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RUBENS 107

1. Juni 2006



Reise in die Unterwelt


Unterwegs im unterirdischen Versorgungskanal der Ruhr-Uni


Der Campus ist eine Stadt für sich. 33.000 Studierende und 4.800 Mitarbeiter wollen versorgt werden: mit Wasser, Strom, Internet und Wärme. Diese Aufgabe übernimmt ein 8,5 km langer Kanal, der in der Tiefe des Erdreichs alle Gebäude miteinander verbindet und Kabel, Wasserleitungen und Abwasserrohre mit sich führt. Wir haben Olaf Kraft vom Technischen Hochschulbetrieb bei seinem Kontrollgang durch diese Lebensader der Uni begleitet, die von Rost und Verschleiß geplagt wird.


Dämmeriges Licht umgibt uns, nachdem wir durch eine der Türen im Keller des MA-Gebäudes in die verborgene Welt unterhalb der Campusoberfläche, den Versorgungskanal, eingetreten sind. Wir befinden uns jetzt genau unter der Straße vor der M-Reihe, erkennbar an dem lauten Geräusch, dass die Autos verursachen, wenn sie über unseren Köpfen herfahren. „Das ist unser Schicksal: Wir arbeiten im Verborgenen. Jemand, der oben den Wasserhahn aufdreht oder seinen Computer ans Stromnetz anschließt, weiß nicht, wie viel Arbeit es macht, den ganzen technischen Apparat am Laufen zu halten“, sagt Olaf Kraft.
Der gelernte Schlosser ist gemeinsam mit fünf weiteren Kollegen, darunter auch ein Elektriker und ein Dreher, für die Instandhaltung und Inspektion des Kanals verantwortlich. Gemeinsam bilden sie die Gruppe „Instandhaltung und Geräteinspektion“, die dem Technischen Hochschulbetrieb (Dezernat 5) angehört. Jede Woche zieht einer von ihnen los, um sich ein Bild vom Zustand des Kanals zu machen.

Älter als die Uni

Und der ist alles andere als gut, wie ein Blick auf die schier endlos langen Rohre offenbart, die rechts und links einen schmalen Gang begrenzen. Rost und Wasserschäden haben deutliche Spuren hinterlassen. „Der Versorgungskanal wurde zeitlich vor den Unigebäuden gebaut. Er hat also schon über 40 Jahre hinter sich und die sieht man ihm auch an“, erklärt Olaf Kraft. Wie um seine Aussage zu bekräftigen, tropft es dort, wo wir stehen, unaufhaltsam von oben auf unsere Köpfe. Auf dem Boden hat sich bereits eine ansehnliche Pfütze gebildet. „Eine vollständige Sanierung wäre unbezahlbar. Daher gehört die stellenweise Ausbesserung der Schäden zu unseren Hauptaufgaben.“
Bemerkt das Instandhaltungs-Team neue Fälle, müssen sie die dem Bau und Liegenschaftsbetrieb (BLB), also dem Eigentümer der Uni, melden. Dort wird beraten, ob und in welchem Umfang eine Reparatur notwendig ist, die nach Möglichkeit vom Technischen Hochschulbetrieb übernommen wird. „Alles können wir aber auch nicht machen, dann geht der Auftrag an Fremdfirmen.“
Auf unserem Weg Richtung MC-Gebäude treffen wir auf einen solchen Trupp. Die Arbeiter bauen gerade Brandschutztüren ein, die sich automatisch in dem betroffenen Bereich schließen sollen, wenn Rauchmelder Alarm schlagen. Solche Arbeiten, bei denen schwere Teile transportiert werden müssen, werden dadurch erschwert, dass der Gang nicht eben ist, sondern immer wieder kurze Stahlleitern erklommen werden müssen und die Deckenhöhe mal mehrere Meter beträgt und dann wieder so niedrig ist, dass man kaum aufrecht stehen kann.

