Kinderkrankheiten
4 Jahre BA/MA: Studieren an der Sowi-Fakultät
Diplom, diverse Bachelor-Fächer, Ein-Fach-Master,
verschiedene Zwei-Fach-Master, einige Magister-Nebenfächer,
das alte Lehramt und der neue Master of Education –
die Liste der Studiengänge und Fächer an der
Fakultät für Sozialwissenschaft scheint endlos.
In den Seminaren sitzt deshalb oft zusammen, was eigentlich
nicht zusammen gehört. Und doch: Dank der Geduld
der Fakultätsmitglieder läuft der Betrieb,
und demnächst wird alles übersichtlicher.
Zu Beginn eines Semesters gehen in den Sowi-Seminaren
Teilnehmerlisten herum. Wer einen Blick darauf wirft
und liest, welche Gruppen von Studenten im gleichen
Seminar sitzen und gemeinsam etwas über „Kommunale
Finanzen“ oder die „Soziologie des Dienstleistungssektors“
lernen, der gerät ins Staunen. Die Spalte „Angestrebter
Studienabschluss“ enthält bis zu einem Dutzend
unterschiedlicher Nennungen.
Seit dem Wintersemester 2001/02 kann man das Sowi-Studium
entweder im Diplom- oder in einem der vier B.A.-Studiengänge
beginnen. Diese vier orientieren sich an den vormaligen
Magister-Nebenfächern: Soziologie, Politikwissenschaft,
Sozialpsychologie und -anthropologie sowie PWG (Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft). Parallel dazu existieren
die alten Studiengänge (s.u.) zunächst weiter.
Die ersten Semester dieses Nebeneinanders sind geprägt
durch „Kinderkrankheiten“. Dekanat, Lehrende,
Studierende, Mitarbeiter, Fachschaft – allen musste
eins gemein sein: viel Geduld im Umgang mit kleinen
und großen Problemen.
Jeder nur ein Kreuz
Grundstudium, Hauptstudium – und Bachelor? Die
Grenzen der Studienabschnitte sind fließend. In
Seminaren, die typische Hauptstudiums-Veranstaltungen
sind, sitzen nun B.A.-Studenten im zweiten neben Diplom-Studenten
im achten Semester. Unterschiedliche Anforderungen und
Wissenshorizonte treffen aufeinander – für
den einen ist es ein Aufbaumodul, für den anderen
ein Seminar im Hauptstudium. „Wie ist das noch
mal mit der Erst- und Zweitstimme und macht man bei
der Landtagswahl eigentlich auch zwei Kreuze“,
fragt der eine und der andere wundert sich, weil man
das doch in der Vorlesung „Einführung in
das politische System Deutschlands“ lernt. Auch
der Dozent fragt nach und hört: „Ich belege
die Vorlesung parallel zu diesem Seminar.“ Wenn
aber erst Grundlagen geklärt werden müssen,
leidet der Seminarplan und mit ihm die Diplom-Studenten,
für die der Inhalt des Seminars prüfungsrelevant
sein sollte.
Eine weitere Aufgabe des Dozenten liegt darin, Ordnung
ins Leistungschaos zu bringen. Der eine braucht einen
Leistungsnachweis fürs Diplom-Studium, andere Leistungs-
oder Teilnahmenachweise entsprechend den Anforderungen
der B.A.-Studiengänge oder eines anderen Studiengangs.
Hausarbeiten, Referate, Protokolle und Klausuren als
Alternative? Wie erfüllt man alle Anforderungen
und bleibt dabei fair? „Fragen Sie doch nächste
Woche noch mal. Ich kläre das.“
Zusätzlich brauchen seit Einführung der gestuften
Studiengänge viel mehr Studenten „Scheine“.
Wenn 100 Studierende das gleiche Seminar besuchen, können
jedoch nicht alle ein Referat halten. Auch die Korrektur
von 100 Hausarbeiten ist nicht zu bewältigen. Können
Klausuren und Stundenprotokolle, in denen Wissen lediglich
reproduziert wird, aber eine Alternative sein? Schließlich
verbessern gerade Referate und Hausarbeiten das wissenschaftliche
Arbeiten. Für B.A.-Studenten, die bereits nach
sechs Semestern eine Abschlussarbeit verfassen, kann
das problematisch werden.
Keine Zeit
Auch für die Lehrenden hat sich der Aufwand vergrößert.
Sie müssen nicht nur mehr Hausarbeiten und Klausuren
korrigieren, sondern mehr Abschlussarbeiten betreuen
und werden durch die studienbegleitenden Prüfungen
beim B.A. in Anspruch genommen. Während beim Diplom
ein Großteil der Formalitäten durch das Prüfungsamt
erledigt wurde, findet das Prüfungsgeschehen beim
Bachelor auf Modulebene und damit beim Dozenten statt.
Mehr Organisation – weniger Zeit für die
Studenten? Bei vielen Professoren gibt es keine Sprechstunde
im eigentlichen Sinne mehr. Um kurz mit einem Professor
zu sprechen, muss man meist Wochen vorher einen Termin
vereinbaren. E-Mails von Studierenden sind auch nicht
immer gerne gesehen: Zu hohes Mail-Aufkommen, erklärt
ein Dozent.
