Ruhr-Universität Bochum zur Navigation zum Inhalt Startseite der RUB pix
Startseite UniStartseite
Überblick UniÜberblick
A-Z UniA-Z
Suche UniSuche
Kontakt UniKontakt

pix
 
Das Siegel
Naturwissenschaften Ingenieurwissenschaften Geisteswissenschaften Medizinische Einrichtungen Zentrale Einrichtungen
pix
RUBENS - Zeitschrift der RUB
RUBENS- Startseite

Lesen
Aktuelle Ausgabe
Archiv
¤Ausgabe Nr. 104
  ¤Artikel
pdf-Dateien

Service & Kontakt
Mediadaten
Redaktion
E-Mail Service
Kontakt

Volltextsuche
pix RUBENS - Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
 
 
 
    
pix
Artikel » Ausgabe 104 »Archiv » RUBENS » Pressestelle » Ruhr-Universität
pix pix
RUBENS 104

1. Februar 2006


Am Hindukusch



Die Ruhr-Uni trägt komplett die Ausbildung von Wirtschaftswissenschaftlern in Afghanistan




In Bochum ausgebildete Dozenten lehren anhand von in Bochum entwickelten Readern. Sie halten sich an einen Lehrplan, der in Bochum konzipiert wurde. Erstaunlich daran ist, dass sich das Ganze in Kabul, Herat, Mazar i‘ Sharif und Jalalabad abspielt. Für diese vier Unis in Afghanistan wird das Wirtschaftsstudium an der Ruhr-Uni geplant und organisiert – demnächst auch die Vernetzung von Hochschule und Wirtschaft.

Als Mitte Januar erneut 60 Elite-Studierende aus Afghanistan an die Ruhr-Uni gekommen sind, um ein vierwöchiges Weiterbildungsprogramm zu absolvieren, gab es eine augenfällige Neuerung: Erstmals waren Studentinnen darunter, rund 20. Bislang waren zwar stets Frauen eingeladen, doch jedes Mal hatten sie auf den letzten Drücker kollektiv einen Rückzieher gemacht. Eine Reise ins christliche, westliche Ausland entspricht nicht der traditionellen Frauenrolle am Hindukusch.
„Diesmal haben wir jedoch so lange mit den Frauen geredet, mit ihren Eltern, ihren Ehemännern, mit ihren Brüdern und mit ihren Dozenten, bis endlich alle einverstanden gewesen sind“, beschreibt Prof. Dr. Wilhelm Löwenstein die enorme Vorarbeit. Prof. Löwenstein ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik (IEE) der Ruhr-Uni und zuständig für die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderte Kooperation mit den afghanischen Wirtschaftsfakultäten.

Elf Bochumer Lehrstühle

Auf seinem Schreibtisch liegen die in Bochum konzipierten Reader für das Wirtschaftsstudium in Afghanistan, die an den dortigen vier Unis mit Wirtschaftsfakultät seit Frühjahr 2005 eingesetzt werden. Mächtig ist er, der Readerstapel, 4.000 Seiten stark. Er enthält aktuellen Lehr- und Lernstoff (inkl. Folien etc.), der an elf Lehrstühlen der Bochumer Wirtschaftsfakultät gesammelt und für afghanische Studierende optimiert wurde. Auch sprachlich, denn ein Teil der tausendfachen Auflage wurde in die Landessprache Dari übersetzt, die Standardsprache ist Englisch.
Der neue Bachelor in Afghanistan (Economics and Business Administration) ist auf ein dreijähriges Fachstudium ausgelegt. Er umfasst betriebs- und volkswirtschaftliche Vorlesungen und Übungen in elf Fächern (38 Module) im Umfang von 89 Semesterwochenstunden, die durch Seminare sowie juristische und kulturelle Lehrveranstaltungen ergänzt werden. Entstanden ist der einheitliche Lehrplan ebenfalls an den elf Lehrstühlen der Bochumer Wiwi-Fakultät.
Wie nötig aktuelle Lehrpläne und Lehrstoffe für Afghanistan war, konnte Wilhelm Löwenstein 2002 auf einer seiner ersten Reisen an den Hindukusch sehen: „Die deutschen, englischen, französischen und russischen Bücher decken den wirtschaftswissenschaftlichen Kanon bis Mitte der 70er-Jahre ab“, erklärte er damals im Interview (RUBENS 71). Ende der 70er-Jahre wurde das Land von der Roten Armee besetzt, später gab es Bürgerkrieg und das Taliban-Regime; das wissenschaftliche Leben kam beinahe zum Stillstand. Gleiches galt für die seit 1967 bestehende Partnerschaft der Ruhr-Uni mit der Uni Kabul.

Wiederaufnahme

Nach dem Ende der Talibanherrschaft (2001) kam das akademische Leben in Afghanistan wieder in Schwung - dank deutscher Unterstützung. Verantwortlich für Wirtschaftswissenschaft ist die Ruhr-Uni. Regelmäßig sind Bochumer Wissenschaftler in Kabul oder Herat, nehmen an Konferenzen oder Fakultätstagen teil, planen und organisieren.
Sogar ständig sind afghanische Dozenten oder Studierende in Bochum. Die Studierenden absolvieren Weiterbildungsprogramme in Informationstechnik oder anderen wirtschaftlichen oder wirtschaftsnahen Bereichen. Die Dozenten nehmen an Herbstschulen teil, wo Bochumer Wissenschaftler innovative Lehrkonzepte vermitteln. Zudem sind junge afghanische Dozenten ins Programm Master of Arts in Development Management des Instituts für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik integriert.
Im Mittelpunkt der Dozentenausbildung steht der neue einheitliche Lehrplan, den die afghanischen Hochschullehrer natürlich beherrschen müssen. Sie bilden sich deshalb in Bochum weiter. Um die Wirtschaftsfakultäten in Afghanistan dadurch nicht zu entvölkern, wurde mit Unterstützung durch den DAAD in Kabul ein auf drei Jahre angelegtes Trainingsprogramm entworfen. Es ermöglicht den knapp 30 Dozenten serielle Weiterbildungen in Bochum; die ersten elf kamen im September 2004.

Deutsch for Survival

Während der viermonatigen Aufenthalte arbeiten sich die Dozenten in Kleingruppen in jeweils zwei Fächer des neuen Programms ein – anhand der Reader und natürlich auf Englisch; hinzu kommen Didaktik sowie der Kurs „Deutsch for Survival“. Unterstützt werden die Dozenten von einem Tutor und den Bochumer Wirtschaftslehrstühlen. Am Ende werden die Afghanen von Bochumer Dozenten geprüft. Das erfolgreiche Bestehen der Fachprüfungen, per Zertifikat bescheinigt, ist Bedingung für Folgeeinladungen, die der Erschließung weiterer Fächer des Curriculums dienen.
2007 werden viele der afghanischen Wirtschaftsdozenten alle elf Fächer absolviert haben. Zwischen den Aufenthalten in Deutschland können sie die neu erworbenen Fachkenntnisse in der Lehre anwenden und sukzessive das alte Curriculum durch das neue ersetzen. Gleichzeitig haben sie nicht nur ihre inhaltliche, sondern – durch den Zertifikatserwerb nach erfolgreicher Prüfung in Bochum – auch ihre formale Qualifikation verbessert. Damit rückt die internationale Anerkennung ihres akademischen Grades und der von ihnen angebotenen Lehre in greifbare Nähe.
Doch selbst damit ist die Bochumer Unterstützung für Afghanistan noch nicht abgeschlossen: „Momentan arbeiten wir sehr intensiv an der Vernetzung des Studiums mit der Wirtschaft“, verrät Prof. Löwenstein – bevor er ganz zum Schluss gesteht: „Einmal ist doch schon eine afghanische Studentin hier gewesen, sie hatte nicht mitbekommen, dass alle anderen abgesprungen sind. Letztlich aber hat es ihr hier so gut gefallen, dass sie die beste Promoterin war, um ihre Kolleginnen für die Teilnahme an der aktuellen Fortbildung an der Ruhr-Uni zu motivieren.“


Interview: Offene Türen


Naeem Tan Sarwary (32) gehört zu den in Bochum ausgebildeten Dozenten. Er lehrt an der Wirtschaftsfakultät der Universität von Nangarhar in Mazar-i-Sharif. Sarwary ist im Wintersemester 2005/06 zum dritten Mal in Bochum gewesen. Mit ihm sprach Arne Dessaul.

RUBENS: Wo wohnen Sie während Ihrer Aufenthalte in Bochum?
Sarwary: In einem Studentenwohnheim in der Markstraße. Dort sind auch alle anderen afghanischen Dozenten untergebracht. Das ist praktisch und mir gefällt es dort sehr gut.

RUBENS: Was mögen Sie an Deutschland und speziell an der Ruhr-Uni?
Sarwary: Ich mag die Uni und finde es bemerkenswert, dass die Studenten praktisch jederzeit die Einrichtungen nutzen können. Besonders schätze ich das Verhältnis zu den Dozenten an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, die Türen stehen immer für uns offen. Ansonsten habe ich allerhand in Deutschland gesehen, wir waren in Berlin, in Hamburg und im Sea Life in Oberhausen. Am Wochenende – in der Woche bleibt dafür keine Zeit – bin ich manchmal in Bochum, Dortmund und Essen unterwegs. Mit Bus und Bahn kann ich alles problemlos erreichen.

RUBENS: Gibt es etwas, das Ihnen hier nicht gefällt?
Sarwary: Es gibt zu viele Raucher, finde ich. Für mich persönlich ist es zudem schade, dass mir zu wenig Zeit bleibt, besser Deutsch zu lernen. Unser Programm ist sehr arbeitsintensiv, und wir werden ja in Englisch unterrichtet, das ich mir auch erst nach und nach besser aneignen kann.

RUBENS: Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihren Bochumer Kollegen?
Sarwary: Wie gesagt, sie klappt hervorragend. Das Programm hilft enorm beim akademischen Wiederaufbau in Afghanistan. Vor ein paar Jahren standen wir vor dem Nichts. An meiner Uni gab es nur zwei Professoren, beide wurden in den siebziger Jahren ausgebildet. Wir brauchten vor allem Bücher, Lehrpläne und Dozenten. Das bekommen wir nun durch die Zusammenarbeit mit der Ruhr-Uni und dem DAAD. Dank des einheitlichen Lehrplans kann man während des Studiums die Provinz wechseln, das war vorher unmöglich. Dadurch rückt das Land näher zusammen, zumal die Dozenten aller Provinzen zusammen in Bochum ausgebildet werden. Dafür bin ich allen, die das Programm unterstützen, sehr dankbar.

RUBENS: Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?
Sarwary: Bislang wurden die Lehrmaterialien nur ins Dari übersetzt. Doch Dari ist nicht die Muttersprache aller Afghanen. Paschtu ist ebenfalls sehr verbreitet. Damit die Paschtunen die gleichen Chancen auf Bildung haben, wäre es wichtig, die Lehrbücher auch ins Paschtu zu übersetzen. Erste Ansätze gibt es: Demnächst erscheint ein viersprachiges Wirtschaftslexikon: in Deutsch, Englisch, Dari und Paschtu.
Weiterhin wünsche ich mir, dass die Dozenten aus Afghanistan höhere Abschlüsse erwerben können. Zurzeit haben 70 Prozent der afghanischen Dozenten nur einen Bachelor. Ich hoffe, dass viele von uns in Deutschland promovieren können.

RUBENS: Nicht in Afghanistan?
Sarwary: Leider nicht. Man muss ja bei einem Professor promovieren und daran mangelt es uns weiterhin.

 


ad
pfeil  voriger Artikel Themenübersicht nächster Artikel   pfeil
 
 
Zum Seitenanfang  Seitenanfang | Druckfassung dieser Seite
Letzte Änderung: 31.1.2006| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik