Der Ton macht
die Musik
IDEMA:
Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache
"Inverkehrbringer – das ist eines
meiner aktuellen Lieblingswörter.“ Prof.
Hans-Rüdiger Fluck ist nicht mehr leicht zu beeindrucken.
Er hat viele erstaunliche Wortungetüme des Amtsdeutschen
gelesen, und vielen davon schon den Garaus gemacht.
Jetzt soll es weiteren an den Kragen gehen: Fluck und
seine Mitarbeiterin Michaela Blaha starten IDEMA, den
Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache. Alle
Kommunen in Deutschland können sich dazu anmelden
und für eine einmalige Zahlung, die von der Größe
der Kommune abhängt, fünf Jahre lang ihre
Korrespondenz mit Hilfe der Forscher auf Vordermann
bringen.
Das Modernisieren fängt schon bei einzelnen Begriffen
an. „Rechtsbehelfsbelehrung“ z.B. lässt
sich mit dem einfachen „Ihre Rechte“ umgehen.
Aber so einfach ist es nicht immer. Viele Begriffe und
sperrige Formulierungen in amtlichen Schreiben, die
Ottonormalverbrauchern fremd und feindlich vorkommen,
sind rechtlich wichtig und schwer zu ersetzen. „Sie
können Widerspruch einlegen“ meint einen
ganz genau definierten formalen Vorgang, ganz anders
als „Sie können widersprechen“, was
in Leseraugen schöner wäre. „Für
solche Fälle arbeiten wir mit Juristen zusammen,
die alle Veränderungsvorschläge auf ihre rechtliche
Sicherheit prüfen“, erklärt Michaela
Blaha. Sind unverständliche Begriffe unvermeidbar,
muss eine Erläuterung dazu.
Kein typischer Adressat
Und die Begriffe sind nur der Anfang: Auch die Struktur
amtlicher Schreiben ist oft verbesserungswürdig.
Außerdem ist manchmal der Ton zu schroff oder
Mitarbeiter in Ämtern basteln Briefe aus verschiedenen
vorhandenen Modulen zusammen und ergänzen sie dann
noch individuell, so dass ein stilistisch unschönes
Sprachwirrwarr herauskommt. Fluck und Blaha können
ein Lied davon singen: Vor vier Jahren haben sie die
Korrespondenz von vier Bochumer Ämtern überarbeitet
– die Erfahrung aus diesem Projekt ist die Grundlage
von IDEMA. Damals verbesserten das Sozialamt, das Bauordnungsamt,
das Rechtsamt und das Personalamt mit Hilfe der Forscher
ihre Schreiben (RUBENS
77). Tests mit repräsentativen Gruppen von
Bochumer Bürgern zeigten, was überhaupt gewünscht
ist. „Den typischen Leser gibt es ja nicht“,
umreißt Michaela Blaha das Problem. „Man
muss einen Stil finden, von dem sich die besser gebildeten
Adressaten nicht für dumm verkauft fühlen,
und der die weniger gut gebildeten nicht im Regen stehen
lässt.“
Die Mission gelang: Die Resonanz auf das Projekt war
durchweg gut. Und es hatte Folgen: Bis heute häufen
sich die Anfragen aus ganz Deutschland. Da sie sich
so nebenbei nicht mehr abarbeiten lassen, ersannen die
beiden Sprachwissenschaftler IDEMA. Der Trick: Je mehr
Kommunen mitmachen, desto mehr Mitarbeiter können
beschäftigt werden, die umso schneller die Anfragen
beantworten. Alle profitieren außerdem von den
Fragen und Antworten der anderen. Neben einem lernenden
Online-Wörterbuch, das für häufig verwendete
bürokratische Begriffe Alternativen vorschlägt
und nach Möglichkeit auf Beispieltexte verlinkt,
soll auch ein multimediales Trainingsprogramm entstehen.
Damit sollen die Amtsmitarbeiter interaktiv sensibilisiert
und geschult werden, denn „die Leitfäden,
die es in vielen Kommunen gibt, bleiben notgedrungen
sehr allgemein, so dass sie im Alltag nicht hilfreich
sind“, beschreibt Prof. Fluck.
Aber die vorhandenen Bemühungen der Kommunen und
ihre zahllosen Anfragen ans Bochumer Projekt belegen,
dass der Bedarf erkannt ist. Erwartungsgemäß
klingelt auch Michaela Blahas Telefon ununterbrochen,
seit sie Ende Oktober die 700 größten deutschen
Kommunen angeschrieben hat, um sie auf IDEMA aufmerksam
zu machen. Inzwischen hat sie auf der Homepage schon
eine neue Rubrik eröffnet: „Häufige
Fragen“. Wie viele Kommunen sich letztlich anmelden
werden, ist noch nicht abzusehen. „Wir haben aber
ganz hoffnungsfroh eine große Kiste ins Geschäftszimmer
gestellt für noch kommende Anmeldungen“,
so Prof. Fluck. Denn die Erfahrung lehrt, dass Kommunen
in Zeiten leerer Kassen auch kleinere Ausgaben erst
einmal dem Rat vorlegen müssen, bevor sie eine
Entscheidung treffen, und das kann dauern. Projektstart
soll im März 2006 sein.
Verwaltungswortschatz
Später kommt dann neben der Dienstleistung auch
die Wissenschaft zum Zuge: „Wir wollen wissen:
Was für Worttypen sind das, die einen Text schwierig
machen?“, so Fluck. Resultat der wissenschaftlichen
Auswertung der IDEMA-Arbeit soll eine vollständige
Beschreibung des Wortschatzes der Verwaltungssprache
sein. Mit diesem Forschungsfeld hat er sich übrigens
einer langen Tradition angeschlossen: „Die Menschen
klagen schon seit mehreren hundert Jahren über
den wiehernden Amtsschimmel“, erklärt er,
und zieht gleich mehrere vergilbte Bücher wider
das Amtsdeutsch hervor. So manche Stilblüte sei
inzwischen zwar vom Tisch – aber dafür gebe
es immer wieder neue.
Infos: www.rub.de/idema
md
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