Verschlusssache Religion?
Projekt
an der Ruhr-Uni: Kartierung der religiösen Landschaft
in NRW
Niemand weiß genau, welche Religionsgemeinschaften
es in Nordrhein-Westfalen gibt. Und wie viele Mitglieder
sie haben. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von
Religion finanziert die Landesregierung ein Forschungsprojekt,
um Licht ins Dunkel zu bringen. Angesiedelt ist es am
Lehrstuhl für Religionswissenschaft der Ruhr-Uni.
Die größten Geheimnisse der Deutschen sind,
so will es ein freches Bonmot, nicht mehr ihre sexuellen
Praktiken, sondern der Kontostand und ihre religiösen
Überzeugungen. Die Sexualität der Deutschen
ist in der Tat in den letzten Jahren ein offenes Buch
geworden, aber das Finanzamt weiß längst
über die Kontoführung Bescheid. Nur in Sachen
Religion bleibt Deutschland eine Terra incognita. Niemand
besitzt verlässliche Informationen, welche Religionen
es gibt, wie viele Menschen ihnen angehören und
welche Vorstellungen die Menschen zu ethischen oder
politischen Fragen haben.
Doch auch ohne Zahlen existierten allerhand Theorien.
Man rechnete in vielen Modernisierungstheorien damit,
dass Religion verschwinden, zumindest aber als gesellschaftliche
Kraft nebensächlich werden würde – so
die Säkularisierungserwartung. Dies ist einer der
Gründe, warum die empirische Religionsforschung
in Deutschland lange ein Schattendasein führte.
Dass einige Religionssoziologen schon seit vielen Jahren
darauf verweisen, dass die Säkularisierungstheorie
größtenteils eine Chimäre ist, hat sich
lange weder in der politischen noch in der wissenschaftlichen
Wahrnehmung durchgesetzt.
Rückkehr der Religion
Aber in den letzten Jahren hat die Praxis die Theorie
überholt. Durch die Migration kam auch die Religion
als gesellschaftliche Größe wieder ins Bewusstsein.
Mit der Einwanderung von Muslimen trat der Islam als
Faktor auf und setzte scheinbar beantwortete Fragen
wieder auf die politische Agenda: Religionsunterricht
für muslimische Kinder? Anerkennung muslimischer
Gemeinschaften als Körperschaften öffentlichen
Rechts? Und natürlich die kontroverseste Frage:
Wie Verhält sich der Islam zum deutschen Rechts-
und Wertesystem – Kopftuch? Schächten? Rolle
der Frau? Man muss diese Debatte nicht erneut aufwerfen
um zu realisieren, dass Religion als gesellschaftliche
Akteurin zurückgekehrt ist.
Aber das vor allem durch Migration bedingte Wachstum
des Islam ist nur die medienwirksamste Dimension. Im
Hintergrund läuft eine Pluralisierung der religiösen
Landschaft von säkularen Ausmaßen: Die Großkirchen
verlieren Mitglieder – aber längst nicht
in dem von vielen erwarteten Ausmaß und ohne bislang
ihre gesellschaftlich dominierende Stellung zu verlieren.
Kleine protestantische Gemeinschaften hingegen wachsen
deutlich. In manchen Städten kommen zu ihren Gottesdiensten
die meisten Menschen sonntags zusammen. Der größte
einzelne Gottesdienst in Bonn etwa findet nicht in der
katholischen Hauptkirche, im Münster, sondern in
einer russlanddeutschen Baptistengemeinde im Vorort
Hardberg statt: Gut 1.000 Menschen versammeln sich hier
Sonntag für Sonntag. Im Vergleich dazu sind die
notorisch kontrovers diskutierten Gemeinschaften wie
Scientology eher Randerscheinungen.
Politische Bedeutung von Religion
Angesichts dieser Entwicklungen ist die Zeit der feuilletonistischen
Beschäftigung mit Religionen vorbei. Es gilt, politische
Entscheidungen zu treffen. Doch wie soll man das tun,
wenn man über keine verlässlichen Daten verfügt?
Die Landesregierung finanziert deshalb ein Projekt am
Lehrstuhl für Religionswissenschaft (Prof. Volkhard
Krech, Evangelisch-Theologische Fakultät der Ruhr-Uni),
mit dem die religiösen Gruppierungen in Nordrhein-Westfalen
kartiert werden sollen. Dabei wird es um die beiden
großen Kirchen, das Judentum, die kleinen protestantischen
Gemeinschaften, den Islam, Religionen mit asiatischem
sowie um solche mit esoterischem Hintergrund gehen.
Die Erhebungsphase läuft seit Juli 2005, mit ersten
Ergebnissen ist Anfang 2006 zu rechnen. Im Laufe dieses
Jahres sollen auch eine interaktive Karte im Internet
und ein gedruckter Atlas realisiert werden.
Aber all das ist nur die Grundlagenforschung für
weiterreichende Fragen. Natürlich soll auch herausgefunden
werden, wo Religion integrativ wirkt und wo sie Konflikte
schürt. Überprüft wird zudem, ob das
landläufige Vorurteil stimmt, dass überall
dort, wo die Pluralität besonders groß ist,
auch die Konflikte besonders scharf ausgetragen werden.
Erforscht wird auch, wie Konflikte bearbeitet werden.
Deshalb gehen die Bochumer Religionswissenschaftler
in einem Teilprojekt zusammen mit dem Lehrstuhl für
Öffentliches Recht, Rechtssoziologie und Rechtsphilosophie
(Prof. Ralf Poscher) der Frage nach, wo religiöse
Konflikte zivilgesellschaftlich gelöst werden und
wo die Kontrahenten doch vor den Schranken des Gerichts
erscheinen. Aber wie gesagt: All das kann man nur erfragen,
wenn man überhaupt weiß, wie die religiöse
Landschaft aussieht.
Hintergrund: Forschungsprojekt
Eine vom Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen
eingesetzte internationale Jury hat im Rahmen einer
Ausschreibung des (ehemaligen) Düsseldorfer Wissenschaftsministeriums
von 161 eingereichten Anträgen u. a. das vom Bochumer
Lehrstuhl für Religionswissenschaft vorgeschlagene
Projekt zum Thema „Wettstreit, friedliche Koexistenz
oder Zusammenprall der Kulturen? Integrationspotentiale
und Konfliktfelder religiöser Vielfalt in Nordrhein-Westfalen“
ausgewählt. Zwischen Juli 2005 und Dezember 2006
wird eine interdisziplinär zusammengesetzte Forschergruppe
die religiöse Pluralität in NRW erforschen
und dokumentieren.
Helmut
Zander
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