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RUBENS 104

1. Februar 2006


„Wie von einem anderen Stern“



Bochumer Student gründete Gesprächskreis zu Hochsensibilität



Hochsensible nehmen sich und ihre Umwelt aufgrund einer neurologischen Besonderheit ungleich intensiver wahr als ihre Mitmenschen. Auch ihre Sicht auf die Welt und auf sich selbst ist tiefsinniger und detaillierter. Weil Hochsensible häufig vor den auf sie einstürzenden Eindrücken flüchten und sich zurückziehen, leiden sie unter dem Ruf, Mimosen oder Eigenbrötler zu sein. Der Bochumer Jurastudent Michael Jack gründete vor anderthalb Jahren den ersten Gesprächskreis Deutschlands zum Thema Hochsensibilität.


„Ich hatte immer das Gefühl, ich sei von einem anderen Stern. Fälschlicherweise auf der Erde gelandet, umgeben von Menschen, die irgendwie anders ticken als ich selber.“ Jahrelang lebte Michael Jack mit diesem Gefühl. Erst vor zwei Jahren stieß der 24-Jährige, der an der Ruhr-Uni im neunten Semester Jura studiert, im Internet zufällig auf eine Seite über Hochsensible (HSP = Highly Sensitive Person). „Ich wusste sofort: Das ist die Erklärung für meine Probleme. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen. Endlich wusste ich, dass es noch andere gibt, die genauso fühlen wie ich.“ Nämlich viel intensiver als die meisten Menschen. Laute oder andauernde Geräusche, intensive Gerüche, Berührungen, schnelle Bildfolgen und ähnliches können bei Hochsensiblen schnell Unbehagen, ja sogar Atemnot oder Platzangst hervorrufen.
Michael Jack erklärt dies so: „Jeder Mensch nimmt Informationen aus seiner Umwelt auf und verarbeitet sie. Bei fast allen Menschen wird ein Großteil dieser Eindrücke jedoch aus der Wahrnehmung herausgefiltert. Wohnt jemand zum Beispiel an einer stark befahrenen Straße, so wird er den Verkehrslärm nach einiger Zeit nicht mehr so stark wahrnehmen wie zu Beginn. Weil dieser Filter bei Hochsensiblen weniger stark ausgeprägt ist, nehmen sie viel mehr Informationen aus ihrer Umwelt und von sich selbst wahr.“

Mehr Forschung notwendig

Bekannt wurde das Phänomen der Hochsensibilität erst Ende der Neunziger Jahre. Die US-Psychologin Elaine Aron, die sich seit Jahren intensiv damit auseinandersetzt, prägte den Begriff. Laut ihrer Studien ist jeder fünfte bis sechste Mensch betroffen. Inwiefern diese Zahlen zutreffen, ist schwer zu sagen, da es bisher nur sehr wenige Wissenschaftler gibt, die sich mit HSP beschäftigen. Auch ob Hochsensibilität vererbt wird, wie Aron vermutet, wurde bis heute nicht eindeutig nachgewiesen.
Auf welche Reize ein Hochsensibler besonders stark reagiert, ist unterschiedlich. Michael Jack machen vor allem laute Geräusche zu schaffen. Bei Vorlesungen setzt er sich daher immer in die vorderste Reihe, eine Angewohnheit, die ihn bei seinen Kommilitonen bekannt machte. Doch säße er weiter hinten, meint der Student, könne er sich aufgrund der starken Störgeräusche nicht mehr auf den Vortrag des Dozenten konzentrieren. Ein echter Horrortrip ist für Jack eine Nacht in der Disco. Bevor er von seiner Hochsensibilität wusste, setzte er sich trotzdem hin und wieder diesem Stress aus. „Ich lebte nach den Standards Nicht-Hochsensibler. Meine Freunde fanden es in der Disco cool, also dachte ich, auch mir müsse es gefallen.“

Besondere Gabe

Ein Fehler, wie er heute weiß. Der Zwiespalt, in dem er steckte, äußerte sich bald in einem auf seine Mitmenschen sonderlich wirkenden Verhalten. Um sich von den starken, auf sie einströmenden Eindrücken erholen zu können, ziehen sich Hochsensible häufig an ruhige Orte zurück. „Manchmal, wenn es mir zu viel wurde, konnte ich einfach nicht mehr anders. Ich musste Hals über Kopf weg, aus der Disko, von der Party. In solchen Momenten wollte ich nur alleine sein.“ Seine Mitschüler und später seine Kommilitonen deuteten dieses Verhalten als Unhöflichkeit und Eigenbrötlerei und stempelten ihn bald als „komischen Kauz“ ab.
Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch eine weitere Eigenart, die Jack mit vielen Hochsensiblen teilt: So vielschichtig und detailliert sie ihre Umwelt wahrnehmen, so tiefgründig ist auch ihre Interpretation der Welt und ihrer selbst. Michael Jack, dem sein „Anderssein“ erst in der Pubertät auffiel, beschreibt es so: „Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen etwas eindimensional und oberflächlich denken.“ Er selbst neige zur „zwanghaften Objektivität“, betrachte ein Problem gerne ausführlich aus verschiedenen Perspektiven und hüte sich, voreilig Schlussfolgerungen zu ziehen. Genau da sieht Jack aber auch den Vorteil seiner Hochsensibilität. „Im Vergleich mit anderen haben wir häufig eine sehr gute Auffassungsgabe, die in Studium und Beruf helfen kann. Viele HSP zeigen eine hohe Kreativität oder ein besonderes Einfühlungsvermögen, da sie Stimmungen ihrer Mitmenschen oder die Atmosphäre in einem Raum viel besser wahrnehmen. Wenn man richtig lebt, ist Hochsensibilität eine besondere Gabe.“

Keine Krankheit

Weil er aus Internetforen und aus eigener Erfahrung wusste, wie wichtig der Austausch mit anderen Betroffenen ist, gründete der gebürtige Lüdenscheider vor anderthalb Jahren den ersten Gesprächskreis zu HSP in Deutschland. Seitdem treffen sich ein bis zweimal im Monat Hochsensible aller Altersstufen im Selbsthilfe- und Kommunikationszentrum OASE am Buscheyplatz. Als Selbsthilfegruppe sehen sich die Teilnehmer nicht. „Selbsthilfegruppen sprechen über ein gemeinsames Problem. Hochsensibel zu sein ist an sich kein Problem, schon gar nicht eine Krankheit. Es kann aber zu Problemen führen, wenn man nach den Standards der Nicht-Hochsensiblen lebt“, sagt Jack.
Das kann auch die 35-jährige Stefanie aus Duisburg bestätigen. Seit einem Autounfall vor elf Jahren nimmt sie die Welt hochsensibel war. Für ihre Partner war das nicht immer einfach, wie sie erzählt: „Ich denke, dass meine Hochsensibilität mit dafür verantwortlich ist, dass ich mich von meinem Lebensgefährten getrennt habe. Er konnte mein Gefühlsleben nicht nachvollziehen, wurde mit der Situation nicht fertig.“
Auch Thomas aus Gelsenkirchen weiß, dass viele Menschen mit HSP nichts anfangen können. „Man wird in unserer Ellenbogengesellschaft schnell als Weichei oder Mimose abgestempelt, wenn man hochsensibel ist.“ Gerade im Berufsleben komme es darauf an, sich durchzusetzen. „Ich habe zwei Gesichter. Eines bei der Arbeit, wo ich versuche, meine Sensibilität nicht so offensichtlich zu zeigen, und eines im Privatleben, wenn ich so sein kann wie ich bin“, sagt der 46-Jährige.
Auf mehr Verständnis bei ihren Mitmenschen hoffen Michael, Stefanie und Thomas nicht, daher „binden wir auch nicht jedem unserer Freunde oder Familienmitglieder auf die Nase, dass wir hochsensibel sind.“ Wichtiger ist ihnen, dass andere Menschen, die sich bisher wie Außerirdische auf einem fremden Planeten fühlen, von der Existenz dieses Phänomens erfahren. Die drei sind sich einig: „Zu wissen, man ist nicht allein, das ist oft schon die Lösung aller Probleme.“

Infos: www.hochsensible.de




 


Raffaela Römer
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