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RUBENS 102

1. Dezember 2005

Eine Frage der Ehre

Studierende befürchten durch Gebühren ein Aus des Ehrenamts

"Willst du froh und glücklich leben, lass kein Ehrenamt dir geben“ – als humoristischen Einstieg findet sich dieser Satz meist unter dem Tagesordnungspunkt „Ehrungen“ bei Hauptversammlungen. Doch auch immer mehr Studierende der Ruhr-Uni handeln nach diesem Motto. Dabei lebt der Campus vom ehrenamtlichen Engagement, weshalb verschiedene Institutionen wie Asta, CT das Radio oder der Studienkreis Film jetzt Alarm schlagen: Sie befürchten den Einbruch des Ehrenamts – spätestens wenn die Studiengebühren einen bezahlten Job zwingender machen als für Gottes Lohn seine Arbeitskraft in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen.

Während Pro und Contra der Studiengebühren bzw. "Beiträge" weiter heiß diskutiert werden, warnen Hochschulgruppen bereits vor einer bislang unbeachteten Nebenwirkung: Das studentische Ehrenamt droht ins Abseits zu geraten. „Der Hochschulsport an der Ruhr-Uni beschäftigt 51 Übungsleiter, meist Studierende. Sie bekommen zwar eine Aufwandsentschädigung, aber leben lässt sich davon nicht. Wer wird sich nach Einführung der Studiengebühren noch ehrenamtlich engagieren, wenn er als Kellner weitaus mehr verdienen kann?“, fragt sich Florian Krampe vom Asta-Sportreferat.
Während er noch die Zukunft beschwört, sind die Probleme bei anderen studentischen Institutionen bereits evident. „Es ist immer wieder schwierig, Leute zu finden, die längerfristig wichtige Aufgaben wie Vorstand oder Öffentlichkeitsarbeit übernehmen wollen“, erklärt Sascha Braun, Vize-Vorsitzender vom Studienkreis Film (SKF). Blieben die Ämter der Geschäftsführer früher im Schnitt etwa vier Semester von der gleichen Person besetzt, hat sich die Dauer mittlerweile halbiert: Kaum einer will länger als zwei Semester die Verantwortung fürs studentische Kino tragen, da sich der Aufwand selten mit der geforderten Leistung fürs Studium unter einen Hut bringen lässt.

Gemischte Gefühle

Auch bei CT das Radio wird diskutiert, da der harte Kern des Teams im Sommer 2006 die Uni verlassen wird. „CT muss in jedem Jahr die Chefredaktion und den Vorstand neu besetzen, bedingt durch die neuen Studiengänge fällt uns das immer schwerer. Die kommenden Wahlen werden für uns eine große Herausforderung und es ist eventuell die letzte, die wir bewältigen können“, so Sandra Zapke (CT Chefredaktion), die mit gemischten Gefühlen den Vorstandswahlen am Ende des Jahres entgegensieht. „Es wird sich eine Lösung finden müssen, eventuell auch nur als Übergangsregelung. Aber wir sind auf Leute angewiesen, die mindestens für ein Jahr Verantwortung übernehmen wollen.“ Die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Mitarbeit beim Campus-Radio hat sich bereits verringert, seit es die gestuften Studiengänge gibt. „Praktikanten haben wir jede Menge, weil man sich das im Optionalbereich anrechnen lassen kann. Aber sich im Anschluss weiter ehrenamtlich zu verpflichten, ist den Leuten schwer schmackhaft zu machen“, erläutert Sandra Zapke.
Dabei urteilen Sascha Braun, Florian Krampe und Sandra Zapke unisono: Ihre ehrenamtliche Tätigkeit bringt ihnen neben Arbeit auch viel Spaß und Zufriedenheit. Keiner hat es bereut, sich in dieser Form zu engagieren. Im Gegenteil: Die Erfahrungen und die geknüpften Freundschaften seien unbezahlbar. „Man kriegt uni-intern viel mehr mit und kann sich unter behüteten Bedingungen ausprobieren“, zählt Sandra Zapke als Pluspunkte auf; sie selbst bringt sich bereits seit vier Jahren ehrenamtlich in das 24-Stunden-Programm des Senders ein. Auch Florian Krampe weiß von seinen Kommilitonen, dass der Hochschulsport den Übungsleitern die Chance bietet, Praxis zu sammeln. In Sascha Brauns Freundeskreis finden sich dank seiner SKF-Tätigkeit Studierende ganz unterschiedlicher Fachrichtung – was ob der Größe der Ruhr-Uni nicht selbstverständlich ist.

Existenz-Nöte

„Das Ehrenamt lebt von einem ideellen Dahinterstehen“, erklärt Florian Krampe. Studienbeiträge machten dieses Dahinterstehen für Viele aus finanziellen Gründen aber unmöglich. Das sieht auch Sandra Zapke so und obwohl sie betont, nicht Schwarzmalen zu wollen, appelliert sie an die Universitätsverwaltung: „Wenn die Ruhr-Uni an dieser Stelle nicht reagiert, wird CT das Radio in seiner jetzigen Form nicht weiter existieren können.“ Diese Existenz-Not kennt man auch beim SKF, der nicht nur mit der abnehmenden Bereitschaft fürs Ehrenamt zu kämpfen hat, sondern auch mit sinkenden Besucherzahlen. Es ist noch offen, wie das Filmprogramm im nächsten Semester aussehen wird. Bereits jetzt wird darüber nachgedacht, nur noch eine Vorstellung in der Woche (statt wie bisher zwei) zu geben. Und Florian Krampe erklärt: „Das Asta-Sportreferat spricht sich grundsätzlich gegen Studiengebühren aus. Sollten diese aber nicht zu verhindern sein, müssen Landesregierung und Ruhr-Uni darauf achten, dass das ehrenamtliche studentische Engagement nicht unter Studiengebühren leidet und so zu Lasten aller Studierenden den Hochschulsport unmöglich macht.“
Lesen Sie dazu auch das nebenstehende Editorial.

Punktuelle Lösungen: Kanzler Möller zur Zukunft des Ehrenamts

Engagierte Studierende befürchten nach der Einführung von Studienbeiträgen ein Aus des Ehrenamts. Verschiedene Gruppen appellieren deshalb an die Hochschulleitung, sich dem Thema zu stellen. Evelyn Echle sprach mit Kanzler Gerhard Möller über den Stand der Dinge.

RUBENS: Herr Möller, sehen Sie ähnlich wie die Studierenden die Gefahr, dass Studienbeiträge das studentische Ehrenamt gefährden?
Möller: Ich glaube, CT das Radio ist ein gutes Beispiel. Der Sender könnte ohne Ehrenamt nicht leben, die gesamte Organisation im Hintergrund machen die Studierenden nicht nur aus Spaß. Die gut funktionierende Selbstorganisation habe ich dabei immer bewundert. Durch ein Gespräch mit sechs Aktiven weiß ich, dass durch die Verdichtung des Studiums nach der Bachelor- und Masterumstellung sowie durch die sich abzeichnenden Studienbeiträge die Sorge um das Weiterleben des Ehrenamts berechtigt ist. Das Rektorat hat über solche Fragen schon nachgedacht und wird weiter darüber nachdenken, je konkreter es wird.

RUBENS: Wie kann die Hochschulleitung das studentische Ehrenamt nach Einführung der Studienbeiträge an der Ruhr-Uni dennoch fördern und stärken?
Möller: Im Moment liegt noch kein abschließendes Gesetz vor, nur ein Entwurf. Die Mittel sind zweckbindend an die Lehre gekoppelt. Man könnte also einschlägige Aktivitäten unterstützen, indem Hilfskraft-Verträge geschaffen werden. So bietet CT das Radio im Optionalbereich ja Praktikumsmöglichkeiten an, engagiert sich also im Bereich der Lehre. So auch die Fachschaften mit ihrer Hilfestellung bei den ersten Schritten ins Hochschulleben. Man wird sehen, wie weit die Zweckbindung für die Lehre auslegbar ist. Allerdings würde sich hier auch etwas verschieben: Das Ehrenamt gewährt eine gewisse Unabhängigkeit, während studentische Hilfskräfte Aufgaben für die Uni übernehmen müssten.

RUBENS: Das Asta-Sportreferat sorgt sich ebenfalls um das Weiterleben des Hochschulsports, wenn die Übungsleiter, die eine Aufwandsentschädigung bekommen, sich nach einem besser bezahlten Job umsehen.
Möller: Natürlich sind die Übungsleitergelder eher Anerkennungshonorare. Aber eine Komponente beim Ehrenamt ist ja auch der Idealismus und der Spaß bei der Sache. Ob die Befürchtung tatsächlich eintritt, dass die Übungsleiter nach Einführung der Studienbeiträge lieber kellnern gehen, weiß ich nicht. Auf jeden Fall werden wir das Problem Ehrenamt/Studienbeiträge nur punktuell, nicht aber flächendeckend lösen können. Das Ehrenamt ist eben ein weites Feld.

RUBENS: Nun betrifft dieses Thema ja nicht nur die Ruhr-Universität, sondern alle Hochschulen im Land. Kennen Sie Strategien aus anderen Rektoraten zum Umgang mit Ehrenamt und Studienbeiträgen?
Möller: Nein. Die Debatte ist noch in einem anderen Stadium. Im Moment wird das Ja und Nein von Studiengebühren sowie das Wie diskutiert.



Evelyn Echle
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Letzte Änderung: 30.11.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik