„Es geht
nicht alles den Bach runter“
Bochumer Geografin untersucht Flächennutzung in
der Sahelzone
Die Ausdehnung von Ackerflächen auf Kosten von
Natur- und Weideflächen ist in der Sudan-Sahelzone
Westafrikas ein ausgeprägtes Phänomen. Viele
Gegenden sind dabei aber „weiße Flecken“
auf der wissenschaftlichen Landkarte; insbesondere für
Nordnigeria fehlen Fallstudien. Mit ihrer Dissertation
schließt Dr. Angela Hof (Physische Geographie)
diese Lücke. Sie hat anhand der Analyse von Satellitenbildern
die Geschichte der Landnutzung für ein Reservat
in Nordnigeria rekonstruiert. Ihre Arbeit, die im Rahmen
des EU-Projektes „Development of sustainable pastoral
and agropastoral livelihood systems in West Africa“
entstand, liefert die Datenbasis für weitere Forschungsfragen.
Meike Drießen sprach mit Dr. Hof.
RUBENS: Wodurch zeichnet sich das Gebiet aus, das Sie
untersucht haben?
Angela Hof: Es ist seit 1919, also noch zu Zeiten der
britischen Kolonialherrschaft, als Reservat ausgewiesen.
Die natürliche Vegetation, die Savanne, soll so
belassen werden wie sie ist. Allerdings gibt es im Reservat
vier Dörfer, in denen je ein paar Tausend Menschen
leben. Sie nutzen das Land für den Ackerbau, und
da die Bevölkerung wächst, wächst auch
der Bedarf an Ackerflächen. Zusätzlich ziehen
als Nomaden lebende Viehhirten durch das Gebiet und
weiden ihre Herden. Man ging bisher davon aus, dass
das Bevölkerungswachstum in den Dörfern die
Landnutzung direkt beeinflusst und dass der Fortbestand
des Reservates dadurch gefährdet sei. Über
die historische Entwicklung dieser Landnutzung wusste
man bisher sehr wenig. Für meine Arbeit habe ich
Satellitenbilder der letzten 37 Jahre analysiert, um
eine Datenbasis zu schaffen, auch für die Abschätzung
der künftigen Entwicklung.
RUBENS: Wie kommt man denn an Satellitenbilder
aus dieser langen Zeit heran?
Angela Hof: Ich habe Bilder aus verschiedenen Quellen
nutzen können, z.B. von der US-Regierung aus dem
Landsat- und dem Corona-Programm. Die ältesten
Bilder sind freigegebene Spionageaufnahmen aus der Zeit
des kalten Krieges, die 30 Jahre lang unter Verschluss
gewesen sind. Insgesamt ist die Datenlage sehr schwierig
und aus der Regenzeit gibt es aufgrund der Bewölkung
so gut wie keine brauchbaren Bilder. Am besten eignen
sich Satellitenbilder aus der frühen Trockenzeit
zwischen Oktober und Januar. Ich konnte anhand der Bilder
fünf Zeitpunkte untersuchen und vergleichen: 1965,
88, 94, 99 und 2002.
RUBENS: Was kam dabei heraus?
Angela Hof: Die Ergebnisse waren teils überraschend.
Die Ackerflächen wurden in den 37 Jahren zwar stark
ausgedehnt, aber insgesamt sind nur 7,5 Prozent des
ganzen Reservats unter Ackernutzung. Der Zusammenhang
mit der Bevölkerungsentwicklung lässt sich
damit nicht nachweisen. Zwischen den beiden nördlichen
und den beiden südlichen Dörfern gibt es darüber
hinaus deutliche Unterschiede – ein Zeichen dafür,
dass man keine verallgemeinernden Aussagen über
die Landnutzungsentwicklung in der Sudan-Sahelzone machen
kann.
RUBENS: Wenn Sie nach diesem Rückblick einen Blick
in die Zukunft wagen: Wie wird sich die Landnutzung
im Reservat wohl entwickeln?
Angela Hof: Es werden nicht alle Natur- und Weideflächen
in Ackerflächen umgewandelt. In den vier Dörfern
wird sich die Flächennutzung intensivieren, d.h.
es wird mehr Ertrag bezogen auf die Fläche geben.
Das kann sich daraus ergeben, dass die Bauern mehr Schafe
und Ziegen halten und es somit mehr Mischbetriebe geben
wird, also Bauern, die sowohl Tierhaltung als auch Ackerbau
betreiben.
RUBENS: 2003 haben Sie das Reservat bereist –
was waren Ihre Eindrücke?
Angela Hof: Ich war vier Wochen lang dort, vor allem
um gemeinsam mit Kollegen die Basisdatenerhebung zur
Bevölkerung in den Dörfern durchzuführen
und um den Raum kennen zu lernen. Wir wurden von den
Menschen sehr freundlich aufgenommen, aber es kommt
auch Kritik: Es heißt, ihr kommt seit Jahren zu
Forschungszwecken und kennt unsere Probleme, macht aber
nichts dagegen. Es ist zwar nicht so, dass die Leute
hungern, aber sie leben unter der Armutsgrenze und die
Infrastruktur ist sehr schlecht. Als Wissenschaftler
wird man immer mit solchen Situationen konfrontiert
sein, ohne dass man aktiv helfen kann.
Für die Basisdatenerhebung gab es insbesondere
zu beachten, dass die Auffassung von Familie und Haushaltsgröße
ganz anders ist als in unserer Kultur. Wen ein Familienoberhaupt
im Gespräch mit Wissenschaftlern als seine Kinder
bezeichnet, ist sehr unterschiedlich – der eine
zählt nur die Söhne, der andere alle Kinder,
die schon bei der Arbeit helfen können. Die Größe
seines Viehbestands wird keiner genau angeben, denn
es könnte ja sein, dass man darauf dann Steuern
zahlen muss.
Es ist auch nicht so, dass die Menschen dort gedankenlos
mit der Umwelt umgehen. Wäre das so, müsste
die natürliche Vegetation schon längst zerstört
sein. Die Leute gehen durchaus bewusst mit ihren Ressourcen
um und nutzen sie nachhaltig im Rahmen ihrer Möglichkeiten.
Es geht keineswegs alles den Bach runter, das hat meine
Arbeit auch deutlich machen können.
RUBENS: Hatten Sie vor dem Projekt schon ein Faible
für Afrika und woran arbeiten Sie in Zukunft?
Angela Hof: Ich hatte nicht direkt ein Faible für
Afrika, aber schon in meiner Diplomarbeit habe ich mich
mit Landnutzungswandel beschäftigt und die ländliche
Urbanisierung im Hinterland von Shanghai untersucht.
Bis Mitte dieses Jahres werde ich noch einige Aspekte
meines Dissertationsthemas vertiefen und publizieren,
danach kann ich mich neuen Themen widmen. Es gibt noch
viele spannende Fragen, die sich mit Hilfe der Analyse
von Luft- und Satellitenbildern beantworten lassen könnten,
denn Landnutzungswandel ist ein zentrales Thema in der
Forschung zum „Globalen Wandel“.
Info: Angela Hof: “Land Use
Change and Land Cover Assessment in Grazing Reserves
in Northwest Nigeria”. Bochumer Geographische
Arbeiten, Heft 74. ISBN 3-925143-75-0
md
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