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RUBENS 102

1. Dezember 2005

Der Ton macht die Musik

IDEMA: Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache

"Inverkehrbringer – das ist eines meiner aktuellen Lieblingswörter.“ Prof. Hans-Rüdiger Fluck ist nicht mehr leicht zu beeindrucken. Er hat viele erstaunliche Wortungetüme des Amtsdeutschen gelesen, und vielen davon schon den Garaus gemacht. Jetzt soll es weiteren an den Kragen gehen: Fluck und seine Mitarbeiterin Michaela Blaha starten IDEMA, den Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache. Alle Kommunen in Deutschland können sich dazu anmelden und für eine einmalige Zahlung, die von der Größe der Kommune abhängt, fünf Jahre lang ihre Korrespondenz mit Hilfe der Forscher auf Vordermann bringen.

Das Modernisieren fängt schon bei einzelnen Begriffen an. „Rechtsbehelfsbelehrung“ z.B. lässt sich mit dem einfachen „Ihre Rechte“ umgehen. Aber so einfach ist es nicht immer. Viele Begriffe und sperrige Formulierungen in amtlichen Schreiben, die Ottonormalverbrauchern fremd und feindlich vorkommen, sind rechtlich wichtig und schwer zu ersetzen. „Sie können Widerspruch einlegen“ meint einen ganz genau definierten formalen Vorgang, ganz anders als „Sie können widersprechen“, was in Leseraugen schöner wäre. „Für solche Fälle arbeiten wir mit Juristen zusammen, die alle Veränderungsvorschläge auf ihre rechtliche Sicherheit prüfen“, erklärt Michaela Blaha. Sind unverständliche Begriffe unvermeidbar, muss eine Erläuterung dazu.

Kein typischer Adressat

Und die Begriffe sind nur der Anfang: Auch die Struktur amtlicher Schreiben ist oft verbesserungswürdig. Außerdem ist manchmal der Ton zu schroff oder Mitarbeiter in Ämtern basteln Briefe aus verschiedenen vorhandenen Modulen zusammen und ergänzen sie dann noch individuell, so dass ein stilistisch unschönes Sprachwirrwarr herauskommt. Fluck und Blaha können ein Lied davon singen: Vor vier Jahren haben sie die Korrespondenz von vier Bochumer Ämtern überarbeitet – die Erfahrung aus diesem Projekt ist die Grundlage von IDEMA. Damals verbesserten das Sozialamt, das Bauordnungsamt, das Rechtsamt und das Personalamt mit Hilfe der Forscher ihre Schreiben (RUBENS 77). Tests mit repräsentativen Gruppen von Bochumer Bürgern zeigten, was überhaupt gewünscht ist. „Den typischen Leser gibt es ja nicht“, umreißt Michaela Blaha das Problem. „Man muss einen Stil finden, von dem sich die besser gebildeten Adressaten nicht für dumm verkauft fühlen, und der die weniger gut gebildeten nicht im Regen stehen lässt.“
Die Mission gelang: Die Resonanz auf das Projekt war durchweg gut. Und es hatte Folgen: Bis heute häufen sich die Anfragen aus ganz Deutschland. Da sie sich so nebenbei nicht mehr abarbeiten lassen, ersannen die beiden Sprachwissenschaftler IDEMA. Der Trick: Je mehr Kommunen mitmachen, desto mehr Mitarbeiter können beschäftigt werden, die umso schneller die Anfragen beantworten. Alle profitieren außerdem von den Fragen und Antworten der anderen. Neben einem lernenden Online-Wörterbuch, das für häufig verwendete bürokratische Begriffe Alternativen vorschlägt und nach Möglichkeit auf Beispieltexte verlinkt, soll auch ein multimediales Trainingsprogramm entstehen. Damit sollen die Amtsmitarbeiter interaktiv sensibilisiert und geschult werden, denn „die Leitfäden, die es in vielen Kommunen gibt, bleiben notgedrungen sehr allgemein, so dass sie im Alltag nicht hilfreich sind“, beschreibt Prof. Fluck.
Aber die vorhandenen Bemühungen der Kommunen und ihre zahllosen Anfragen ans Bochumer Projekt belegen, dass der Bedarf erkannt ist. Erwartungsgemäß klingelt auch Michaela Blahas Telefon ununterbrochen, seit sie Ende Oktober die 700 größten deutschen Kommunen angeschrieben hat, um sie auf IDEMA aufmerksam zu machen. Inzwischen hat sie auf der Homepage schon eine neue Rubrik eröffnet: „Häufige Fragen“. Wie viele Kommunen sich letztlich anmelden werden, ist noch nicht abzusehen. „Wir haben aber ganz hoffnungsfroh eine große Kiste ins Geschäftszimmer gestellt für noch kommende Anmeldungen“, so Prof. Fluck. Denn die Erfahrung lehrt, dass Kommunen in Zeiten leerer Kassen auch kleinere Ausgaben erst einmal dem Rat vorlegen müssen, bevor sie eine Entscheidung treffen, und das kann dauern. Projektstart soll im März 2006 sein.

Verwaltungswortschatz

Später kommt dann neben der Dienstleistung auch die Wissenschaft zum Zuge: „Wir wollen wissen: Was für Worttypen sind das, die einen Text schwierig machen?“, so Fluck. Resultat der wissenschaftlichen Auswertung der IDEMA-Arbeit soll eine vollständige Beschreibung des Wortschatzes der Verwaltungssprache sein. Mit diesem Forschungsfeld hat er sich übrigens einer langen Tradition angeschlossen: „Die Menschen klagen schon seit mehreren hundert Jahren über den wiehernden Amtsschimmel“, erklärt er, und zieht gleich mehrere vergilbte Bücher wider das Amtsdeutsch hervor. So manche Stilblüte sei inzwischen zwar vom Tisch – aber dafür gebe es immer wieder neue.
Infos: www.rub.de/idema

md
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Letzte Änderung: 30.11.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik