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RUBENS 106

2. Mai 2006

„Habe wieder ein gutes Gefühl“


Eine Therapie hilft Thomas, seine Prüfungsangst zu überwinden


Thomas hat ein klares Ziel: Arzt will er werden, wie sein Vater. Als er sich vor neun Semestern an der Ruhr-Uni einschrieb, wusste er, dass ihn ein hartes Studium erwartet. Auf das, was dann kam, war er allerdings nicht vorbereitet.

Faktisch ist Thomas erst im vierten Semester. Schuld daran ist seine Prüfungsangst, die sich im Laufe des Studiums entwickelte. Seit einem Jahr ist der 27-Jährige deshalb in Therapie und nimmt spezielle Psychopharmaka. Seine Pechsträhne, wie Thomas es nennt, begann mit einer Chemieprüfung im zweiten Semester. „Nicht bestanden“ lautete das Ergebnis. Kein Drama, war die Vorbereitung doch eher dürftig ausgefallen. Die Wiederholungsprüfung wollte er unbedingt bestehen. Doch auch im zweiten Anlauf schaffte Thomas es trotz Nachhilfe nicht. „Das hat mich deprimiert. Ich wusste, dass sich mein ganzes Studium verzögern würde“, erzählt er. „Aber ich sah es auch als Chance, immerhin hatte ich bis zum nächsten Versuch ein Jahr Zeit zu lernen.“ Doch Thomas ließ die Monate ungenutzt verstreichen. Warum, weiß er nicht. „Plötzlich hatte ich nur noch vier Wochen, viel zu wenig für den Stoff.“

Paranoia

Er bestand nicht. Chemie nicht, Biologie, Physiologie, Biochemie und Anatomie auch nicht. Jedenfalls nicht im ersten Durchlauf. Oft fehlte nur ein halber Punkt, was Thomas als sehr ungerecht empfand. „Immer bekam ich die miesen Prüfer, die schwierigsten Fragen, die ungünstigsten Prüfungszeiten. Ich entwickelte eine Art Paranoia, stellte mir vor, sobald mein Name auf einer Anmeldung stand, suchten die Leute nach allen Möglichkeiten, mich durchfallen zu lassen.“ Vor Prüfungen war er deshalb deutlich nervöser als früher. Unruhe, Übelkeit, Schlafstörungen und Gedanken wie: „Die fragen mich bestimmt genau das, was ich nicht richtig verstanden habe, das schaffe ich nie“, machten ihm stark zu schaffen. Einmal ließ er sich krankschreiben, sein Vater arrangierte das für ihn. Zuletzt meldete er sich kurz vor Prüfungen jedes Mal wieder ab, traute sich den Erfolg nicht mehr zu, egal wie viel er gelernt hatte.
Im Prüfungsamt wurde man auf seinen schleppenden Studienverlauf aufmerksam, schickte ihn zu einer psychologischen Beratung. Man riet ihm, eine Therapie im Studienbüro zu machen, denn die Uni an den Nagel hängen wollte Thomas auch nicht. „In der Therapie lerne ich, einen Lernplan zu erstellen. Ich versuche zu verstehen, woher meine Probleme kommen. Außerdem nehme ich jeden Tag Medikamente, die mir helfen, nicht alles so schwarz zu sehen.“ Eine Teilschuld spricht er seinen Eltern zu. Die nahmen ihm oft schwierige Aufgaben ab, ließen ihn sehr wohlbehütet aufwachsen. „An der Uni können sie mir aber nicht helfen. Ich muss lernen, selbst die Verantwortung zu übernehmen.“
In die Zukunft blickt Thomas zuversichtlich. „In ein paar Wochen steht die nächste Prüfung an. Ich glaube, dass ich es schaffe. Ich habe endlich wieder ein gutes Gefühl.“

Interview: Professionelle Hilfe durchs Studienbüro
Je näher der Tag der Prüfung rückt, desto massiver werden Symptome wie Unruhe, Übelkeit und Schlafstörungen. Der absolute Albtraum: ein Blackout in der Prüfung. Laut einer Krankenkassenstudie leiden zwei Drittel aller Studierenden unter Stress und Angst in der Prüfungszeit. Jeder Fünfte muss psychotherapeutisch behandelt werden. Raffaela Römer sprach darüber mit der Psychologin Eva Fischer und dem Sozialwissenschaftler Werner Schulte. Beide bieten im Studienbüro der Ruhr-Uni Betroffenen ihre Hilfe an.


Rubens: Warum haben so viele Studenten Angst vor Prüfungen?
Fischer: Fast jeder wird nervös, wenn er seine Leistung unter Beweis stellen soll. Bei Stress schütten wir Adrenalin aus, eine Reaktion, mit der unser Körper auf Gefahr reagiert und sich für Flucht oder Kampf wappnet. In dieser Situation sind wir hellwach und hoch konzentriert.

Rubens: Angst ist also etwas Positives?
Fischer: In einem gewissen Rahmen ja. Eine Prüfung ist auch wie ein sportlicher Wettkampf. Eine Herausforderung, die volle Konzentration erfordert. Wird die Angst aber so stark, dass man in einer Prüfung das Gelernte nicht mehr abrufen kann, hat sie negative Auswirkungen.

Rubens: Das berühmte schwarze Loch im Kopf?
Schulte: Genau. Prüfungsangst kann sich aber auch anders äußern. Aus Scheu vor einem Misserfolg schieben viele Studenten die Prüfungsvorbereitung vor sich her, bis es viel zu spät ist, um den Stoff noch ordentlich zu lernen. Andere lernen wie verrückt, melden sich aber kurz vor der Prüfung ab. Bei einigen werden Magenschmerzen und Schlafstörungen im Vorfeld so stark, dass sie richtig krank sind.

Rubens: Wieso haben manche Menschen diese Ängste und andere nicht?
Schulte: Es gibt immer einen individuellen Hintergrund. Ist man einmal durch eine Prüfung gefallen, obwohl man viel gelernt hat, kann das eine Art Trauma auslösen. Auch wissen viele nicht, was sie erwartet und malen sich regelrechte Horrorszenarien aus. Manchmal stellen die Eltern extrem hohe Erwartungen an ihre Kinder und setzen sie unter Druck.

Rubens: Nach dem Motto: Wenn ich das nicht schaffe, ist alles aus?
Fischer: Ja. Man sollte immer überlegen: Was passiert denn wirklich, wenn ich durchfalle? Es gibt aber immer eine Lösung, einen alternativen Weg. Ein klassischer Trugschluss ist auch: „Dann bin ich ein minderwertiger Mensch“ oder „Ich bin zu dumm für ein Studium“. Solche Gedanken blockieren und fördern die Angst.

Rubens: Wie kann man seine Prüfungsangst denn in den Griff bekommen?
Schulte: Am besten sucht man sich Hilfe, zum Beispiel bei uns im Studienbüro. Wir suchen nach Ursachen und helfen dabei, Prüfungen einen realistischen Stellenwert zu geben. Wir erstellen unter anderem gemeinsam mit den Studenten Arbeitspläne, damit sie lernen, wie man richtig lernt.

Rubens: Nämlich wie?
Schulte: Beispielsweise den Stoff in kleine Portionen einteilen, die man auch wirklich bewältigen kann. Vor allem genügend Pausen machen, am besten alle 45 Minuten eine. Fünf bis sechs Stunden intensive Arbeit pro Tag sind in der Regel die Obergrenze, die man einplanen sollte. Am besten stellt man einen richtigen Stundenplan auf.

Rubens: Gibt es noch andere Tricks?
Fischer: Man kann eigentlich nicht von Tricks reden. Es sind vielmehr die klassischen Regeln des Lernen-Lernens, zum Beispiel nachdem man einen Absatz gelesen hat, den Inhalt zu rekapitulieren. Am besten überlegt man sich eigene Fragen an den Lernstoff. Bereitet man sich auf eine schriftliche Klausur vor, sollte man die Antworten aufschreiben. Handelt es sich um eine mündliche Prüfung, sollte man die Antworten laut sprechen, auch wenn das anfangs etwas befremdlich ist.

Rubens: Es gibt also Hoffnung für die Betroffenen?
Schulte: Fast alle, die sich an uns wenden, bestehen ihre Prüfungen. Manchmal kommen Ratsuchende zu dem Schluss, vom Examen zurück zu treten, weil möglicherweise ein Fachwechsel sinnvoller scheint. Selbst, wenn man durchfällt: Man hat eine Prüfung nicht bestanden, aber nicht im Leben versagt.


Infos & Beratungstermine gibt es im Studienbüro unter -23865 oder persönlich im Sekretariat: Mo-Do 10-12 (außer Dienstagvormittag) und 14-16 h, im Studierendenhaus, Ebene 2, Raum 206.

 


Raffaela Römer
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