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RUBENS 104

1. Februar 2006

Aale auf Reisen



Bauingenieurin ermittelt Methoden für den Aal-Abstieg in der Ruhr



Wer sich gern mal ein Stück Räucheraal schmecken lässt, sollte nicht weiter lesen: Auch wenn dem Aal der Kuscheltierfaktor abgeht, nötigt seine Biographie Respekt ab, wie Simone Patzke feststellen musste, als sie sich für ihre Diplomarbeit – mit dem „Förderpreis für Beiträge des Bauingenieurwesens zur Umwelttechnik“ ausgezeichnet – alles über Aale anlas. Die Bauingenieurin kam zum Aal wie die Jungfrau zum Kind: Die Wasserrahmenrichtlinie der EU fordert von den Mitgliedsstaaten, Fischen und somit auch Aalen den Wechsel zwischen Meer und Süßwasser zu ermöglichen. Simone Patzke sollte herausfinden, welche Möglichkeiten es hierfür an den Wasserkraftanlagen der Ruhr geben könnte.


Über den Lebenslauf der Aale staunte sie nicht schlecht. Bis zu 22 Jahre alt kann ein Aal werden, und er kommt ziemlich weit herum. Sämtliche Aale aus aller Welt treffen sich zum Laichen in der Sargasso-See im Westatlantik. Die dort geschlüpften sog. Weidenblattlarven werden mit dem Golfstrom an die bis zu 7.000 Kilometer entfernten Küsten gespült und machen sich, nun als Steigaale, auf den Weg flussaufwärts, dorthin, wo ihre Eltern herkamen. Sie legen mehrere hundert Kilometer zurück – gegen den Strom. Sind sie in ihren Lebensräumen angekommen, z.B. in der Ruhr bei Witten oder Hattingen, bleiben sie acht bis 15 Jahre dort und wachsen. Eines Tages im Herbst, wenn der Fluss viel Wasser führt, das nicht zu kalt und nicht zu warm ist, und wenn der Mond günstig steht, brechen sie zum Laichen zur Sargasso-See auf, noch mal 7.000 Kilometer.

Mit dem Hauptstrom

So jedenfalls sollte es sein. Leider funktioniert das nicht mehr, denn Bauwerke in den Flüssen wie Wehre und Wasserkraftwerke stehen den Aalen im Weg. Zwar sind für den sog. Fischaufstieg an vielen Querbauwerken bereits Anlagen installiert, mit deren Hilfe Fische die Barrieren und Höhenunterschiede flussaufwärts überwinden können. Für den Rückweg der Aale taugen sie meist nicht. Oft befindet sich der Einstieg weit vor dem Wehr, um aufsteigende Fische nicht in den Gefahrenbereich zu leiten. Da Aale tief am Grund mit dem Hauptstrom, d. h. in der Mitte des Flusses, schwimmen, finden sie die Anlagen nicht. Unversehens taucht vor ihnen z. B. das Kraftwerk auf, wenn es zu spät ist umzukehren; sie geraten in den Sog und werden von den Turbinen zerlegt.
Wie viele es tatsächlich schaffen, bis ins Meer zurückzukommen, wurde für die Aale in der Ruhr nie gezählt. Simone Patzke hat Zahlen zu vergleichbaren Kraftwerken im Main verwendet, um das abschätzen zu können. Sie ist zu einem ernüchternden Ergebnis gekommen: „In der Ruhr gibt es im möglichen Lebensraum der Aale, von der Mündung in den Rhein bis etwa kurz vor Arnsberg, 21 Wasserkraftwerke. Wenn jedes von ihnen etwa 20 Prozent der Aale das Leben kostet, kommt im Rhein keiner mehr an.“ Und wenn kein Aal aus der Ruhr in der Sargossa-See laicht, kommt auch kein Nachwuchs zurück. Schon heute leben nur deshalb Aale in der Ruhr, weil sie als fischereilicher Besatz dorthin gebracht werden – natürlich auch, damit es was zu angeln gibt.
Dass das kein Zustand ist, findet auch die EU. Sie legte in ihrer Richtlinie fest, dass an allen Wasserkraftwerksanlagen neben dem Fischaufstieg künftig auch der Fischabstieg ermöglicht werden muss. Bis 2015 soll ein ökologisch guter Zustand erreicht sein. Welche Methoden Aale und Kraftwerksbetreiber gleichermaßen zufrieden stellen könnten, sollte Simone Patzke im Auftrag des Ruhrverbands herausfinden. Bei ihren Recherchen stieß sie auf allerlei Verfahren, angefangen von einer Rollrechenanlage, die die Fische über das Hindernis hinwegbefördert, allerdings u.U. auch verletzt, über speziell geformte Turbinen, die Fische schonen, aber auch weniger Strom erzeugen, bis hin zu Anlagen, die ein elektrisches Feld erzeugen, das die Aale von den Turbinen fernhalten und statt dessen in die außen gelegenen Abstiegsanlage lenken soll. Leider reagiert jede Fischart anders auf solche Maßnahmen, so dass es schwierig ist eine zufriedenstellende Lösung für die gesamte Fischfauna zu finden.

Sammeltaxi für Aale

Letztlich blieben nur wenige Verfahren übrig, deren Nachteile nicht die Vorteile überwiegen. Um schnell etwas für die Aale und der Stromerzeugung keinen Abbruch zu tun, bietet sich das sog. Trap&Truck-Verfahren an, eine Art Sammeltaxi für Aale. Die Tiere werden in Netzen gesammelt, auf Lkw verladen und an den Hindernissen vorbei chauffiert, um dann wieder ins Wasser geworfen zu werden. „Auf Dauer ist das natürlich nicht Sinn der Sache“, meint Simone Patzke. Längerfristig seien mechanische Verfahren am besten geeignet. So sei es am wichtigsten, den Abstand der Stäbe der Rechen zu verringern, die dazu dienen, die Turbinen vor Treibgut zu schützen, damit Aale nicht mehr hindurchgelangen können. Allerdings müsste zusätzlich, wenigstens zur Wanderzeit der Aale, auch der Durchfluss durch die Turbinen verringert werden, sonst wäre der Sog so stark, dass die Fische an den Rechen kleben und dort verenden würden.
Alternativ könnte man die Turbinen zur Wanderungszeit ganz abschalten. Die Wanderung der Aale kann man z. B. vorhersagen, indem man wenige, in Gefangenschaft lebende Aale mit Chips ausstattet und ihre Bewegungen per Computer registriert. Bei erhöhter Aktivität ist mit dem baldigen Aufbruch der Kollegen in Freiheit zu rechnen. Oder man könnte die Monate August bis Dezember pauschal zur Reisezeit erklären, sich die Anschaffung des Frühwarnsystems sparen und stattdessen mehr Stromverluste in Kauf nehmen.
Da so gut wie jede Maßnahme mit der zeitweiligen Verringerung der Stromerzeugung verbunden ist, soll ökologisch einwandfrei erzeugter Strom nach dem novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetz besser vergütet werden. Dies wird durch den kürzlich vom Bundesumweltministerium veröffentlichten Leitfaden für die Vergütung von Strom aus Wasserkraft bestätigt. „Generell müssten jedoch noch höhere Anreize für die Kraftwerksbetreiber gegeben werden, damit gute Fischabstiegsanlagen gebaut werden“, fordert Simone Patzke.
Und noch eine offene Frage bleibt am Ende ihrer Arbeit: Das Verhalten der Aale und anderer Fische ist in weiten Teilen noch wenig erforscht, so dass man kaum abschätzen kann, wie sie auf welche Maßnahme reagieren. Hier besteht weiterer Studienbedarf. Für Simone Patzke ist die Zeit der Aale allerdings vorbei; sie kümmert sich in ihrem Dissertationsprojekt mittlerweile um Hochwasser. Was bleibt: „Ich könnte keinen Aal mehr essen.

 



md
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