Hypotheken
Michael Dohlen hat Schadstoffe in Bochums Wäldern
gemessen
Vor drei Jahren (RUBENS
69) haben wir das Dissertationsprojekt des Bochumer
Diplomgeographen Michael Dohlen (Physische Geographie
und Geoökologie) vorgestellt. In drei Bochumer
Stadtwäldern (Langendreer, Bergen und Werne) hat
er den Eintrag und Austrag an (Schad-)Stoffen gemessen:
Was kommt aus der Atmosphäre, dringt in den Waldboden
ein – und schädigt schlimmstenfalls Bäume
und Grundwasser. Mittlerweile ist das Projekt abgeschlossen.
Mit dem frisch promovierten Dr. rer. nat. Michael Dohlen
sprach Arne Dessaul.
RUBENS: Herr Dohlen, wie geht es
dem Bochumer Stadtwald?
Dohlen: Zum Teil geht es ihm, wie dem
Deutschen Wald insgesamt, nicht gut. Von den untersuchten
Standorten sieht es am schlimmsten im ältesten
Wald in Langendreer aus. Ich würde die Lage aber
nicht dramatisieren. Mittelfristig werden die Stadtwälder
ihre Funktion als Schadstoffspeicher weiterhin wahrnehmen
können. Sie filtern beispielsweise Schadstoffe
wie Schwermetalle aus der Luft und speichern sie vor
allem im Waldboden. Das heißt, der Wald fungiert
hier noch als eine Senke, weil der atmosphärische
Stoffeintrag größer ist als der Austrag.
Gefährlich kann es dann werden, wenn sich dieses
Verhältnis umdreht. Dann wird aus dem Wald eine
Quelle, Schadstoffe dringen tiefer in den Boden ein,
gefährden die Gesundheit der Bäume oder können
das Grundwasser belasten.
RUBENS: Wie könnte es dazu kommen?
Dohlen: Durch die fortschreitende starke
Versauerung des Waldbodens können verschiedene
Schwermetalle, die ansonsten im Boden wenig mobil sind,
leichter vertikal verlagert werden. Diese Gefahr besteht
hauptsächlich bei den älteren Wäldern,
die oft höhere Schwermetallgehalte aufweisen. Das
liegt an den früher beträchtlichen Stoffeinträgen
durch die Industrie. Hier könnte die Forstwirtschaft
präventiv eingreifen, sie könnte zum Beispiel
den Waldboden kalken. Allerdings werden klassische Stadtwälder
häufig von der Forstwirtschaft vernachlässigt,
weil sie so gut wie keinen ökonomischen Nutzen
haben und gleichzeitig teuer in der Unterhaltung sind.
Die urbanen Wälder werden auch hinsichtlich ihrer
Speicherfunktion wissenschaftlich kaum untersucht. Dabei
darf man eines nicht vergessen: Was an Schadstoffen
einmal in den Boden eingedrungen ist, das wird man nicht
mehr los.
Keine Gefahr für Spaziergänger
RUBENS: Ist es dann nicht auch
schon jetzt gefährlich, im Stadtwald spazieren
zu gehen?
Dohlen: Aus meiner Sicht nicht. Dort
wo ich gemessen habe, liegen die Schadstoffwerte im
Boden allesamt unter den jeweiligen Grenzwerten, bei
denen Gesundheitsgefährdungen für Waldbesucher
oder das Grundwasser möglich sind.
RUBENS: Welche Stoffe dringen hauptsächlich
in den Waldboden ein und woher kommen Sie?
Dohlen: Neben ungefährlichen Stoffen
wie zum Beispiel Calcium sind es auch Schwermetalle,
die aus unterschiedlichen Quellen des städtischen
Umfeldes stammen. Im Vergleich mit ähnlichen Untersuchungen
in deutschen Wäldern lagen beispielsweise die von
mir in Bochum gemessenen Mengen für Cadmium und
Blei deutlich höher. Bei den im Waldboden gespeicherten
Schwermetallen handelt es sich zum einen um Hypotheken
der industriellen Vergangenheit der Ruhrgebiets. Damals
wurden die Schornsteine noch nicht so hoch gebaut wie
heute und die ausgestoßenen Stoffe kamen in der
unmittelbaren Nähe nieder. Deshalb ist von meinen
untersuchten Wäldern derjenige in Langendreer stärker
davon betroffen, die anderen beiden sind zu jung. Zum
anderen sind industrielle Prozesse und der Kfz-Verkehr
verantwortlich. Das gilt besonders für den Werner
Stadtwald, durch den die A 40 führt. Dies ist ohnehin
ein besonderer Standort, da er auf einer für das
Ruhrgebiet typischen Bergehalde des Steinkohlenbergbaus
angepflanzt wurde, wo besondere Bodenbedingungen herrschen.
Speziell hier tritt noch ein anderes Problem auf. Stadtwälder
dienen nicht nur als Schadstofffilter, sondern natürlich
auch zur Naherholung. Und gerade in Werne wird viel
durch Menschen zerstört. Sie fahren dort Motorrad,
machen Feuer oder fällen Bäume, ganz zu schweigen
vom Müll. Dadurch werden die positiven Wirkungen
des Waldes beeinträchtigt.
RUBENS: Hatten Sie nicht auch Probleme
mit den Waldnutzern?
Dohlen: Richtig, die Depositionssammler,
mit denen ich den Stoffeintrag gemessen habe, und andere
Klimamessgeräte wurden regelmäßig gestohlen
oder zerstört.
RUBENS: Wie geht es mit Ihnen persönlich
weiter?
Dohlen: Jetzt im Januar wird erst einmal
meine Arbeit veröffentlicht. Und in den nächsten
beiden Jahren bleibe ich dem Lehrstuhl von Prof. Thomas
Schmitt noch erhalten. Ich habe auch einige meiner Saugkerzen
in den drei Wäldern gelassen, um gelegentlich zu
schauen, wie sich die Stoffverlagerung im Boden weiter
entwickelt.
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