Aale auf Reisen
Bauingenieurin ermittelt Methoden für den Aal-Abstieg
in der Ruhr
Wer sich gern mal ein Stück Räucheraal schmecken
lässt, sollte nicht weiter lesen: Auch wenn dem
Aal der Kuscheltierfaktor abgeht, nötigt seine
Biographie Respekt ab, wie Simone Patzke feststellen
musste, als sie sich für ihre Diplomarbeit –
mit dem „Förderpreis für Beiträge
des Bauingenieurwesens zur Umwelttechnik“ ausgezeichnet
– alles über Aale anlas. Die Bauingenieurin
kam zum Aal wie die Jungfrau zum Kind: Die Wasserrahmenrichtlinie
der EU fordert von den Mitgliedsstaaten, Fischen und
somit auch Aalen den Wechsel zwischen Meer und Süßwasser
zu ermöglichen. Simone Patzke sollte herausfinden,
welche Möglichkeiten es hierfür an den Wasserkraftanlagen
der Ruhr geben könnte.
Über den Lebenslauf der Aale staunte sie nicht
schlecht. Bis zu 22 Jahre alt kann ein Aal werden, und
er kommt ziemlich weit herum. Sämtliche Aale aus
aller Welt treffen sich zum Laichen in der Sargasso-See
im Westatlantik. Die dort geschlüpften sog. Weidenblattlarven
werden mit dem Golfstrom an die bis zu 7.000 Kilometer
entfernten Küsten gespült und machen sich,
nun als Steigaale, auf den Weg flussaufwärts, dorthin,
wo ihre Eltern herkamen. Sie legen mehrere hundert Kilometer
zurück – gegen den Strom. Sind sie in ihren
Lebensräumen angekommen, z.B. in der Ruhr bei Witten
oder Hattingen, bleiben sie acht bis 15 Jahre dort und
wachsen. Eines Tages im Herbst, wenn der Fluss viel
Wasser führt, das nicht zu kalt und nicht zu warm
ist, und wenn der Mond günstig steht, brechen sie
zum Laichen zur Sargasso-See auf, noch mal 7.000 Kilometer.
Mit dem Hauptstrom
So jedenfalls sollte es sein. Leider funktioniert das
nicht mehr, denn Bauwerke in den Flüssen wie Wehre
und Wasserkraftwerke stehen den Aalen im Weg. Zwar sind
für den sog. Fischaufstieg an vielen Querbauwerken
bereits Anlagen installiert, mit deren Hilfe Fische
die Barrieren und Höhenunterschiede flussaufwärts
überwinden können. Für den Rückweg
der Aale taugen sie meist nicht. Oft befindet sich der
Einstieg weit vor dem Wehr, um aufsteigende Fische nicht
in den Gefahrenbereich zu leiten. Da Aale tief am Grund
mit dem Hauptstrom, d. h. in der Mitte des Flusses,
schwimmen, finden sie die Anlagen nicht. Unversehens
taucht vor ihnen z. B. das Kraftwerk auf, wenn
es zu spät ist umzukehren; sie geraten in den Sog
und werden von den Turbinen zerlegt.
Wie viele es tatsächlich schaffen, bis ins Meer
zurückzukommen, wurde für die Aale in der
Ruhr nie gezählt. Simone Patzke hat Zahlen zu vergleichbaren
Kraftwerken im Main verwendet, um das abschätzen
zu können. Sie ist zu einem ernüchternden
Ergebnis gekommen: „In der Ruhr gibt es im möglichen
Lebensraum der Aale, von der Mündung in den Rhein
bis etwa kurz vor Arnsberg, 21 Wasserkraftwerke. Wenn
jedes von ihnen etwa 20 Prozent der Aale das Leben kostet,
kommt im Rhein keiner mehr an.“ Und wenn kein
Aal aus der Ruhr in der Sargossa-See laicht, kommt auch
kein Nachwuchs zurück. Schon heute leben nur deshalb
Aale in der Ruhr, weil sie als fischereilicher Besatz
dorthin gebracht werden – natürlich auch,
damit es was zu angeln gibt.
Dass das kein Zustand ist, findet auch die EU. Sie legte
in ihrer Richtlinie fest, dass an allen Wasserkraftwerksanlagen
neben dem Fischaufstieg künftig auch der Fischabstieg
ermöglicht werden muss. Bis 2015 soll ein ökologisch
guter Zustand erreicht sein. Welche Methoden Aale und
Kraftwerksbetreiber gleichermaßen zufrieden stellen
könnten, sollte Simone Patzke im Auftrag des Ruhrverbands
herausfinden. Bei ihren Recherchen stieß sie auf
allerlei Verfahren, angefangen von einer Rollrechenanlage,
die die Fische über das Hindernis hinwegbefördert,
allerdings u.U. auch verletzt, über speziell geformte
Turbinen, die Fische schonen, aber auch weniger Strom
erzeugen, bis hin zu Anlagen, die ein elektrisches Feld
erzeugen, das die Aale von den Turbinen fernhalten und
statt dessen in die außen gelegenen Abstiegsanlage
lenken soll. Leider reagiert jede Fischart anders auf
solche Maßnahmen, so dass es schwierig ist eine
zufriedenstellende Lösung für die gesamte
Fischfauna zu finden.
Sammeltaxi für Aale
Letztlich blieben nur wenige Verfahren übrig,
deren Nachteile nicht die Vorteile überwiegen.
Um schnell etwas für die Aale und der Stromerzeugung
keinen Abbruch zu tun, bietet sich das sog. Trap&Truck-Verfahren
an, eine Art Sammeltaxi für Aale. Die Tiere werden
in Netzen gesammelt, auf Lkw verladen und an den Hindernissen
vorbei chauffiert, um dann wieder ins Wasser geworfen
zu werden. „Auf Dauer ist das natürlich nicht
Sinn der Sache“, meint Simone Patzke. Längerfristig
seien mechanische Verfahren am besten geeignet. So sei
es am wichtigsten, den Abstand der Stäbe der Rechen
zu verringern, die dazu dienen, die Turbinen vor Treibgut
zu schützen, damit Aale nicht mehr hindurchgelangen
können. Allerdings müsste zusätzlich,
wenigstens zur Wanderzeit der Aale, auch der Durchfluss
durch die Turbinen verringert werden, sonst wäre
der Sog so stark, dass die Fische an den Rechen kleben
und dort verenden würden.
Alternativ könnte man die Turbinen zur Wanderungszeit
ganz abschalten. Die Wanderung der Aale kann man z. B.
vorhersagen, indem man wenige, in Gefangenschaft lebende
Aale mit Chips ausstattet und ihre Bewegungen per Computer
registriert. Bei erhöhter Aktivität ist mit
dem baldigen Aufbruch der Kollegen in Freiheit zu rechnen.
Oder man könnte die Monate August bis Dezember
pauschal zur Reisezeit erklären, sich die Anschaffung
des Frühwarnsystems sparen und stattdessen mehr
Stromverluste in Kauf nehmen.
Da so gut wie jede Maßnahme mit der zeitweiligen
Verringerung der Stromerzeugung verbunden ist, soll
ökologisch einwandfrei erzeugter Strom nach dem
novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetz besser vergütet
werden. Dies wird durch den kürzlich vom Bundesumweltministerium
veröffentlichten Leitfaden für die Vergütung
von Strom aus Wasserkraft bestätigt. „Generell
müssten jedoch noch höhere Anreize für
die Kraftwerksbetreiber gegeben werden, damit gute Fischabstiegsanlagen
gebaut werden“, fordert Simone Patzke.
Und noch eine offene Frage bleibt am Ende ihrer Arbeit:
Das Verhalten der Aale und anderer Fische ist in weiten
Teilen noch wenig erforscht, so dass man kaum abschätzen
kann, wie sie auf welche Maßnahme reagieren. Hier
besteht weiterer Studienbedarf. Für Simone Patzke
ist die Zeit der Aale allerdings vorbei; sie kümmert
sich in ihrem Dissertationsprojekt mittlerweile um Hochwasser.
Was bleibt: „Ich könnte keinen Aal mehr essen.
md
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