Lauter kluge
Köpfe
Im TZR fördert Birgit Oschmann hochbegabte Kinder
Mitten auf dem Campus unterrichten Studenten und Wissenschaftler
der Ruhr-Uni kleine Genies. Die lassen auch das Forscherherz
höher schlagen, denn auf dem Gebiet der Begabtenförderung
sind noch jede Menge Fragen ungeklärt.
Konzentriert liest Annika einen Satz von ihrem Arbeitsblatt
ab. „Ni hao ni jiao shen me ming zi?“, fragt
die 7-Jährige den Jungen, der rechts neben ihr sitzt.
Der antwortet prompt: „Marcel.“ Die beiden
Kinder haben nicht soeben eine neue Geheimsprache erfunden,
nein, die beiden sprechen Chinesisch. Annika und Marcel
gehören zu den zwei Prozent Menschen in Deutschland,
die einen Intelligenzquotienten von mindestens 130 haben
(Normal ist ein Wert von 100).
Im „Institut für das begabte Kind“ im
Technologiezentrum Ruhr auf dem Uni-Campus werden 250
Kinder in verschiedenen Kursen gefördert, Chinesisch
ist einer davon. Das Einzugsgebiet ist groß, denn
Fördermöglichkeiten sind rar gestreut. Sogar
aus Hamburg und Koblenz kommen zwei Kinder regelmäßig.
Betreut werden die kleinen Genies von 30 Mitarbeitern,
die meisten davon sind Wissenschaftler oder Studenten
der Ruhr-Uni.
So wie Jing Lin. Der 30-Jährige studiert an der RUB
Politikwissenschaft und Sinologie und bringt einigen Kindern
seine Muttersprache Chinesisch bei. „Es ist spannend
zu sehen, wie schnell die Kinder lernen. Schwierig ist
es manchmal, ihre Konzentration aufrecht zu halten, denn
einige werden schnell unruhig“, sagt Lin. Genau
hier liegt das Problem vieler hochbegabter Kinder: Sie
langweilen sich schnell. Besonders im normalen Schulunterricht
führt das oft zu Schwierigkeiten.
„Überdurchschnittlich intelligente Kinder sind
in einer normalen Schule unterfordert“, erklärt
die Leiterin des Instituts, Dr. Birgit Oschmann. „Weil
sie sich langweilen, passen viele nicht mehr auf und stören
den Unterricht. Die Noten verschlechtern sich und dadurch
nimmt auch die Akzeptanz bei Lehrern und Mitschülern
ab.“ Folge davon sind bei Jungen häufig Aggressionen.
Gegen andere, aber auch gegen sich selbst. Mädchen
hingegen ziehen sich laut Oschmann eher in eine Traumwelt
zurück.
Kerzenschein und Kekse
Das erklärt, warum unter den Hochbegabten nur
15 Prozent Mädchen sind. „Es gibt sicherlich
genauso viele Mädchen wie Jungen, nur fallen Mädchen
weniger auf und werden daher seltener gefördert“,
erklärt die promovierte Biologin und Mutter zweier
Kinder, die 1999 das Institut gründete. Tatsächlich
erfahren viele Eltern erst von der überdurchschnittlichen
Intelligenz ihres Kindes, wenn sie wegen schlechter
Noten oder auffälligem Sozialverhalten Rat bei
Fachleuten suchen. Ein Intelligenztest zeigt dann, ob
die Ursache dafür eine Hochbegabung ist.
Birgit Oschmann ist ganz wichtig, dass die Kinder nicht
nur intellektuell gefördert werden, sondern auch
lernen, sich angemessen zu verhalten und im Team zu
arbeiten. Während Annika und Marcel Chinesisch
lernen, versucht eine Tür weiter Sebastian (9),
zu entspannen. Kerzenschein verbreitet eine gemütliche
Stimmung im Raum, auf dem Tisch stehen Kekse, die die
Kinder zum Teil selbst gebacken haben. „Ich will
versuchen, ruhiger zu bleiben und nicht immer so viel
zu schimpfen“, sagt der Junge, der alle zwei Wochen
den Kurs Soziales Kompetenztraining besucht. Seiner
Lehrerin war aufgefallen, dass er in der Schule häufig
schon bei Kleinigkeiten aufbrauste und seine Noten immer
schlechter wurden.
Obwohl die meisten Menschen das glauben, schlagen hochbegabte
Kinder später nicht automatisch auch eine super
Karriere ein oder werden Professor oder ähnliches.
„Hochbegabte bringen zwar die Fähigkeit zu
außergewöhnlichen Leistungen mit, aber diese
erfordern darüber hinaus auch Fleiß und die
Bereitschaft, zu lernen“, erklärt Oschmann.
Trotzdem hofft sie, in Zukunft noch enger mit der Ruhr-Uni
kooperieren zu können, um den Wissensdurst der
Kinder stillen und ihnen die Welt der Wissenschaft zeigen
zu können. „Toll wäre es, wenn wir mit
kleinen Gruppen verschiedene Lehrstühle besichtigen
und zum Beispiel mal in ein Labor gehen könnten.“
Auf der anderen Seite bietet sich das Institut ihrer
Meinung nach für eine Reihe von Magisterarbeiten
oder ähnlichem an, da auf dem Gebiet der Hochbegabtenförderung
noch jede Menge Fragen unbeantwortet sind.
Doch Wissen hin oder her, für Birgit Oschmann zählt
vor allem eins: „Ich möchte, dass die Kinder
glücklich werden. Sonnenscheinkinder eben, die
sich in der Gesellschaft aufgehoben fühlen und
mit ihrer außergewöhnlichen Begabung klarkommen.
Raffaela
Römer
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