Gegen
den Sturm
E.on-Kühlturm im Windkanal der Bauingenieure
Die Naturgewalten zu besiegen, das hat die Menschheit
noch nicht geschafft, dem Wind ein Schnippchen zu schlagen
schon. Im Windkanal der Arbeitsgruppe Aerodynamik und
Strömungsmechanik im Bauwesen an der Ruhr-Uni testen
Forscher die Stabilität von Gebäuden. Aktuelles
Testobjekt ist der Kühlturm eines Kraftwerks, das
E.on ab 2007 in Datteln bauen will.
Am 5. April stellten Prof. Dr.-Ing. Hans-Jürgen
Niemann, Dr.-Ing. Norbert Hölscher und Dipl.-Ing.
Jörg Sahlmen die Ergebnisse ihrer umfangreichen
Untersuchungen vor, die in Kooperation mit der Ingenieurgesellschaft
Niemann & Partner von August bis Dezember 2005 durchgeführt
wurden. Zum Ortstermin am Windkanal in Gebäude
IA kamen rund 20 Vertreter der Stadt Datteln, darunter
die Stellvertretende Bürgermeisterin Brunhilde
Magerstedt, sowie der Kraftwerksgruppenleiter West des
Konzerns E.on, Matthias Hube.
Tests am Modell
Natürlich konnte man nicht den Turm des Kraftwerks
selber testen – der ist mit einer Höhe von
160 bis 180 Meter zu groß für den Kanal und
noch nicht gebaut. Daher stellten die Ingenieure ein
Modell her, das sie im Windkanal aufbauten. Ein Axialgebläse
saugt Luft so an, dass sie mit hoher Geschwindigkeit
über das aus Spezialkunststoff bestehende Mini-Kraftwerk
streicht. Messfühler auf der Oberfläche und
im Inneren des Turms zeichnen auf, wie viel Druck auf
ihn wirkt und wie sehr er sich verformt.
Für genaue Ergebnisse müssen die Versuche
realitätsnah durchgeführt werden. Der Maßstab
muss stimmen, die Gebäude in der Umgebung werden
einbezogen, genau wie die Bodenbeschaffenheit: Einbauten
innerhalb der Anlaufstrecke des Kanals machen den Wind
böig. Da das Modell drehbar wie auf einer großen
Töpferscheibe angebracht ist, kann man alle Windrichtungen
simulieren: Westwind ist für den E.on-Kühlturm
am gefährlichsten. Für diesen ungünstigsten
Fall bestimmen Tragwerksplaner die nötigen Abmessungen
wie Mauerdicken und Stärke des Bewehrungsstahls.
Die Ergebnisse werden an E.on weitergegeben und bilden
die Planungsgrundlage für den Bau.
Um die Wirkung des Windes auf das Gebäude für
das Publikum zu veranschaulichen, verdunkelten die Ingenieure
den Raum. Durch Rauch und blaues Laserlicht sichtbar
gemacht, zeigt der Wind, wie er in Wirbeln und Böen
um den Turm herum pfeift und darüber hinweg fegt.
Man kann nachvollziehen, mit welcher Kraft Böen
gegen die Front des Gebäudes drücken, und
wie die Strömung hinter dem Turm an ihm zieht.
Prof. Niemann fasste dieses Phänomen zusammen:
„Vorne drückts und hinten ziehts, deswegen
muss der Kühlturm für extreme Situationen
gerüstet sein.“ Um dies zu gewährleisten,
hat sich E.on an die Ingenieure der Ruhr-Uni gewandt,
die 30 Jahre Erfahrung mit den Tests von Kühltürmen
haben und dabei weltweit führend sind.
Umstrittenes Kraftwerk
Doch selbst mit einem perfekten Kühlturm ist das
neue Kraftwerk in Datteln umstritten. Gegner befürchten
Luftverschmutzung, Verschattung durch den hohen Turm
und eine Beeinträchtigung des Kleinklimas. Besonders
seit bekannt wurde, dass auch in begrenzten Mengen Petrolkoks
und Kronocarb (ein Abfallprodukt aus der Titandioxidherstellung)
verbrannt werden soll, ist Protest laut geworden. Und
nicht nur Sabine von der Beck, Fraktionschefin der Grünen
im Kreis Recklinghausen, fragt sich: „Was steht
uns als nächste Zumutung bevor?“. Befürworter
halten dagegen, dass das Kraftwerk nicht nur die Stromversorgung
der Stadt übernehmen, sondern auch Arbeitsplätze
schaffen und schon in der Bauphase wirtschaftlichen
Aufschwung bringen könne. Sie sind zuversichtlich,
dass das neue Kraftwerk ab 2011 das alte ersetzen kann,
das bald vom Netz geht. „Im Rat sind die Weichen
gestellt, nur die Baugenehmigung muss noch erteilt werden“,
so Wilfried Habranke (SPD), Mitglied des Rates der Stadt
Datteln.
Milena
Kreft
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