Eine Frage der
Ehre
Studierende
befürchten durch Gebühren ein Aus des Ehrenamts
"Willst du froh und glücklich leben,
lass kein Ehrenamt dir geben“ – als humoristischen
Einstieg findet sich dieser Satz meist unter dem Tagesordnungspunkt
„Ehrungen“ bei Hauptversammlungen. Doch
auch immer mehr Studierende der Ruhr-Uni handeln nach
diesem Motto. Dabei lebt der Campus vom ehrenamtlichen
Engagement, weshalb verschiedene Institutionen wie Asta,
CT das Radio oder der Studienkreis Film jetzt Alarm
schlagen: Sie befürchten den Einbruch des Ehrenamts
– spätestens wenn die Studiengebühren
einen bezahlten Job zwingender machen als für Gottes
Lohn seine Arbeitskraft in den Dienst der Allgemeinheit
zu stellen.
Während Pro und Contra der Studiengebühren
bzw. "Beiträge" weiter heiß diskutiert
werden, warnen Hochschulgruppen bereits vor einer bislang
unbeachteten Nebenwirkung: Das studentische Ehrenamt
droht ins Abseits zu geraten. „Der Hochschulsport
an der Ruhr-Uni beschäftigt 51 Übungsleiter,
meist Studierende. Sie bekommen zwar eine Aufwandsentschädigung,
aber leben lässt sich davon nicht. Wer wird sich
nach Einführung der Studiengebühren noch ehrenamtlich
engagieren, wenn er als Kellner weitaus mehr verdienen
kann?“, fragt sich Florian Krampe vom Asta-Sportreferat.
Während er noch die Zukunft beschwört, sind
die Probleme bei anderen studentischen Institutionen
bereits evident. „Es ist immer wieder schwierig,
Leute zu finden, die längerfristig wichtige Aufgaben
wie Vorstand oder Öffentlichkeitsarbeit übernehmen
wollen“, erklärt Sascha Braun, Vize-Vorsitzender
vom Studienkreis Film (SKF). Blieben die Ämter
der Geschäftsführer früher im Schnitt
etwa vier Semester von der gleichen Person besetzt,
hat sich die Dauer mittlerweile halbiert: Kaum einer
will länger als zwei Semester die Verantwortung
fürs studentische Kino tragen, da sich der Aufwand
selten mit der geforderten Leistung fürs Studium
unter einen Hut bringen lässt.
Gemischte Gefühle
Auch bei CT das Radio wird diskutiert, da der harte
Kern des Teams im Sommer 2006 die Uni verlassen wird.
„CT muss in jedem Jahr die Chefredaktion und den
Vorstand neu besetzen, bedingt durch die neuen Studiengänge
fällt uns das immer schwerer. Die kommenden Wahlen
werden für uns eine große Herausforderung
und es ist eventuell die letzte, die wir bewältigen
können“, so Sandra Zapke (CT Chefredaktion),
die mit gemischten Gefühlen den Vorstandswahlen
am Ende des Jahres entgegensieht. „Es wird sich
eine Lösung finden müssen, eventuell auch
nur als Übergangsregelung. Aber wir sind auf Leute
angewiesen, die mindestens für ein Jahr Verantwortung
übernehmen wollen.“ Die Bereitschaft zur
ehrenamtlichen Mitarbeit beim Campus-Radio hat sich
bereits verringert, seit es die gestuften Studiengänge
gibt. „Praktikanten haben wir jede Menge, weil
man sich das im Optionalbereich anrechnen lassen kann.
Aber sich im Anschluss weiter ehrenamtlich zu verpflichten,
ist den Leuten schwer schmackhaft zu machen“,
erläutert Sandra Zapke.
Dabei urteilen Sascha Braun, Florian Krampe und Sandra
Zapke unisono: Ihre ehrenamtliche Tätigkeit bringt
ihnen neben Arbeit auch viel Spaß und Zufriedenheit.
Keiner hat es bereut, sich in dieser Form zu engagieren.
Im Gegenteil: Die Erfahrungen und die geknüpften
Freundschaften seien unbezahlbar. „Man kriegt
uni-intern viel mehr mit und kann sich unter behüteten
Bedingungen ausprobieren“, zählt Sandra Zapke
als Pluspunkte auf; sie selbst bringt sich bereits seit
vier Jahren ehrenamtlich in das 24-Stunden-Programm
des Senders ein. Auch Florian Krampe weiß von
seinen Kommilitonen, dass der Hochschulsport den Übungsleitern
die Chance bietet, Praxis zu sammeln. In Sascha Brauns
Freundeskreis finden sich dank seiner SKF-Tätigkeit
Studierende ganz unterschiedlicher Fachrichtung –
was ob der Größe der Ruhr-Uni nicht selbstverständlich
ist.
Existenz-Nöte
„Das Ehrenamt lebt von einem ideellen Dahinterstehen“,
erklärt Florian Krampe. Studienbeiträge machten
dieses Dahinterstehen für Viele aus finanziellen
Gründen aber unmöglich. Das sieht auch Sandra
Zapke so und obwohl sie betont, nicht Schwarzmalen zu
wollen, appelliert sie an die Universitätsverwaltung:
„Wenn die Ruhr-Uni an dieser Stelle nicht reagiert,
wird CT das Radio in seiner jetzigen Form nicht weiter
existieren können.“ Diese Existenz-Not kennt
man auch beim SKF, der nicht nur mit der abnehmenden
Bereitschaft fürs Ehrenamt zu kämpfen hat,
sondern auch mit sinkenden Besucherzahlen. Es ist noch
offen, wie das Filmprogramm im nächsten Semester
aussehen wird. Bereits jetzt wird darüber nachgedacht,
nur noch eine Vorstellung in der Woche (statt wie bisher
zwei) zu geben. Und Florian Krampe erklärt: „Das
Asta-Sportreferat spricht sich grundsätzlich gegen
Studiengebühren aus. Sollten diese aber nicht zu
verhindern sein, müssen Landesregierung und Ruhr-Uni
darauf achten, dass das ehrenamtliche studentische Engagement
nicht unter Studiengebühren leidet und so zu Lasten
aller Studierenden den Hochschulsport unmöglich
macht.“
Lesen Sie dazu auch das nebenstehende Editorial.
Punktuelle Lösungen: Kanzler Möller
zur Zukunft des Ehrenamts
Engagierte Studierende befürchten nach der Einführung
von Studienbeiträgen ein Aus des Ehrenamts. Verschiedene
Gruppen appellieren deshalb an die Hochschulleitung,
sich dem Thema zu stellen. Evelyn Echle sprach mit Kanzler
Gerhard Möller über den Stand der Dinge.
RUBENS: Herr Möller, sehen Sie ähnlich
wie die Studierenden die Gefahr, dass Studienbeiträge
das studentische Ehrenamt gefährden?
Möller: Ich glaube, CT das Radio ist ein gutes
Beispiel. Der Sender könnte ohne Ehrenamt nicht
leben, die gesamte Organisation im Hintergrund machen
die Studierenden nicht nur aus Spaß. Die gut funktionierende
Selbstorganisation habe ich dabei immer bewundert. Durch
ein Gespräch mit sechs Aktiven weiß ich,
dass durch die Verdichtung des Studiums nach der Bachelor-
und Masterumstellung sowie durch die sich abzeichnenden
Studienbeiträge die Sorge um das Weiterleben des
Ehrenamts berechtigt ist. Das Rektorat hat über
solche Fragen schon nachgedacht und wird weiter darüber
nachdenken, je konkreter es wird.
RUBENS: Wie kann die Hochschulleitung das studentische
Ehrenamt nach Einführung der Studienbeiträge
an der Ruhr-Uni dennoch fördern und stärken?
Möller: Im Moment liegt noch kein abschließendes
Gesetz vor, nur ein Entwurf. Die Mittel sind zweckbindend
an die Lehre gekoppelt. Man könnte also einschlägige
Aktivitäten unterstützen, indem Hilfskraft-Verträge
geschaffen werden. So bietet CT das Radio im Optionalbereich
ja Praktikumsmöglichkeiten an, engagiert sich also
im Bereich der Lehre. So auch die Fachschaften mit ihrer
Hilfestellung bei den ersten Schritten ins Hochschulleben.
Man wird sehen, wie weit die Zweckbindung für die
Lehre auslegbar ist. Allerdings würde sich hier
auch etwas verschieben: Das Ehrenamt gewährt eine
gewisse Unabhängigkeit, während studentische
Hilfskräfte Aufgaben für die Uni übernehmen
müssten.
RUBENS: Das Asta-Sportreferat sorgt sich ebenfalls um
das Weiterleben des Hochschulsports, wenn die Übungsleiter,
die eine Aufwandsentschädigung bekommen, sich nach
einem besser bezahlten Job umsehen.
Möller: Natürlich sind die Übungsleitergelder
eher Anerkennungshonorare. Aber eine Komponente beim
Ehrenamt ist ja auch der Idealismus und der Spaß
bei der Sache. Ob die Befürchtung tatsächlich
eintritt, dass die Übungsleiter nach Einführung
der Studienbeiträge lieber kellnern gehen, weiß
ich nicht. Auf jeden Fall werden wir das Problem Ehrenamt/Studienbeiträge
nur punktuell, nicht aber flächendeckend lösen
können. Das Ehrenamt ist eben ein weites Feld.
RUBENS: Nun betrifft dieses Thema ja nicht nur die Ruhr-Universität,
sondern alle Hochschulen im Land. Kennen Sie Strategien
aus anderen Rektoraten zum Umgang mit Ehrenamt und Studienbeiträgen?
Möller: Nein. Die Debatte ist noch in einem anderen
Stadium. Im Moment wird das Ja und Nein von Studiengebühren
sowie das Wie diskutiert.
Evelyn
Echle
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