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RUBENS 102

1. Dezember 2005

Kinderkrankheiten


4 Jahre BA/MA: Studieren an der Sowi-Fakultät



Diplom, diverse Bachelor-Fächer, Ein-Fach-Master, verschiedene Zwei-Fach-Master, einige Magister-Nebenfächer, das alte Lehramt und der neue Master of Education – die Liste der Studiengänge und Fächer an der Fakultät für Sozialwissenschaft scheint endlos. In den Seminaren sitzt deshalb oft zusammen, was eigentlich nicht zusammen gehört. Und doch: Dank der Geduld der Fakultätsmitglieder läuft der Betrieb, und demnächst wird alles übersichtlicher.


Zu Beginn eines Semesters gehen in den Sowi-Seminaren Teilnehmerlisten herum. Wer einen Blick darauf wirft und liest, welche Gruppen von Studenten im gleichen Seminar sitzen und gemeinsam etwas über „Kommunale Finanzen“ oder die „Soziologie des Dienstleistungssektors“ lernen, der gerät ins Staunen. Die Spalte „Angestrebter Studienabschluss“ enthält bis zu einem Dutzend unterschiedlicher Nennungen.
Seit dem Wintersemester 2001/02 kann man das Sowi-Studium entweder im Diplom- oder in einem der vier B.A.-Studiengänge beginnen. Diese vier orientieren sich an den vormaligen Magister-Nebenfächern: Soziologie, Politikwissenschaft, Sozialpsychologie und -anthropologie sowie PWG (Politik, Wirtschaft und Gesellschaft). Parallel dazu existieren die alten Studiengänge (s.u.) zunächst weiter. Die ersten Semester dieses Nebeneinanders sind geprägt durch „Kinderkrankheiten“. Dekanat, Lehrende, Studierende, Mitarbeiter, Fachschaft – allen musste eins gemein sein: viel Geduld im Umgang mit kleinen und großen Problemen.

Jeder nur ein Kreuz

Grundstudium, Hauptstudium – und Bachelor? Die Grenzen der Studienabschnitte sind fließend. In Seminaren, die typische Hauptstudiums-Veranstaltungen sind, sitzen nun B.A.-Studenten im zweiten neben Diplom-Studenten im achten Semester. Unterschiedliche Anforderungen und Wissenshorizonte treffen aufeinander – für den einen ist es ein Aufbaumodul, für den anderen ein Seminar im Hauptstudium. „Wie ist das noch mal mit der Erst- und Zweitstimme und macht man bei der Landtagswahl eigentlich auch zwei Kreuze“, fragt der eine und der andere wundert sich, weil man das doch in der Vorlesung „Einführung in das politische System Deutschlands“ lernt. Auch der Dozent fragt nach und hört: „Ich belege die Vorlesung parallel zu diesem Seminar.“ Wenn aber erst Grundlagen geklärt werden müssen, leidet der Seminarplan und mit ihm die Diplom-Studenten, für die der Inhalt des Seminars prüfungsrelevant sein sollte.
Eine weitere Aufgabe des Dozenten liegt darin, Ordnung ins Leistungschaos zu bringen. Der eine braucht einen Leistungsnachweis fürs Diplom-Studium, andere Leistungs- oder Teilnahmenachweise entsprechend den Anforderungen der B.A.-Studiengänge oder eines anderen Studiengangs. Hausarbeiten, Referate, Protokolle und Klausuren als Alternative? Wie erfüllt man alle Anforderungen und bleibt dabei fair? „Fragen Sie doch nächste Woche noch mal. Ich kläre das.“
Zusätzlich brauchen seit Einführung der gestuften Studiengänge viel mehr Studenten „Scheine“. Wenn 100 Studierende das gleiche Seminar besuchen, können jedoch nicht alle ein Referat halten. Auch die Korrektur von 100 Hausarbeiten ist nicht zu bewältigen. Können Klausuren und Stundenprotokolle, in denen Wissen lediglich reproduziert wird, aber eine Alternative sein? Schließlich verbessern gerade Referate und Hausarbeiten das wissenschaftliche Arbeiten. Für B.A.-Studenten, die bereits nach sechs Semestern eine Abschlussarbeit verfassen, kann das problematisch werden.

Keine Zeit

Auch für die Lehrenden hat sich der Aufwand vergrößert. Sie müssen nicht nur mehr Hausarbeiten und Klausuren korrigieren, sondern mehr Abschlussarbeiten betreuen und werden durch die studienbegleitenden Prüfungen beim B.A. in Anspruch genommen. Während beim Diplom ein Großteil der Formalitäten durch das Prüfungsamt erledigt wurde, findet das Prüfungsgeschehen beim Bachelor auf Modulebene und damit beim Dozenten statt. Mehr Organisation – weniger Zeit für die Studenten? Bei vielen Professoren gibt es keine Sprechstunde im eigentlichen Sinne mehr. Um kurz mit einem Professor zu sprechen, muss man meist Wochen vorher einen Termin vereinbaren. E-Mails von Studierenden sind auch nicht immer gerne gesehen: Zu hohes Mail-Aufkommen, erklärt ein Dozent.
Das größte Problem aber sind die stark angestiegenen Studierenden-Zahlen. Im Studienjahr 2002/03 gab es 1.637 Studienanfänger an der Fakultät. In den Hörsälen drängelten sich die Studenten, die Fakultät platzte aus allen Nähten. Ein Orts-NC war die Folge, doch die Anfänger des Rekord-Semesters blieben. Sie erreichen jetzt die Master-Phase. Die wenigen ersten Master-Studenten haben bereits einen Stammtisch gegründet, bei dem die Studienprobleme auch abseits der Uni besprochen werden können.

 


Über die Situation an der Fakultät für Sozialwissenschaft sprach Annika Rolf mit dem Prodekan für Studienangelegenheiten, Achim Henkel.

Rubens: Wie würden Sie die chaotische Zeit nach Einführung der gestuften Studiengänge mit heute vergleichen?
Henkel: Nach Einführung der gestuften Studiengänge war die Zahl der Studienanfänger hoch. Besonders beim Tutorienprogramm gab es große Probleme. 1.637 Studenten trafen auf acht Tutoren. Wir mussten zusätzliche Tutoren einstellen, um das Programm sicherzustellen. Als Reaktion auf die hohen Zahlen wurde im Wintersemester 2003/04 ein Orts-NC eingeführt. Der NC wirkt, die Entwicklung ist gut und das Fach ist wieder studierbar. Für jedes Modul gibt es mittlerweile einen Modulbetreuer, an den sich die Studierenden wenden können. Zum Thema „Chaos“ kann man sagen, dass manche Professoren Organisationstalent haben, andere nicht.

Rubens: Wo sehen Sie grundlegende Veränderungen an der Fakultät?
Henkel: Die Modularisierung ist der Kern des Ganzen. Die Studieneinheiten wurden in ein überschaubares Maß gebracht. Die Lehrenden müssen sich klarer werden, was in den Modulen erreicht werden soll. Für die Studierenden werden die Studien- und Qualifikationsziele deutlich und sie wissen, wofür man die Module im Rahmen eines Faches studiert. Die studienbegleitenden Prüfungen ziehen das Prüfungsgeschehen auf die Module hinunter, in vielen Fällen liegt die Organisation nicht mehr beim Prüfungsamt. Die Lehrenden beklagen sich über den hohen Aufwand und fordern Unterstützung seitens der Universität.

Rubens: Die Sowi-Fakultät ist einige der wenigen, an denen eine Einschreibung in den Diplom-Studiengang noch möglich ist. Wie lange will man die Studiengänge noch parallel laufen lassen?
Henkel: Es gab eine Phase, in der noch unklar war, ob das Diplom abgeschafft wird. Zudem vermitteln wir einen guten Abschluss; unser Diplom ist erfolgreich, akzeptiert und weit über die Region hinaus bekannt. Umbau hieß zunächst nicht, dass das Erfolgsmodell eingestellt werden musste. Zum Wintersemester 2007/08 jedoch muss die Einschreibung zum Diplom auslaufen. Es wird durch einen Ein-Fach-Bachelor ersetzt.

Rubens: Wo sehen Sie darüber hinaus die Zukunft der Fakultät?
Henkel: Nach Einführung der gestuften Studiengänge ist der Zwei-Fach-B.A. ins Zentrum gerückt. Das Diplom trat in den Hintergrund, obwohl es immer noch großen Zulauf hatte. Aus dieser Phase gehen wir nun zurück auf das Kerngeschäft. Wenn die Einschreibung fürs Diplom ausläuft, wird es neben zwei Zwei-Fach-Bachelor-Studiengängen einen Ein-Fach-B.A. geben und wir werden die Zulassungen im NC-Verfahren darauf konzentrieren. Die Sozialwissenschaftliche Fakultät hat also einen Umweg über ein Zwei-Fach-Studium zurück zu einem Ein-Fach-Studium gemacht.


Sowi-Studiengänge auf einen Blick

Für folgende Studiengänge und Fächer sind zurzeit Studierende an der Sowi-Fakultät eingeschrieben: Diplom Sozialwissenschaft, vier Sozialwissenschaftliche BA/MA-Fächer (Sozialpsychologie und -anthropologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft), MA Sozialwissenschaft, MA Lehramt Sozialwissenschaft (Master of Education), fünf Sozialwissenschaftliche Magister-Nebenfächer (Soziologie, Politikwissenschaft, Sozialpsychologie und -anthropologie, Sozialpolitik und -ökonomik, Sozialwissenschaftliche Methoden und Statistik), Lehramt Sozialwissenschaft. Hinzu kommen von der Sowi-Fakultät getragenen interdisziplinären MA-Studiengänge wie ECUE oder Gender Studies (BA = Bachelor of Arts, MA = Master of Arts.).




Annika Rolf (die Autorin studiert im Diplomstudiengang Sozialwissenschaft)
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Letzte Änderung: 30.11.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik