„Habe
wieder ein gutes Gefühl“
Eine Therapie hilft Thomas, seine Prüfungsangst
zu überwinden
Thomas hat ein klares Ziel: Arzt will er werden,
wie sein Vater. Als er sich vor neun Semestern an der
Ruhr-Uni einschrieb, wusste er, dass ihn ein hartes
Studium erwartet. Auf das, was dann kam, war er allerdings
nicht vorbereitet.
Faktisch ist Thomas erst im vierten Semester. Schuld
daran ist seine Prüfungsangst, die sich im Laufe
des Studiums entwickelte. Seit einem Jahr ist der 27-Jährige
deshalb in Therapie und nimmt spezielle Psychopharmaka.
Seine Pechsträhne, wie Thomas es nennt, begann
mit einer Chemieprüfung im zweiten Semester. „Nicht
bestanden“ lautete das Ergebnis. Kein Drama, war
die Vorbereitung doch eher dürftig ausgefallen.
Die Wiederholungsprüfung wollte er unbedingt bestehen.
Doch auch im zweiten Anlauf schaffte Thomas es trotz
Nachhilfe nicht. „Das hat mich deprimiert. Ich
wusste, dass sich mein ganzes Studium verzögern
würde“, erzählt er. „Aber ich
sah es auch als Chance, immerhin hatte ich bis zum nächsten
Versuch ein Jahr Zeit zu lernen.“ Doch Thomas
ließ die Monate ungenutzt verstreichen. Warum,
weiß er nicht. „Plötzlich hatte ich
nur noch vier Wochen, viel zu wenig für den Stoff.“
Paranoia
Er bestand nicht. Chemie nicht, Biologie, Physiologie,
Biochemie und Anatomie auch nicht. Jedenfalls nicht
im ersten Durchlauf. Oft fehlte nur ein halber Punkt,
was Thomas als sehr ungerecht empfand. „Immer
bekam ich die miesen Prüfer, die schwierigsten
Fragen, die ungünstigsten Prüfungszeiten.
Ich entwickelte eine Art Paranoia, stellte mir vor,
sobald mein Name auf einer Anmeldung stand, suchten
die Leute nach allen Möglichkeiten, mich durchfallen
zu lassen.“ Vor Prüfungen war er deshalb
deutlich nervöser als früher. Unruhe, Übelkeit,
Schlafstörungen und Gedanken wie: „Die fragen
mich bestimmt genau das, was ich nicht richtig verstanden
habe, das schaffe ich nie“, machten ihm stark
zu schaffen. Einmal ließ er sich krankschreiben,
sein Vater arrangierte das für ihn. Zuletzt meldete
er sich kurz vor Prüfungen jedes Mal wieder ab,
traute sich den Erfolg nicht mehr zu, egal wie viel
er gelernt hatte.
Im Prüfungsamt wurde man auf seinen schleppenden
Studienverlauf aufmerksam, schickte ihn zu einer psychologischen
Beratung. Man riet ihm, eine Therapie im Studienbüro
zu machen, denn die Uni an den Nagel hängen wollte
Thomas auch nicht. „In der Therapie lerne ich,
einen Lernplan zu erstellen. Ich versuche zu verstehen,
woher meine Probleme kommen. Außerdem nehme ich
jeden Tag Medikamente, die mir helfen, nicht alles so
schwarz zu sehen.“ Eine Teilschuld spricht er
seinen Eltern zu. Die nahmen ihm oft schwierige Aufgaben
ab, ließen ihn sehr wohlbehütet aufwachsen.
„An der Uni können sie mir aber nicht helfen.
Ich muss lernen, selbst die Verantwortung zu übernehmen.“
In die Zukunft blickt Thomas zuversichtlich. „In
ein paar Wochen steht die nächste Prüfung
an. Ich glaube, dass ich es schaffe. Ich habe endlich
wieder ein gutes Gefühl.“
Interview: Professionelle Hilfe durchs Studienbüro
Je näher der Tag der Prüfung rückt, desto
massiver werden Symptome wie Unruhe, Übelkeit und
Schlafstörungen. Der absolute Albtraum: ein Blackout
in der Prüfung. Laut einer Krankenkassenstudie
leiden zwei Drittel aller Studierenden unter Stress
und Angst in der Prüfungszeit. Jeder Fünfte
muss psychotherapeutisch behandelt werden. Raffaela
Römer sprach darüber mit der Psychologin Eva
Fischer und dem Sozialwissenschaftler Werner Schulte.
Beide bieten im Studienbüro der Ruhr-Uni Betroffenen
ihre Hilfe an.
Rubens: Warum haben so viele Studenten Angst vor
Prüfungen?
Fischer: Fast jeder wird nervös, wenn er seine
Leistung unter Beweis stellen soll. Bei Stress schütten
wir Adrenalin aus, eine Reaktion, mit der unser Körper
auf Gefahr reagiert und sich für Flucht oder Kampf
wappnet. In dieser Situation sind wir hellwach und hoch
konzentriert.
Rubens: Angst ist also etwas Positives?
Fischer: In einem gewissen Rahmen ja. Eine Prüfung
ist auch wie ein sportlicher Wettkampf. Eine Herausforderung,
die volle Konzentration erfordert. Wird die Angst aber
so stark, dass man in einer Prüfung das Gelernte
nicht mehr abrufen kann, hat sie negative Auswirkungen.
Rubens: Das berühmte schwarze Loch im Kopf?
Schulte: Genau. Prüfungsangst kann sich aber auch
anders äußern. Aus Scheu vor einem Misserfolg
schieben viele Studenten die Prüfungsvorbereitung
vor sich her, bis es viel zu spät ist, um den Stoff
noch ordentlich zu lernen. Andere lernen wie verrückt,
melden sich aber kurz vor der Prüfung ab. Bei einigen
werden Magenschmerzen und Schlafstörungen im Vorfeld
so stark, dass sie richtig krank sind.
Rubens: Wieso haben manche Menschen diese Ängste
und andere nicht?
Schulte: Es gibt immer einen individuellen Hintergrund.
Ist man einmal durch eine Prüfung gefallen, obwohl
man viel gelernt hat, kann das eine Art Trauma auslösen.
Auch wissen viele nicht, was sie erwartet und malen
sich regelrechte Horrorszenarien aus. Manchmal stellen
die Eltern extrem hohe Erwartungen an ihre Kinder und
setzen sie unter Druck.
Rubens: Nach dem Motto: Wenn ich das nicht schaffe,
ist alles aus?
Fischer: Ja. Man sollte immer überlegen: Was passiert
denn wirklich, wenn ich durchfalle? Es gibt aber immer
eine Lösung, einen alternativen Weg. Ein klassischer
Trugschluss ist auch: „Dann bin ich ein minderwertiger
Mensch“ oder „Ich bin zu dumm für ein
Studium“. Solche Gedanken blockieren und fördern
die Angst.
Rubens: Wie kann man seine Prüfungsangst denn in
den Griff bekommen?
Schulte: Am besten sucht man sich Hilfe, zum Beispiel
bei uns im Studienbüro. Wir suchen nach Ursachen
und helfen dabei, Prüfungen einen realistischen
Stellenwert zu geben. Wir erstellen unter anderem gemeinsam
mit den Studenten Arbeitspläne, damit sie lernen,
wie man richtig lernt.
Rubens: Nämlich wie?
Schulte: Beispielsweise den Stoff in kleine Portionen
einteilen, die man auch wirklich bewältigen kann.
Vor allem genügend Pausen machen, am besten alle
45 Minuten eine. Fünf bis sechs Stunden intensive
Arbeit pro Tag sind in der Regel die Obergrenze, die
man einplanen sollte. Am besten stellt man einen richtigen
Stundenplan auf.
Rubens: Gibt es noch andere Tricks?
Fischer: Man kann eigentlich nicht von Tricks reden.
Es sind vielmehr die klassischen Regeln des Lernen-Lernens,
zum Beispiel nachdem man einen Absatz gelesen hat, den
Inhalt zu rekapitulieren. Am besten überlegt man
sich eigene Fragen an den Lernstoff. Bereitet man sich
auf eine schriftliche Klausur vor, sollte man die Antworten
aufschreiben. Handelt es sich um eine mündliche
Prüfung, sollte man die Antworten laut sprechen,
auch wenn das anfangs etwas befremdlich ist.
Rubens: Es gibt also Hoffnung für die Betroffenen?
Schulte: Fast alle, die sich an uns wenden, bestehen
ihre Prüfungen. Manchmal kommen Ratsuchende zu
dem Schluss, vom Examen zurück zu treten, weil
möglicherweise ein Fachwechsel sinnvoller scheint.
Selbst, wenn man durchfällt: Man hat eine Prüfung
nicht bestanden, aber nicht im Leben versagt.
Infos & Beratungstermine gibt es
im Studienbüro unter -23865 oder persönlich
im Sekretariat: Mo-Do 10-12 (außer Dienstagvormittag)
und 14-16 h, im Studierendenhaus, Ebene 2, Raum 206.
Raffaela
Römer
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