Beobachtet
Weiße Weihnacht
Neulich im November, als der viele Schnee lag, träumten
einige automatisch von einer weißen Weihnacht.
Ist ja auch schön, durch den Schnee zur Christmette
zu stampfen, begleitet von sanft tänzelnden Schneeflocken.
Überall Stille, der weiße, reine Schnee,
klingende Glöckchen, Kerzenlichter und so.
Doch kaum begannen die ersten zu träumen, meldeten
sich die Wetterstatistiker zu Wort und klärten
auf, wie unwahrscheinlich eine weiße Weihnacht
bei uns ist. In München, da mag das alle drei Jahre
oder so möglich sein, aber in Hamburg, Köln
oder im Ruhrgebiet: rein statistisch und wenn überhaupt
vielleicht alle sieben, acht Jahre, und das letzte Mal,
als hier an einem 24. Dezember Schnee lag, das war …,
keine Ahnung, Kohl war wohl noch Kanzler, oder der andere
Helmut.
Praktisch gleichzeitig klärten uns die Wetterstatistiker
darüber auf, wie unwahrscheinlich, ja im Grunde
genommen unmöglich es eigentlich sei, dass sich
einige Tausend Wolken derart hartnäckig über
einem Landstrich halten und sich so richtig ausschneien,
dass der Landstrich nicht nur im Schnee, sondern auch
gleich im Chaos versinkt.
Im Münsterland, wo die Schneewolken bekanntlich
der Meteorologie ein Schnippchen schlagen konnten und
Strommasten brachen, hält sich das Gerücht,
der viele Schnee sei eigentlich für die lieben
Nachbarn in den Niederlanden bestimmt gewesen. Was die
Münsterländer dabei außer Acht lassen:
Auch um sie herum ist Ende November 2005 viel Schnee
gefallen, ob nun in Holland oder in Bochum. Die ersten
acht Schneeflocken setzten wie üblich den Bahnverkehr
lahm. Auch Autos, Linienbusse und Lkw bekamen dank vieler
Sommerreifen ihre gewohnten Schwierigkeiten.
Wer es seinerzeit trotzdem bis zur Ruhr-Uni schaffte,
konnte staunen, wie viele Wege und Schneisen hier sozusagen
über Nacht freigelegt worden waren. Der Fußgängerverkehr
funktionierte, wenn auch zwangsweise im Gänsemarsch.
Jedenfalls gelangte man von GC nach IB oder von HZO
nach QFW, ohne im Schnee zu versinken.
Man kam sogar trockenen Fußes bis zum Musischen
Zentrum. Doch danach hörten die Wege und Schneisen
mit einem Mal auf, da gab es nur noch tiefen Schnee
und später Eis und Schneematsch. Wer zur U 35 oder
zu den Bussen im Uni-Center gehen musste, behielt keine
trockenen Füße. Rutschig war es außerdem,
bisweilen gefährlich.
Nun ja, die sog. Unibrücke gehört nicht mehr
zum Campus, deshalb fühlt die Ruhr-Uni sich dafür
nicht zuständig. Die Betreiber des Uni-Centers
lassen zwar ihr Einkaufsparadies von Eis und Schnee
befreien, nicht aber die Brücke, sie sind dafür
nicht zuständig. Die Stadt ist für die Brücke
zuständig, schickt aber niemanden zum Räumen.
Das ist wie bei uns allen in der Nachbarschaft. Die
von Hausnummer 32 fegen vor ihrem Haus den Schnee weg,
auch die von 36 räumen ihn weg. Und doch bleibt
der Gehweg insgesamt unpassierbar, weil die Leute von
Nummer 34 ihren Schnee einfach liegen lassen. Auf die
Straße auszuweichen geht auch nicht, denn die
Stadt hat die Straße nicht geräumt. Wie auch,
wo doch die Räumfahrzeuge gerade erfolgreich nach
Osteuropa verscherbelt worden sind?
Was also bleibt zu tun? Müssen die von 36 auch
vor 34 räumen? Im Wechsel mit denen aus 32? Oder
sollte man bei 34 noch mal freundlich nachfragen? Oder
könnten nicht am Beginn der Straße Schneeschieber
und Straßenbesen bereit stehen, damit jeder, der
den Fußweg (und die Straße) benutzen möchte,
sich den Weg selbst freischaufelt? Oder träumen
wir lieber von einer grauen Weihnacht und einem komplett
grauen Winter?
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