Studie haben Sie 150 Journalisten
aus allen zehn mosambikanischen Provinzen befragt. War
das nicht schwierig in einem verkehrstechnisch so unerschlossenen
Land?
Hantel: Mosambik ist von der Fläche her zweimal
so groß wie Deutschland, die Eisenbahn und Verkehrsstraßen
laufen eher von Osten nach Westen und nicht vertikal
durchs Land, man braucht mehrere Tage. Ich wäre
also allein verloren gewesen. Zum Glück haben sich
etwa 30 Studierende, die ich unterrichtete, bereiterklärt,
in den Sommerferien 2003 und 2004 in ihren Heimatdörfern
fast sämtliche Interviews mit Journalisten zu führen.
Ohne diese Hilfe wäre ich aufgeschmissen gewesen.
Ich selber habe die Leitfaden-Interviews geführt
und das ganze ausgewertet.
Rubens: Wie haben die Interviewten auf Sie reagiert?
Hantel: Obwohl ich ja wusste, wie optimistisch und zuvorkommend
viele Mosambikaner sind, war ich doch überrascht,
mit welcher Selbstverständlichkeit man uns lange
Interviews gewährt hat – obwohl der Journalistenberuf
in einer so jungen Demokratie nicht ungefährlich
ist. Sogar der Chefe de Gabinete da Informação,
eine Art Informationsminister, stand Rede und Antwort.
Unglaublich!
Rubens: Wie haben Sie denn in der langen Zeit in Mosambik
den Kontakt nach Bochum gehalten?
Hantel: Meine Betreuer Prof. Franz Stuke und Dr. Annette
Massmann waren extrem flexibel. Ich habe ihnen von Nampula
aus gemailt und die Arbeit angeboten – die kannten
mich vorher überhaupt nicht. Nach dem Kennenlernen
auf Heimaturlaub haben wir per E-Mail und Telefon in
monatelangen Abstimmungsprozessen die Fragebögen
verbessert, die ich mit Hilfe meiner Studenten entworfen
hatte. Nach meiner Rückkehr nach Bochum hat mich
Dr. Massmann, die eine ähnliche Promotion über
Journalismus in Kuba geschrieben hatte, die ersten Monate
betreut, in der zweiten Phase hat Prof. Stuke mit mir
die üblichen Klippen einer 450-Seiten-Arbeit umschifft.
Letztlich konnte ich die Arbeit in neun Monaten schreiben.
Fernsehen gewinnt an Einfluss
Rubens: Wenn Sie nach vorn blicken: Wie wird sich
der mosambikanische Medienmarkt Ihrer Meinung nach entwickeln?
Hantel: Das Fernsehen wird an Bedeutung gewinnen. Das
ist mit Blick auf die Entwicklung in Südamerika
nicht schwer zu prognostizieren. Die Printmedien sind
bisher eher eine Art Elitemedium mit Trendsetter-Funktion,
Reichweite vielleicht zwei bis fünf Prozent der
Bevölkerung. Zu erwarten ist eine Expansion des
bestehenden, kaum entwickelten Marktes für Zeitschriften
und Special-Interest-Magazine. Auch Werbung und Öffentlichkeitsarbeit
sind in vielen Firmen als notwendige Marketing-Instrumente
erkannt worden. Die im Augenblick überbordende
Dominanz des Radios wird etwas zurückgehen.
Rubens: Bleiben Sie nach ihrer Rückkehr und dem
Abschluss Ihrer Arbeit dem Thema Mosambik verbunden?
Hantel: Indirekt. Ich habe in den letzten Monaten ein
Netzwerk von muttersprachlichen Spezialisten aus China,
den arabischen Ländern, Indien und Russland aufgebaut.
Zusammen mit ihnen gehe ich in mittelständische
Firmen, die ins Ausland expandieren, und trainiere Verhandlungsführung,
Tabus, Gepflogenheiten und die Situation der Branchen
in dem jeweiligen Land. Hier herrscht eine enorme Nachfrage.
Meine Kommunikations- und Kulturkenntnisse aus Mosambik
kommen mir dabei zugute.
Info: Christoph Hantel: „Journalistenausbildung
in Mosambik“, Reihe: Internationale und Interkulturelle
Kommunikation, Band 3, Verlag Frank & Timme 2006,
428 S., 39,80 Euro, zahlreiche Grafiken und Abbildungen,
ISBN 3-86596-056-1.
Meike
Drießen
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