In der Campusraubtierwelt
Tom Wolfe
beschränkt die Universität auf Sex and Drugs
Amerikanische Studenten wollen nur sich bis zur Besinnungslosigkeit
besaufen und auf Partys Studentinnen flachlegen. Auch
diese sind nur auf Sex and Drugs fixiert und setzen
alles daran, den coolsten Typen ins Bett zu locken.
Ist man aber Hochleistungssportler mit der einzigen
Funktion, das Renommee der eigenen Uni zu mehren und
sieht man sie als Durchgangsstation zum Profisport,
kriegt man Studentinnen und Drogen frei Haus geliefert.
Die Welt auf dem Campus der fiktiven Elitenuniversität
Dupont in Tom Wolfes neuem Roman „Ich bin Charlotte
Simmons“ besteht fast ausschließlich aus
Sex, Besäufnissen, Kotzerein und Intrigen, echte
Beziehungen finden so gut wie nicht statt.
Personifizierte Unschuld vom Land
Lernen oder gar die hehre Wissenschaft kommen nur am
Rande vor und den meisten Studierenden gar nicht in
den Sinn – mit Ausnahme der Titelheldin Charlotte
Simmons, der personifizierten Unschuld vom Land. Sie
ist herabgestiegen aus einem kleinen Bergdorf North
Carolinas als hochbegabte, intelligente und mit einem
Vollstipendium ausgestattete Studentin mit einer wissenschaftlichen
Karriere im festen Blick. In dieser Campusraubtierwelt
versucht sie, ihre Unschuld zu bewahren. Zunächst
jedenfalls. Anfangs ist sie vom Verhalten ihrer Kommilitonen
nur angewidert, aber je mehr sie sich dieser Welt ausgesetzt
sieht, desto mehr erliegt sie der Versuchung, am Vergnügen
teilzuhaben. „Es ist die einzige Zeit im Leben,
in der du ohne Reue experimentieren kannst“, ermutigt
sie ihre frühere Schulfreundin Laura.
Charlotte lässt sich also eher widerwillig und
meist mit schlechtem Gewissen auf zweifelhafte Vergnügen
ein. Als sie schließlich ihre Unschuld buchstäblich
verliert, hat sie sich gerade den coolsten Typen des
Campus geschnappt. Während sie aber die große
Liebe wittert, will er vor seinen Freunden prahlen können:
„Hab ihr den Staub vom Stempel geklopft“.
Für Charlotte endet die Party besoffen und enthemmt
im Bett. Sie erlebt die Lieblosigkeit als Alptraum,
aus dem sie erst nach mehreren Wochen tiefster Depression
erwacht, sich schließlich aber mit neuem Selbstbewusstsein
an die Fortsetzung des Studiums machen kann.
Ende gut, alles gut, könnte man meinen. Charlotte
ist ja nur um eine essentielle Erfahrung reifer und
geläutert. Auch die „guten“ Nebenfiguren
wie etwa der Basketballspieler Jojo und der Retter Charlottes,
Adam, den sie gern lieben möchte, aber nicht kann,
überstehen die Wirrnisse auf dem Campus. Die „bösen“
Nebenfiguren, darunter natürlich der coole Don
Juan Hoyt, scheitern im Studium und an sich selbst.
Die Welt auf dem Campus ist ja gar nicht so schlecht,
hört man Tom Wolfe flüstern, die Studierenden
müssten nur etwas weniger Saufen und Bumsen, dann
wäre alles in Ordnung. Soweit der Roman, soweit
auch die Moral von Wolfe.
Schablonen zur satirischen Überzeichnung
Abgesehen davon, dass der Roman in vielen Passagen
schlicht und kitschig ist, so mager ist auch sein ästhetischer
Anspruch. Wolfe schafft keine Figuren aus Fleisch und
Blut, nur Schablonen zur satirischen Überzeichnung.
Auf den ersten 300 Seiten hinterlässt das Buch
nicht den Eindruck eines Romans, sondern eines billigen
soziologisch-satirischen Pamphlets. Erst nach mehr als
einem Drittel des immerhin fast 800 Seiten umfassenden
Buchs ahnt man zeitweise, dass sich daraus ein Roman
entwickeln könnte, dass die eine oder andere Figur
ein klein bisschen Leben eingehaucht bekomme.
Dem ist aber nicht so. Tom Wolfe ist zu geschwätzig,
will seine komplette Recherche ausbreiten. So scheitert
der Autor an seinem überaus sprudelnden Wortreichtum.
Er glaubt, dem Leser alles bis in die feinsten Nuancen
erklären und beschreiben zu müssen, die Beziehungen
der soziologischen Schichten zueinander ebenso wie die
wenig glaubhaften inneren Seelenzustände der Figuren.
Dabei zerredet er alles und lässt dem Leser keinen
Raum mehr für die eigene Phantasie. Um es mit einem
Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg zu sagen:
„Er litt an Mauldiarrhö, er konnte die Worte
nicht halten“.
Titelaufnahme: Tom Wolfe: „Ich bin Charlotte
Simmons“. Karl Blessing Verlag, München 2005,
792 S., 24,90 Euro
jk
|