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RUBENS 103

2. Januar 2006


Transfusionshilfe


Serie Medizinhistorische Sammlung



Als der Tübinger Chirurg Otto Jüngling in den 1920er-Jahren die Spritzenkonstruktion des Stuttgarter Instrumentenmachers Wilhelm Haselmeier kennen lernte, war er sofort begeistert: Die oft benutzten, umständlichen Zwei- oder Dreiwegehähne seien nun entbehrlich. Ihre Funktion übernehme jetzt das speziell konstruierte „Kopfstück“ der neuen Spritze. Dieses gibt – je nach Stellung des drehbaren Spritzenkörpers – einen von mehreren Wegen frei. Die jeweils gewählte Einstellung markiert ein Pfeil auf dem Glaszylinder.
Besondere Vorteile der neuen Spritze sah Jüngling bei Bluttransfusionen: Das in Tübingen bisher übliche Verfahren nach Franz Oehlecker (1919 publiziert) konnte jetzt vereinfacht werden. Jüngling war so überzeugt von der neuen Methode, dass er sie 1925 im Zentralblatt für Chirurgie veröffentlichte und so zu ihrer Verbreitung beitrug. Mit seinem Namen warb man dann auch für die neue Bluttransfusionsspritze, womit sie „wissenschaftlich“ aufgewertet wurde.

Eingenähte Glaskanülen

Für Bluttransfusionen wurde ein Modell mit drei Wegen und meistens 50 oder 100 ml Fassungsvermögen eingesetzt. Zwei der angeschlossenen Schläuche versah man mit Glaskanülen, die in die operativ eröffneten Venen des Spenders und des Empfängers eingenäht wurden (beim abgebildeten Gerät wurde einer dieser Schläuche abgenommen und vor das Gerät gelegt). Der Fortsatz auf den Glaskanülen diente der besseren operativen Fixierung der Kanülen. Der dritte Schlauch wurde mit einem Gewicht versehen in einem Glasbehälter versenkt, der mit einer Natriumzitratlösung gefüllt war (das Gewicht ist bei dem abgebildeten Gerät nicht zu sehen).
Bei der Transfusion wurde die Spritze zuerst mit der gerinnungshemmenden Natriumzitratlösung gespült, dann durch Drehen des Spritzenzylinders der Weg zum Spender gewählt, Blut entnommen und nach Wahl des richtigen Ausgangs dem Empfänger übertragen. Nun wurde das System wieder gespült, anschließend Blut vom Spender entnommen usw. Spender und Empfänger lagen bei diesem Verfahren dicht nebeneinander.
Bei dem älteren Verfahren nach Oehlecker wurde stattdessen mit mehreren Spritzen gearbeitet. Nach der Blutentnahme trug man die Entnahmespritze zum Empfänger und transfundierte das Blut. Anschließend wurde die Spritze von einem Assistenten gespült, während man mit einer zweiten Spritze bereits wieder Blut entnahm. Das umständliche Zureichen, Abnehmen und Einsetzen der ausgespülten Spritze, das mit der neuen Spritze „Rotanda“ nicht mehr nötig war, erforderte dabei eine „gewisse Übung“, wie Jüngling schrieb, um das Eintreten von Luft zu verhindern.
Wilhelm Haselmeier hatte 1924 ein Patent auf seine Konstruktion angemeldet, das ihm tatsächlich vom Deutschen Reichspatentamt erteilt wurde. Damit war seine Erfindung patentamtlich geschützt, ihrer wirtschaftlichen Nutzung stand nichts mehr im Wege. Mit einem wenig später erteilten Zusatzpatent wurde die Spritze für Bluttransfusionszwecke noch einmal verbessert. Produziert wurden Rotanda-Spritzen in vielen Modifikationen bis weit in die Nachkriegszeit hinein, auch der Rotanda-Bluttransfusionsapparat mit Glaskanülen. Der Apparat aus der Bochumer Medizinhistorischen Sammlung stammt wahrscheinlich aus den 1950er-Jahren.

Beliebte Bluttransfusion

Die therapeutische Bluttransfusion hatte zur Zeit der Konstruktion der Rotanda-Spritze im Deutschen Reich wieder eine Phase der Konjunktur, nachdem es im späten 19. Jahrhundert um sie still geworden war und stattdessen fast nur noch Kochsalzlösungen zum Einsatz kamen. Die „Wiederentdeckung“ der Bluttransfusion hatte sich im deutschsprachigen Raum um 1910 ereignet, und zwar im Zusammenhang mit den Organtransplantationsversuchen, die viele Mediziner faszinierten - nicht nur Chirurgen, sondern auch Internisten.
Wie jüngst publizierte Bochumer Forschungsergebnisse zeigen, hatte die Beschreibung der Hauptblutgruppen durch Karl Landsteiner um 1900 in dieser frühen Phase dagegen kaum einen Einfluss – entgegen einer weit verbreiteten Meinung. Mit guten Gründen kann man in diesem Kontext die Anfang des 20. Jahrhunderts durchgeführten Bluttransfusionen pointiert als gelungene „Organtransplantationen“ zwischen verschiedenen Menschen bezeichnen, während alle anderen Organtransplantationen in dieser Zeit beim Versuch scheiterten, die Grenze des Individuums zu überschreiten.

Info: Medizinhistorische Sammlung der Ruhr-Uni im Malakowturm, Markstr. 258a,Bochum, Internet: www.rub.de/malakow, geöffnet Mi 9-12 h.

 


PD Dr. Stefan Schulz
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Letzte Änderung: 2.1.2006| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik