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RUBENS 107

1. Juni 2006


Doktorarbeit begann per E-Mail


Bochumer Medienwissenschaftler analysiert Journalistenausbildung in Mosambik



Mosambik ist das fünftärmste Land der Erde. Die ehemalige portugiesische Kolonie war von 1975 bis zum Fall der Berliner Mauer sozialistisches DDR-Bruderland und ist seit 1992 eine Demokratie. Aus einem staatlich gesteuerten Verlautbarungsjournalismus hat sich eine lebendige Medienlandschaft in einem zunehmend marktwirtschaftlichen Umfeld entwickelt. Doch über die Journalisten selbst fehlt bisher jede Untersuchung. Diese Lücke schließt nun Dr. Christoph Hantel (Institut für Medienwissenschaft), der drei Jahre in Mosambik arbeitete. Mit ihm sprach Meike Drießen.

Rubens: Wie muss man sich den Alltag mosambikanischer Journalisten vorstellen?
Hantel: Sehr unterschiedlich, je nach Medium und Grad der dort herrschenden Profitorientierung. Kleine Radiosender im Busch werden oft von einer Person betrieben, die in der jeweiligen Bantu-Sprache Nachrichten aus der Zeitung vorliest und Schlager abspielt. Hauptstadtjournalisten beim Fernsehen oder den wenigen Zeitungen arbeiten stärker so, wie wir das kennen. Sehr dominant ist das staatsnahe Radio, das im ganzen Land sendet und in den Provinzen Redaktionen hat.

Rubens: Wie werden die Journalisten ausgebildet?
Hantel: Es gibt eine Journalistenschule, Angebote von drei bis vier Universitäten sowie kurzzeitige Programme von UNESCO und Nichtregierungsorganisationen. Ich habe die Aus- und Fortbildung von Journalisten typisiert, mit Analogiebildungen aus dem afrikanischen Tierreich: Hyäne, Giraffe, Elefant, Springbock und Clownfisch. Die hässliche Hyäne – die staatsnahe Ausbildung – ist gerade in einem positiven Umbruchprozess. Die Giraffen-Ausbildung der UN schert sich wenig um kleinteilige spezifisch mosambikanische Probleme und behandelt stattdessen AIDS usw. Der Elefant steht für die etwas behäbige, aber eben auch langfristig ansetzende Uni-Ausbildung, Springbock und Clownfisch sind die anpassungsfähigen Privatuniversitäten und Nichtregierungsorganisationen. Alle haben Vor- und Nachteile.

150 Journalisten befragt

Rubens: Für Ihre Studie haben Sie 150 Journalisten aus allen zehn mosambikanischen Provinzen befragt. War das nicht schwierig in einem verkehrstechnisch so unerschlossenen Land?
Hantel: Mosambik ist von der Fläche her zweimal so groß wie Deutschland, die Eisenbahn und Verkehrsstraßen laufen eher von Osten nach Westen und nicht vertikal durchs Land, man braucht mehrere Tage. Ich wäre also allein verloren gewesen. Zum Glück haben sich etwa 30 Studierende, die ich unterrichtete, bereiterklärt, in den Sommerferien 2003 und 2004 in ihren Heimatdörfern fast sämtliche Interviews mit Journalisten zu führen. Ohne diese Hilfe wäre ich aufgeschmissen gewesen. Ich selber habe die Leitfaden-Interviews geführt und das ganze ausgewertet.

Rubens: Wie haben die Interviewten auf Sie reagiert?
Hantel: Obwohl ich ja wusste, wie optimistisch und zuvorkommend viele Mosambikaner sind, war ich doch überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit man uns lange Interviews gewährt hat – obwohl der Journalistenberuf in einer so jungen Demokratie nicht ungefährlich ist. Sogar der Chefe de Gabinete da Informação, eine Art Informationsminister, stand Rede und Antwort. Unglaublich!

Rubens: Wie haben Sie denn in der langen Zeit in Mosambik den Kontakt nach Bochum gehalten?
Hantel: Meine Betreuer Prof. Franz Stuke und Dr. Annette Massmann waren extrem flexibel. Ich habe ihnen von Nampula aus gemailt und die Arbeit angeboten – die kannten mich vorher überhaupt nicht. Nach dem Kennenlernen auf Heimaturlaub haben wir per E-Mail und Telefon in monatelangen Abstimmungsprozessen die Fragebögen verbessert, die ich mit Hilfe meiner Studenten entworfen hatte. Nach meiner Rückkehr nach Bochum hat mich Dr. Massmann, die eine ähnliche Promotion über Journalismus in Kuba geschrieben hatte, die ersten Monate betreut, in der zweiten Phase hat Prof. Stuke mit mir die üblichen Klippen einer 450-Seiten-Arbeit umschifft. Letztlich konnte ich die Arbeit in neun Monaten schreiben.

Fernsehen gewinnt an Einfluss

Rubens: Wenn Sie nach vorn blicken: Wie wird sich der mosambikanische Medienmarkt Ihrer Meinung nach entwickeln?
Hantel: Das Fernsehen wird an Bedeutung gewinnen. Das ist mit Blick auf die Entwicklung in Südamerika nicht schwer zu prognostizieren. Die Printmedien sind bisher eher eine Art Elitemedium mit Trendsetter-Funktion, Reichweite vielleicht zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung. Zu erwarten ist eine Expansion des bestehenden, kaum entwickelten Marktes für Zeitschriften und Special-Interest-Magazine. Auch Werbung und Öffentlichkeitsarbeit sind in vielen Firmen als notwendige Marketing-Instrumente erkannt worden. Die im Augenblick überbordende Dominanz des Radios wird etwas zurückgehen.

Rubens: Bleiben Sie nach ihrer Rückkehr und dem Abschluss Ihrer Arbeit dem Thema Mosambik verbunden?
Hantel: Indirekt. Ich habe in den letzten Monaten ein Netzwerk von muttersprachlichen Spezialisten aus China, den arabischen Ländern, Indien und Russland aufgebaut. Zusammen mit ihnen gehe ich in mittelständische Firmen, die ins Ausland expandieren, und trainiere Verhandlungsführung, Tabus, Gepflogenheiten und die Situation der Branchen in dem jeweiligen Land. Hier herrscht eine enorme Nachfrage. Meine Kommunikations- und Kulturkenntnisse aus Mosambik kommen mir dabei zugute.


Info: Christoph Hantel: „Journalistenausbildung in Mosambik“, Reihe: Internationale und Interkulturelle Kommunikation, Band 3, Verlag Frank & Timme 2006, 428 S., 39,80 Euro, zahlreiche Grafiken und Abbildungen, ISBN 3-86596-056-1.


 



Meike Drießen
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Letzte Änderung: 31.5.2006| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik