Dicht und steril
im Doppelpack
RUBIN 1/06: Plasma-Sterilisation von PET-Flaschen
Da wird die altbewährte Glasflasche gerade
durch die Plastikflasche abgelöst und nun soll
wieder Glas als dünne Schicht den Kunststoff undurchlässig
gegenüber Gasen machen. Plasmaforscher um Prof.
Dr.-Ing. Peter Awakowicz (Allgemeine Elektrotechnik
und Plasmatechnik) sehen darin keinen Widerspruch. In
einem eigens dafür entwickelten Plasmareaktor kombinieren
sie zudem die Beschichtung mit einer Sterilisation zu
einem umweltfreundlichen Gesamtprozess.
Getränkehandlungen und Supermärkte hat sie
längst erobert und auch Getränkehersteller
setzen zunehmend auf die unzerbrechliche und leichte
Alternative zur herkömmlichen Glasflasche: In der
sog. PET-Flasche (PET: Polyethylenterephthalat) findet
sich inzwischen bei einigen Discountern selbst Bier.
Warum war es vor kurzem noch undenkbar, vitaminhaltige
Säfte oder Bier in PET-Flaschen abzufüllen?
Die Begründung ergibt sich aus den Eigenschaften
des Werkstoffs Polyethylenterephthalat. PET bietet keine
ausreichende Barriere gegenüber Gasen, sondern
ermöglicht den Stofftransport durch die Behälterwand.
Das führt dazu, dass Sauerstoff in die Flasche
eindringen und Kohlensäure (Kohlenstoffdioxid)
aus dem Getränk entweichen kann. Da viele Vitamine
äußerst empfindlich gegenüber Sauerstoff
sind, können schon geringe Mengen die Mindesthaltbarkeit
drastisch einschränken, zudem leiden Geschmack,
Vitamin- und Kohlensäuregehalt des Getränks.
Damit PET-Flaschen auch bei empfindlichen Getränken
eine akzeptable Mindesthaltbarkeit ermöglichen,
haben Bochumer Plasmaforscher jetzt ein Verfahren entwickelt,
mit dem sie mit Hilfe eines Niederdruckplasmas PET-Flaschen
von innen mit Siliziumdioxid beschichten. Die Flaschen
erhalten quasi eine hauchdünne Glasschicht in Nanometerstärke.
Dem dient ein in Kooperation mit einem Industriepartner
speziell für die Geometrien von PET-Flaschen konstruierter
Plasmareaktor. Innerhalb der Flasche zünden die
Forscher ein Plasma, in dem dann chemische Reaktionen
ablaufen, die zu einer Innenbeschichtung der PET-Flasche
führen.
Bakterien abtöten
Neben der Barrierebeschichtung lassen sich mit Hilfe
von Plasmen aber auch Bakterien abtöten. Im Gegensatz
zur herkömmlichen könnte mit dieser Plasma-Sterilisation
auf toxische Substanzen, etwa Wasserstoffperoxid oder
Peressigsäure, verzichtet werden. Die Kombination
von Prozessschritten ist ein Vorzug der Plasmatechnik,
den die Forscher hier nutzen wollen. Wo heute noch eine
Beschichtungsanlage und ein herkömmlicher Sterilisator
benötigt werden, soll zukünftig nur eine Maschine
wesentlich umweltfreundlicher im Einsatz sein.
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Was ist ein Plasma?
Wird einem Stoff Energie zugeführt, so geht er
in den nächsten energetisch höheren Aggregatzustand
über. So schmilzt etwa Eis bei Erwärmung und
wird bei weiterer Energiezufuhr gasförmig. In diesen
drei Zuständen bleiben die Atome und Moleküle
unversehrt. Erst bei weiterer Energiezufuhr kommt es
durch Stoßprozesse zur Anregung und schließlich
zur Ionisation. Im Gas entstehen geladene Atome und
Moleküle sowie Elektronen. Wenn solche ionisierten
Komponenten in einem bestimmten Umfang vorliegen, spricht
man von einem Plasma.
Technische Plasmen lassen sich zur Lichterzeugung, Oberflächenaktivierung,
Beschichtung oder zum Ätzen nutzen. Sie werden
vor allem in der Mikroelektronik etwa bei der Herstellung
von Mikroprozessoren, Speicherbausteinen oder anderen
komplexen Halbleiterbauelementen eingesetzt. Während
sog. Hochdruckplasmen in Xenonlampen Temperaturen von
mehreren tausend Grad Celsius erreichen, lassen sich
Plasmen auch bei Raumtemperatur erzeugen (Niedertemperaturplasmen).
Diese eignen sich besonders für die Behandlung
von Kunststoffen oder anderen temperaturempfindlichen
Materialien.
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