„Schwarz" studiert „Rot“
Auszüge
eines Interviews mit Ex-Sowi-Student Dr. Norbert Lammert
Unter der Rubrik „Was aus ihnen geworden ist“
stellt Alumni – das Netzwerk für Ehemalige
der Ruhr-Uni – Absolventinnen und Absolventen
vor, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen:
in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Sport und Kultur.
Einige von ihnen hat das Alumni-Team zu ihren Erlebnissen
und Erfahrungen während des Studiums interviewt.
Als Appetithappen drucken wir Auszüge des Interviews
mit dem neuen Bundestagspräsidenten Dr. Norbert
Lammert ab, das Dr. Britta Freis führte; den kompletten
Text sowie weitere Gespräche gibt es unter www.rub.de/careerservice/alumni/erinnerungen.html.
Freis: 1969 haben Sie bei uns angefangen zu studieren,
als einer der ersten an der Ruhr-Uni.
Lammert: Ein paar andere waren schon da, als ich anfing.
Freis: Gab es damals Überlegungen, nicht in Bochum
zu studieren?
Lammert: Nein. Ich bin Bochumer und hatte die typischen
Probleme wie die Suche nach einer Bude etc. nicht. Zweitens
gab es damals, wenn man Sozialwissenschaften studieren
wollte, nur zwei Möglichkeiten: Bochum oder Konstanz.
Damals waren diese beiden Neugründungen die einzigen
Universitäten, die ein integriertes sozialwissenschaftliches
Studium anboten. Darauf kam es mir an.
Freis: Gibt es eine nette Anekdote, die Ihnen einfällt,
wenn Sie an Ihr Studium zurückdenken?
Lammert: Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre war Sozialwissenschaft
das Theologiestudium der 68er-Bewegung. Dass ich als
„Schwarzer“ freiwillig etwas „Rotes“
studierte, galt als objektives Kuriosum und subjektive
Verirrung. Später, vor der Wahl in den Bundestag,
wurde oft spekuliert, wo ich politisch einzuordnen sei.
Ich hatte einen Vollbart, der das Klischee des Sozialwissenschaftlers
hinreichend bediente …
Freis: Auch lange Haare?
Lammert: Meine sind früh ausgefallen, da war nicht
viel zu machen.
Freis: Gibt es noch etwas, das sie aus Ihrer Studienzeit
besitzen?
Lammert: Ich habe noch den Plastikausweis der ersten
Generation von Studenten der Ruhr-Uni…
Freis: Plastikausweis?
Lammert: Den kennen Sie wahrscheinlich gar nicht mehr!
Angeblich waren das damals die ersten computerlesbaren
Ausweise. Diese Lochkarten-Ausweise hatten ein Format,
für das man fast eine eigene Aktentasche brauchte,
und dann wurde auf dieses Gerät in jedem Semester
eine neue Marke geklebt.
Freis: Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Ihrem
Studium und Ihrem Beruf?
Lammert: Jedenfalls hat die Beschäftigung mit Geschichte,
Staatsrecht, Sozialökonomie und (der damals wie
heute unbeliebten) Statistik der praktischen politischen
Arbeit nicht geschadet. Sozialwissenschaftler haben,
was ich ausdrücklich nicht exklusiv meine, eine
mindestens ebenso geeignete Ausbildung wie Juristen
für die damit verbundenen Aufgabenfelder.
Freis: Würden Sie heute noch mal Sowi studieren?
Lammert: Ja! Es gibt wenige Studiengänge, in denen
eine solche Bandbreite von Themen und Orientierungen
ermöglicht wird.
Freis: Apropos Orientierung: Haben Sie lange gebraucht,
um sich hier zurecht zu finden, beispielsweise beim
Geschosssystem?
Lammert: Haben Sie schon jemanden gefunden, der das
Geschosssystem durchschaut hat?
Freis: Ich verlaufe mich immer noch! Das heißt,
Sie haben sich, wie alle, auch verlaufen?
Lammert: In meiner Studienzeit hielt sich hartnäckig
das Gerücht, dass es eine ganze Reihe von Räumen
gibt, die bis heute nicht gefunden worden sind.
Biografie Lammert
Norbert Lammert studierte von 1969 bis 1972 an der Ruhr-Uni
und in Oxford Politikwissenschaft, Soziologie, Neuere
Geschichte und Sozialökonomie. 1975 wurde er in
Bochum promoviert. Seit 1980 gehört er dem Deutschen
Bundestag an. Von 1989 bis 1998 war Norbert Lammert
Parlamentarischer Staatssekretär in verschiedenen
Bundesministerien. Von 2002 bis 2005 war er Vizepräsident
des Deutschen Bundestages, seit Oktober 2005 ist er
Bundestagspräsident. Lammert ist zudem Mitglied
des Kuratoriums der RUB.
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