„Wie von einem anderen Stern“
Bochumer Student gründete Gesprächskreis zu
Hochsensibilität
Hochsensible nehmen sich und ihre Umwelt aufgrund einer
neurologischen Besonderheit ungleich intensiver wahr
als ihre Mitmenschen. Auch ihre Sicht auf die Welt und
auf sich selbst ist tiefsinniger und detaillierter.
Weil Hochsensible häufig vor den auf sie einstürzenden
Eindrücken flüchten und sich zurückziehen,
leiden sie unter dem Ruf, Mimosen oder Eigenbrötler
zu sein. Der Bochumer Jurastudent Michael Jack gründete
vor anderthalb Jahren den ersten Gesprächskreis
Deutschlands zum Thema Hochsensibilität.
„Ich hatte immer das Gefühl, ich sei von
einem anderen Stern. Fälschlicherweise auf der
Erde gelandet, umgeben von Menschen, die irgendwie anders
ticken als ich selber.“ Jahrelang lebte Michael
Jack mit diesem Gefühl. Erst vor zwei Jahren stieß
der 24-Jährige, der an der Ruhr-Uni im neunten
Semester Jura studiert, im Internet zufällig auf
eine Seite über Hochsensible (HSP = Highly Sensitive
Person). „Ich wusste sofort: Das ist die Erklärung
für meine Probleme. Ein riesiger Stein fiel mir
vom Herzen. Endlich wusste ich, dass es noch andere
gibt, die genauso fühlen wie ich.“ Nämlich
viel intensiver als die meisten Menschen. Laute oder
andauernde Geräusche, intensive Gerüche, Berührungen,
schnelle Bildfolgen und ähnliches können bei
Hochsensiblen schnell Unbehagen, ja sogar Atemnot oder
Platzangst hervorrufen.
Michael Jack erklärt dies so: „Jeder Mensch
nimmt Informationen aus seiner Umwelt auf und verarbeitet
sie. Bei fast allen Menschen wird ein Großteil
dieser Eindrücke jedoch aus der Wahrnehmung herausgefiltert.
Wohnt jemand zum Beispiel an einer stark befahrenen
Straße, so wird er den Verkehrslärm nach
einiger Zeit nicht mehr so stark wahrnehmen wie zu Beginn.
Weil dieser Filter bei Hochsensiblen weniger stark ausgeprägt
ist, nehmen sie viel mehr Informationen aus ihrer Umwelt
und von sich selbst wahr.“
Mehr Forschung notwendig
Bekannt wurde das Phänomen der Hochsensibilität
erst Ende der Neunziger Jahre. Die US-Psychologin Elaine
Aron, die sich seit Jahren intensiv damit auseinandersetzt,
prägte den Begriff. Laut ihrer Studien ist jeder
fünfte bis sechste Mensch betroffen. Inwiefern
diese Zahlen zutreffen, ist schwer zu sagen, da es bisher
nur sehr wenige Wissenschaftler gibt, die sich mit HSP
beschäftigen. Auch ob Hochsensibilität vererbt
wird, wie Aron vermutet, wurde bis heute nicht eindeutig
nachgewiesen.
Auf welche Reize ein Hochsensibler besonders stark reagiert,
ist unterschiedlich. Michael Jack machen vor allem laute
Geräusche zu schaffen. Bei Vorlesungen setzt er
sich daher immer in die vorderste Reihe, eine Angewohnheit,
die ihn bei seinen Kommilitonen bekannt machte. Doch
säße er weiter hinten, meint der Student,
könne er sich aufgrund der starken Störgeräusche
nicht mehr auf den Vortrag des Dozenten konzentrieren.
Ein echter Horrortrip ist für Jack eine Nacht in
der Disco. Bevor er von seiner Hochsensibilität
wusste, setzte er sich trotzdem hin und wieder diesem
Stress aus. „Ich lebte nach den Standards Nicht-Hochsensibler.
Meine Freunde fanden es in der Disco cool, also dachte
ich, auch mir müsse es gefallen.“
Besondere Gabe
Ein Fehler, wie er heute weiß. Der Zwiespalt,
in dem er steckte, äußerte sich bald in einem
auf seine Mitmenschen sonderlich wirkenden Verhalten.
Um sich von den starken, auf sie einströmenden
Eindrücken erholen zu können, ziehen sich
Hochsensible häufig an ruhige Orte zurück.
„Manchmal, wenn es mir zu viel wurde, konnte ich
einfach nicht mehr anders. Ich musste Hals über
Kopf weg, aus der Disko, von der Party. In solchen Momenten
wollte ich nur alleine sein.“ Seine Mitschüler
und später seine Kommilitonen deuteten dieses Verhalten
als Unhöflichkeit und Eigenbrötlerei und stempelten
ihn bald als „komischen Kauz“ ab.
Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch eine
weitere Eigenart, die Jack mit vielen Hochsensiblen
teilt: So vielschichtig und detailliert sie ihre Umwelt
wahrnehmen, so tiefgründig ist auch ihre Interpretation
der Welt und ihrer selbst. Michael Jack, dem sein „Anderssein“
erst in der Pubertät auffiel, beschreibt es so:
„Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen
etwas eindimensional und oberflächlich denken.“
Er selbst neige zur „zwanghaften Objektivität“,
betrachte ein Problem gerne ausführlich aus verschiedenen
Perspektiven und hüte sich, voreilig Schlussfolgerungen
zu ziehen. Genau da sieht Jack aber auch den Vorteil
seiner Hochsensibilität. „Im Vergleich mit
anderen haben wir häufig eine sehr gute Auffassungsgabe,
die in Studium und Beruf helfen kann. Viele HSP zeigen
eine hohe Kreativität oder ein besonderes Einfühlungsvermögen,
da sie Stimmungen ihrer Mitmenschen oder die Atmosphäre
in einem Raum viel besser wahrnehmen. Wenn man richtig
lebt, ist Hochsensibilität eine besondere Gabe.“
Keine Krankheit
Weil er aus Internetforen und aus eigener Erfahrung
wusste, wie wichtig der Austausch mit anderen Betroffenen
ist, gründete der gebürtige Lüdenscheider
vor anderthalb Jahren den ersten Gesprächskreis
zu HSP in Deutschland. Seitdem treffen sich ein bis
zweimal im Monat Hochsensible aller Altersstufen im
Selbsthilfe- und Kommunikationszentrum OASE am Buscheyplatz.
Als Selbsthilfegruppe sehen sich die Teilnehmer nicht.
„Selbsthilfegruppen sprechen über ein gemeinsames
Problem. Hochsensibel zu sein ist an sich kein Problem,
schon gar nicht eine Krankheit. Es kann aber zu Problemen
führen, wenn man nach den Standards der Nicht-Hochsensiblen
lebt“, sagt Jack.
Das kann auch die 35-jährige Stefanie aus Duisburg
bestätigen. Seit einem Autounfall vor elf Jahren
nimmt sie die Welt hochsensibel war. Für ihre Partner
war das nicht immer einfach, wie sie erzählt: „Ich
denke, dass meine Hochsensibilität mit dafür
verantwortlich ist, dass ich mich von meinem Lebensgefährten
getrennt habe. Er konnte mein Gefühlsleben nicht
nachvollziehen, wurde mit der Situation nicht fertig.“
Auch Thomas aus Gelsenkirchen weiß, dass viele
Menschen mit HSP nichts anfangen können. „Man
wird in unserer Ellenbogengesellschaft schnell als Weichei
oder Mimose abgestempelt, wenn man hochsensibel ist.“
Gerade im Berufsleben komme es darauf an, sich durchzusetzen.
„Ich habe zwei Gesichter. Eines bei der Arbeit,
wo ich versuche, meine Sensibilität nicht so offensichtlich
zu zeigen, und eines im Privatleben, wenn ich so sein
kann wie ich bin“, sagt der 46-Jährige.
Auf mehr Verständnis bei ihren Mitmenschen hoffen
Michael, Stefanie und Thomas nicht, daher „binden
wir auch nicht jedem unserer Freunde oder Familienmitglieder
auf die Nase, dass wir hochsensibel sind.“ Wichtiger
ist ihnen, dass andere Menschen, die sich bisher wie
Außerirdische auf einem fremden Planeten fühlen,
von der Existenz dieses Phänomens erfahren. Die
drei sind sich einig: „Zu wissen, man ist nicht
allein, das ist oft schon die Lösung aller Probleme.“
Infos: www.hochsensible.de
Raffaela
Römer
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