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RUBENS 103

2. Januar 2006

Lauter kluge Köpfe


Im TZR fördert Birgit Oschmann hochbegabte Kinder



Mitten auf dem Campus unterrichten Studenten und Wissenschaftler der Ruhr-Uni kleine Genies. Die lassen auch das Forscherherz höher schlagen, denn auf dem Gebiet der Begabtenförderung sind noch jede Menge Fragen ungeklärt.

Konzentriert liest Annika einen Satz von ihrem Arbeitsblatt ab. „Ni hao ni jiao shen me ming zi?“, fragt die 7-Jährige den Jungen, der rechts neben ihr sitzt. Der antwortet prompt: „Marcel.“ Die beiden Kinder haben nicht soeben eine neue Geheimsprache erfunden, nein, die beiden sprechen Chinesisch. Annika und Marcel gehören zu den zwei Prozent Menschen in Deutschland, die einen Intelligenzquotienten von mindestens 130 haben (Normal ist ein Wert von 100).
Im „Institut für das begabte Kind“ im Technologiezentrum Ruhr auf dem Uni-Campus werden 250 Kinder in verschiedenen Kursen gefördert, Chinesisch ist einer davon. Das Einzugsgebiet ist groß, denn Fördermöglichkeiten sind rar gestreut. Sogar aus Hamburg und Koblenz kommen zwei Kinder regelmäßig. Betreut werden die kleinen Genies von 30 Mitarbeitern, die meisten davon sind Wissenschaftler oder Studenten der Ruhr-Uni.
So wie Jing Lin. Der 30-Jährige studiert an der RUB Politikwissenschaft und Sinologie und bringt einigen Kindern seine Muttersprache Chinesisch bei. „Es ist spannend zu sehen, wie schnell die Kinder lernen. Schwierig ist es manchmal, ihre Konzentration aufrecht zu halten, denn einige werden schnell unruhig“, sagt Lin. Genau hier liegt das Problem vieler hochbegabter Kinder: Sie langweilen sich schnell. Besonders im normalen Schulunterricht führt das oft zu Schwierigkeiten.
„Überdurchschnittlich intelligente Kinder sind in einer normalen Schule unterfordert“, erklärt die Leiterin des Instituts, Dr. Birgit Oschmann. „Weil sie sich langweilen, passen viele nicht mehr auf und stören den Unterricht. Die Noten verschlechtern sich und dadurch nimmt auch die Akzeptanz bei Lehrern und Mitschülern ab.“ Folge davon sind bei Jungen häufig Aggressionen. Gegen andere, aber auch gegen sich selbst. Mädchen hingegen ziehen sich laut Oschmann eher in eine Traumwelt zurück.

Kerzenschein und Kekse

Das erklärt, warum unter den Hochbegabten nur 15 Prozent Mädchen sind. „Es gibt sicherlich genauso viele Mädchen wie Jungen, nur fallen Mädchen weniger auf und werden daher seltener gefördert“, erklärt die promovierte Biologin und Mutter zweier Kinder, die 1999 das Institut gründete. Tatsächlich erfahren viele Eltern erst von der überdurchschnittlichen Intelligenz ihres Kindes, wenn sie wegen schlechter Noten oder auffälligem Sozialverhalten Rat bei Fachleuten suchen. Ein Intelligenztest zeigt dann, ob die Ursache dafür eine Hochbegabung ist.
Birgit Oschmann ist ganz wichtig, dass die Kinder nicht nur intellektuell gefördert werden, sondern auch lernen, sich angemessen zu verhalten und im Team zu arbeiten. Während Annika und Marcel Chinesisch lernen, versucht eine Tür weiter Sebastian (9), zu entspannen. Kerzenschein verbreitet eine gemütliche Stimmung im Raum, auf dem Tisch stehen Kekse, die die Kinder zum Teil selbst gebacken haben. „Ich will versuchen, ruhiger zu bleiben und nicht immer so viel zu schimpfen“, sagt der Junge, der alle zwei Wochen den Kurs Soziales Kompetenztraining besucht. Seiner Lehrerin war aufgefallen, dass er in der Schule häufig schon bei Kleinigkeiten aufbrauste und seine Noten immer schlechter wurden.
Obwohl die meisten Menschen das glauben, schlagen hochbegabte Kinder später nicht automatisch auch eine super Karriere ein oder werden Professor oder ähnliches. „Hochbegabte bringen zwar die Fähigkeit zu außergewöhnlichen Leistungen mit, aber diese erfordern darüber hinaus auch Fleiß und die Bereitschaft, zu lernen“, erklärt Oschmann.
Trotzdem hofft sie, in Zukunft noch enger mit der Ruhr-Uni kooperieren zu können, um den Wissensdurst der Kinder stillen und ihnen die Welt der Wissenschaft zeigen zu können. „Toll wäre es, wenn wir mit kleinen Gruppen verschiedene Lehrstühle besichtigen und zum Beispiel mal in ein Labor gehen könnten.“ Auf der anderen Seite bietet sich das Institut ihrer Meinung nach für eine Reihe von Magisterarbeiten oder ähnlichem an, da auf dem Gebiet der Hochbegabtenförderung noch jede Menge Fragen unbeantwortet sind.
Doch Wissen hin oder her, für Birgit Oschmann zählt vor allem eins: „Ich möchte, dass die Kinder glücklich werden. Sonnenscheinkinder eben, die sich in der Gesellschaft aufgehoben fühlen und mit ihrer außergewöhnlichen Begabung klarkommen.

 

Raffaela Römer
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