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RUBENS 103

2. Januar 2006


Eiskrem in Sibirien



Als Gastdozentin an der Uni von Ulan Ude

 

An der Ruhr-Uni arbeitet sie für den Optionalbereich und bietet Seminare zum „Kreativen Schreiben“ oder zu „Daily Soaps“ an. Doch im Sommer und Herbst 2005 weilte Sandra Köcher fern der Heimat in Sibirien. Auch als Gastdozentin an der Burjatischen Universität von Ulan Ude verzichtet sie nicht aufs Thema „Tägliche Seifenoper“. Was es sonst von der Arbeit an einer russischen Uni zu berichten gibt, verrät Sandra Köcher in ihrem folgenden Beitrag.

Mit großem Gepäck bin ich im August hier angekommen. Hier, das ist Ulan Ude, eine 400.000 Einwohner große Stadt mitten in Burjatien, die an zwei Flüssen liegt, von denen der eine 170 Kilometer später in den Baikalsee fließt. Neben meinem Laptop und vielen Büchern hatte ich natürlich dicke Winterkleidung dabei. Als ich ankam, war es jedoch noch Sommer mit Temperaturen weit über 20 Grad und reichlich Sonne. Die Menschen standen im Gespräch auf den Plätzen der Stadt, saßen in den zahlreichen Cafés oder schlenderten Eis schleckend umher – fast alles erinnerte an eine sommerliche europäische Stadt.

Mit 17 an die Uni

Auch Ende Oktober scheint die Sonne noch viele Stunden am Tag, die Temperaturen sind allerdings auf unter Null gesunken. Doch noch immer laufen die Menschen Eis schleckend durch die Straßen. Niemals hätte ich gedacht, dass man in Sibirien das ganze Jahr über Eis isst. Selbst im Winter bei minus 20 Grad hört das nicht auf, erzählen mir meine Studentinnen und Studenten.
Zum Teil sind die Studierenden erst 17 Jahre alt. In Russland dauert die Schulausbildung bis zur Hochschulreife nur neun bis zehn Jahre, so ist das Durchschnittsalter der Studierenden deutlich niedriger als bei uns. Es ist mein zweiter Aufenthalt in Russland, doch mein erster in Sibirien. Für insgesamt drei Monate unterrichte ich am Germanistiklehrstuhl der hiesigen Universität Deutsch als Fremdsprache. Hierzu zählt Landeskundeunterricht ebenso wie Presse und Phonetik sowie ein Projekt zum Thema „Daily Soap“.
Seitdem ich hier bin, vergeht kaum eine Woche ohne Veranstaltung oder Gäste aus dem Ausland. Mal sind hier Bildungstage der Robert Bosch-Stiftung, dann werden die Erstsemester mit einer großen Feier begrüßt, später feiert die Fakultät für Fremdsprachen ihr 45-jähriges Bestehen und schließlich enden die Wochen der Sprache mit zahlreichen Wettbewerben zu Projekten, Aussprache und Wissenstests, u. a. mit dem Wettbewerb um die „Sprachkönigin“.

Jeden Tag ein Fest

Ich bin begeistert von der Kreativität und dem Engagement der Studenten. Ihre Projektergebnisse präsentieren sie mit gemalten Plakaten und in selbst erdachten Theaterstücken und Gedichten – es kann auch passieren, dass plötzlich die ganze Gruppe zu tanzen beginnt. In Deutschland sind derartige Aktivitäten an den meisten Fakultäten eine Seltenheit, hier gehört kreativer gestalterischer und körperlicher Ausdruck zum Unialltag.
Von den Sibiriern kann man lernen, wie man aus allem ein Fest macht. Feste gibt es fast mehr als das Jahr Tage hat – zumindest kommt es mir so vor. So gibt es z. B. Feiertage für verschiedene Berufsgruppen. Am Lehrertag bedanken sich die Schüler bei ihren Lehrerinnen und Lehrern für deren Arbeit und gratulieren ihnen mit Karten, Blumen oder anderen Präsenten. Da ich noch nicht lange hier bin, rechne ich mit nichts, doch da stehen schon Mädchen aus dem zweiten Studienjahr vor mir – mit einer selbstgebackenen Torte als Dankeschön für mein Engagement – eine tolle Überraschung!
Aufs Feste feiern verstehen sich die Studenten bestens. Im feierlichen Rahmen werden in der großen Aula die Erstsemester offiziell begrüßt. Mit langen Reden wird jedoch keiner gequält, stattdessen gibt es eine Stunde lang ein Programm mit Tanz, Theater und Gesang, das sich traditionell die älteren Semester für die Neulinge ausdenken. Die Bühne ist mit selbst gemalten Bildern und Karikaturen über den studentischen Werdegang geschmückt.
Nichts erinnert an die teils glatt wirkende Perfektionalität vieler deutscher Eröffnungen mit engagierten Musikgruppen. Zwar gibt es einige sehr professionell wirkende Auftritte, doch das meiste wirkt wie gute Laiendarstellungen mit jeder Menge Herz und Spaß, der sich auch auf das Publikum überträgt.

Info: Texte von sibirischen Studenten über ihren Lebens- und Studienalltag, ihre Auslandserfahrungen und ihre Projekte finden sich auch unter www.punkt.de, der Internetplattform für interkulturellen Austausch, die von Prof. Dr. Hans R. Fluck und Yingchun Ding betreut wird.


Sandra Köcher
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Letzte Änderung: 2.1.2006| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik