Windige Angelegenheit
Konzept zur besseren Nutzung der Windenergie
Strom aus Wind ist umweltfreundlich, aber der Wind ist
wankelmütig: Ihre Unzuverlässigkeit ist einer
der Gründe, warum wir nicht mehr Windenergie nutzen.
Energietechniker der Ruhr-Uni haben jetzt ein Konzept
entwickelt, das dem Windstrom seine Launen abgewöhnt.
Es ist ein alter Hut: Wenn wir weiterhin so viel Energie
verbrauchen wie bisher, sind die fossilen Brennstoffe,
aus der wir sie zurzeit hauptsächlich gewinnen,
bald aufgebraucht. Seit langem sucht man nach Alternativen,
einen Durchbruch hat es aber längst noch nicht
gegeben. Dabei sind die Ansätze viel versprechend.
In Deutschland bietet sich vor allem die Nutzung der
Windenergie zur Stromerzeugung an. Der Pferdefuß:
Wind ist launisch. Er weht nicht immer dann, wenn wir
Strom brauchen. Dafür weht er womöglich gerade,
wenn wir keinen brauchen. Außerdem weht er nicht
immer gleich stark, so dass mal mehr und mal weniger
Spannung aus einer Windenergieanlage (WEA) ins Netz
fließt.
Deswegen trauen die Deutschen dem Windstrom nicht: Der
Anteil des durch Wind erzeugten Stroms in Deutschland
beträgt derzeit nur ca. fünf Prozent. Die
Schwankungen des durch Wind erzeugten Stroms werden
durch Kraftwerke ausgeglichen; sie springen ein, wenn
die WEAs zu wenig Strom produzieren. Produzieren sie
zuviel, werden sie einfach abgeschaltet – ein
ineffizientes System, das nichtsdestotrotz Grundlage
für Zukunftspläne ist. Denn natürlich
muss man sich Gedanken machen über alternative
Energien. Deswegen wird in der Nordsee ein riesiger
Windanlagenpark gebaut, der 20 Gigawatt Strom erzeugen
soll, was dem gesamten Energiebedarf in Deutschland
entspricht. Wegen der Launenhaftigkeit des Windes ist
allerdings angedacht, noch mal dieselbe Leistung durch
Atomkraftwerke zu ermöglichen, die bei Bedarf einspringen
– eine doppelte Investition und nach Ansicht von
Prof. Constantinos Sourkounis Verschwendung: „Im
ungünstigsten Fall, wenn gerade sehr wenig Energie
benötigt wird, wären beide Energieerzeuger
abgeschaltet.“
Ikaria, Clausthal, Bochum
Sourkounis schüttelt darüber den Kopf. Er
hat mit seinem Team des Forschungsbereichs Energietechnik
den Pferdefüßen des Windes ein Konzept entgegengestellt,
das beweist: Mehr Strom aus Wind, das kann funktionieren,
und zwar sehr einfach: Man muss die in Zeiten geringen
Bedarfs erzeugte überschüssige Energie aus
Wind zwischenspeichern, bis sie gebraucht wird. Diese
Idee trägt Sourkounis schon eine Weile mit sich
herum; geboren wurde sie in Griechenland, ausgereift
ist sie in Clausthal im Harz, perfektioniert an der
Ruhr-Uni.
Am Anfang stand die kleine Ägäis-Insel Ikaria.
Ihren Bewohnern wurde der Diesel zu teuer, aus dem sie
ihren Strom gewannen. Außerdem war es auch umständlich,
das Öl per Schiff in den kleinen Hafen zu bringen.
Auf die Idee, den Wind zu nutzen, kam man schnell, das
Windangebot war auf der Insel optimal – aber eben
wankelmütig, ebenso wie der Energieverbrauch der
Inselbewohner, der im Sommer abends nahe Null, im Winter
mittags hingegen recht hoch war. Wie das unter einen
Hut bekommen? Den Geistesblitz bescherte den Forschern
ein Staudamm. Der Trick: Überschüssige Energie
aus Wind treibt große Pumpen an, die eine riesige
Menge Wasser aufwärts in ein Rückhaltebecken
pumpen. Dort bleibt es, so lange bis mehr Energie gebraucht
wird, als der Wind gerade liefert. Dann werden die Schleusen
geöffnet, das Wasser fließt abwärts
und treibt dabei Turbinen an, die Strom erzeugen. Wasser
als Speichermedium war ausreichend vorhanden, es ist
nicht umweltschädlich, das Problem war gelöst
– zumindest das technische. Dass die Umsetzung
der Idee auf Ikaria letztlich an politischen Interessenkonflikten
scheiterte, steht auf einem anderen Blatt.
Sourkounis ließ sich seinen Einfall nicht madig
machen und nahm ihn mit in den Harz, wo er lange an
der TU Clausthal arbeitete und sein Konzept anpassen
konnte. „Die Gegend dort ist ideal für ein
solches System“, schwärmt er von Hügeln
und durch den Bergbau entstandenen geografischen Formationen,
die sich als Wasserspeicherlandschaft hervorragend eignen
würden. In sein inzwischen veröffentlichtes
Konzept einer bundesweiten Energieversorgung mit hohem
Anteil Strom aus Wind geht der Harz dann auch an zentraler
Stelle ein: Als Energiespeicher für Strom aus dem
Windpark in der Nordsee.
S-Bahnen als Energiespeicher
Bleibt das Problem kurzfristiger Spannungsschwankungen
durch böigen Wind. Wer mag schon gerne flackernde
Lampen oder Computerabstürze in Kauf nehmen? Auch
hier weiß Sourkounis Rat: „Für Energiespeicherzeiten
im Sekunden- oder Minutenbereich kann man große
Schwungräder nutzen“, erklärt er. Die
Räder werden durch kurzfristige Überproduktion
angetrieben. Wenn ein kurzer Spannungsabfall droht,
bremsen sie ab und geben die dabei frei werdende Energie
ins Stromnetz ab. „Das passiert übrigens
bei jeder S-Bahn“, so Sourkounis, „zum Beschleunigen
nehmen sie Strom aus dem Netz, beim Bremsen speisen
sie wieder welchen ein.“
So einfach ist das also. Technisch wohlgemerkt. Ob und
wann ein solches Konzept tatsächlich umgesetzt
werden wird, steht in den Sternen. „Ich schätze,
in zehn Jahren denken wir drüber nach“, mutmaßt
Sourkounis mit gerunzelter Stirn. Er sieht auf dem Weg
zur Energie der Zukunft noch so einige Stolpersteine,
z.B. die Atomlobby, die mit billigen Preisen wirbt und
dabei die Entsorgungs- und Sicherheitsprobleme ebenso
außer Acht lässt wie die limitierten Uranvorkommen.
Die Umwelt-Lobby sei auch nicht viel besser, gibt er
zu bedenken, ihre Vertreter dächten in zu kleinem
Maßstab und spekulierten vor allem auf Subventionen.
„Erst wenn Energie so teuer ist, dass 30 oder
40 Prozent der Deutschen sie sich nicht mehr leisten
können – und es sind heute schon zehn Prozent
–, wird ein Umdenken einsetzen“, prophezeit
er. Spätestens dann wird Windenergie auch preislich
konkurrenzfähig sein.
Bis dahin wird noch viel Wind ungenutzt verwehen. Außer
vielleicht im Harz. Dort hat Sourkounis seine Kontakte
spielen lassen, um bald ein Pilotprojekt für sein
großes Konzept im kleinen Stil durchzuführen.
md
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