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RUBENS 106

2. Mai 2006

„Es geht nicht alles den Bach runter“



Bochumer Geografin untersucht Flächennutzung in der Sahelzone



Die Ausdehnung von Ackerflächen auf Kosten von Natur- und Weideflächen ist in der Sudan-Sahelzone Westafrikas ein ausgeprägtes Phänomen. Viele Gegenden sind dabei aber „weiße Flecken“ auf der wissenschaftlichen Landkarte; insbesondere für Nordnigeria fehlen Fallstudien. Mit ihrer Dissertation schließt Dr. Angela Hof (Physische Geographie) diese Lücke. Sie hat anhand der Analyse von Satellitenbildern die Geschichte der Landnutzung für ein Reservat in Nordnigeria rekonstruiert. Ihre Arbeit, die im Rahmen des EU-Projektes „Development of sustainable pastoral and agropastoral livelihood systems in West Africa“ entstand, liefert die Datenbasis für weitere Forschungsfragen. Meike Drießen sprach mit Dr. Hof.


RUBENS: Wodurch zeichnet sich das Gebiet aus, das Sie untersucht haben?
Angela Hof: Es ist seit 1919, also noch zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft, als Reservat ausgewiesen. Die natürliche Vegetation, die Savanne, soll so belassen werden wie sie ist. Allerdings gibt es im Reservat vier Dörfer, in denen je ein paar Tausend Menschen leben. Sie nutzen das Land für den Ackerbau, und da die Bevölkerung wächst, wächst auch der Bedarf an Ackerflächen. Zusätzlich ziehen als Nomaden lebende Viehhirten durch das Gebiet und weiden ihre Herden. Man ging bisher davon aus, dass das Bevölkerungswachstum in den Dörfern die Landnutzung direkt beeinflusst und dass der Fortbestand des Reservates dadurch gefährdet sei. Über die historische Entwicklung dieser Landnutzung wusste man bisher sehr wenig. Für meine Arbeit habe ich Satellitenbilder der letzten 37 Jahre analysiert, um eine Datenbasis zu schaffen, auch für die Abschätzung der künftigen Entwicklung.

RUBENS: Wie kommt man denn an Satellitenbilder aus dieser langen Zeit heran?
Angela Hof: Ich habe Bilder aus verschiedenen Quellen nutzen können, z.B. von der US-Regierung aus dem Landsat- und dem Corona-Programm. Die ältesten Bilder sind freigegebene Spionageaufnahmen aus der Zeit des kalten Krieges, die 30 Jahre lang unter Verschluss gewesen sind. Insgesamt ist die Datenlage sehr schwierig und aus der Regenzeit gibt es aufgrund der Bewölkung so gut wie keine brauchbaren Bilder. Am besten eignen sich Satellitenbilder aus der frühen Trockenzeit zwischen Oktober und Januar. Ich konnte anhand der Bilder fünf Zeitpunkte untersuchen und vergleichen: 1965, 88, 94, 99 und 2002.

RUBENS: Was kam dabei heraus?
Angela Hof: Die Ergebnisse waren teils überraschend. Die Ackerflächen wurden in den 37 Jahren zwar stark ausgedehnt, aber insgesamt sind nur 7,5 Prozent des ganzen Reservats unter Ackernutzung. Der Zusammenhang mit der Bevölkerungsentwicklung lässt sich damit nicht nachweisen. Zwischen den beiden nördlichen und den beiden südlichen Dörfern gibt es darüber hinaus deutliche Unterschiede – ein Zeichen dafür, dass man keine verallgemeinernden Aussagen über die Landnutzungsentwicklung in der Sudan-Sahelzone machen kann.

RUBENS: Wenn Sie nach diesem Rückblick einen Blick in die Zukunft wagen: Wie wird sich die Landnutzung im Reservat wohl entwickeln?
Angela Hof: Es werden nicht alle Natur- und Weideflächen in Ackerflächen umgewandelt. In den vier Dörfern wird sich die Flächennutzung intensivieren, d.h. es wird mehr Ertrag bezogen auf die Fläche geben. Das kann sich daraus ergeben, dass die Bauern mehr Schafe und Ziegen halten und es somit mehr Mischbetriebe geben wird, also Bauern, die sowohl Tierhaltung als auch Ackerbau betreiben.

RUBENS: 2003 haben Sie das Reservat bereist – was waren Ihre Eindrücke?
Angela Hof: Ich war vier Wochen lang dort, vor allem um gemeinsam mit Kollegen die Basisdatenerhebung zur Bevölkerung in den Dörfern durchzuführen und um den Raum kennen zu lernen. Wir wurden von den Menschen sehr freundlich aufgenommen, aber es kommt auch Kritik: Es heißt, ihr kommt seit Jahren zu Forschungszwecken und kennt unsere Probleme, macht aber nichts dagegen. Es ist zwar nicht so, dass die Leute hungern, aber sie leben unter der Armutsgrenze und die Infrastruktur ist sehr schlecht. Als Wissenschaftler wird man immer mit solchen Situationen konfrontiert sein, ohne dass man aktiv helfen kann.
Für die Basisdatenerhebung gab es insbesondere zu beachten, dass die Auffassung von Familie und Haushaltsgröße ganz anders ist als in unserer Kultur. Wen ein Familienoberhaupt im Gespräch mit Wissenschaftlern als seine Kinder bezeichnet, ist sehr unterschiedlich – der eine zählt nur die Söhne, der andere alle Kinder, die schon bei der Arbeit helfen können. Die Größe seines Viehbestands wird keiner genau angeben, denn es könnte ja sein, dass man darauf dann Steuern zahlen muss.
Es ist auch nicht so, dass die Menschen dort gedankenlos mit der Umwelt umgehen. Wäre das so, müsste die natürliche Vegetation schon längst zerstört sein. Die Leute gehen durchaus bewusst mit ihren Ressourcen um und nutzen sie nachhaltig im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Es geht keineswegs alles den Bach runter, das hat meine Arbeit auch deutlich machen können.

RUBENS: Hatten Sie vor dem Projekt schon ein Faible für Afrika und woran arbeiten Sie in Zukunft?
Angela Hof: Ich hatte nicht direkt ein Faible für Afrika, aber schon in meiner Diplomarbeit habe ich mich mit Landnutzungswandel beschäftigt und die ländliche Urbanisierung im Hinterland von Shanghai untersucht. Bis Mitte dieses Jahres werde ich noch einige Aspekte meines Dissertationsthemas vertiefen und publizieren, danach kann ich mich neuen Themen widmen. Es gibt noch viele spannende Fragen, die sich mit Hilfe der Analyse von Luft- und Satellitenbildern beantworten lassen könnten, denn Landnutzungswandel ist ein zentrales Thema in der Forschung zum „Globalen Wandel“.



Info: Angela Hof: “Land Use Change and Land Cover Assessment in Grazing Reserves in Northwest Nigeria”. Bochumer Geographische Arbeiten, Heft 74. ISBN 3-925143-75-0

 

 

 


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