Verpflanzt
Bernhard Kirchner verlässt nach 27 Jahren den Botanischen
Garten
Am 26. September 2005 wurde er in seinem langjährigen
Domizil von den Kolleginnen und Kollegen verabschiedet,
zwei Wochen später sagte auch der Rektor ganz offiziell
„Auf Wiedersehen“. Nach 27 Jahren als Kustos
und Technischer Leiter des Botanischen Gartens ging Bernhard
Kirchner zum 1. Oktober in den Ruhestand. „Sein
unermüdlicher Ideenreichtum und seine Tatkraft, seine
guten Verbindungen und sein sicheres gestalterisches Urteil
haben den Botanischen Garten auf Dauer geprägt“,
hieß es auf der Internet-Startseite des Botanischen
Gartens. Was es sonst noch zu sagen gibt, verrät
Bernhard Kirchner im Gespräch mit Arne Dessaul.
RUBENS: Herr Kirchner, welche Pflanzen haben Sie zum Abschied
bekommen?
Kirchner: Vom Direktor des Botanischen Gartens, Prof.
Stützel, habe ich eine Fuchsie bekommen.
RUBENS: Ist das Ihre Lieblingspflanze?
Kirchner: Ich hatte im Laufe meiner Zeit mit 15.000 verschiedenen
Pflanzen tun, da habe ich eigentlich keine Lieblingspflanze.
Allenfalls ein paar Vorlieben.
RUBENS: Welche sind das?
Kirchner: Sehr reizvoll finde ich Pflanzen, die an Grenzstandorten
leben, die hart ums Überleben kämpfen und im
Laufe der Evolution besondere Strategien entwickeln mussten.
Unter anderem Pflanzen, die in Symbiose mit Tieren leben,
die beispielsweise von Ameisen bewohnt werden. Oder nehmen
Sie Orchideen, die oben auf Bäumen leben, der prallen
Sonne ausgesetzt, und die dennoch irgendwie an Wasser
kommen müssen.
RUBENS: Wie viele Pflanzen sind durch Ihre Initiative
in den Garten gekommen?
Kirchner: Das sind gewiss einige Tausend. Darunter sind
viele, die in Europa einzigartig sind.
RUBENS: Wo haben Sie die herbekommen?
Kirchner: Zu einem Teil aus Exkursionen, auf denen ich
sehr intensiv gesammelt habe. Ich war praktisch überall
in der Welt, abgesehen von Südostasien und Australien,
allein zehnmal in Südamerika, aber mindestens genau
so häufig in Afrika oder Südeuropa. Weiterhin
kooperieren wir mit etwa 420 Botanischen Gärten in
aller Welt und tauschen uns aus. Zu guter Letzt habe ich
Freunde, die mir regelmäßig Samen zuschicken.
Die Samen für den Kanonenkugelbaum, der momentan
blüht, habe ich aus Venezuela bekommen.
RUBENS: Wird sich auch in Ihrem künftigen Leben vieles
um Pflanzen drehen?
Kirchner: Das weiß ich noch nicht genau. Wenn man
zu Hause viele Pflanzen hat, muss man sich ja intensiv
darum kümmern, da kann man nicht einfach vier Wochen
weg sein. Außerdem gibt es andere Dinge, die mich
interessieren. Ich habe ein paar Projekte im Kopf, wo
ich als Planer und Berater tätig sein werde.
RUBENS: Wird man Sie noch häufig im Botanischen
Garten sehen?
Kirchner: Da halte ich mich an die Worte von meinem
früheren Chef, Prof. Esser, den ehemaligen Direktor
des Gartens. Er hat gesagt: Das sollte man nicht machen.
Herr Esser war tatsächlich viele Jahre lang nicht
im Botanischen Garten gewesen. Jetzt sieht man ihn bisweilen
wieder. In meinem Fall könnte halt der Eindruck
entstehen, dass ich gucken komme, ob noch alles seine
Richtigkeit hat, ob nicht auf einmal wichtiges Material
fehlt. Natürlich würde ich nicht die Arbeit
meiner Nachfolger kommentieren. Ich hoffe nur, dass
sie die Schönheiten des Gartens erkennen und sie
weiter ausbauen und den Garten nicht zu einem statischen
System machen, wo in den nächsten 100 Jahren immer
irgendwo eine Rose stehen muss. Die Kunst ist es ja
zu erkennen, dass sich die ökologischen Gegebenheiten
verändern und dass man die Bepflanzung anpassen
muss. Dieser Garten ist kein Barockgarten, in dem immer
alles gleich bleibt, im Botanischen Garten gibt es einen
dynamischen, fließenden Prozess. Das ist das Reizvolle,
damit bleibt er stets jung.
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