Transfusionshilfe
Serie Medizinhistorische Sammlung
Als der Tübinger Chirurg Otto Jüngling in
den 1920er-Jahren die Spritzenkonstruktion des Stuttgarter
Instrumentenmachers Wilhelm Haselmeier kennen lernte,
war er sofort begeistert: Die oft benutzten, umständlichen
Zwei- oder Dreiwegehähne seien nun entbehrlich.
Ihre Funktion übernehme jetzt das speziell konstruierte
„Kopfstück“ der neuen Spritze. Dieses
gibt – je nach Stellung des drehbaren Spritzenkörpers
– einen von mehreren Wegen frei. Die jeweils gewählte
Einstellung markiert ein Pfeil auf dem Glaszylinder.
Besondere Vorteile der neuen Spritze sah Jüngling
bei Bluttransfusionen: Das in Tübingen bisher übliche
Verfahren nach Franz Oehlecker (1919 publiziert) konnte
jetzt vereinfacht werden. Jüngling war so überzeugt
von der neuen Methode, dass er sie 1925 im Zentralblatt
für Chirurgie veröffentlichte und so zu ihrer
Verbreitung beitrug. Mit seinem Namen warb man dann
auch für die neue Bluttransfusionsspritze, womit
sie „wissenschaftlich“ aufgewertet wurde.
Eingenähte Glaskanülen
Für Bluttransfusionen wurde ein Modell mit drei
Wegen und meistens 50 oder 100 ml Fassungsvermögen
eingesetzt. Zwei der angeschlossenen Schläuche
versah man mit Glaskanülen, die in die operativ
eröffneten Venen des Spenders und des Empfängers
eingenäht wurden (beim abgebildeten Gerät
wurde einer dieser Schläuche abgenommen und vor
das Gerät gelegt). Der Fortsatz auf den Glaskanülen
diente der besseren operativen Fixierung der Kanülen.
Der dritte Schlauch wurde mit einem Gewicht versehen
in einem Glasbehälter versenkt, der mit einer Natriumzitratlösung
gefüllt war (das Gewicht ist bei dem abgebildeten
Gerät nicht zu sehen).
Bei der Transfusion wurde die Spritze zuerst mit der
gerinnungshemmenden Natriumzitratlösung gespült,
dann durch Drehen des Spritzenzylinders der Weg zum
Spender gewählt, Blut entnommen und nach Wahl des
richtigen Ausgangs dem Empfänger übertragen.
Nun wurde das System wieder gespült, anschließend
Blut vom Spender entnommen usw. Spender und Empfänger
lagen bei diesem Verfahren dicht nebeneinander.
Bei dem älteren Verfahren nach Oehlecker wurde
stattdessen mit mehreren Spritzen gearbeitet. Nach der
Blutentnahme trug man die Entnahmespritze zum Empfänger
und transfundierte das Blut. Anschließend wurde
die Spritze von einem Assistenten gespült, während
man mit einer zweiten Spritze bereits wieder Blut entnahm.
Das umständliche Zureichen, Abnehmen und Einsetzen
der ausgespülten Spritze, das mit der neuen Spritze
„Rotanda“ nicht mehr nötig war, erforderte
dabei eine „gewisse Übung“, wie Jüngling
schrieb, um das Eintreten von Luft zu verhindern.
Wilhelm Haselmeier hatte 1924 ein Patent auf seine Konstruktion
angemeldet, das ihm tatsächlich vom Deutschen Reichspatentamt
erteilt wurde. Damit war seine Erfindung patentamtlich
geschützt, ihrer wirtschaftlichen Nutzung stand
nichts mehr im Wege. Mit einem wenig später erteilten
Zusatzpatent wurde die Spritze für Bluttransfusionszwecke
noch einmal verbessert. Produziert wurden Rotanda-Spritzen
in vielen Modifikationen bis weit in die Nachkriegszeit
hinein, auch der Rotanda-Bluttransfusionsapparat mit
Glaskanülen. Der Apparat aus der Bochumer Medizinhistorischen
Sammlung stammt wahrscheinlich aus den 1950er-Jahren.
Beliebte Bluttransfusion
Die therapeutische Bluttransfusion hatte zur Zeit der
Konstruktion der Rotanda-Spritze im Deutschen Reich
wieder eine Phase der Konjunktur, nachdem es im späten
19. Jahrhundert um sie still geworden war und stattdessen
fast nur noch Kochsalzlösungen zum Einsatz kamen.
Die „Wiederentdeckung“ der Bluttransfusion
hatte sich im deutschsprachigen Raum um 1910 ereignet,
und zwar im Zusammenhang mit den Organtransplantationsversuchen,
die viele Mediziner faszinierten - nicht nur Chirurgen,
sondern auch Internisten.
Wie jüngst publizierte Bochumer Forschungsergebnisse
zeigen, hatte die Beschreibung der Hauptblutgruppen
durch Karl Landsteiner um 1900 in dieser frühen
Phase dagegen kaum einen Einfluss – entgegen einer
weit verbreiteten Meinung. Mit guten Gründen kann
man in diesem Kontext die Anfang des 20. Jahrhunderts
durchgeführten Bluttransfusionen pointiert als
gelungene „Organtransplantationen“ zwischen
verschiedenen Menschen bezeichnen, während alle
anderen Organtransplantationen in dieser Zeit beim Versuch
scheiterten, die Grenze des Individuums zu überschreiten.
Info: Medizinhistorische Sammlung
der Ruhr-Uni im Malakowturm, Markstr. 258a,Bochum, Internet:
www.rub.de/malakow,
geöffnet Mi 9-12 h.
PD
Dr. Stefan Schulz
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