Am Hindukusch
Die Ruhr-Uni trägt komplett die Ausbildung
von Wirtschaftswissenschaftlern in Afghanistan
In Bochum ausgebildete Dozenten lehren anhand von in
Bochum entwickelten Readern. Sie halten sich an einen
Lehrplan, der in Bochum konzipiert wurde. Erstaunlich
daran ist, dass sich das Ganze in Kabul, Herat, Mazar
i‘ Sharif und Jalalabad abspielt. Für diese
vier Unis in Afghanistan wird das Wirtschaftsstudium
an der Ruhr-Uni geplant und organisiert – demnächst
auch die Vernetzung von Hochschule und Wirtschaft.
Als Mitte Januar erneut 60 Elite-Studierende
aus Afghanistan an die Ruhr-Uni gekommen sind, um ein
vierwöchiges Weiterbildungsprogramm zu absolvieren,
gab es eine augenfällige Neuerung: Erstmals waren
Studentinnen darunter, rund 20. Bislang waren zwar stets
Frauen eingeladen, doch jedes Mal hatten sie auf den
letzten Drücker kollektiv einen Rückzieher
gemacht. Eine Reise ins christliche, westliche Ausland
entspricht nicht der traditionellen Frauenrolle am Hindukusch.
„Diesmal haben wir jedoch so lange mit den Frauen
geredet, mit ihren Eltern, ihren Ehemännern, mit
ihren Brüdern und mit ihren Dozenten, bis endlich
alle einverstanden gewesen sind“, beschreibt Prof.
Dr. Wilhelm Löwenstein die enorme Vorarbeit. Prof.
Löwenstein ist Geschäftsführender Direktor
des Instituts für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik
(IEE) der Ruhr-Uni und zuständig für die vom
Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderte
Kooperation mit den afghanischen Wirtschaftsfakultäten.
Elf Bochumer Lehrstühle
Auf seinem Schreibtisch liegen die in Bochum konzipierten
Reader für das Wirtschaftsstudium in Afghanistan,
die an den dortigen vier Unis mit Wirtschaftsfakultät
seit Frühjahr 2005 eingesetzt werden. Mächtig
ist er, der Readerstapel, 4.000 Seiten stark. Er enthält
aktuellen Lehr- und Lernstoff (inkl. Folien etc.), der
an elf Lehrstühlen der Bochumer Wirtschaftsfakultät
gesammelt und für afghanische Studierende optimiert
wurde. Auch sprachlich, denn ein Teil der tausendfachen
Auflage wurde in die Landessprache Dari übersetzt,
die Standardsprache ist Englisch.
Der neue Bachelor in Afghanistan (Economics and Business
Administration) ist auf ein dreijähriges Fachstudium
ausgelegt. Er umfasst betriebs- und volkswirtschaftliche
Vorlesungen und Übungen in elf Fächern (38
Module) im Umfang von 89 Semesterwochenstunden, die
durch Seminare sowie juristische und kulturelle Lehrveranstaltungen
ergänzt werden. Entstanden ist der einheitliche
Lehrplan ebenfalls an den elf Lehrstühlen der Bochumer
Wiwi-Fakultät.
Wie nötig aktuelle Lehrpläne und Lehrstoffe
für Afghanistan war, konnte Wilhelm Löwenstein
2002 auf einer seiner ersten Reisen an den Hindukusch
sehen: „Die deutschen, englischen, französischen
und russischen Bücher decken den wirtschaftswissenschaftlichen
Kanon bis Mitte der 70er-Jahre ab“, erklärte
er damals im Interview (RUBENS 71). Ende der 70er-Jahre
wurde das Land von der Roten Armee besetzt, später
gab es Bürgerkrieg und das Taliban-Regime; das
wissenschaftliche Leben kam beinahe zum Stillstand.
Gleiches galt für die seit 1967 bestehende Partnerschaft
der Ruhr-Uni mit der Uni Kabul.
Wiederaufnahme
Nach dem Ende der Talibanherrschaft (2001) kam das
akademische Leben in Afghanistan wieder in Schwung -
dank deutscher Unterstützung. Verantwortlich für
Wirtschaftswissenschaft ist die Ruhr-Uni. Regelmäßig
sind Bochumer Wissenschaftler in Kabul oder Herat, nehmen
an Konferenzen oder Fakultätstagen teil, planen
und organisieren.
Sogar ständig sind afghanische Dozenten oder Studierende
in Bochum. Die Studierenden absolvieren Weiterbildungsprogramme
in Informationstechnik oder anderen wirtschaftlichen
oder wirtschaftsnahen Bereichen. Die Dozenten nehmen
an Herbstschulen teil, wo Bochumer Wissenschaftler innovative
Lehrkonzepte vermitteln. Zudem sind junge afghanische
Dozenten ins Programm Master of Arts in Development
Management des Instituts für Entwicklungsforschung
und Entwicklungspolitik integriert.
Im Mittelpunkt der Dozentenausbildung steht der neue
einheitliche Lehrplan, den die afghanischen Hochschullehrer
natürlich beherrschen müssen. Sie bilden sich
deshalb in Bochum weiter. Um die Wirtschaftsfakultäten
in Afghanistan dadurch nicht zu entvölkern, wurde
mit Unterstützung durch den DAAD in Kabul ein auf
drei Jahre angelegtes Trainingsprogramm entworfen. Es
ermöglicht den knapp 30 Dozenten serielle Weiterbildungen
in Bochum; die ersten elf kamen im September 2004.
Deutsch for Survival
Während der viermonatigen Aufenthalte arbeiten
sich die Dozenten in Kleingruppen in jeweils zwei Fächer
des neuen Programms ein – anhand der Reader und
natürlich auf Englisch; hinzu kommen Didaktik sowie
der Kurs „Deutsch for Survival“. Unterstützt
werden die Dozenten von einem Tutor und den Bochumer
Wirtschaftslehrstühlen. Am Ende werden die Afghanen
von Bochumer Dozenten geprüft. Das erfolgreiche
Bestehen der Fachprüfungen, per Zertifikat bescheinigt,
ist Bedingung für Folgeeinladungen, die der Erschließung
weiterer Fächer des Curriculums dienen.
2007 werden viele der afghanischen Wirtschaftsdozenten
alle elf Fächer absolviert haben. Zwischen den
Aufenthalten in Deutschland können sie die neu
erworbenen Fachkenntnisse in der Lehre anwenden und
sukzessive das alte Curriculum durch das neue ersetzen.
Gleichzeitig haben sie nicht nur ihre inhaltliche, sondern
– durch den Zertifikatserwerb nach erfolgreicher
Prüfung in Bochum – auch ihre formale Qualifikation
verbessert. Damit rückt die internationale Anerkennung
ihres akademischen Grades und der von ihnen angebotenen
Lehre in greifbare Nähe.
Doch selbst damit ist die Bochumer Unterstützung
für Afghanistan noch nicht abgeschlossen: „Momentan
arbeiten wir sehr intensiv an der Vernetzung des Studiums
mit der Wirtschaft“, verrät Prof. Löwenstein
– bevor er ganz zum Schluss gesteht: „Einmal
ist doch schon eine afghanische Studentin hier gewesen,
sie hatte nicht mitbekommen, dass alle anderen abgesprungen
sind. Letztlich aber hat es ihr hier so gut gefallen,
dass sie die beste Promoterin war, um ihre Kolleginnen
für die Teilnahme an der aktuellen Fortbildung
an der Ruhr-Uni zu motivieren.“
Interview: Offene Türen
Naeem Tan Sarwary (32) gehört zu den in
Bochum ausgebildeten Dozenten. Er lehrt an der Wirtschaftsfakultät
der Universität von Nangarhar in Mazar-i-Sharif.
Sarwary ist im Wintersemester 2005/06 zum dritten Mal
in Bochum gewesen. Mit ihm sprach Arne Dessaul.
RUBENS: Wo wohnen Sie während Ihrer Aufenthalte
in Bochum?
Sarwary: In einem Studentenwohnheim in der Markstraße.
Dort sind auch alle anderen afghanischen Dozenten untergebracht.
Das ist praktisch und mir gefällt es dort sehr
gut.
RUBENS: Was mögen Sie an Deutschland und speziell
an der Ruhr-Uni?
Sarwary: Ich mag die Uni und finde es bemerkenswert,
dass die Studenten praktisch jederzeit die Einrichtungen
nutzen können. Besonders schätze ich das Verhältnis
zu den Dozenten an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft,
die Türen stehen immer für uns offen. Ansonsten
habe ich allerhand in Deutschland gesehen, wir waren
in Berlin, in Hamburg und im Sea Life in Oberhausen.
Am Wochenende – in der Woche bleibt dafür
keine Zeit – bin ich manchmal in Bochum, Dortmund
und Essen unterwegs. Mit Bus und Bahn kann ich alles
problemlos erreichen.
RUBENS: Gibt es etwas, das Ihnen hier nicht gefällt?
Sarwary: Es gibt zu viele Raucher, finde ich. Für
mich persönlich ist es zudem schade, dass mir zu
wenig Zeit bleibt, besser Deutsch zu lernen. Unser Programm
ist sehr arbeitsintensiv, und wir werden ja in Englisch
unterrichtet, das ich mir auch erst nach und nach besser
aneignen kann.
RUBENS: Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihren
Bochumer Kollegen?
Sarwary: Wie gesagt, sie klappt hervorragend. Das Programm
hilft enorm beim akademischen Wiederaufbau in Afghanistan.
Vor ein paar Jahren standen wir vor dem Nichts. An meiner
Uni gab es nur zwei Professoren, beide wurden in den
siebziger Jahren ausgebildet. Wir brauchten vor allem
Bücher, Lehrpläne und Dozenten. Das bekommen
wir nun durch die Zusammenarbeit mit der Ruhr-Uni und
dem DAAD. Dank des einheitlichen Lehrplans kann man
während des Studiums die Provinz wechseln, das
war vorher unmöglich. Dadurch rückt das Land
näher zusammen, zumal die Dozenten aller Provinzen
zusammen in Bochum ausgebildet werden. Dafür bin
ich allen, die das Programm unterstützen, sehr
dankbar.
RUBENS: Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?
Sarwary: Bislang wurden die Lehrmaterialien nur ins
Dari übersetzt. Doch Dari ist nicht die Muttersprache
aller Afghanen. Paschtu ist ebenfalls sehr verbreitet.
Damit die Paschtunen die gleichen Chancen auf Bildung
haben, wäre es wichtig, die Lehrbücher auch
ins Paschtu zu übersetzen. Erste Ansätze gibt
es: Demnächst erscheint ein viersprachiges Wirtschaftslexikon:
in Deutsch, Englisch, Dari und Paschtu.
Weiterhin wünsche ich mir, dass die Dozenten aus
Afghanistan höhere Abschlüsse erwerben können.
Zurzeit haben 70 Prozent der afghanischen Dozenten nur
einen Bachelor. Ich hoffe, dass viele von uns in Deutschland
promovieren können.
RUBENS: Nicht in Afghanistan?
Sarwary: Leider nicht. Man muss ja bei einem Professor
promovieren und daran mangelt es uns weiterhin.
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