Wenn es quietscht
und kracht
Ein ganz
normaler Arbeitstag mit Hausmeister Klaus Kunzer
Seit November arbeiten die Hausmeister der Ruhr-Uni
im Zwei-Schichten-Dienst. Neu ist auch ihr Arbeitsplatz:
Statt wie früher in den einzelnen Gebäuden,
sind sie jetzt in den so genannten Info-Punkten zu erreichen.
Gruppenhausmeister Klaus Kunzer erzählt uns, wie
er mit den Neuerungen klarkommt. Einen Tag lang durften
wir ihn bei seiner Arbeit begleiten.
Menschenleer ist es an der Uni, und stockdunkel. Nur
im Fenster des Info-Punkts im Hörsaalzentrum Ost
(HZO) scheint Licht. Es ist kurz nach halb sieben und
vor wenigen Minuten hat für Hausmeister Klaus Kunzer
die Frühschicht begonnen. Der 50-Jährige,
der zusammen mit mehreren Kollegen für das HZO,
das Forum Nord-Ost (FNO) und die Gebäude der Ingenieurwissenschaften
zuständig ist, sitzt an seinem Schreibtisch. Hier
ist er oft zu finden, wie er sagt, denn als Gruppenhausmeister
koordiniert er die anfallenden Arbeiten und ist Ansprechpartner
für Hausmeister und Hausarbeiter.
Freundschaften fürs Leben
Gummistiefel und mehrere Kabelrollen stehen in einer
Ecke des Büros, an der Wand hängen Bilder
von Motorrädern und Fotos von Studenten. Papierstapel,
Schrauben und eine riesige silberne Schale mit Äpfeln,
Süßigkeiten und Nüssen bedecken den
Schreibtisch. „Ein Geschenk von der Fachschaft
der Bauingenieure“, sagt Kunzer und deutet auf
die Schale. Während er am Computer überprüft,
welcher Kollege heute welche Aufgaben übernimmt,
erzählt er von dem guten Verhältnis, das er
zu „seinen“ Studenten hat. „Alle Bauingenieur-Erstis
werden von der Fachschaft erst mal bei mir vorbei geschickt.
Zu vielen entwickelt sich dann im Laufe der Zeit eine
richtige Freundschaft, die auch noch nach dem Studium
anhält.“ Lächelnd ergänzt er: „Bei
mir können die Studenten sich auch mal richtig
ausheulen, wenn wieder mal alles nicht so klappt wie
es sollte.“
Das war nicht immer so, denn als der gelernte Kraftfahrzeugschlosser
vor 20 Jahren an die Uni kam, fand er die jungen Leute
hier einfach nur chaotisch. „Ich sah alle Klischees
bestätigt. Faul, unordentlich und ohne Plan, das
war mein Eindruck von den Studenten.“ Obwohl er
ursprünglich nur zwei Jahre bleiben wollte, kann
Kunzer sich einen anderen Arbeitsplatz heute nicht mehr
vorstellen. „Jetzt kenne ich ja meine Pappenheimer
und weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss. Außerdem
bleibt man bei dem Umfeld auch selber jung“, sagt
er.
Morgendliche Routine
Das Telefon klingelt. Ein Blick auf das Display zeigt
Kunzer, dass der Anruf von der Parkplatzschranke an
den I-Gebäuden kommt. Besucher, die keinen Schlüssel
dafür haben, werden per Knopfdruck automatisch
mit dem Info-Punkt verbunden. „Zwischen halb acht
und neun Uhr klingelt das Telefon praktisch ständig“,
sagt Kunzer. Wie das Öffnen der Schranke, gehört
auch die Ausgabe der Mikrofone und Beamer-Fernbedienungen
an Dozenten zu seinen morgendlichen Routine-Aufgaben.
„Bevor die Info-Punkte eingerichtet wurden, gab
es in jedem Gebäude einen Hausmeister, der vor
jeder Vorlesung den Dozenten mit der nötigen Technik
ausstattete und gegebenenfalls zur Stelle war, wenn
zum Beispiel mal ein Mikro ausfiel.“ Wer jetzt
eine Vorlesung halten will, muss sich die Sachen erst
im Info-Punkt abholen.
Schon wieder klingelt das Telefon. Der für die
N-Reihe zuständige Gruppenhausmeister, Heinz-Jürgen
Böhmer, hat einen Wasserrohrbruch entdeckt und
fragt, ob Kunzer ihm einen Kollegen zur Unterstützung
vorbei schicken kann. „Nee, tut mir leid, aber
wir sind selbst nur knapp besetzt“, antwortet
der. Seit im November der Schichtdienst eingeführt
wurde, mangelt es den Hausmeistern oft an Mitarbeitern.
„Früher waren den ganzen Tag vier Hausmeister
und acht Hausarbeiter für die I-Gebäude zuständig.
Die wurden jetzt auf zwei Schichten verteilt, so dass
morgens und nachmittags jeweils nur die Hälfte
der Leute da ist.“
Da im Hausmeisterdienst aus Kostengründen gleichzeitig
Personalstellen und zahlreiche Überstunden abgebaut
werden, wissen die Hausmeister an manchen Tagen nicht,
wo ihnen der Kopf steht. Zum Beispiel, wenn es nachts
geschneit hat und bis sieben Uhr alle Wege geräumt
sein müssen. Dann muss Kunzer statt um halb sechs
schon um halb vier aufstehen, um alles zu schaffen.
Wenn dann auch noch ein Rohr platzt, die Heizung leckt
oder jemand im Aufzug stecken geblieben ist, ist das
Chaos perfekt.
Kreideschlamm im Hörsaal
Kunzer schüttet sich erst einmal einen Kaffee
ein. Kühlschrank und Kaffeemaschine gehören
zum Inventar seines Büros, das hinter dem für
Besucher zugänglichen Bereich liegt. Das Frühstück
erledigt er meist nebenbei, im Stehen. „Eine richtige
Mittagspause kenne ich nicht“, sagt er. Vorne
an der Infotheke hat inzwischen Hausmeister Michael
Danders Stellung bezogen. Er ist gerade fertig mit seiner
Runde durch das HZO, wo er die Hörsäle aufgeschlossen
und kontrolliert hat. „In Hörsaal 40 sieht
es aus wie Sau“, meldet er Kunzer. Der macht sich
auf den Weg, um selbst nachzuschauen. Vor der Tafel
und rund um das Pult ist der ganze Boden feucht. Wischwasser
und Kreide haben sich zu einem unappetitlichen Matsch
vermischt. „Überall wird gespart. Auch an
den Reinigungskräften. Die haben immer weniger
Zeit, um einen Raum sauber zu machen“, sagt Kunzer.
Trotz allem Verständnis kann er den Hörsaal
nicht so lassen. Zurück im Büro ruft er bei
der zuständigen Reinigungsfirma an. Die will noch
mal jemanden vorbeischicken, der den Dreck weg wischt.
So geht es Kunzer häufig. An der Uni gibt es eine
Vielzahl von Zuständigkeitsbereichen. Es gibt Leute,
die sich um die Reinigung der Gebäude kümmern,
andere sind für die Heizungen zuständig, wieder
andere für den Sanitärbereich oder die Elektrik,
und so weiter. Doch Kunzer hat keine Zeit, mehr davon
zu erzählen. An der Infotheke steht ein neuer Besucher.
Der Handwerker hat den Auftrag, an der Unistraße
150 Reparaturen durchzuführen. Das ist so ziemlich
die ungenaueste Adresse, die es gibt, und daher ist
jetzt guter Rat teuer. Doch Kunzer kann schnell helfen
und schickt den Mann zum gewünschten Einsatzort.
Auch er selbst muss noch mal vor die Tür, im Gebäude
IA schließt eine Tür nicht richtig. Bewaffnet
mit Schmieröl und Schraubenzieher macht Kunzer
sich auf den Weg. Unterwegs hebt er eine leere Bierflasche
auf, die auf der Straße liegt, und wirft sie weg.
Dabei trifft er einen anderen Kollegen, der gerade den
eingesammelten Papiermüll zur Presse bringt. „Zwei
sind morgens immer für den Müll zuständig“,
erklärt Kunzer, der diese Aufgabe auch regelmäßig
übernimmt. Dann heißt es für ihn, sämtliche
Mülltonnen leeren, Papier pressen und Elektroschrott
einsammeln.
In IA angekommen, ölt der Hausmeister auch gleich
noch alle anderen quietschenden Türen, an denen
er vorbeikommt. „Eigentlich könnten wir auch
gleich einen Rundgang durch die I-Reihe machen, wo wir
schon mal hier sind“, sagt er und erklärt,
dass er solche Kontrollen ein- bis zweimal in der Woche
durchführt. Dabei fallen ihm viele Sachen auf,
so auch Schäden, die durch Vandalismus hervorgerufen
wurden. Am Wochenende haben Unbekannte zum Beispiel
eine der Parkplatzschranken und eine Laterne zerstört
„Die kräftigen Burschen haben eben Langeweile“,
sagt Kunzer ironisch.
Einsatz in der Nacht
Wenn er Bereitschaftsdienst hat, wird er wegen solcher
Vorkommnisse auch mal aus dem Bett geholt. Oder wenn
mal wieder eingebrochen wurde, was in letzter Zeit immer
häufiger passiert. Auch wenn die Fachschaft eine
Party schmeißt, muss Kunzer sich die eine oder
andere Nacht um die Ohren schlagen, damit „alles
in geordneten Bahnen abläuft“. So wie letzte
Woche, als er erst um sechs Uhr morgens nach Hause kam,
nachdem er einen der trinkfreudigen Gäste mit Alkoholvergiftung
ins Krankenhaus einliefern lassen musste.
Zurück im Info-Punkt wartet die nächste Überraschung
auf Kunzer. Lautes Hämmern dröhnt durch das
ganze HZO, und das, obwohl in wenigen Minuten die ersten
Vorlesungen anfangen. Also wieder raus und schauen,
woher der Lärm kommt. Der Krachmacher ist schnell
gefunden: Handwerker tauschen auf einem der Übergänge
zur I-Reihe alte Gehwegplatten gegen neue aus. „Ich
muss die ausführende Firma anrufen. Die sollen
ihre Leute zurückpfeifen, bevor sich die ersten
Professoren beschweren, weil sie bei dem Lärm keine
Vorlesung halten können.“ Denn: „Der
Lehrbetrieb hat absoluten Vorrang.“
So geht es praktisch den ganzen Tag weiter. Immer wieder
wird Kunzer nach draußen gerufen, er muss Schäden
begutachten, Arbeitsaufträge schreiben, Material
anfordern, Fragen beantworten. „Das ist ja das
schöne an dem Job. Man weiß morgens nie,
was der Tag so alles bringt“, sagt Kunzer, als
er um 14.30 Uhr in den wohlverdienten Feierabend aufbricht.
Denn das, so Kunzer, ist das Gute an dem neuen Schichtdienst:
Er hat jetzt mehr Zeit für sein großes Hobby:
sein Motorrad.
Raffaela
Römer
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