Das größte Problem aber sind die stark angestiegenen
Studierenden-Zahlen. Im Studienjahr 2002/03 gab es 1.637
Studienanfänger an der Fakultät. In den Hörsälen
drängelten sich die Studenten, die Fakultät
platzte aus allen Nähten. Ein Orts-NC war die Folge,
doch die Anfänger des Rekord-Semesters blieben.
Sie erreichen jetzt die Master-Phase. Die wenigen ersten
Master-Studenten haben bereits einen Stammtisch gegründet,
bei dem die Studienprobleme auch abseits der Uni besprochen
werden können.
Über die Situation an der Fakultät
für Sozialwissenschaft sprach Annika Rolf mit dem
Prodekan für Studienangelegenheiten, Achim Henkel.
Rubens: Wie würden Sie die chaotische Zeit
nach Einführung der gestuften Studiengänge
mit heute vergleichen?
Henkel: Nach Einführung der gestuften Studiengänge
war die Zahl der Studienanfänger hoch. Besonders
beim Tutorienprogramm gab es große Probleme. 1.637
Studenten trafen auf acht Tutoren. Wir mussten zusätzliche
Tutoren einstellen, um das Programm sicherzustellen.
Als Reaktion auf die hohen Zahlen wurde im Wintersemester
2003/04 ein Orts-NC eingeführt. Der NC wirkt, die
Entwicklung ist gut und das Fach ist wieder studierbar.
Für jedes Modul gibt es mittlerweile einen Modulbetreuer,
an den sich die Studierenden wenden können. Zum
Thema „Chaos“ kann man sagen, dass manche
Professoren Organisationstalent haben, andere nicht.
Rubens: Wo sehen Sie grundlegende Veränderungen
an der Fakultät?
Henkel: Die Modularisierung ist der Kern des Ganzen.
Die Studieneinheiten wurden in ein überschaubares
Maß gebracht. Die Lehrenden müssen sich klarer
werden, was in den Modulen erreicht werden soll. Für
die Studierenden werden die Studien- und Qualifikationsziele
deutlich und sie wissen, wofür man die Module im
Rahmen eines Faches studiert. Die studienbegleitenden
Prüfungen ziehen das Prüfungsgeschehen auf
die Module hinunter, in vielen Fällen liegt die
Organisation nicht mehr beim Prüfungsamt. Die Lehrenden
beklagen sich über den hohen Aufwand und fordern
Unterstützung seitens der Universität.
Rubens: Die Sowi-Fakultät ist einige der wenigen,
an denen eine Einschreibung in den Diplom-Studiengang
noch möglich ist. Wie lange will man die Studiengänge
noch parallel laufen lassen?
Henkel: Es gab eine Phase, in der noch unklar war, ob
das Diplom abgeschafft wird. Zudem vermitteln wir einen
guten Abschluss; unser Diplom ist erfolgreich, akzeptiert
und weit über die Region hinaus bekannt. Umbau
hieß zunächst nicht, dass das Erfolgsmodell
eingestellt werden musste. Zum Wintersemester 2007/08
jedoch muss die Einschreibung zum Diplom auslaufen.
Es wird durch einen Ein-Fach-Bachelor ersetzt.
Rubens: Wo sehen Sie darüber hinaus die Zukunft
der Fakultät?
Henkel: Nach Einführung der gestuften Studiengänge
ist der Zwei-Fach-B.A. ins Zentrum gerückt. Das
Diplom trat in den Hintergrund, obwohl es immer noch
großen Zulauf hatte. Aus dieser Phase gehen wir
nun zurück auf das Kerngeschäft. Wenn die
Einschreibung fürs Diplom ausläuft, wird es
neben zwei Zwei-Fach-Bachelor-Studiengängen einen
Ein-Fach-B.A. geben und wir werden die Zulassungen im
NC-Verfahren darauf konzentrieren. Die Sozialwissenschaftliche
Fakultät hat also einen Umweg über ein Zwei-Fach-Studium
zurück zu einem Ein-Fach-Studium gemacht.
Sowi-Studiengänge auf einen Blick
Für folgende Studiengänge und Fächer
sind zurzeit Studierende an der Sowi-Fakultät eingeschrieben:
Diplom Sozialwissenschaft, vier Sozialwissenschaftliche
BA/MA-Fächer (Sozialpsychologie und -anthropologie,
Soziologie, Politikwissenschaft, Politik, Wirtschaft
und Gesellschaft), MA Sozialwissenschaft, MA Lehramt
Sozialwissenschaft (Master of Education), fünf
Sozialwissenschaftliche Magister-Nebenfächer (Soziologie,
Politikwissenschaft, Sozialpsychologie und -anthropologie,
Sozialpolitik und -ökonomik, Sozialwissenschaftliche
Methoden und Statistik), Lehramt Sozialwissenschaft.
Hinzu kommen von der Sowi-Fakultät getragenen interdisziplinären
MA-Studiengänge wie ECUE oder Gender Studies (BA
= Bachelor of Arts, MA = Master of Arts.).
Annika
Rolf (die Autorin studiert im Diplomstudiengang Sozialwissenschaft)
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