Wie wird man
Millionär?
Serie Archivsplitter
Neulich bei Günther Jauch, eine Frage auf dem
Weg zur Million: Im Jahre 1962 wurde die Ruhr-Universität
... gegründet (?). Natürlich war auch „Bochum“
eine der möglichen Antworten, aber die Bochumer
und erst recht die Angehörigen der Ruhr-Uni musste
allein die Fragestellung in Erstaunen versetzen, konnten
sie doch das ganze Jahr 2005 über Veranstaltungen
zur 40-Jahr-Feier ihrer Universität mitverfolgen.
Nun ist von Redakteuren einer Unterhaltungssendung natürlich
nicht zu erwarten, dass sie auf dem Laufenden sind,
was, sagen wir es bescheiden, auf lokaler Ebene passiert.
Allerdings stellt sich die Frage, woher die Fragenaustüftler
von „Wer wird Millionär“ ihr Wissen
beziehen. Ein Blick ins Internet führt rasch zur
erstaunlich einfachen Antwort: aus dem Brockhaus und
aus Wikipedia!
61, 62, 63, 64, 65, 66 …
Der „Schuldige“ in diesem Fall ward noch
rascher gefunden: Ein anonymer Autor von Wikipedia weiß
von der „Gründung der RUB im Jahr 1962“
zu berichten. Nicht verwunderlich, dass sich die Fragenredaktion
besagter Sendung freudig darauf stürzte, um schnell
eine weitere von den vielen zu ersinnenden Fragen abhaken
zu können.
Um es klar auszudrücken: Die RUB feiert in diesem
Jahr die 40 Jahre ihres Bestehens; sie bezog sich dabei
wohlweislich auf die Eröffnung am 30. Juni 1965.
Aber was geschah 1962? Das markanteste Ereignis war
die Grundsteinlegung zum Bau „des ersten Gebäudes“
der Universität Bochum in der Overbergstraße.
Ministerpräsident Meyers mauerte gar eine Urkunde
ein, wohlgemerkt eine Urkunde zur Grundsteinlegung eines
Gebäudes außerhalb des Campus, das später
als Wohnheim dienen sollte, zunächst aber als Sammelunterkunft
der ersten Lehrstühle vorgesehen war (1964 fertig
gestellt). Der eigentliche Baubeginn der Uni fiel in
den Januar 1964, wie die Akten des damaligen Hochbauamts
eindeutig bezeugen.
Ferner erarbeiteten 1962 namhafte Professoren aus der
gesamten Bundesrepublik ein Konzept für die geplante
Universität. Im Dezember 1962 legte dieser Gründungsausschuss
(der von 1961 bis 1966 arbeitete) seine „Denkschrift“
vor. Hier standen Vorstellungen zur Struktur und zur
baulichen Gestaltung, die die Landesregierung zur Kenntnis
nahm und in die Ausschüsse zur Beratung weiterleitete.
Von 1962 als dem Gründungsjahr der Universität
zu sprechen, die noch ein Jahr auf den ersten Professor
und drei Jahre auf den ersten Studenten warten musste,
erscheint gewagt, ganz abgesehen davon, dass gar kein
Gründungsakt auszumachen ist.
Hätten doch die TV-Macher wenigstens auch in ihren
Brockhaus gesehen! Sie hätten dort das Gründungsjahr
1961 gefunden und wären mit ihrer Frageformulierung
vorsichtiger gewesen. Die traditionsreiche Enzyklopädie
kann sich sogar, mit einigem Wohlwollen, auf die oben
genannte Urkunde stützen, in der es heißt:
„Der Landtag des Landes Nordrhein-Westfalen in
Düsseldorf hatte die Gründung der Universität
Bochum am 18. Juli 1961 beschlossen.“
Man lese genau: Das Parlament hat nicht gegründet
resp. ein Gesetz zur Errichtung verabschiedet, sondern
seinen Willen bekundet, dass die Uni Bochum gegründet
werden soll. Quellenkritisch muss gar hinzugefügt
werden: ein kühner Satz, der die realen Begebenheiten
übertüncht.
Glatteis
Worin bestand die viel zitierte Landtagsentscheidung?
Die CDU-Regierung hatte sich bereits für Bochum
als Standort der lange geplanten Hochschule ausgesprochen,
wogegen sich Widerstand regte, der nicht allein aus
den Reihen von SPD und FDP kam. Nur widerwillig beugte
sich die Regierung dem Druck, sich der Abstimmung im
Parlament zu stellen. Hier ging es in der Tat nur um
die Abwehr eines Gegenantrages und damit verbunden die
Bestätigung der eigenen Entscheidung. An besagtem
18. Juli stimmten die Abgeordneten lediglich dem Bericht
des Hauptausschusses und des Kulturausschusses zu, der
in dem Antrag mündete, den „Antrag der Fraktion
der SPD betr. Entwurf eines Gesetzes über die Errichtung
einer Hochschule in Dortmund“ abzulehnen, gleichzeitig
der „Empfehlung der Landesregierung“ zuzustimmen
und sie zu bitten, „die dazu erforderlichen Maßnahmen
unverzüglich einzuleiten.“
Nun könnte man natürlich Fünfe gerade
sein lassen und nicht so sehr auf die Umstände
und die Formulierungen achten. Aus der Entscheidung
für den Standort Bochum eine „Gründung“
zu machen, bleibt problematisch, geschieht aber in Ermangelung
eines Errichtungsgesetzes, das die Landesverwaltung
(danach!) zwar vorbereitete, das aber nie verabschiedet
wurde.
Was bleibt? 1. Wer ein Gründungsjahr oder gar -datum
nennt, begibt sich auf Glatteis. 2. Gescheiterte Quiz-Kandidaten
mögen die Möglichkeit eines Widerspruchs prüfen.
3. Wikipedia-Nutzer sollten wissen, dass ein Artikel
explizit nur „ein bisschen Qualität aufweisen“
sollte.
Jörg
Lorenz, Universitätsarchiv
|