Im Flüchtlingslager
Bochumer Arzt half vier Wochen lang in der Bürgerkriegsregion
Darfur
Dr. Alfred Klassen, Assistenzarzt zur Weiterbildung Unfallchirurgie
im Bergmannsheil, hat vier Wochen für die Hilfsorganisation
humedica im Sudan verbracht. Seine Erfahrungen hat der
aus Paraguay stammende Mediziner für RUBENS festgehalten.
Es ist nicht Abu el Mot, der „Vater des Todes“,
der mit seiner Sklavenkarawane auf Karl Mays Pfaden durch
die Sahelzone zieht, es sind Janjaweed, die arabischen
Reitermilizen, die uns begegnen. Die Ähnlichkeiten
sind wohl nicht beabsichtigt, aber erkennbar: Kamele,
Reiter mit teilweise vermummten Gesichtern, gute Waffen.
Es fehlen nur die Sklaven. Vielleicht leben sie auch nicht
mehr oder sind rechtzeitig geflohen, mitten in ihrem eigenen
Land: Internal Displaced People (IDP).
Es gibt eine lange Vorgeschichte zu dieser Krise in Darfur.
Seit März 2003 nimmt die Gewalt allerdings deutlich
zu. Arabische Nomadenstämme greifen immer wieder
die lokalen Furdörfer an, plündern die Vorräte
und jagen die Leute weg. Mittlerweile hat sich fast jede
noch bestehende Dorfgemeinschaft eigene Waffen besorgt
und man kann die Stadt Nyala nur auf dem Luftweg sicher
erreichen. Es sind etwa 1,7 Mio. Leute auf der Flucht,
jeweils zu einem Drittel im Nachbarland Tschad, in von
der UNO organisierten Flüchtlingslagern oder bei
entfernten Verwandten in den Städten untergekommen.
Ohne Heimat und Zukunft
Mit der kleinen christlich geprägten Organisation
humedica (Kauffbeuren) versorgen wir im Flüchtlingslager
Al Sereif etwa 10.000 Flüchtlinge. Seit August
2004 wechseln sich die Teams im Vier-Wochen-Rhythmus
ab, u. a. auch mit meinem Kollegen Dr. Rolf Sobottke
aus dem Bergmannsheil. Nur der Koordinator vor Ort bleibt
länger.
Al Sereif gehört zu den besseren Lagern. Es wurden
ein paar Hundert Latrinen gebaut, die Wasserversorgung
sichergestellt, jeden Sonntag Grundnahrungsmittel verteilt.
Jede Großfamilie hat ein Zelt. Im Lager gibt es
eine von humedica gebaute Schule (Holzgerüst, Strohmatten
für Wände und Dach, fertig) mit 1.300 Schülern,
einen Kindergarten für 200 Kinder und eine Klinik
für die medizinische Grundversorgung, wo wir je
nach Wochentag zwischen 150 und 300 Patienten sehen.
Die Medikamente werden uns durch die Weltgesundheitsorganisation
WHO zur Verfügung gestellt. Die Klinik selbst hat
drei – leider nicht ganz sanddichte – Behandlungsräume.
Zwei Krankenschwestern versorgen die Wunden und die
Hautkrankheiten und wir zwei Ärzte sehen die übrigen
Patienten. Es gibt natürlich die üblichen
Parasitosen, Anaemien und triefenden Nasen, Augenentzündungen
oder Verletzungen. Am häufigsten sind jedoch Kopf-
und Kreuzschmerzen, brennende Füße, unbestimmte
Schwindelgefühle. Diese hohe Quote an Bagatellbeschwerden
und psychosomatischen Leiden entspricht den weltweit
allgemeinen Statistiken für Internal Displaced
People: verlorene Heimat, miserable Gegenwart, keine
Zukunft.
Ein paar Flugstunden von Bochum
Es ist ein Pilotprojekt, diese Reise in den Sudan.
Kann ich mir vorstellen, das wieder zu machen? –
Ja und Nein: Ganz sicher rückt es meine Welt wieder
irgendwie ins richtige Lot. Das Bewusstsein von Leid,
Not und Armut nur ein paar Flugstunden von Bochum entfernt
ist greifbarer, fühlbarer geworden. Auf der anderen
Seite ist natürlich Nachhaltigkeit gefragt, obwohl
ich es immer wieder erstaunlich finde, dass das so wichtig
sein soll. Schon in Mosambik, wo ich von 2000 bis 2003
als Missionsarzt tätig war, musste ich mir solche
Fragen gefallen lassen, selbst wenn ich eine Notoperation
machte, um z.B. eine während der Wehen zerrissene
Gebärmutter zu entfernen. Immerhin blieben die
meisten Frauen dabei am Leben.
Als Christ denke ich manchmal an den unpopulären
Vers aus dem Jakobusbrief: „Wer da weiß,
Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde“.
Ich habe Gott dort wieder neu kennen gelernt, u. a.
auch deshalb, weil ich mehr auf ihn angewiesen war.
Wir haben es sehr wohl in der Hand, die Welt um uns
herum zu verändern, nicht nur in Afrika.
Dr.
(Py) Alfred Klassen
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