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RUBENS 101

1. November 2005



Verschlusssache Religion?

Projekt an der Ruhr-Uni: Kartierung der religiösen Landschaft in NRW


Niemand weiß genau, welche Religionsgemeinschaften es in Nordrhein-Westfalen gibt. Und wie viele Mitglieder sie haben. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Religion finanziert die Landesregierung ein Forschungsprojekt, um Licht ins Dunkel zu bringen. Angesiedelt ist es am Lehrstuhl für Religionswissenschaft der Ruhr-Uni.

Die größten Geheimnisse der Deutschen sind, so will es ein freches Bonmot, nicht mehr ihre sexuellen Praktiken, sondern der Kontostand und ihre religiösen Überzeugungen. Die Sexualität der Deutschen ist in der Tat in den letzten Jahren ein offenes Buch geworden, aber das Finanzamt weiß längst über die Kontoführung Bescheid. Nur in Sachen Religion bleibt Deutschland eine Terra incognita. Niemand besitzt verlässliche Informationen, welche Religionen es gibt, wie viele Menschen ihnen angehören und welche Vorstellungen die Menschen zu ethischen oder politischen Fragen haben.
Doch auch ohne Zahlen existierten allerhand Theorien. Man rechnete in vielen Modernisierungstheorien damit, dass Religion verschwinden, zumindest aber als gesellschaftliche Kraft nebensächlich werden würde – so die Säkularisierungserwartung. Dies ist einer der Gründe, warum die empirische Religionsforschung in Deutschland lange ein Schattendasein führte. Dass einige Religionssoziologen schon seit vielen Jahren darauf verweisen, dass die Säkularisierungstheorie größtenteils eine Chimäre ist, hat sich lange weder in der politischen noch in der wissenschaftlichen Wahrnehmung durchgesetzt.

Rückkehr der Religion

Aber in den letzten Jahren hat die Praxis die Theorie überholt. Durch die Migration kam auch die Religion als gesellschaftliche Größe wieder ins Bewusstsein. Mit der Einwanderung von Muslimen trat der Islam als Faktor auf und setzte scheinbar beantwortete Fragen wieder auf die politische Agenda: Religionsunterricht für muslimische Kinder? Anerkennung muslimischer Gemeinschaften als Körperschaften öffentlichen Rechts? Und natürlich die kontroverseste Frage: Wie Verhält sich der Islam zum deutschen Rechts- und Wertesystem – Kopftuch? Schächten? Rolle der Frau? Man muss diese Debatte nicht erneut aufwerfen um zu realisieren, dass Religion als gesellschaftliche Akteurin zurückgekehrt ist.
Aber das vor allem durch Migration bedingte Wachstum des Islam ist nur die medienwirksamste Dimension. Im Hintergrund läuft eine Pluralisierung der religiösen Landschaft von säkularen Ausmaßen: Die Großkirchen verlieren Mitglieder – aber längst nicht in dem von vielen erwarteten Ausmaß und ohne bislang ihre gesellschaftlich dominierende Stellung zu verlieren. Kleine protestantische Gemeinschaften hingegen wachsen deutlich. In manchen Städten kommen zu ihren Gottesdiensten die meisten Menschen sonntags zusammen. Der größte einzelne Gottesdienst in Bonn etwa findet nicht in der katholischen Hauptkirche, im Münster, sondern in einer russlanddeutschen Baptistengemeinde im Vorort Hardberg statt: Gut 1.000 Menschen versammeln sich hier Sonntag für Sonntag. Im Vergleich dazu sind die notorisch kontrovers diskutierten Gemeinschaften wie Scientology eher Randerscheinungen.

Politische Bedeutung von Religion

Angesichts dieser Entwicklungen ist die Zeit der feuilletonistischen Beschäftigung mit Religionen vorbei. Es gilt, politische Entscheidungen zu treffen. Doch wie soll man das tun, wenn man über keine verlässlichen Daten verfügt? Die Landesregierung finanziert deshalb ein Projekt am Lehrstuhl für Religionswissenschaft (Prof. Volkhard Krech, Evangelisch-Theologische Fakultät der Ruhr-Uni), mit dem die religiösen Gruppierungen in Nordrhein-Westfalen kartiert werden sollen. Dabei wird es um die beiden großen Kirchen, das Judentum, die kleinen protestantischen Gemeinschaften, den Islam, Religionen mit asiatischem sowie um solche mit esoterischem Hintergrund gehen. Die Erhebungsphase läuft seit Juli 2005, mit ersten Ergebnissen ist Anfang 2006 zu rechnen. Im Laufe dieses Jahres sollen auch eine interaktive Karte im Internet und ein gedruckter Atlas realisiert werden.
Aber all das ist nur die Grundlagenforschung für weiterreichende Fragen. Natürlich soll auch herausgefunden werden, wo Religion integrativ wirkt und wo sie Konflikte schürt. Überprüft wird zudem, ob das landläufige Vorurteil stimmt, dass überall dort, wo die Pluralität besonders groß ist, auch die Konflikte besonders scharf ausgetragen werden. Erforscht wird auch, wie Konflikte bearbeitet werden. Deshalb gehen die Bochumer Religionswissenschaftler in einem Teilprojekt zusammen mit dem Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Rechtssoziologie und Rechtsphilosophie (Prof. Ralf Poscher) der Frage nach, wo religiöse Konflikte zivilgesellschaftlich gelöst werden und wo die Kontrahenten doch vor den Schranken des Gerichts erscheinen. Aber wie gesagt: All das kann man nur erfragen, wenn man überhaupt weiß, wie die religiöse Landschaft aussieht.

Hintergrund: Forschungsprojekt
Eine vom Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen eingesetzte internationale Jury hat im Rahmen einer Ausschreibung des (ehemaligen) Düsseldorfer Wissenschaftsministeriums von 161 eingereichten Anträgen u. a. das vom Bochumer Lehrstuhl für Religionswissenschaft vorgeschlagene Projekt zum Thema „Wettstreit, friedliche Koexistenz oder Zusammenprall der Kulturen? Integrationspotentiale und Konfliktfelder religiöser Vielfalt in Nordrhein-Westfalen“ ausgewählt. Zwischen Juli 2005 und Dezember 2006 wird eine interdisziplinär zusammengesetzte Forschergruppe die religiöse Pluralität in NRW erforschen und dokumentieren.



Helmut Zander
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Letzte Änderung: 31.10.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik