Ruhr-Universität Bochum zur Navigation zum Inhalt Startseite der RUB pix
Startseite UniStartseite
Überblick UniÜberblick
A-Z UniA-Z
Suche UniSuche
Kontakt UniKontakt

pix
 
Das Siegel
Naturwissenschaften Ingenieurwissenschaften Geisteswissenschaften Medizinische Einrichtungen Zentrale Einrichtungen
pix
RUBENS - Zeitschrift der RUB
RUBENS- Startseite

Lesen
Aktuelle Ausgabe
Archiv
¤Ausgabe Nr. 101
  ¤Artikel
pdf-Dateien

Service & Kontakt
Mediadaten
Redaktion
E-Mail Service
Kontakt

Volltextsuche
pix RUBENS - Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
 
 
 
    
pix
Artikel » Ausgabe 101 »Archiv » RUBENS » Pressestelle » Ruhr-Universität
pix pix
RUBENS 101

1. November 2005



In der Campusraubtierwelt

Tom Wolfe beschränkt die Universität auf Sex and Drugs



Amerikanische Studenten wollen nur sich bis zur Besinnungslosigkeit besaufen und auf Partys Studentinnen flachlegen. Auch diese sind nur auf Sex and Drugs fixiert und setzen alles daran, den coolsten Typen ins Bett zu locken. Ist man aber Hochleistungssportler mit der einzigen Funktion, das Renommee der eigenen Uni zu mehren und sieht man sie als Durchgangsstation zum Profisport, kriegt man Studentinnen und Drogen frei Haus geliefert. Die Welt auf dem Campus der fiktiven Elitenuniversität Dupont in Tom Wolfes neuem Roman „Ich bin Charlotte Simmons“ besteht fast ausschließlich aus Sex, Besäufnissen, Kotzerein und Intrigen, echte Beziehungen finden so gut wie nicht statt.

Personifizierte Unschuld vom Land

Lernen oder gar die hehre Wissenschaft kommen nur am Rande vor und den meisten Studierenden gar nicht in den Sinn – mit Ausnahme der Titelheldin Charlotte Simmons, der personifizierten Unschuld vom Land. Sie ist herabgestiegen aus einem kleinen Bergdorf North Carolinas als hochbegabte, intelligente und mit einem Vollstipendium ausgestattete Studentin mit einer wissenschaftlichen Karriere im festen Blick. In dieser Campusraubtierwelt versucht sie, ihre Unschuld zu bewahren. Zunächst jedenfalls. Anfangs ist sie vom Verhalten ihrer Kommilitonen nur angewidert, aber je mehr sie sich dieser Welt ausgesetzt sieht, desto mehr erliegt sie der Versuchung, am Vergnügen teilzuhaben. „Es ist die einzige Zeit im Leben, in der du ohne Reue experimentieren kannst“, ermutigt sie ihre frühere Schulfreundin Laura.
Charlotte lässt sich also eher widerwillig und meist mit schlechtem Gewissen auf zweifelhafte Vergnügen ein. Als sie schließlich ihre Unschuld buchstäblich verliert, hat sie sich gerade den coolsten Typen des Campus geschnappt. Während sie aber die große Liebe wittert, will er vor seinen Freunden prahlen können: „Hab ihr den Staub vom Stempel geklopft“. Für Charlotte endet die Party besoffen und enthemmt im Bett. Sie erlebt die Lieblosigkeit als Alptraum, aus dem sie erst nach mehreren Wochen tiefster Depression erwacht, sich schließlich aber mit neuem Selbstbewusstsein an die Fortsetzung des Studiums machen kann.
Ende gut, alles gut, könnte man meinen. Charlotte ist ja nur um eine essentielle Erfahrung reifer und geläutert. Auch die „guten“ Nebenfiguren wie etwa der Basketballspieler Jojo und der Retter Charlottes, Adam, den sie gern lieben möchte, aber nicht kann, überstehen die Wirrnisse auf dem Campus. Die „bösen“ Nebenfiguren, darunter natürlich der coole Don Juan Hoyt, scheitern im Studium und an sich selbst. Die Welt auf dem Campus ist ja gar nicht so schlecht, hört man Tom Wolfe flüstern, die Studierenden müssten nur etwas weniger Saufen und Bumsen, dann wäre alles in Ordnung. Soweit der Roman, soweit auch die Moral von Wolfe.

Schablonen zur satirischen Überzeichnung

Abgesehen davon, dass der Roman in vielen Passagen schlicht und kitschig ist, so mager ist auch sein ästhetischer Anspruch. Wolfe schafft keine Figuren aus Fleisch und Blut, nur Schablonen zur satirischen Überzeichnung. Auf den ersten 300 Seiten hinterlässt das Buch nicht den Eindruck eines Romans, sondern eines billigen soziologisch-satirischen Pamphlets. Erst nach mehr als einem Drittel des immerhin fast 800 Seiten umfassenden Buchs ahnt man zeitweise, dass sich daraus ein Roman entwickeln könnte, dass die eine oder andere Figur ein klein bisschen Leben eingehaucht bekomme.
Dem ist aber nicht so. Tom Wolfe ist zu geschwätzig, will seine komplette Recherche ausbreiten. So scheitert der Autor an seinem überaus sprudelnden Wortreichtum. Er glaubt, dem Leser alles bis in die feinsten Nuancen erklären und beschreiben zu müssen, die Beziehungen der soziologischen Schichten zueinander ebenso wie die wenig glaubhaften inneren Seelenzustände der Figuren. Dabei zerredet er alles und lässt dem Leser keinen Raum mehr für die eigene Phantasie. Um es mit einem Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg zu sagen: „Er litt an Mauldiarrhö, er konnte die Worte nicht halten“.

Titelaufnahme:
Tom Wolfe: „Ich bin Charlotte Simmons“. Karl Blessing Verlag, München 2005, 792 S., 24,90 Euro





jk
pfeil  voriger Artikel Themenübersicht nächster Artikel   pfeil
 
 
Zum Seitenanfang  Seitenanfang | Druckfassung dieser Seite
Letzte Änderung: 31.10.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik