Eiskrem in Sibirien
Als Gastdozentin an der Uni von Ulan Ude
An der Ruhr-Uni arbeitet sie für den
Optionalbereich und bietet Seminare zum „Kreativen
Schreiben“ oder zu „Daily Soaps“ an.
Doch im Sommer und Herbst 2005 weilte Sandra Köcher
fern der Heimat in Sibirien. Auch als Gastdozentin an
der Burjatischen Universität von Ulan Ude verzichtet
sie nicht aufs Thema „Tägliche Seifenoper“.
Was es sonst von der Arbeit an einer russischen Uni
zu berichten gibt, verrät Sandra Köcher in
ihrem folgenden Beitrag.
Mit großem Gepäck bin ich im August hier
angekommen. Hier, das ist Ulan Ude, eine 400.000 Einwohner
große Stadt mitten in Burjatien, die an zwei Flüssen
liegt, von denen der eine 170 Kilometer später
in den Baikalsee fließt. Neben meinem Laptop und
vielen Büchern hatte ich natürlich dicke Winterkleidung
dabei. Als ich ankam, war es jedoch noch Sommer mit
Temperaturen weit über 20 Grad und reichlich Sonne.
Die Menschen standen im Gespräch auf den Plätzen
der Stadt, saßen in den zahlreichen Cafés
oder schlenderten Eis schleckend umher – fast
alles erinnerte an eine sommerliche europäische
Stadt.
Mit 17 an die Uni
Auch Ende Oktober scheint die Sonne noch viele Stunden
am Tag, die Temperaturen sind allerdings auf unter Null
gesunken. Doch noch immer laufen die Menschen Eis schleckend
durch die Straßen. Niemals hätte ich gedacht,
dass man in Sibirien das ganze Jahr über Eis isst.
Selbst im Winter bei minus 20 Grad hört das nicht
auf, erzählen mir meine Studentinnen und Studenten.
Zum Teil sind die Studierenden erst 17 Jahre alt. In
Russland dauert die Schulausbildung bis zur Hochschulreife
nur neun bis zehn Jahre, so ist das Durchschnittsalter
der Studierenden deutlich niedriger als bei uns. Es
ist mein zweiter Aufenthalt in Russland, doch mein erster
in Sibirien. Für insgesamt drei Monate unterrichte
ich am Germanistiklehrstuhl der hiesigen Universität
Deutsch als Fremdsprache. Hierzu zählt Landeskundeunterricht
ebenso wie Presse und Phonetik sowie ein Projekt zum
Thema „Daily Soap“.
Seitdem ich hier bin, vergeht kaum eine Woche ohne Veranstaltung
oder Gäste aus dem Ausland. Mal sind hier Bildungstage
der Robert Bosch-Stiftung, dann werden die Erstsemester
mit einer großen Feier begrüßt, später
feiert die Fakultät für Fremdsprachen ihr
45-jähriges Bestehen und schließlich enden
die Wochen der Sprache mit zahlreichen Wettbewerben
zu Projekten, Aussprache und Wissenstests, u. a. mit
dem Wettbewerb um die „Sprachkönigin“.
Jeden Tag ein Fest
Ich bin begeistert von der Kreativität und dem
Engagement der Studenten. Ihre Projektergebnisse präsentieren
sie mit gemalten Plakaten und in selbst erdachten Theaterstücken
und Gedichten – es kann auch passieren, dass plötzlich
die ganze Gruppe zu tanzen beginnt. In Deutschland sind
derartige Aktivitäten an den meisten Fakultäten
eine Seltenheit, hier gehört kreativer gestalterischer
und körperlicher Ausdruck zum Unialltag.
Von den Sibiriern kann man lernen, wie man aus allem
ein Fest macht. Feste gibt es fast mehr als das Jahr
Tage hat – zumindest kommt es mir so vor. So gibt
es z. B. Feiertage für verschiedene Berufsgruppen.
Am Lehrertag bedanken sich die Schüler bei ihren
Lehrerinnen und Lehrern für deren Arbeit und gratulieren
ihnen mit Karten, Blumen oder anderen Präsenten.
Da ich noch nicht lange hier bin, rechne ich mit nichts,
doch da stehen schon Mädchen aus dem zweiten Studienjahr
vor mir – mit einer selbstgebackenen Torte als
Dankeschön für mein Engagement – eine
tolle Überraschung!
Aufs Feste feiern verstehen sich die Studenten bestens.
Im feierlichen Rahmen werden in der großen Aula
die Erstsemester offiziell begrüßt. Mit langen
Reden wird jedoch keiner gequält, stattdessen gibt
es eine Stunde lang ein Programm mit Tanz, Theater und
Gesang, das sich traditionell die älteren Semester
für die Neulinge ausdenken. Die Bühne ist
mit selbst gemalten Bildern und Karikaturen über
den studentischen Werdegang geschmückt.
Nichts erinnert an die teils glatt wirkende Perfektionalität
vieler deutscher Eröffnungen mit engagierten Musikgruppen.
Zwar gibt es einige sehr professionell wirkende Auftritte,
doch das meiste wirkt wie gute Laiendarstellungen mit
jeder Menge Herz und Spaß, der sich auch auf das
Publikum überträgt.
Info: Texte von sibirischen Studenten
über ihren Lebens- und Studienalltag, ihre Auslandserfahrungen
und ihre Projekte finden sich auch unter www.punkt.de,
der Internetplattform für interkulturellen Austausch,
die von Prof. Dr. Hans R. Fluck und Yingchun Ding betreut
wird.
Sandra
Köcher
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