Reise in die Unterwelt
Unterwegs im unterirdischen Versorgungskanal der Ruhr-Uni
Der Campus ist eine Stadt für sich. 33.000 Studierende
und 4.800 Mitarbeiter wollen versorgt werden: mit Wasser,
Strom, Internet und Wärme. Diese Aufgabe übernimmt
ein 8,5 km langer Kanal, der in der Tiefe des Erdreichs
alle Gebäude miteinander verbindet und Kabel, Wasserleitungen
und Abwasserrohre mit sich führt. Wir haben Olaf
Kraft vom Technischen Hochschulbetrieb bei seinem Kontrollgang
durch diese Lebensader der Uni begleitet, die von Rost
und Verschleiß geplagt wird.
Dämmeriges Licht umgibt uns, nachdem wir durch eine
der Türen im Keller des MA-Gebäudes in die verborgene
Welt unterhalb der Campusoberfläche, den Versorgungskanal,
eingetreten sind. Wir befinden uns jetzt genau unter der
Straße vor der M-Reihe, erkennbar an dem lauten
Geräusch, dass die Autos verursachen, wenn sie über
unseren Köpfen herfahren. „Das ist unser Schicksal:
Wir arbeiten im Verborgenen. Jemand, der oben den Wasserhahn
aufdreht oder seinen Computer ans Stromnetz anschließt,
weiß nicht, wie viel Arbeit es macht, den ganzen
technischen Apparat am Laufen zu halten“, sagt Olaf
Kraft.
Der gelernte Schlosser ist gemeinsam mit fünf weiteren
Kollegen, darunter auch ein Elektriker und ein Dreher,
für die Instandhaltung und Inspektion des Kanals
verantwortlich. Gemeinsam bilden sie die Gruppe „Instandhaltung
und Geräteinspektion“, die dem Technischen
Hochschulbetrieb (Dezernat 5) angehört. Jede Woche
zieht einer von ihnen los, um sich ein Bild vom Zustand
des Kanals zu machen.
Älter als die Uni
Und der ist alles andere als gut, wie ein Blick auf
die schier endlos langen Rohre offenbart, die rechts
und links einen schmalen Gang begrenzen. Rost und Wasserschäden
haben deutliche Spuren hinterlassen. „Der Versorgungskanal
wurde zeitlich vor den Unigebäuden gebaut. Er hat
also schon über 40 Jahre hinter sich und die sieht
man ihm auch an“, erklärt Olaf Kraft. Wie
um seine Aussage zu bekräftigen, tropft es dort,
wo wir stehen, unaufhaltsam von oben auf unsere Köpfe.
Auf dem Boden hat sich bereits eine ansehnliche Pfütze
gebildet. „Eine vollständige Sanierung wäre
unbezahlbar. Daher gehört die stellenweise Ausbesserung
der Schäden zu unseren Hauptaufgaben.“
Bemerkt das Instandhaltungs-Team neue Fälle, müssen
sie die dem Bau und Liegenschaftsbetrieb (BLB), also
dem Eigentümer der Uni, melden. Dort wird beraten,
ob und in welchem Umfang eine Reparatur notwendig ist,
die nach Möglichkeit vom Technischen Hochschulbetrieb
übernommen wird. „Alles können wir aber
auch nicht machen, dann geht der Auftrag an Fremdfirmen.“
Auf unserem Weg Richtung MC-Gebäude treffen wir
auf einen solchen Trupp. Die Arbeiter bauen gerade Brandschutztüren
ein, die sich automatisch in dem betroffenen Bereich
schließen sollen, wenn Rauchmelder Alarm schlagen.
Solche Arbeiten, bei denen schwere Teile transportiert
werden müssen, werden dadurch erschwert, dass der
Gang nicht eben ist, sondern immer wieder kurze Stahlleitern
erklommen werden müssen und die Deckenhöhe
mal mehrere Meter beträgt und dann wieder so niedrig
ist, dass man kaum aufrecht stehen kann.
Kalte Kammer, warme Kammer
„Hier fließt das gesamte Trinkwasser der
Uni durch“, sagt Olaf Kraft und zeigt auf ein
Rohr von etwa einem halben Meter Durchmesser. 21 Kubikmeter
Wasser rauschen pro Stunde durch die Leitung, pro Jahr
summiert sich der Verbrauch auf rund 300.000 Kubikmeter,
das sind umgerechnet 300 Mio. Liter oder 2 Mio. volle
Badewannen. Ein Rohrbruch lässt in dem Gang einen
regelrechten Wildwasserbach entstehen. An zwei Stellen,
im Lottental und am Unihochhaus West, übernimmt
die Uni das Wasser vom städtischen Anbieter. Dafür
zahlt sie pro Jahr durchschnittlich 1,25 Mio. Euro.
Darin sind auch die Gebühren für das Schmutzwasser,
eine stinkende Brühe, die durch ein großes
Rohr auf der rechten Seite des Ganges fließt.
„Der Kanal ist in zwei Kammern aufgeteilt, die
durch eine Wand voneinander getrennt werden. Wir befinden
uns gerade in der so genannten kalten Kammer. Hier verlaufen
Trink-, Klima- und Abwasserrohre. In der warmen Kammer
hingegen sind die Heizungs- und Druckluftrohre sowie
die Regenwasserleitungen“, erklärt Olaf Kraft.
An allen Rohren befinden sich in regelmäßigen
Abständen Ventile, die sich durch unterschiedlich
große Metallräder, die sog. Schieber, öffnen
und schließen lassen. So ist es möglich,
einen Teil des Rohres bei Bedarf zu reparieren. Die
Überprüfung der vielen hundert Ventile in
dem kilometerlangen Kanal gehört zu Krafts Routineaufgaben.
Mit speziellen Fetten muss er sie zudem regelmäßig
abschmieren, damit sie sich leicht bewegen lassen und
gegen Wasser abgedichtet sind.
10.000 Volt im roten Kabel
Genauso wichtig für den Betrieb der Uni wie diese
Rohre sind die vielen Kabel, die über uns an der
Decke hängen. „Durch dieses dicke, rote Kabel
fließen 10.000 Volt Strom. Zum Vergleich: Ihr
Herd zu Hause ist an ein 400 Volt-Kabel angeschlossen.“
Im Zeitalter der Technik geht so gut wie nichts mehr
ohne Strom. Der Verbrauch der Uni belief sich 2004 auf
rund 62.000 Megawattstunden, das bedeutete Kosten von
gut 4 Mio. Euro. Doch nicht nur Stromleitungen, sondern
auch Telefon- und Glasfaserkabel verlaufen durch den
Versorgungskanal. Zudem sind alle wichtigen Geräte
der Uni über Kabel mit der Leitwarte verbunden.
Ist irgendetwas nicht in Ordnung, melden sie dort Alarm.
Heute ist jedoch alles in bester Ordnung, sowohl über
als auch unter der Erde. Aber gerade in Situationen,
wo mal nicht alles stimmt, wo ein Rohrbruch für
eine Überschwemmung sorgt oder ein Kabel defekt
ist, da macht sich der Versorgungskanal nach Meinung
von Olaf Kraft besonders bezahlt. „Es gab schon
mal die Überlegung, den Kanal wegen der kostspieligen
Instandhaltung zu schließen und alle Leitungen
im Boden zu verlegen. Doch der große Vorteil des
Tunnels ist, dass man die Fehlerstellen sofort sieht.
Man muss nicht lange suchen, muss nicht erst buddeln,
um an ein Rohr zu kommen.“
Das haben auch BLB und Uni-Leitung erkannt und den Versorgungskanal
in das umfangreiche Sanierungskonzept aufgenommen. So
werden Olaf Kraft und seine Kollegen auch weiterhin
verborgen in der Tiefe der Uni dafür sorgen, dass
weiter oben scheinbar wie von Zauberhand Wasser aus
dem Hahn kommt.
Raffaela Römer
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