Kalte Kammer, warme Kammer

„Hier fließt das gesamte Trinkwasser der Uni durch“, sagt Olaf Kraft und zeigt auf ein Rohr von etwa einem halben Meter Durchmesser. 21 Kubikmeter Wasser rauschen pro Stunde durch die Leitung, pro Jahr summiert sich der Verbrauch auf rund 300.000 Kubikmeter, das sind umgerechnet 300 Mio. Liter oder 2 Mio. volle Badewannen. Ein Rohrbruch lässt in dem Gang einen regelrechten Wildwasserbach entstehen. An zwei Stellen, im Lottental und am Unihochhaus West, übernimmt die Uni das Wasser vom städtischen Anbieter. Dafür zahlt sie pro Jahr durchschnittlich 1,25 Mio. Euro. Darin sind auch die Gebühren für das Schmutzwasser, eine stinkende Brühe, die durch ein großes Rohr auf der rechten Seite des Ganges fließt.
„Der Kanal ist in zwei Kammern aufgeteilt, die durch eine Wand voneinander getrennt werden. Wir befinden uns gerade in der so genannten kalten Kammer. Hier verlaufen Trink-, Klima- und Abwasserrohre. In der warmen Kammer hingegen sind die Heizungs- und Druckluftrohre sowie die Regenwasserleitungen“, erklärt Olaf Kraft. An allen Rohren befinden sich in regelmäßigen Abständen Ventile, die sich durch unterschiedlich große Metallräder, die sog. Schieber, öffnen und schließen lassen. So ist es möglich, einen Teil des Rohres bei Bedarf zu reparieren. Die Überprüfung der vielen hundert Ventile in dem kilometerlangen Kanal gehört zu Krafts Routineaufgaben. Mit speziellen Fetten muss er sie zudem regelmäßig abschmieren, damit sie sich leicht bewegen lassen und gegen Wasser abgedichtet sind.

10.000 Volt im roten Kabel

Genauso wichtig für den Betrieb der Uni wie diese Rohre sind die vielen Kabel, die über uns an der Decke hängen. „Durch dieses dicke, rote Kabel fließen 10.000 Volt Strom. Zum Vergleich: Ihr Herd zu Hause ist an ein 400 Volt-Kabel angeschlossen.“ Im Zeitalter der Technik geht so gut wie nichts mehr ohne Strom. Der Verbrauch der Uni belief sich 2004 auf rund 62.000 Megawattstunden, das bedeutete Kosten von gut 4 Mio. Euro. Doch nicht nur Stromleitungen, sondern auch Telefon- und Glasfaserkabel verlaufen durch den Versorgungskanal. Zudem sind alle wichtigen Geräte der Uni über Kabel mit der Leitwarte verbunden. Ist irgendetwas nicht in Ordnung, melden sie dort Alarm.
Heute ist jedoch alles in bester Ordnung, sowohl über als auch unter der Erde. Aber gerade in Situationen, wo mal nicht alles stimmt, wo ein Rohrbruch für eine Überschwemmung sorgt oder ein Kabel defekt ist, da macht sich der Versorgungskanal nach Meinung von Olaf Kraft besonders bezahlt. „Es gab schon mal die Überlegung, den Kanal wegen der kostspieligen Instandhaltung zu schließen und alle Leitungen im Boden zu verlegen. Doch der große Vorteil des Tunnels ist, dass man die Fehlerstellen sofort sieht. Man muss nicht lange suchen, muss nicht erst buddeln, um an ein Rohr zu kommen.“
Das haben auch BLB und Uni-Leitung erkannt und den Versorgungskanal in das umfangreiche Sanierungskonzept aufgenommen. So werden Olaf Kraft und seine Kollegen auch weiterhin verborgen in der Tiefe der Uni dafür sorgen, dass weiter oben scheinbar wie von Zauberhand Wasser aus dem Hahn kommt.

 

Raffaela Römer
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